1    Der Anlass

zum Schreiben ist Liebe. 

Ein Mann geht durch München. Die Stadt hat 1,26 Millionen Einwohner – einer mehr. Heute angekommen, 15 Uhr 07, Hauptbahnhof, aus Berlin. Nicht sehr zielstrebig scheint er zu gehen, ein bisschen traumverloren. Kammgarnanzug, anthrazit, weißes Hemd, oben offen. Krawatte in der Jackentasche, Ein-Tag-Bart, vielleicht zwei. Nein, ich meine nicht: zwei Bärte, einen in der Tasche, sondern: vielleicht ist das ein Zwei-Tage-Bart. Komisch, der lange Wintermantel und der Schirm. In München sind etwa 15 Grad. Der Schirm ist in Ordnung, regnet ja immer mal wieder.

An den Glockenbach ist er geraten, heißt auch Westermühlbach. Da, wo er neben der Pestalozzistraße fließt, die Straße auf der anderen Seite begrenzt von der roten Mauer des Alten Südlichen Friedhofs. Die ist sehr hoch - hat man Angst, die Toten könnten entweichen? Sehr liebenswürdige kleine Stadt-Idylle. Unser Mann, Ferdinand heißt er, stellt fest, dass der Bach unter einem Haus verschwindet und denkt: Muss feucht sein in dem Keller. Er sucht Wasser, er will sein Hemd waschen. Er hat einiges Geld in der Tasche, aber eine völlig ungewisse Zukunft und Gegenwart. Es ist der erste Tag seiner Flucht. Eisern das Geld zusammenhalten, hat er sich eingehämmert.

Der Wasserfluss im Glockenbach ist ungeeignet zum Hemdwaschen. Wo ist denn bloß diese Isar? Ferdinand kennt München nicht.

Hunde müssen auch bei Regenwetter ‚Gassi gehen‘. Ein Hund springt an ihm hoch, ein schrecklicher Zappelphillipp, sowas kann Ferdinand gar nicht Hund nennen, lange Beine, babygroßer Körper, Kurzhaar, kein Fell, in das man die Nase wühlen möchte, wo soll man den denn streicheln? Sein Frauchen ruft: „Mäusli, komm!“ Was dieser Hund mit einem Mäuschen zu tun hat, bleibt das Rätsel dieser Hundemutter. Ah ja, vielleicht das Kurzhaarfell, als er ein winziges Hundebaby war. „Mäusli, komm!“ Aber Mäusli denkt gar nicht daran, von Ferdinand abzulassen, springt ausdauernd.

Dabei muss Ferdinand alle Kontakte meiden, auch zu Hunden, so anonym wie nur irgend möglich durch München wandern. Mäuslis Frauchen guckt verwundert auf seinen Wintermantel. Der Mantel fällt zu sehr auf, der muss weg. Weg? Wo der Winter vor der Tür steht? Naja, ein paar Tage dauert das schon noch, Wochen, nee, 20. September, Herbstanfang: das dauert noch Monate. Den Mantel bis dahin verstecken, vergraben, nein: in ein Schließfach im Bahnhof. Wunderbar!: ein Ziel für den Rest des Tages. Aber erst einen Platz finden, wo er das Hemd waschen kann. Und wo er dann vielleicht auch pennen kann. Ein bisschen Dach wär gut bei dem Wetter. Den Hund hat er mit einer geschmeidigen Flucht auf die kleine Brücke abgewimmelt. Der attackiert jetzt einen Kinderwagen. „Mäusli, komm!“ hört Ferdinand aus beruhigender Entfernung und spuckt in den Glockenbach und denkt an Berlin und singt ganz leise:

„Ick steh uf da Brücke und spuck in den Kahn,
Da freut sich die Spucke, desse Kahn fahren kann.“

Also, ein Kahn zum Reinspucken lag da nicht wirklich. Und den Mantel hat er mit scheuem Blick auf die Hundemutter erstmal ausgezogen und über den Arm genommen.

Ferdinand findet die Isar. Fließt mitten durch die Stadt, hohe Ufermauern. Da kann man auch kein Hemd waschen. Drüben vielleicht. Und da rechts, Richtung Süden – Ferdinand hat die Geographie im Kopf, er weiß: Richtung Alpen - kommt sie aus dem Grünen. So erreicht er den Flaucher, die schönen, weiten Isar-Auen. Hier ließe sich das Hemd waschen. Aber erst mal sitzen, so tun, als sei man müßig, arbeitslos, Rentner. Ferdinand Rentner, da fehlen aber noch vierzig Jährchen. Naja, keiner soll ihn als Flüchtling erkennen. Das Hirn eines Flüchtlings – das muss er sich erst erobern. Die Unvernunft muss weg, das nur Spontane. Gibt es vernünftige Flüchtende? Bankräuber, wenn sie gut geplant arbeiten, fliehen vielleicht vernünftig. Aber so ein Bankangestellter Ferdinand von der anderen Seite des Schalters?

Nicht auf einer Bank – also Parkbank - sitzen, es könnten Leute kommen, die mit ihm reden wollen. Den Mantel anziehen, sich mitten auf eine Wiese setzen, Unnahbarkeit, Einsamkeit signalisieren, sich auch ausstrecken in dem Wintermantel.

Alleskieker nennt sich der Autor. Und immer, wenn er sich zu Wort meldet, benutzt er diese schräge Schrift, kursiv genannt unter Schreibern. Jetzt möchte er dem geneigten Leser verraten, dass seine fiktiven Fakten nicht immer uneingeschränkt den Fakten der Wirklichkeit entsprechen: Also, wann und wo genau am heutigen Nachmittag der Regen auf den Flaucher pladderte – bitte nicht pingelig nachforschen. Alleskieker bedankt sich.

Heute früh um 7 Uhr 20 der anonyme Anrufer: „Verpiss dich schleunigst. Du bist in Lebensgefahr! Hau ab! Sofort!“ Eingehängt. Ferdinand ist nicht der Mann, der sowas leichtnimmt. Lebensgefahr? Die Polizei wird nicht gleich auf ihn schießen. Also sind diese Asiaten hinter ihm her. Und er weiß, wie tödlich die zuschlagen können. Er schnappt alles Bargeld in der Wohnung, ein Stück Kernseife, den Wintermantel, der grade aus der Reinigung gekommen ist, von dem er noch die Plastikhülle reißen muss, Schirm und weg. Handy? Nein, wie man da dauernd Datenspuren hinterlässt. Ausweis? Nein, ganze Brieftasche nicht. Weg, ohne ein Wort des Abschieds zur tief schlafenden Susanne, geschweige denn zum Kind in ihrem Leib (was ja nur bei einigem guten Willen glaubhaft gewesen wäre: ‚Aufwiedersehn, mein Winzigkleines‘ oder was?). Mit dem ICE 1515 namens ‚Wetterstein‘ 8 Uhr 26 ab Berlin-Ostbahnhof nach München ohne sichtliche Schwierigkeiten. Auf der Fahrt überlegt, ob Heinz der anonyme Anrufer war. Und ob ich beschattet werde? Auf Anhieb und mit ungeübtem Auge nichts zu entdecken.

Wenden wir uns jetzt Susanne zu, die Ferdinands Liebste wird. Fatal, fatal, dass es zwei Susannen gibt in diesem Roman. Eine in Berlin. Eine in München. Die Münchner Susanne weiß noch gar nicht, dass ihr Liebster schon durch die Stadt gelatscht ist und sich gerade da am Flaucher bettet. Sie hat im Augenblick noch einen anderen Liebsten, aber da knirscht es furchtbar an allen Ecken und Enden. Und vorher – da hat es erst recht geknirscht, sehr viel Männerwechsel, hoher Männerverbrauch. Je schrecklicher der eine war, desto schneller suchte sie den nächsten. Wer ganz genau in das schöne Gesicht schaut, findet da Spuren von Ekel, von verdrossenem Kopfschütteln über die Mängel in der ganzen Männerwelt. Und ihre eigenen Mängel? Jaja, schon gut: ihre lüsterne Sprunghaftigkeit und die beachtliche Portion Eigenliebe samt großen Überlegenheitsgefühlen durfte man getrost auch als Mängel registrieren. Ein Ende mit Männergeschichten, bitte, ein Ende, Geduld, wieder Warten lernen.

Heute verlässt sie wie immer ihr Institut für Kriminologie und radelt nach Hause, gut verpackt gegen möglichen Regen. In Giesing ist sie zu Hause, Sebaldusstraße 6. Eines Tages, so denkt sie, wird sie von irgendeiner Polizeidienststelle oder Staatsanwaltschaft kommen, wo sie mitarbeitet an der Aufklärung eines Falles mit zertrümmertem Schädel und viel Blut. Whodunit? Beim Berufswunsch bleiben? Oder noch umsatteln? Aber so kurz vor entscheidenden Prüfungen?

Susanne II in München ist ganz in Schwarz. Steht ihr gut zu dem blonden Haar, das sehr gepflegt ist, aber wohl nicht gefärbt, hochaufgesteckt. Bei schwarzer Kleidung sieht man keine Falten, nichts Verknittertes. Aber auch kaum Busen und Po. Außer im Profil. Alleskieker muss manchmal die Sau rauslassen, war ja noch sehr harmlos, Busen und Po sind doch Objekte der Männerliebe, Augenweiden. Ein wunderschönes Wort.

Diese Münchner Susanne, Jurastudentin, Schwerpunkt zur Zeit Kriminologie, trifft dann am nächsten Dienstag abend auf einer Vernissage diesen heimatlos und ein bisschen kriminell gewordenen Ferdinand. Nein, verehrter Leser, Sie können leider nicht vorauslesen, das Kapitel kommt erst am Mittwoch, 17 Uhr 30 ins Netz.

Die Stadt rammelvoll mit Wahlkampf und – braucht nicht viel Bosheit, um zu sagen: - Wahlkrampf. Wie sie jammern und grabschen nach den Wählerstimmen, wie sie versprechen, was sie doch kaum finanzieren können. Diese Kritik ist vielleicht zu pauschal, sicher zu pauschal. Aber schön kann mans doch auch nicht finden. Die Stadt rüstet sich zu den großen Abschlussveranstaltungen der Parteien. Heute abend Angela Merkel auf dem Marienplatz. Auf dem Plakat dazu sieht sie erstaunlich hübsch aus. Morgen ist ja Nulltag, kein Wahlkampf mehr, noch keine Wahl, Schröder noch Bundeskanzler, Stoiber morgen ganz gewiss noch nicht Bundeskanzler. Und unser Mann aus Berlin nach wie vor Flüchtling und herzlich desinteressiert; gegen die Ungewissheiten seiner Zukunft hat keine Partei ein Programm.

Wird ja wohl Zeit zu erwähnen, dass ich Autor Alleskieker diesen Roman dem Planeten Venus widme. Ich habe keine Ahnung, wie die Venus darauf reagiert, wie sie mit meiner Widmung umgehen wird. Zur Zeit ist sie Morgenstern, im Skorpion und damit im Exil, wie mir meine Astronomiefreundin Inge erklärte, was ja sehr gut zum Exil meines Ferdinand passt. Einen Roman im Netz einem Planeten widmen? Zur Begründung weiß ich nur so viel: Als kleines Kind hatte ich Angst vor der Venus. Wo gibts denn sowas: Angst vor dem Licht eines Planeten? Gabs bei mir. Und meine Widmung ist nun ein Link zur Versöhnung. Es muss zwischen Planet und Mensch eine Bindung geben, die weit weit jenseits liegt von allen Tages- oder Wochenhoroskopen in Zeitungen und Illustrierten. Alleskieker, so könnte der bis hierhin hoffentlich noch geneigte Leser rufen: Jetzt halt mal ne Weile die Klappe. Aber, erwidere ich etwas gekränkt, wer erzählt, kann doch nicht die Klappe halten. Da sagt der Leser: Schluss mit Frau Venus, her mit dem Roman. Jaja, sage ich geflissentlich, aber an diesem Freitag, den 20. September habe ich bis 17 Uhr 30 nichts mehr zu erzählen. Höchstens noch dies:

Morgen spielt Bayern München gegen Energie Cottbus. Nicht übermäßig spannend. Es sei denn, den Favoriten reitet mal wieder der Überheblichkeitsteufel, und die Cottbusser Energie hat viel Dusel.