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10 Auch das noch! Zehn vor Acht am gestrigen Samstagabend stand Ferdinand – für den das immer noch der Sonnabendabend ist - schon am Schaufenster der Galerie und lugte ins Innere. Ein wenig Geschäftigkeit war da schon noch zu registrieren. Aber er war doch erstaunt, wie sie das hingekriegt hatten, makellos. Ein Langer mit langem Arm langte noch mal zu einem der Halogen-Spots und verdrehte ihn ein bisschen zum Bild darunter-davor, und Ferdinand konnte nicht anders als dabei an das Mädchen denken, dessen Hintern ihm im Halogen-Licht so schön und begehrenswert erschienen war. Der Lange kam raus und lud ihn mit dem langen Arm ein: „Kommen Sie doch ruhig schon rein. Wer zuerst kommt, wählt zuerst.“ Ferdinand sprang über die Barriere der Schüchternheit: „Wenn er Geld hat.“ „Wenn er keins hat, stellt er sich vor, wählen zu können. Am Ende vielleicht noch schöner.“ Ferdinand war ja nicht eigentlich schüchtern. Es war nur immer noch dieses Gefühl, Verbindlichkeiten zu meiden, nicht im geringsten auffällig zu werden, keine Handhaben zu bieten zu irgendwelchen gefährlichen Kontakten. Aber nicht doch hier. Es war die dritte Vernissage, aber die erste, auf der ihm die ausgestellten Bilder gefielen. Gefielen? – ein bisschen mehr: gefangen nahmen in einem kleinen Seiten-Nebengemach des nicht recht Geheuren. Ein Mann mit seiner jüngsten Vergangenheit war nicht interessiert an irgendwelchen Gefangenschaften im nicht Geheuren. Er konnte sich aber nicht recht wehren gegen diese Faszination, die von den Bildern ausging, von diesen Gefangenschaften. Fast ganze Stunden lang, schon im Tambosi, hatte er sich vorgestellt, wie er in dieser Galerie nichts tun würde, als aus sicherem Versteck die Tür beobachten, um ja nicht zu verpassen, wenn sie reinkommt. Seit er am Nachmittag auch noch die Lokalität in Augenschein genommen hatte, wusste er ziemlich genau, wo er sich postieren würde. Jetzt war er in die Bilder versunken und ließ seine Lady reinkommen und rumgehen in der Menge, die sich bald eingefunden hatte. Sie nahm sein Vorhandensein wahr, als er sich noch in die Formen und Farben der Bilder verknotet hatte. Jetzt stand sie hinter ihm, wieder, diesmal sehr nah. Der Schritt zurück, der in einer Galerie im Anblick eines Bildes ja so selten nicht ist, geriet zu einem kleinen Zusammenstoß. Wie schön, wie wunder-, wunder-, wunderschön. Wie kurz berührte sein Arm ihre Brust, der Schreck und das plötzlich und gleichzeitig ausbrechende Lächeln auf beiden Gesichtern. Ihr kaum wahrnehmbares Nicken als begrüße sie einen alten Bekannten. Dann wendet sie sich weg und verschwindet in der anschwellenden und immer stärker brummelnden Masse. Aus dem zunächst als Geheimtipp gehandelten Maler ist wohl ein aufsteigender Stern geworden, wenn man die Menschenfülle auf dieser Vernissage zum Maßstab nimmt. Der Maler ist übrigens der Lange mit dem langen Arm. Nur mit so einem Arm, findet Ferdinand, kann man solche Formen auf Papier und Leinwand zaubern, solche Bögen, solche... Nun gilt es, die Lady zu suchen, nein: zu finden. Da steht sie an der Tür und scheint zu warten, dass er aus der Menge auftaucht. Kaum hat sie ihn im Blick und Gewissheit, dass auch er sie im Blick hat, geht sie raus zu ihrem Fahrrad. Als Ferdinand rauskommt, hat sie das Rad schon zwischen den Beinen und lehnt sich anmutigst, aber gänzlich unverkrampft lächelnd und herrlich verheißungsvoll auf den Lenker: „Hallo,“ sagt sie mit etwas rauchiger, sehr einschmeichelnder, ja verführerischer Stimme, „ich bin die Susanne.“ Und was sagt Ferdinand?: „Auch das noch!“ Schlagartig erstirbt ihr Lächeln und ebenso schlagartig radelt sie davon, am verdutzten Ferdinand vorbei, der sie natürlich aufhalten möchte und stammelt: „He – Hallo – Ich – Fer - Su...“ Nach zwei Sekunden Starre rast er los, hinterher, aber Susanne hat nach diesem Erlebnis einen sehr starken Antritt, ihr dementsprechend helles Rücklicht wedelt in die Dunkelheit davon, um die nächste Ecke und um die übernächste und um alle Ecken in München. Ferdinand wills leichtnehmen, aber selten hat sein Wollen so versagt. Er will, aber er ist todunglücklich. Durch seinen Kopf zischt: Die nächste Vernissage, aber was ist das für ein trübseliges Zischen! Heute, jetzt, hier, nein, nein, nein. Dass Einer so allein sein kann auf der Welt. Wann bin ich in München angekommen? Vor einer Woche? Nein, vor einer halben Minute. Ich kenne die Stadt nicht und Niemanden. Wo bin ich? München. Was ist das? Ein Ort, eine große Stadt. Aha. Isar. Was ist das? Fluss in der großen Stadt. Aha. So ähnlich muss eine Lähmung sein nach einem Schlaganfall. Oh, Ferdinand, im Himmel wirst du geliebt für deine Passion. Aber ein bisschen kaltblütiger hättest du reagieren können auf den Namen Susanne. Ein echter Bankräuber hätte gesagt: ‚Sehr erfreut. Eduard.‘ (Natürlich erstmal falschen Namen, ist doch klar.) Was war diese Susanne in Berlin plötzlich für ein wunderbares Geschöpf. Wie sollte die Susanne in München wissen, dass es eine Susanne in Berlin gab, zu der er eine verstümmelte Beziehung unterhielt! Ist doch alles so logisch. Wenn du zu einer gehst, die gerade mit einem Ferdinand Schluss gemacht hat, und sagst: „Hallo, ich bin Ferdinand!“ – wär doch auch Zisch, davonwedelndes rotes Rücklicht. Also, so stimmt der Vergleich doch überhaupt nicht, sondern – was? Wie? Warum denn was womit vergleichen?! So, wie es ist – genügt doch. Genügt doch, stehengelassen zu werden und den Weg zum Bahnhof zu schleichen, um die Sachen zu holen. Wo ist der Schlüssel zum Schließfach? Hier! SchlüSchlieSchlaSchlumm... Was denn?: Jetzt auf dem Stadtplan nachkucken, wie man zum Bahnhof kommt? Gänzlich ausgeschlossen. Mal da lang gehen, da lang, da rüber, da rum, schon ist man am Bahnhof. Plastiktasche aus dem Schließfach, weicher schöner Wintermantel, Kernseifenreste in der Manteltasche. Paar Würstchen? Nein! Er würgt ja noch am Käse aus der Galerie. Dort trinkt man jetzt noch Sekt. Der mit den langen Armen verkauft Bilder noch und noch und klebt rote Punkte auf die Rahmen und grinst übers ganze Gesicht. Ich muss eine schlechte Bestrahlung haben, grübelt Susanne auf dem Heimweg. Erst der Schluss mit Karl – ach nein: das ist ja erst morgen. Erst abgewürgt werden von diesem Oberhansl: ‚Auch das noch!‘ Dann morgen Karl. Als sie den Rosenheimer Berg hinaufstrampelte, dann am Platz rechts in die Franziskanerstraße, dachte sie: Er muss einen Grund gehabt haben, ‘Auch das noch!‘ zu sagen. Oder habe ich nicht gut genug gelächelt? Nicht schön genug? Bin ich zu abrupt weggefahren? Habe ich mal wieder alles falsch gemacht? Mit einem aufhören, mit dem es unerträglich geworden ist – naja. Aber mit einem aufhören, mit dem noch gar nichts angefangen hat – ich weiß nicht mal seinen Namen. Aber er weiß meinen Namen. Möge er ihm im Herzen brennen. Könnte sein, dass er eine andere Susanne kennt. Ist ziemlich sicher so. Dann wäre doch die Sache ausgestanden. Schade. Aber – ‚Auch das noch!‘ -, das signalisiert doch, dass er mit seiner anderen Susanne seine Schwierigkeiten hat und – Aufhören! Ein Jahr keinen ranlassen, mindestens! Sich von seinem Herzen diktieren lassen, lächerlich! Als ob der Mensch keinen Verstand hat, mit dem er Jura studieren kann, damit kann er doch genauso gut sein Liebesleben steuern! Denkste! Steuerrad beim ersten kleinen Sturm abgerissen. Nur das Herz klopft, das Hirn klopft nie. Susanne!, der Himmel hält eine schützende Hand über deine Sehnsucht. Sehnsuchts-Erwachen am Flaucher und in Giesing. Menschenseele – arme Ratte. Eine erste Berührung findet statt, leicht wie eine halbe Spatzenfeder. Und das macht dieses Pumporgan, das doch eigentlich dem Blutkreislauf dient, zu einem Bleiklumpen. Schiefreaktionen, Versäumnisse, beiderseits. Wo ist denn diese souveräne Susanne, die nach dem Grund für das abfällige ‚Auch das noch!‘ fragt, wo der kühle Banker, der dieses ‚Auch das noch!‘ nach innen schluckt statt damit rauszuplatzen? Die sind nicht in Giesing und nicht am Flaucher. Die in Giesing und der am Flaucher, die könnten sich in den Hintern beißen, wenn das nicht den Akrobaten vorbehalten bliebe. Da hat man sich nun also kennen gelernt. Oder? Hat man sich denn kennen gelernt? Na klar, man würde den Anderen doch sofort wieder erkennen, würde fragen: Was machstn, wer bistn, wo kommstn her? Aber kein Erzählen, kein Erzähltbekommen. Fällt alles aus, Frust am Sonntag, wirklich ganz schlimmer Frust. Nicht verabredet, zu gar nichts. Irgendwo am Horizont baumelt eine künftige Vernissage. Naja, aber was dreimal lief, muss ja nun nicht ein viertes Mal laufen. Susanne hat eine Last mehr: Karl, Muschelessen heute abend, und eine Entlastung: Arbeit. Am Tambosi vorbeiradeln. Zwei Stunden später: Cappuccino im Tambosi. Nach dem letzten Schluck die bekannte Leere, leere Tasse, leere Seele, potenziert durch zwei Susannen. Aber keine zur Verfügung für einen Wortaustausch. Nix. Gottesdienst im schönen St. Kajetan. Nach dem Schlusssegen Leere, abgrundtief, nicht auszuloten. Lasten genug hat Ferdinand, Entlastungen keine. Ausführlich grübeln. Kennt doch ein jeder: Sich nicht trennen wollen vom Anderen. Klucken bleiben, kleben, küssen, jeden Anlass zum Verweilen beim Anderen gierig ergreifen, Austausch, Austausch, Austausch, nicht doch der Adressen – was ja Ferdinand in größte Verlegenheit gebracht hätte, - geneigter Leser erinnert sich vielleicht an die Zirkusstraße, die Ferdinand dem fußballernden Mädchen nannte. Gestern Abend fürchtete Ferdinand, schwer einschlafen zu können. Aber es ging ganz gut. Die wunderbaren Bögen des Malers mit dem langen Arm streuten ein paar unerklärbare Hoffnungsblüten in den Pferdestall. Er ist im Laufe des heutigen Sonntags nochmal an der Galerie vorbeigelatscht, hat lange durch die Scheiben gestarrt, Bögen erahnt. Je länger das dauert, desto schwieriger wird die Heimkehr. Wohin heim? Zu Susanne I? In die Bank? Schreck: Ich muss ja die Eltern anrufen, die den Winter in ihrem Haus auf den Kanaren verbringen. Er hatte schon seit einigen Tagen Kleingeld gehortet. Nun also in einer Zelle das Blaue vom Himmel auf die Insel rübergelogen, auch über die Befindlichkeit des Embryos in Susanne I‘ Bauch. Sich merken, was man gelogen hat. Die Unordnung wird immer größer. Wohin mit dem Gehirnschrott? |