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11 Das Muschelessen – zum Kotzen Susanne war so unsicher, nein, nur angefüllt mit Horror-Angst vor diesem Schlussmachen. Die stülpte sich über wochenlanges Grübeln, wie das denn anzufangen sei, über die Träume vom Freisein von diesem Kerl. Was machen, wenn er eklig wird beim Muschelessen? Sie floh in eine trügerische Beruhigung: Hinterher, nicht hier vor allen Leuten, auf dem Weg zum Sex sagen, dass Schluss sei mit dem Sex, für immer. Gibts denn das?: An sowas denken, und eine ganz kleine Wolke von Trauer spüren über diesen Verlust? Ach, Frau Kriminaloberrat, was sind die Menschen für beklemmend irritierende und irritierte Mixturen aus 27 Steinsorten und 35 Kieseluntersorten! Unzuverlässig bis zum Geht-nicht-mehr, zwischen allen Steinen Spannungen kreuz und quer, hin und her und rauf und runter, Gemenge, Geschiebe, Gestürze, Katastrophen, Verluste, Siege... Carlos/Karl redete viel über den BMW 3er compact, den 325ti, sein Traumauto, auch wenn der Michael Schumacher heute in Indianapolis mal wieder nicht aus der Pole Position startet. Den Prospekt hat er umsonst bekommen, Auto natürlich nicht umsonst zu bekommen, sondern irre teuer, Preise auf einem diskreten Extrapapier. Sicher eine sehr schicke Karre, auf dem Beifahrersitz nach Rottach oder Bayrischzell oder gar in die Toskana gefahren zu werden: ja, gut. Aber: „Karl, -“ „Ich heiße Carlos.“ „Das ist nicht wahr. Ich weiß, dass du ganz ordinär Karl heißt.“ Das ‚Ganz ordinär‘ hätte sie sich sparen können, aber – Er fand es gar nicht lustig: „Wer hat dir denn das gegeigt?“ „Das habe ich wo gehört, wo man dich kannte.“ „Du nennst mich weiter Carlos, dass das klar ist. Und Leute, die mich kennen und Karl sagen, die kannst du streichen.“ Damit endete das Gespräch. Man schlürfte Muscheln, trank Wein, aß Schwarzbrot dazu – die rheinische Art - und Salat, der schon etwas schlapp in ein bisschen zu viel Öl schwamm. Susanne tats in steigender Nervosität und Hast. Ja, sie wollte fertig werden, wollte das vermurkste Kapitel hinter sich haben. Das Schlimmste: Wenn der Semmelkopp mit der Nickelbrille in ihrem Gemüt auftauchte und „Auch das noch!“ brüllte. Nein nein, er hat ja gar nicht gebrüllt. Aber es hat so wehgetan. Und wenn sich dann noch der Rattenschwanz der Prüfungen ins Gemenge schiebt... Sie zahlten, getrennte Kasse hatten sie vereinbart seit zwei Wochen, machte manches einfacher, klarer, liebloser. Bis heute wusste Susanne nicht genau, womit er sein Geld verdiente. Autos kaufen, teurer weiterverkaufen, ab und zu Dressman, dadurch Kontakte zur Münchner Schicki-Micki, irgendeine Dame, die er nur „Greisin“ nannte, mit beachtlichem Bankkonto, gelegentliche Zuwendungen der Mutter, von denen der Vater nichts wissen durfte... Susanne fühlte sich gar nicht wohl im Magen, ja, es wurde ihr speiübel. Sie versuchte, sich gut zu halten: „Lass uns ein Stück in den Englischen Garten gehen.“ „Wozu? Ich bin sehr scharf auf dich.“ „Mir ist nicht gut im Magen.“ Und schon bald musste sie husten, rülpsen, krächzen, spucken, schließlich kotzen. Kein Baum in der Nähe, kein Gebüsch, Wiesen, Spaziergänger. Es war so einfach: Sie suchte einen Mann, von dem sie eines ferneren Tages ein Kind haben wollte. Dieses Einfache ist über die Maßen kompliziert. Der da in zweieinhalb Meter Entfernung stand und lauernd auf die sich Erbrechende starrte und schließlich keine anderen Worte fand als die entsetzte Frage: „Bist du etwa schwanger?“, - der war es nicht! Trotzdem antwortete sie noch sachlich: „Nein, die Muscheln und der Wein - und der Salat schwamm in so einem müden Öl...“ Sie ruderte mit den Armen: „Hilf mir doch!“ Er kam und gab ihr den Arm: „Aber mach mich nicht dreckig.“ Sie schaute ihn fassungslos an, ihr Kopf rutschte runter, das Kinn auf den Hals. Sie stützte sich schwer auf ihn: „Gehn wir.“ „Muss das sein?“ fragte er. „Was?“ „Dass du dich so schwer machst.“ „Nein.“ „Dann lass es.“ Susanne, ab und zu im Leben brauchst du eine riesige Portion Kraft! Jetzt! Sie riss ihren Arm aus seinem: „Ich verlasse dich!“ schrie sie, völlig unbekümmert um die Leute im Park. Er konterte hart: „Du mich? Ich verlasse dich, dass das klar ist.“ „Für immer?“ „Kannst du Gift drauf nehmen!“ Ein tiefer Stoßseufzer: „Gott sei Dank!“ So konnte er nicht gehen: „Wirst du bereuen. Sone Stange kriegst du nicht alle Tage. Aber so einen Kotzbrocken wie dich finde ich jeden Tag zehn Stück!“ So stolzierte er aus Susannes Leben davon. Das war es, dachte sie, wir sind Stücke für ihn, die die Beine spreizen. Und sie heulte los, heulte bis an den Rand des Schlafes. Am heutigen Morgen, als sie in Giesing aufs Rad stieg, heulte sie wieder, oder eigentlich immer noch. Wieso denn bloß? Froh sein, Mädchen! Nein, es war die Demütigung! „Bist du etwa schwanger?“ mit der lieblosesten Stimme, die sie von ihm in Erinnerung hatte. Aber dieses „Auch das noch!“ vierundzwanzig Stunden früher war ja schon ganz schlimm. So lehnte sie heulend neben dem Kandelaber vor der roten Ampel Ludwig- Von-der-Tann-Straße, wo die Unterführung raufkommt – oder runtergeht. Da sang ihr eine sehr sanfte Stimme ins Ohr: „Warum denn weinen, wenn man auseinandergeht, wenn an der nächsten Ecke schon ein andrer steht.“ Marlene, Marlene Dietrich, dass man dir nicht mehr persönlich danken kann! Fassungslos schaute Susanne zu Ferdinand und bekam noch mit, wie er mit dem Kopf auf Nuttenart zur Ecke des Landwirtschaftministeriums wies. Ein wunderbares Lächeln spannte sich über ihr Heul-Suse-Gesicht, dann brummte ihr der Vorsatz ‚Ein Jahr lang kommt keiner ran!‘ wie eine krepierende Granate ins Gehirn. Die Ampel war grün geworden, und sie strampelte los: „Ich habs eilig!“ Ferdinand rannte hinterher: „Aber – Wiedersehn?! Wann? Wo?“ „Nächste Vernissage!“ schrie sie zurück. Nee, Leute, das ist doch kein Zustand. Dauernd dieses Stehengelassenwerden. So kann man doch mit Zufällen nicht umgehen! Ferdinand lehnt sich in der Von-der-Tann-Straße an die Mauer des Bayerischen Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten und holt seine SZ-Extra aus der Tasche und studiert die Angebote der Galerien. Die haben ja meistens Montag, wie heute, geschlossen. Hingegen machen morgen, Dienstag, den 1. Oktober ein ganzer Haufen Galerien mit neuen Arbeiten auf. Susanne suchen wie eine Stecknadel in lauter Heuhaufen. Einer, der sonst nichts zu tun hat, kann sich einen minuziösen Plan ausarbeiten, wie er morgen von Vernissage zu Vernissage hetzt und dieses Weib sucht und doch wahrscheinlich nicht findet. Machst dich lächerlich! Mache ich mich weniger lächerlich, wenn ich mit irgendwelchen ausgewachsenen Männern und irgendeinem Mädchen auf irgendeiner Wiese Fußball spiele? Ich mache mich nicht lächerlich, ich bin lächerlich. Und ich werde morgen mit einem riesigen Hoffnungsballon von einer Galerie zur nächsten wandern, und der Ballon wird immer schlaffer und immer schlapper. Und die Enttäuschung hinterher wird riesiger sein als alle Hoffnung vorher, die hat ja jetzt schon in mir Platz genommen. Aber ich werde mich in München wieder ein bisschen besser auskennen. Naja. Rauf die breite Ludwigstraße, runter die breite Ludwigstraße, breit genug zum Denken. Wenn die äußeren Umstände das Denken begünstigen, fällts oft besonders schwer, es zu tun. Denken ein Tun? Was denn sonst? Ich muss mal meine Susanne in Berlin anrufen. Meine Susanne? Ja! Sie trägt ein Kind von mir unter dem Herzen! Dieses Ludwigstraßengelatsche ist so weit weg davon, so weit weg. Ich liebe sie nicht, aber ich liebe das Kind. Wohin wächst es, wenn ich nicht da bin? Kind braucht Vater! Aber Vater, nach dem gefahndet wird, ist halber Vater. Vater, auf den ein tödlicher Handkantenschlag runtersaust, ist null Vater. Plötzlich fühlt sich Ferdinand jenseits von sich selbst. Wo bin ich? Welcher Bezug besteht zwischen dem Pflaster der Ludwigstraße und mir? Gar keiner, gar keiner! In zwei Minuten öffnet das Tambosi. Also, am gelben Bayerischen Staatsministerium der Finanzen vorbei und am gelben Bayerischen Staatsministerium des Inneren vorbei und rüber, Anker werfen. Also, so richtig gelb sind ja diese beiden Ministeriumsbauten nicht. Sehr schöne Pastellfarbtöne zwischen gelb und grün. Susanne sitzt an ihrem Arbeitsplatz am Fenster und starrt in die Veterinärstraße. Habe ich jetzt gerade mein Glück weggeschmissen? Sowas muss sie denken. Ich lasse ein Jahr lang keinen an mich ran, und wenn ich mein Glück dabei wegschmeiße! Susanne, du verbiesterst dich! Nimm den, der dir ins Ohr gesungen hat; allemal besser als in einem Jahr an Karl II. zu geraten. Haha! Wie soll ich den denn nehmen? Dem bin ich doch gerade davongestrampelt! Das lässt sich einrenken. Wie denn? Dazu brauche ich einen Zufallsgenerator oder Engel oder sowas. In drei Tagen ist wieder Prüfung. Wo ist Franziska? „Hallo, Susanne!“ „Hallo, Franziska, hilf mir.“ „Was brauchst du für Hilfe?“ „Ist denn Professor Kammhuber wieder aufgetaucht?“ „Voll und ganz wieder im Amt. Macht nächste Woche die Prüfungen.“ „Eine ist schon diese Woche.“ „Wird er auch die machen. Lass alle Hoffnung fahren dahin. Schule brennt nicht ab.“ „Das ist eine Katastrophe für mich!...“ „Du gefällst mir seit einiger Zeit gar nicht. Dauernd redest du von Katastrophen. Was ist los? Austausch ist immer gut.“ „Schluss gemacht mit einem ganz miesen Knopp.“ „Grund für Fanfaren in den höchsten Tönen.“ „Mir ist nur zum Heulen!“ „Halt dich an Marlene: Warum denn weinen, wenn man –“ Susanne heulte auf: „Woher kennst du ihn?“ „Wen?“ „Der das gesungen hat.“ „Das hat kein Der gesungen, sondern Marlene Dietrich.“ „Ja, aber – aaach...“ Es war wunderbar, dieser Franziska alles erzählen zu können, fast alles. Bei Kummer ist das Loslassen das Wichtigste. Wer den Wasserhahn aufdrehen kann, dem gehts gleich besser. Das Reinfressen ohne Getränk ist immer ein kleiner Tod. Bloß eins: Auch die in Kriminologie recht gut bewanderte Franziska wusste keinen Rat, wie man den Kerl am Kandelaber an der Ecke Von-der-Tann-Straße finden soll in der Millionenstadt. Will ja Susanne gar nicht: „Ein Jahr lang lass ich keinen ran. Eisern.“ „Klingt sehr vernünftig, ist superblöd – immer! Ich denke, ich kenne dich gut genug: Du bist nicht der Typ für eiserne Grundsätze und Zickengehacksel!“ „Aber er ist weg!“ „Weg ist der gar nicht. Wir wissen bloß nicht, wo er ist.“ „Das genügt doch. Damit fall ich doch bei jeder Prüfung sofort durch.“ „Jetzt machen wir erstmal Schluss. Du holst dir eine Kehrmaschine und säuberst dir den Weg zu den Prüfungen. Es gibt nichts Erbärmlicheres, als wenn wir Jungfrauen wegen einem Kerl durch die Prüfung rasseln!“ |