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12 Gib mir deinen Carlos Als Susanne gestern abend nach Hause kam, saß ihre liebliche Schwester Liliane auf den Stufen vor ihrem Zimmer. Susanne fühlte sich ramponiert und schlapp: „Hallo, Liliane.“ „Hallo, Schwesterlein.“ Die zärtliche Stimme der Schwester möbelte Susanne ein wenig auf: „Wartest du auf mich? Willst du was von mir?“ „Ja.“ „Schieß los,“ forderte Susanne und suchte ihre Schlüssel. „Nichts fürs Treppenhaus.“ Susanne schloss auf. Liliane schlüpfte wie ein Aal ins Zimmer und glitt auf Susannes Bett. Susanne machte gemütliches Licht, schloss die Tür, zog den Mantel aus. Liliane stürzte ohne Vorwarnung ins Herz der Sache: „Gib mir deinen Carlos.“ Susanne war von der kleinen Schwester viel gewohnt, jetzt war sie doch einigermaßen sprachlos: „Wie bitte?“ „Du liebst ihn doch nicht mehr, wenn du ihn überhaupt je geliebt hast.“ „Wovon redest du?“ „Von Carlos.“ „Der heißt Karl.“ „Egal. Du hast zwei Tage seinetwegen geheult. Warum?“ „Da kann ich präzise beantworten, eine Silbe: Schluss.“ „Wann?“ Wann war das? Susanne musste tatsächlich einen Augenblick überlegen: „Gestern.“ „Du oder er?“ „Ich.“ „Was Schöneres hättest du mir heute abend nicht sagen können. Dann brauche ich ihn dir nicht zu klauen. Dann fällt er mir in den Schoß.“ „Ein Albtraum. Ich werde alles tun, dass dieser seelenlose Macho nicht in deinen jungen süßen Schoß fällt!“ „Irgendwann muss es sein.“ „Das weiß ich. Aber es sollte weniger Pubertätsdelirium dabei sein.“ „Was ältere Schwestern so quatschen. Ich habe mir den Carlos ausgeguckt.“ „Er heißt Karl.“ “Das macht mir die Liebespranken nicht stumpf.“ „Mit dem falschen Namen beginnt die ganze Betrugsserie.“ „Juristendeutsch.“ „Ich freu mich, dass du Liebespranken hast. Aber bitte hau sie in anderes Jungensfleisch.“ „Wird er nie wieder bei uns frühstücken?“ „Bestimmt nicht.“ „Doch, wenn er mir gehört. Gib mir seine Telefonnummer.“ „Nichts“. „Handynummer.“ „Nichts.“ „Nachnamen.“ „Nichts.“ Liliane äffte die Schwester nach: „Nichts, nichts, nichts.“ Dann blaffte sie: „Alles, alles, alles!“ Damit stürmt sie aus dem Zimmer, dreht sich aber nochmal um: „Bitte, schließ heut Nacht die Tür nicht ab. Vielleicht brauche ich deinen Nähekuschelrat.“ Susanne misstraute dieser versöhnlichen Wendung. Sie holte ihr Adressenbüchlein aus der Tasche und setzte sich an den Schreibtisch. Unter C wie Carlos schwärzte sie seinen Namen und seine Telefonnummern, bis sie garantiert völlig unleserlich waren. Sein Nachname Deimers stand gar nicht im Büchlein, Adresse auch nicht. Sie tats für Liliane, aber auch ihr tat diese Schwärzung gut. In der Nacht kam Liliane im Nachthemd reingeschlichen, aber nicht zum Kuscheln. Frau Oberkriminalrat hatte genau richtig kombiniert. Liliane suchte das Adressenbüchlein, das sie zu ihrer Freude auf dem Tisch fand. Sie schlich raus, weil sie etwas Treppenhausbeleuchtung brauchte. Und unter C fand sie dann diese gehäuften Schwärzungen. Schmerzlich jaulte sie auf. Susanne erwachte und kam raus: „Wolltest du kuscheln?“ „Nein! Du schwarze Hexe, du willst mich quälen, quälen, quälen!“ Und sie trommelte mit den Fäusten auf die Schwester ein. Susanne nahm ihr das Büchlein aus der Hand. Liliane rutschten die Arme runter und der Kopf hing, dass der schöne Nacken sich wölbte. Susanne streichelte sie und drückte sie an sich: „Ich will dich schützen, schützen, schützen. Ich hoffe, dass es mir gelingt. Es gibt da keine Sicherheiten, Versicherungen schon gar nicht. Komm kuscheln.“ „Nein. Mir geht es besser – wirklich.“ Sie schlich zur Wohnung zurück, drehte sich an der Tür noch einmal um, lächelte die große Schwester an und winkte ihr. Susanne schickte ihr eine Kusshand und ging wieder ins Bett und dachte: Das sind die Augenblicke der Liebe, um derentwillen man lebt. Wenige Stunden später wachte Ferdinand auf und wunderte sich über sich selber: Dass er das alles so durchstehen konnte. Dieses Draußenschlafen in der zeitweise doch beachtlichen Herbstkälte, das hatte er nie trainiert. Mal vor zehn Jahren ein paar Nächte im Zelt, irgendwo im Harz. Aber doch nicht im anthrazithfarbenen Anzug auf Parkbänken oder im Zirkus, im Pferdestall! Er war ein behütet‘ Bübchen, dem alles Ungemach, mit dem sich 90% seiner Altersgenossen in aller Welt rumschlagen mussten, nie auch nur im entferntesten widerfahren war. Ferien jedes Jahr auf Gran Canaria, einen spanischen Jungen zum Freund, bei dem er spielend Spanisch lernte. Eines Tages erwerben die Eltern ein schmuckes Ferienhaus dort, wo sie nun den Winter verbrachten, - dieses Jahr nicht mehr ganz so glücklich, wie es schien. Jeden Sonntag rief er sie an, so war es ausgemacht, Winter für Winter, auch hier aus München, aber sie wussten nicht, dass er die letzten beiden Sonntage aus München angerufen und ihnen Einiges vorgelogen hatte. Mitte April kamen sie meist zurück. Wann ist denn das: Mitte April? Was ist denn dann? Er durchlief die tägliche Hygiene, das Wegschließen des Mantels wurde langsam fragwürdig. Aber an diesem strahlenden 1. Oktober tat er es noch. In besseren Zeiten hätte er einen Übergangsmantel angezogen, hing in Berlin im Schrank, dunkelbraun. Beim Cappuccino im Tambosi überlegte er, ob Veränderungen gut täten. Aber was solls? Ja, Veränderungen mit „Hallo, ich bin die Susanne“, das war zum genüsslichen Lippenlecken, aber dato doch nur Phantasterei. Ohne Susanne, die Münchnerische: Cappuccino woanders ist nichts als Cappuccino woanders. Er machte sich an die Arbeit, wenn es denn eine Arbeit war: Anhand der SZ-Extra die Adressen der Galerien raussuchen, in denen heute was los sein soll, auf dem Stadtplan den Rundkurs markieren, den er abends absolvieren will. Naja. Genaugenommen war ja Liliane in einer ähnlichen Situation: Sie musste diesen Karl finden. Versuche, die Eltern beim Frühstück auszufragen, führten nicht recht weiter: „Nachname?“ „Keine Ahnung.“ „Telefonnummer?“ „Auch nicht.“ „Aber irgendwas müsst ihr doch wissen!“ „Alles, was wir wissen,“ sagte die Mutter, „ist, dass deine Schwester mit ihm geschlafen hat.“ Liliane reagierte recht altmodisch: „Ihr seid mir Eltern!“ Die Mutter räumte ein: „Wir fragen uns schon auch manchmal, ob wir wirklich alles richtig machen. Sind wir modern oder wollen wirs nur sein?“ Liliane provozierte: „Was sagt ihr, wenn ich übermorgen mit Carlos zum Frühstück erscheine?“ Der Vater erklärte: „Was ich übermorgen sagen werde, weiß ich nicht. Jetzt sage ich dir: Lass das, bitte! Viel mehr kann ich nicht tun.“ Die Mutter ergänzte noch: „Wir haben diesen Carlos nie in unser Herz geschlossen.“ Liliane schnappte sich das Telefonbuch für München A-K und ging in ihr Zimmer. Systematisch wollte sie nach dem Vornamen Carlos suchen. Ach nein, sie musste ja nach Karl suchen. Und dann jeden Karl anrufen und fragen, ob er was mit einer Susanne...? Sie schaute zum Fenster raus. Da machte es unmerklich ‚Blubb‘ in ihrem Hinterkopf und sie wurde eine kleine Drehung erwachsener. Lass das, bitte! Sie machte sich fertig und ging zur Arbeit, zum Tanzen. Zwei Stunden später suchte die Mutter ziemlich verzweifelt das Telefonbuch A-K. Kleine Nachkucke in Susannes Hinterkopf. Da tummelt sich doch wirklich der Hinterhinterhintergedanke, ob sie nicht den Semmelkopf mit der Nickelbrille ihrer geliebten süßen Schwester schenken sollte. Unbeschadet des Vorderhirns, in dem feststand: Wenn es den je wieder geben sollte, dann haue ich ihm die Liebespranken ins Fleisch! Außerdem: Sie konnte ihn für sich selbst nicht orten – wie will sie ihn denn dann ihrer Schwester schenken? ‚Ein Jahr keinen ranlassen!‘ Quatsch! Aber vorher, jetzt, arbeitete sie wieder einigermaßen systematisch. Sie rasselte die Punkte runter, bei denen sie sich prüfungssicher fühlte, und kam an die Schwachstellen und sagte ab und zu „Ach so“, weil sie Zusammenhänge begriff, zum Beispiel: Bei einer Frau, die schon dreimal vergewaltigt worden ist, spielen gemeinhin die Faktoren der Viktimologie eine Rolle; Psychologie-Gutachten dringend in Erwägung ziehen. ‚Zutritt für Erwachsene nur in Begleitung von Kindern.‘ Nein, das schreckt Ferdinand nicht. Er geht auf den umzäunten Spielplatz und setzt sich. Kinderkucken ist was Schönes. Ein junger Vater verstaut seinen Sprössling im Sandkasten und setzt sich neben Ferdinand. Nach einer Weile fragt er: „Welcher ist denn Ihrer?“ „Keiner. Ich sitze hier illegal.“ „Haben Sies noch vor sich.“ „Ja...“ „Ist was Feines, kann ich Ihnen versichern, gibt ehrlich nichts Schöneres. Aber kostet Nerven, mei, des kost Nerven, vor allem nachts. Oder neulich – gehe ich mit ihm aufs Oktoberfest, denke, das wird ihm gefallen. Gefällt ihm überhaupt nicht, heult in einer Tour. Ich nehm ihn auf den Arm, meine Frau schiebt den leeren Wagen, wir verlassen die Wiesn, da wird er gleich ruhig. War Jahre zu früh. So lernt man Geduld. Gibt nichts Schöneres. Sie werdens erleben. Warten Sie nicht zu lange.“ Was sind denn das für lauter Worte, die Ferdinand ins Herz schneiden!? Er erinnert sich an die junge Mutter im Englischen Garten, die „Noch nicht“ sagte. Ja – nein – noch nicht – vielleicht nie – was denn? Kleiner Kampf zwischen abruptem Aufstehen und Sitzenbleiben. Sitzenbleiben und fragen: „Wie alt ist er denn?“ „Sechzehneinhalb.“ Der Vater zischt zum Kind, das heult, weil sein Mund etwas zu nahe Bekanntschaft mit dem Sand gemacht hat. Ferdinand ist klar, dass der Junge nicht sechzehn Jahre alt ist, aber Wochen -? Ach nee, Monate, natürlich Monate, sechzehneinhalb Monate, knapp eineinhalb Jahre. Irgendwann brauche ich dann mal wieder eine Hand, die sich auf meinen nackten Unterarm legt, einfach Haut auf Haut, Frauenhaut natürlich... |