13    Fülle? Eine!

Also, die Tour da gestern abend, - nee. Was brauche ich Fülle, wenn ich Eine suche. Naja, das ist nicht ganz logisch: Wenn die Eine in der Fülle sitzt, muss ich sie da suchen. Um es kurz zu machen: Ferdinand graste sieben Galerien ab – ergebnislos. Und dann natürlich die Fragen, ob sie ging, kurz bevor er kam, oder kam, kurz nachdem er gegangen war, ob sie in anderen Galerien war. Die Fragen, auf die es niemals eine Antwort geben wird. Fragezeichen? Punkt. Aber sie hatte doch gerufen: ‚Nächste Vernissage!‘ Aber wenn da etliche Galerien gleichzeitig ihren Käse anbieten. Ja, Ferdinand hatte da schon im durchaus doppeldeutigen Sinn manchen Käse nicht nur auf Sticks, sondern auch auf Leinwänden und Kartons gefunden. Kann aber auch mit seiner Gemütslage zusammengehangen haben. Und von einem Kenner der Malerei-Szene war er ja doch noch sehr weit entfernt.

Um seine Frustrationen abzureagieren, ging er dann noch spät abends in einen Waschsalon, nachdem er seine Schmutzwäsche aus dem Schließfach geholt hatte. Er wusch, eher: ließ waschen - seine zwei Unterhosen, seine zwei Unterhemden und sein altes weißes Hemd. Ziemlich einsam fühlten sich die wenigen Textilien in der großen Trommel. Das Surren der zwei oder drei Maschinen in der Stille tat ihm wohl, er war froh, dass ihn niemand anquatschte.

Er erfand ein neues Spiel: Begegneten ihm Frauen, deren Gesicht ihm gefiel, fragte er sich, wohin er sie gerne geküsst hätte, küssen hätte wollen oder mögen. Die "Sache" erlaubt da ja nur lauter Möglichkeitsformen. Man kann ja nicht durch die Theatinerstraße gehen und jede Frau, die einem begegnet, irgendwo ins Gesicht küssen. Warum eigentlich nicht? „Ach, verzeihen Sie, gnädige Frau, aber Ihr rechtes Jochbein ist unwiderstehlich.“ Kuss, Abwehr, Ohrfeige oder Lachen und Bereitschaft oder die Frage, ob man betrunken sei. ‚Nein, einsam.‘ Die Bedienerin im Tambosi hatte zwei küssenswerte Grübchen neben den Mundwinkeln, deutlicher, wenn sie lächelte oder lachte. Zahlen, nicht küssen.

Eine Stunde oder länger auf einer Parkbank im Hofgarten. Mit einiger Konsequenz und Konzentration nachdenken über die Zukunft. Übermorgen werden es zwei Wochen sein, dass der anonyme Anrufer ihn aus den Lumpen schüttelte und hierher jagte. Und? Nun? Zehn Wochen weiter so? Und? Dann? Ferdinand brauchte einige Zeit, bis ihm klar wurde, dass er etwas tun muss. Die Gefahr, hier in München von Polizei oder Chinesen oder sonstwas verfolgt zu sein, war ja wohl äußerst gering, nicht ganz auszuschließen, aber gering. Also. Also? Er hatte den Gedanken bisher immer rasch weggestopft, aber er reifte doch langsam zu einer Gewissheit: Susanne in Berlin war seine nächste Adresse, sie musste er anrufen, egal, wie sie reagierte. Morgen. Warum nicht heute? Nein, übermorgen, dann sind es vierzehn Tage. Elender Feigling! Na und? Genau wissen, was man sagen will, genau fragen: Was sie in der Filiale sagen, fragen nach Polizei, Asiatengauner, dem Cousin, bei ihren Aussagen zum Cousin die Ohren spitzen. Von wo aus telefonieren? Kleingeld bereithalten. Nein, keine Telefonkarte, wer weiß, was da für Daten gespeichert werden.

Dann schlängelte sich eine andere Überlegung heran: Die nächsten zehn Jahre so weiterleben, geht doch. 3650 Cappuccini im Tambosi, Schaltjahre nicht inbegriffen. Och, Ferdinand, was soll der Quatsch?! Wovon willst du die vielen Cappuccini bezahlen? Wie willst du die ausgelatschten Schuhe ersetzen? Und deine Seele ist doch dann längst ersoffen, verflüchtigt, versteinert, begraben, zugeeist - Alleskieker hätte ‚vereist‘ schreiben können, aber flüchtige Leser hätten dann vielleicht ‚verreist‘ gelesen. Verreiste Seele – auch nicht schlecht, aber aus einer anderen Geschichte Nein, zurück, Susanne in Berlin anrufen, übermorgen.

Wer mag an meinem Computer in der Bankfiliale stehen? Wahrscheinlich die Frau Boettiger, auch wenn ihre Beine das lange Stehen gar nicht so gut vertrugen. Was sagt sie zu dem etwas verknitterten alten Herrn Schulz, den Ferdinand in zwei Jahren nicht dazu bewegen konnte, seine 80.000 Euro anzulegen. Naja, vor einem dreiviertel Jahr waren es noch rund 160.000 DM. Nein, der Schulz will sie auf dem Girokonto lassen, jetzt, in dieser Sekunde, 36.000 Euro abheben können, bloß so. Nein, die Barauszahlung so hoher Summen muss angemeldet werden. Na schön, dann morgen. Aber ganz kurzfristig darüber verfügen können. Ferdinand empfand es ein wenig als Niederlage, dass er mit Herrn Schulz nicht weiterkam. Er war sehr schnell auf der Computer-Tastatur, zauberte Kontostände in Sekunden herbei. Und er war sehr beliebt. Es gab Damen, die stellten sich lieber etwas länger an, nur um von ihm bedient zu werden.

Als er am vorvorigen Freitag morgens nicht erschien, fragte man Susanne, von der man wusste, dass sie mit ihm zusammen lebt – und die seitdem übrigens weniger gemobbt wurde! -, wo er denn sei. Sie wusste es nicht, war einigermaßen irritiert, hütete sich, ein Wort über die Mafia-Aufregungen zu erzählen. Zu lügen, er sei krank, das war Susannes Sache nicht. Es war Freitag, niemand war daran interessiert, übers Wochenende mit Polizei-Fragereien belästigt zu werden. Sollte er am Montag nicht zur Arbeit erscheinen, würde man weitersehen.

Dann kam am Montag auf Bitte des Filialchefs die Polizei und protokollierte das Verschwinden des Ferdinand Honigmann, persönliche Daten, Wohnadresse, Bitte um Mitteilung, wenn sich Anhaltspunkte über seinen Verbleib ergäben, Telefonnummer auf einer Karte, Herrn Kolb verlangen. Die Eltern verbrächten den Winter in Spanien, sagte man Herrn Kolb noch. Susanne verschwieg, dass er sie am Freitag abend angerufen hatte, wie Ferdinand es extra befahl. Überhaupt: Niemand sagte der Polizei, dass Ferdinand und Susanne ein Paar waren. Eine Akte zur baldigen Wiedervorlage. Viel Dampf wurde da zunächst nicht gemacht. Ist ja nicht so ganz außergewöhnlich und selten, dass ein Mann, zumal, wenn er offenbar ungebunden ist, mal abhaut, einfach so. Der wird sich schon melden und wiederkommen. Dass er nicht wiederkam, wurde zunächst mal nicht aktenkundig.

Bis Frau Boettiger sich die Karte mit der Telefonnummer der Polizeidienststelle angelte und dem Herrn Kolb mit einiger Heimlichkeit meldete, dass gesuchter Ferdinand Honigmann bisher nicht wiedergekommen sei und dass er in einem knüslichen Füstanölsch – so nannte sie das, Frau Boettiger war aus dem Ruhrpott – in einem knüslichen Füstanölsch mit dem Fräulein Susanne lebte, dass er seit einiger Zeit bei ihr gewohnt hatte und dass ihrer Meinung nach – „Bitte, ich weiß das nicht so genau!“ –, diese Susanne schwanger sei, ob von Herrn Honigmann oder nicht – „das weiß ich natürlich auch nicht so genau.“

 

Ferdinand landet an diesem Nachmittag im Hofbräuhaus. Das war ja mal fällig – nun ist es passiert. Was da Restaurant heißt, interessiert ihn weniger. Er geht in die ‚Schwemme‘. Welcher Spruch empfängt den Heimatlosen?: ‚Durst ist schlimmer als Heimweh.‘ Die Meinung des Hofbräuhauses – Heimweh ist schon auch schlimm. Was so ein echter Biertrinker ist, der hat da in einem Gestell seinen eigenen Maßkrug, nummeriert und mit einem kleinen Vorhängeschloss gesichert. Ferdinand, wirst du je zu einer solchen Biertrinker-Gilde gehören? ‚Stammtisch der Wolperdinger‘ liest er, was soll denn das nun wieder heißen? Er traut sich, einen Kellner zu fragen. „Tier aus Bayern.“ Im Hofbräuhaus ist es immer sehr laut, deshalb versteht Ferdinand falsch: „Bier aus Bayern?“ „Ein Tier – des sieht man im Rausch.“

Zwei Weißwürste, eine Brezel, eine halbe Maß Bier. Und Saufkumpane, die er vor einer Woche noch strengstens gemieden hätte. Nein, Saufkumpane waren es eigentlich nicht, mehr stille Zecher, die recht leidenschaftslos das schlechte Spiel der Münchner gestern in Mailand diskutierten. Zwei von ihnen aßen Kuchen zum Bier, was bei Ferdinand ein deutlich flaues Gefühl im Magen auslöste. Männer, die ihre Frauen zu Hause hatten, die sie als Drachen verulkten. Einer mit einer besonders roten Nase betonte, dass er keinen Drachen habe.

Dafür hatte er dato einen heftigen Schnupfen. Er nieste, dass Gott erbarm‘. Und er nahm die Hand nicht sehr deutlich vor den Mund, von einem Taschentuch ganz zu schweigen. Er saß am Ende der Bank, war keineswegs mehr nüchtern und kippelte einmal so unglücklich, dass er von der Bank rutschte und auf den Fliesen landete. Ferdinand half ihm auf die wackligen Beine und kriegte dabei einen Nieser voll ins Gesicht.

Der Mann mit der roten Nase entschuldigte sich über alle Maßen. Ferdinand nahms heiter, und weil er kein Papiertaschentuch bei sich hatte, ging er auf die Toilette und wischte sich mit Papierhandtüchern sorgfältig ab. Naja, das war gewiss nicht nur heiter, war ihm schon auch etwas zum Grausen. Er ging nicht mehr zum Tisch zurück, sondern verließ das Hofbräuhaus.

 

Da, wo die Werinherstraße diesen kleinen Knick nach rechts macht – also, wenn man aus Richtung Bahnhof Giesing kommt, dann kommt der Knick nach rechts, kommt man hingegen vom Tegernseer Platz, der höchst selten Tegernseer Platz genannt wird, sondern Tela-Post-Platz (Tela von Tegernseer Landstraße), was genauso nichtamtlich ist wie Giesinger Stachus, die U-Bahn-Station heißt Silberhormstraße - kommt man also vom Tegernseer Platz, dann geht der Knick nach links, da zweigt die Sebaldusstraße ab, in der Susanne wohnt, Sebaldusstraße 6. Suche diese Straße nicht auf dem Stadtplan, geneigter Leser, es gibt sie in Wirklichkeit nicht. Sie zweigt da nur in diesem Roman ab.

Vor der Haustür trafen die Schwestern zusammen. „Was hast du heute gemacht?“ fragte Susanne, „ich hoffe, du hast nicht Carlos gesucht.“ „Der heißt Karl. Nein, ich habe getanzt.“ „Wunderbar.“ „Gar nicht wunderbar, ich habe echte Probleme.“ „Was für Probleme?“ „Mobbing. Ich habe Angst, dass sie mich rausschmeißen.“ „Dich doch nicht! Die schönste Tänzerin deines Alters im heutigen München.“ „Schönheit ist nichts als ein ekliges Wurfgeschoss – dabei will ich gar nicht werfen, und nicht schießen, aber sie denken, es sei meine Waffe.“ „Wer?“ „Alle. Kollegin Ingrid, alle Männer, Fotoreporter, vor allem Damen, die nicht so schön sind. Manchmal wäre ich gerne eine kleine mausgraue Huppdohle – gute Tänzerin, aber bloß nicht schön.“ „Sowas kann ich auf Anhieb gar nicht denken. Schönheit, - das ist doch ein Geschenk.“ „Eine Last, ein Klavier auf dem Buckel, wie sie früher die Hafenarbeiter in Athen schleppten. Lass mal, ich werd schon damit fertig. Und du hast Recht: es ist natürlich auch ein Geschenk, - danke.“ „Sag mir Bescheid, wenn aus dem Mobbing Ernst werden sollte. Juristenschwester kann vielleicht hilfreich sein.“ „Danke. Was hast du heute gemacht?“ „Gelernt, dass bei dreimaliger Vergewaltigung ein psychologisches Gutachten nach Maßgaben der Viktimologie dringend zu erwägen sei.“ „Da tanz ich lieber.“

Um diese Zeit arbeiteten sich die Viren in Ferdinands Nase zielstrebig zu den Stellen vor, an denen sie sich zwecks Schnupfen niederzulassen gedachten.