|
14 Die Nacht bei der Lieben Frau Ferdinand hat gestern gegen 18 Uhr Mantel, Schirm und Plastiktüte geholt. Das Wetter hatte ihm trotz beachtlicher Kühle erlaubt, mit dem lila Rollkragenpullover unterm Jackett ohne den Wintermantel München zu durchqueren. Jetzt tigerte er nochmal durch die Innenstadt, auf der Suche nach einem weiteren Schlafzimmer. Das gesteht er sich zwar nicht so direkt ein, aber es ist so. Die sonst üblichen Bahnhofswürstchen hat er nach den Weißwürsten im Hofbräuhaus nicht mehr verspeist. Er geht in die Frauenkirche und kuckt, ob er in einem Beichtstuhl schlafen könnte. Nein. Sehen aus wie weiße Container und haben Sicherheitsschlösser. Sind wohl schon welche vor mir auf den Gedanken gekommen, im Gotteshaus zu übernachten. Er geht auch in die Gruft hinter dem Altar und liest da oben links: ‚Ludwig V. der Brandenburger‘. Er geht nah ran und auf die Zehenspitzen, als könnte er seinen preußischen Augen nicht trauen, - nein, eindeutig: ‚Ludwig V. der Brandenburger‘. Es schoss ihm durch den Kopf: Gibt vielleicht noch ein anderes Brandenburg? Er kippelt etwas und stößt an eine junge Frau: „O, entschuldigen Sie.“ Sie fragt: „So kurzsichtig?“ Ferdinand stellt rasch richtig: „Nein, so erstaunt. War da wirklich mal was Bayerisches König in Brandenburg?“ Schön war sie, ein Teint - sowas von Pfirsich-Aprikose, randlose Brille auf diesen Teint gesetzt. Sie schaut ihn belustigt an: „In Brandenburg gab es nie einen König. Erst, als sie sich Preußen nannten, titulieren sich die Bosse da oben als Könige.“ „Wer war denn Ludwig der Brandenburger?“ „Herzog von Bayern.“ „Und was bedeutet Herzog?“ „Einer, der mit seinem –“ allerliebst, wie sie das jetzt betonte: „- Heer rumzog, Herzog.“ „Und so ein bayerischer Rumzog war mal Herrscher über meinen Müggelsee?“ „Ich kenne Ihren Müggelsee nicht, aber wenn er in der Mark Brandenburg liegt, dann hat unser Ludwig da sicher mal gefischt.“ „Das Erste, was ich höre, dabei wohne ich seit 26 Jahren in Berlin-Brandenburg. Aber ich bin kein Geschichtsfritze. Woher wissen Sie denn das alles so genau?“ „Ich bin Geschichtsfritze von Beruf.“ „Ach so. Erzählen Sie mal ein bisschen, wenns Ihnen nichts ausmacht. Da ist dieser Ludwig einfach nach Norden gefahren?“ Sie schaute auf die Uhr und erzählte. Der denn doch etwas heilige Raum erforderte, dass man sehr gedämpft spricht. Ferdinand wars nicht unlieb, sein Ohr ein wenig dem schönen Mund zu nähern, der so kluge Sachen sagte: „Ich nehme doch an, dass er geritten ist. Sein Vater war deutscher Kaiser, hieß auch Ludwig, Ludwig der Bayer. Der schickte ihn – da war er erst elf Jahre alt - mit einem kleinen Hofstaat und Beamten da rauf. Sie sollten – ja, Staat machen in einer Provinz, die aus Münchner Sicht doch nicht viel mehr war als eine schrecklich unterbesiedelte Barbarenwüste. Dieser Wittelsbacher Ludwig V. hat sich, als er dann größer wurde, in der Streusandbüchse nie richtig wohl gefühlt.“ „Streusandbüchse?“ „Die Mark Brandenburg nannte man des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation Streusandbüchse. Streusand benutzte man früher zum Trocknen der Tinte - wie heute ein Löschblatt.“ „Sie wissen aber ne Menge.“ „Das bringt der Beruf mit sich. Nach fünfzig Jahren war das bayerische Abenteuer in Brandenburg zu Ende. Ludwigs Nachfolger hieß Otto der Faule, der verkaufte den Sand an seinen Schwiegervater, den Kaiser Karl den Vierten, der war aus Luxemburg. Als Kaufpreis stotterte der 12.000 Gulden jährlich ab.“ Ferdinand jammerte erheitert: „Meine schöne Mark Brandenburg einfach verscherbeln.“ Sie fuhr fort: „Der Faule zog sich auf Schloss Wolfenstein bei Landshut zurück. Er konsumierte viel bayerisches Bier und eine schöne Müllerin, die hieß Gretl.“ Ferdinand hakte nach: „Er konsumierte die Müllerin oder ihr Mehl?“ „Sagen wir Beides. Damit war das Bayern-Intermezzo da oben vergessen.“ „Wie kommt so eine Historikerin in so eine Gruft?“ „Ich liebe diesen Raum. Und ich bete hier manchmal.“ Das Geständnis kam für Ferdinand unerwartet: „Darf ich mich für diesen Nachhilfeunterricht in brandenburgischer Geschichte ganz herzlich mit einer Tasse Kaffee bedanken? Wo geht man hier denn hin?“ Sie schaute wieder auf die Uhr: „Es tut mir sehr Leid. Mein Mann wartet.“ Ferdinand musste das wirklich verkraften: „Und wie Leid mir das erst tut.“ Sehnsucht nach Susanne II in München. Die Historikerin ging die Treppe rauf, Ferdinand hinterher. Er freute sich, dass dieses grundgescheite Haus so schön mit dem Hintern wackeln konnte. Wissen die Frauen eigentlich, was sie uns damit antun? Die Antwort ist ziemlich einfach: Manche ja, manche nein, die meisten jein. Oben drehte sie sich um: „Sie sind auf der Durchreise hier?“ „Ja.“ „Wohin?“ „In die Wüste Sahara. Auf einen Sandsturm warten und mich zuwehen lassen.“ Sie schaute ihn sehr amüsiert an: „Tschüs.“ „Tschüs,“ sagte Ferdinand, folgte ihr ein bisschen, setzte sich dann in eine Bank. Beten? Was denn? Aber Händefalten als eine Restgeste war gut, es beruhigte, war aber mehr die norddeutsche Art. Die hier hielten einfach die Handinnenflächen aneinander, was wiederum nicht so weit weg war von den Gesten des Dalai Lama. Später, 19 Uhr, um genau zu sein - Ferdinand saß immer noch in der Nähe des Gebetes - tigerte Einer mit einem Schlüsselbund durch das Gotteshaus, Ferdinand entwischte ihm mit einem uralten Trick: schob sich um eine der sehr dicken Säulen rum, immer den Blicken des Mannes sich entziehend. Klappte hervorragend wie im Kino: Er war im Dom Unserer Lieben Frau zu München eingeschlossen und schlief etwas hart aber gut bis zum bösen Erwachen. Susanne sinnierte vor dem Einschlafen, wieso der Semmelkopf gewusst hat, dass sie da am Montag vor der roten Ampel eines Kerls wegen heulte. Es hätte ja wegen eines entflogenen Wellensittichs sein können oder wegen eines geliebten Onkels, der an Krebs gestorben war. Nein: Wenn man auseinandergeht... Er muss sehr sensibel sein, fast ein Hellseher. Es wurde ihr warm ums Herz. Dann trat sie auf die Bremse, dass es quietschte: Packst du schon wieder was in so einen Macho rein, was gar nicht drin ist!? Erstens: ein Macho ist das Semmelgesicht nicht (und ein Semmelgesicht auch nicht), zweitens: Es stimmt doch, sie hat doch diesen Marlene-Vers nicht geträumt. Er hat sie durchschaut, er hat sie schwach gesehen, das quält, ein bisschen. Aber er hat doch ‚Auch das noch‘ gebrüllt. Dass ich immer von Brüllen rede. Weils so wehgetan hat. Er hat schon eine Susanne, und mit der hat ers schwer. Wäre doch eine wunderbare Gelegenheit, braucht er den Vornamen nicht umlernen. ‚Das nächste Jahr keinen ranlassen!‘ Und die Liebespranken ins Semmelgesicht krallen! Ein Semmelgesicht hat er nicht! Susanne, du elendes schwankendes Rohr in den Stürmen deines Gemütes. Dieselben oder jedenfalls sehr ähnliche Gedanken beim Aufwachen. Die einzige Chance ist der Kandelaber an der Ecke Ludwig- Von-der-Tann-Straße. Ich muss nur immer einigermaßen pünktlich da vorbeikommen. Und sein Hirnkasten muss schalten, dass ich da immer wieder vorbeikomme. Einzige Chancen also: Abhängigkeiten. Einzige Chancen – unglücklicher Plural. Aber das dämmerte Susanne schon seit einiger Zeit: dass wir schönen Menschenkinder an Abhängigkeiten kleben. Und wenns nicht so ist oder nicht so wäre, wären wir todunglücklich. Der Bezirk Freiheit ist ein sehr kleines, sehr begrenztes Terrain. Ferdinand wurde sehr unsanft geweckt von dem Mann mit dem Schlüsselbund. Hausfriedensbruch, Polizei. Das Wort verlieh ihm Wendigkeit und Kraft: Er entwischte und konnte seinen Verfolger sehr schnell abschütteln. Dass er dann justament am nahen Polizeipräsidium vorbeikam, ließ ihn noch behänder zum Bahnhof eilen. Er kaufte am heutigen Donnerstag die Süddeutsche Zeitung. Er kriegt die von gestern: „Die ist ja von gestern!?“ „Heute ist Feiertag!“ „Ach ja. Und das SZ-Extra?“ „Ist in der Zeitung von gestern.“ „Ach so. Danke. Tschüs.“ Die Seite mit den Vernissagen überblätterte er voller Zorn: Alles Käse! Er schwelgte, was er alles tun könnte, wenn er das Geld locker sitzen hätte. Mensch, Kino könnte er sich doch mal leisten. Er geht ins Kino, sehr frühe Vorstellung, sehr wenig Zuschauer, sieht ABOUT A BOY, die wunderbare englische Art. Von seiner Liebe für Hugh Grant war ja schon die Rede. Je besser der Film, desto größer die Traurigkeit hinterher auf der Straße, vor allem, wenn die fast feiertagsstille Straße das Wohnzimmer ist, am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, und kein Ohr, in das man was sagen könnte, flüstern schon gar nicht. Ohr von ‚Hallo, ich bin die Susanne‘ wäre schön. Statt Flüstern brülle ich ‚Auch das noch!‘ Also gebrüllt habe ich nicht. Aber gibt so Situationen, da können drei Worte in mittlerer Stimmlage wie ein Donner krachen, so einer, der eine halbe Sekunde nach dem Blitz kommt, weil der Blitz so nah war. Da zischt man in Panik ab, dass das rote Rücklicht wackelt. Ferdinand weiß gar nicht, wie er zu der Wiese im Englischen Garten kommt, wo er schon mal Fußball gespielt hat, da unter der Obhut des Monopteros. Naja, spielen ist das nicht eigentlich. Was sie in Berlin ‚mauken‘ nannten, heißt hier neuerdings ‚footen‘. Das Mädchen war heute nicht dabei. Das geht so wunderbar unabsichtlich: Man steht am Rande und schaut zu, da rollt der Ball vor die Füße, man schießt und erwischt das Ziel ziemlich genau, zwei Pässe später fällt ein Tor. Keine Rede davon, dass man unerlaubterweise in das Spiel eingegriffen habe. Plötzlich steht man mittendrin und ist gefangen genommen. Das Gemüt vergisst alles andere, die Beine rennen automatisch, kommt der Ball vor die Füße – und Schuss! Wut? Ja, auch ein bisschen über diese immerzu davonradelnde Susanne. Und über den ‚Auch das noch‘ brüllenden Ferdinand. Also, gebrüllt hab ich wirklich nicht! Und inzwischen habe ich doch auch gesungen. Vielleicht nicht besonders schön, aber sie hat gelächelt wie ein Engel. Er kommt außer Puste und zieht das Jackett aus, legt es auf den einen der beiden Haufen aus Jacken und Pullovern, die das Tor markieren. Ferdinand, geh ein bisschen sorgsamer um mit deinem Anzug – du hast nichts anderes. Ja, ist ja gut! Ich hätte Geld genug, mir einen neuen zu kaufen. Aber an welchen Baum hänge ich dann den hier? Von den Schnupfenviren nur so viel: Sie leisteten den ihnen innewohnenden Dienst und werden morgen von sich hören lassen. |