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15 Keiner sagt Gesundheit, wenn Ferdinand niest Und er niest viel an diesem Freitagmorgen. Gestern abend haben sie gefootet, bis sie den Ball kaum mehr erkennen konnten, und die Torpfosten aus Textilien in der Dunkelheit verschwammen. Ferdinand war ganz schön verschwitzt, als er das Jackett übers feuchte Hemd zog. „Wo gehstn lang?“ fragte er einen jungen Mann, mit dem er sich so manches Ball-Duell geliefert hatte. „Ich hab mei Radl hier,“ sagte der, schwang sich darauf und fuhr mit einem „Ciao!“ davon. Ferdinand erwiderte „Ciao!“ mit einem lauten a und einem ersterbenden o. Er fühlte sich recht plötzlich sehr abgespannt und müde, die Füße traten nur mit einiger Anstrengung Schritt vor Schritt. Irgendwo hatte er mal gelesen: Gehen ist eigentlich ein Stürzen, das vom jeweils nächsten Schritt aufgefangen wird. Au, das war aber kein gutes Erwachen: Niesen, Husten, ein wenig Schüttelfrost, dicker Kopp, und Alles tut weh. Fieber? Grippe? Oder Schlimmeres? Aufstehen – schwindlig. Hoffentlich habe ich keins der Rösser angesteckt, dachte Ferdinand, wohl ein bisschen im Delirium. Und keine Papiertaschentücher. Kaufen. Auch Aspirin. Kautabletten? Nein, lieber sowas Starkes. Dafür kriegt er in der Apotheke ein Glas Wasser. Kauft aber noch Kautabletten für den Rest des Tages. Dringlich rät der Apotheker, einen Arzt aufzusuchen. Ferdinands zuversichtliches Lächeln hat was vom Lächeln eines tapferen Kindes, dem gar nicht nach Lächeln zumute ist. Ein Tag ohne Cappuccino im Tambosi. Ist das zu glauben?! Heute latscht kein Ferdinand durch München, heute sitzt er auf Parkbänken oder in Bushaltestellen – regnet ja zuweilen wieder etwas - und niest und rotzt. Wo hat er sich das denn bloß geholt? Dass der Mensch immer wissen will, wo er sich angesteckt hat. Weil er ein Kausaltier ist. Dabei ist es doch völlig wurscht. Gestern das Hemd vom Ballern reichlich verschwitzt. Na klar. Ach nee!, vorgestern die rote Rotznase im Hofbräuhaus. Ziemlich eindeutig. Mensch!: Freitag!, die Ärzte haben nur bis Mittag Sprechstunde! Naja, aber Arzt? Personalien abliefern? Trotzdem: Beim nächsten Arztschild rein und rauf. Nicht mit dem Schnupfen zum Psychiater! Nein: Praktischer Arzt Dr. Alfons Zöberlein. Das ging zunächst einmal sehr gut. Es war noch kurz vor Schluss der Sprechstunde ganz schön viel Betrieb. Viele Rezepte gegen Grippe und Schnupfen waren auszufüllen und zu unterschreiben. Ferdinand war wohl nicht der einzige Grippekranke in München. Er konnte sich ohne viel Mühe am Empfang durchschieben und ging ins Wartezimmer. Da wars gar nicht mehr so voll. Er setzte sich auf einen Stuhl direkt hinter der Tür. Wenn die aufging, wurde er glatt übersehen. Das war ihm ganz recht. Zwei Frauen unterhielten sich, Nase einigermaßen verstopft: „Aber unser Doktor ist doch ein sehr guter Arzt!“ „Aber eine Grippeepidemie ist eine Grippeepidemie.“ „Naja, ob das gleich eine Epidemie ist... Mir hat er noch immer geholfen.“ „Wird er ja auch diesmal tun. Jetzt dauerts nicht mehr lange.“ „Die wissen hier auch, was sie getan haben, nach solch einer Woche.“ „Ich wollte ja erst nicht. Aber das Wochenende und kein Arzt...“ Genau das hatte ja auch Ferdinand hergetrieben. Die Praxis machte einen properen Eindruck, vielleicht eine Spur altmodisch: die Patienten wurden noch von der Sprechstundenhilfe direkt aufgerufen. Ein paar Mal ging die Tür auf, und ein Wartender nach dem anderen wurde rausgerufen. Die aufgehende Tür verdeckte Ferdinand erfolgreich. Erfolgreich? Naja, das war so eine zweischneidige Sache: Einerseits sehnte er sich nach der heilenden Hand und ein paar guten Worten des Arztes, andrerseits war er froh, dass ihn Niemand nach dem Namen fragte. Schließlich war er allein im Wartezimmer. Ein letztes Mal schaute die Sprechstundenhilfe rein, fand das Zimmer leer und machte die Tür wieder zu. Ferdinand hörte sie rufen: „Das wars, Doktor! Für heute, für diese Woche!“ Ein dumpfes „Na Gott sei Dank! Nichts wie weg!“ folgte. Ferdinand stand auf und wollte rausgehen, tat Alles schrecklich weh. Er setzte sich wieder. Was sollte er denn da draußen sagen, wenn die schon am Zusammenpacken waren? Naja, aber er musste schon raus. Schnupp-wupp-wupp, Türen fielen ins Schloss. Ferdinand machte die Tür des Wartezimmers auf. Da brannte kein Licht mehr, große Wochenendstille. Nur der Schlüssel schloss von außen ab, Schritte die Treppe runter. Ferdinand war eingeschlossen und wollte schreien. Aber er schrie nicht. Trotz sehr müden Gehirns schoss ihm durch den Kopf, dass das ein sehr gutes Wochenende werden könnte. Wurde es auch. Sehr behutsam verließ Ferdinand das Wartezimmer und inspizierte seine neue Wohnung. Tür auf: Besenkammer. Tür zu. Tür auf: Behandlungszimmer mit zwei Liegen. Merken. Tür zu. Tür auf: Sprechzimmer des Arztes, Bücher, Medikamente. Merken. Tür zu. Tür auf: Badezimmer, Heißwasserhahn probieren, floss sehr schön heiß, Stöpsel rein, Laufenlassen. Auf dem Fensterbrett stapelten sich einige Kartons mit Prof. Schmidt’s Nasenspülset JALA-NETI. Er packte eins aus und probierte es. Spülflüssigkeit rechts rein, links raus. So erfuhr er, dass die Nasenscheidewand beim Menschen oben offen ist. Naja, keine dringend notwendige Erfahrung für den Flüchtling, aber die Kanne wohl gut für den Verschnupften, der sie noch einige Male benutzte und am Ende gegen Hinterlegung von 10 Euro mitnahm. Jetzt erstmal: Tür zu. Tür auf: Küche mit Eisschrank und Inhalt, der ihn vor dem Hungertod bewahren würde. Einige Knäckebrotkartons. Im Moment hatte er gar keinen Appetit. Tür zu. Tür auf: Abstellraum, einigermaßen ordentlich, zwei wunderbare warme Zudecken, die er gleich in den Behandlungsraum brachte, denn er gedachte heiß zu baden und dann einen langen Schlaf zu tun. Er untersuchte die Medikamente im Sprechzimmer – alles unverkäufliche Muster - und fand Pillen, die gegen alle seine Symptome gut sein sollten: Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, verstopfte Nase, Niesreiz, Mattigkeit – ach, er war so matt! -, Müdigkeit. Dosierung: Gleich mal zwei nehmen, Wasserglas in der Küche, desgleichen Wasser. Ferdinand, du hast ne Wohnung. Nicht unbedingt die Wohnung eines Bankangestellten, aber verglichen mit Zirkus, Flaucher und auch Frauenkirche der reine Luxus. Er badete sehr heiß, dass er ordentlich schwitzte, aufsteigend, das war so ein Mittel von zu Hause. Ohne Frottétücher wars nicht so doll, Händehandtücher jede Menge in einem Schränkchen. Verglichen mit der Hygiene der vergangenen zwei Wochen wars das Paradies, Händehandtücher tuns auch. Hemd waschen? Nicht jetzt, mit dem Brummschädel. Saft mit viel Vitamin C im Eisschrank. Und dann hinlegen, sich schön einmümmeln in die beiden Decken, noch Einiges an Feuchtigkeit nachschwitzen. Ob der geneigte Leser es glaubt oder nicht: Ferdinand legte vorher noch seine Hose ordentlich über eine Stuhllehne, versorgte auch Jackett und Mantel auf zwei Bügeln. Susanne hat heute nachmittag wieder eine Prüfung bei Professor Kammhuber. Aber sie fährt schon früh rein, weil sie auf eine Begegnung an der bekannten Ampel hofft. Sie fährt so früh, dass sie da zehn Mal Rot abwarten kann. Aber Semmelkopp kommt nicht und singt nicht und sagt nichts. Ist er doch nicht so helle, wie sie gehofft hat? Beim elften Grün fährt sie weiter. Sie ist mit Franziska verabredet, die ihr die Prüfungsfragen noch einmal abhört. Franziska macht das wunderbar, gelassen und geduldig. Gibt Kommilitonen, die einen da wahnsinnig machen, die schlimmer sind als die prüfenden Professoren, weil sie völlig unnötige Machtspiele spielen. Über Machtgelüste müsste man mal grundsätzlich nachdenken. Da sitzt einer mit einem Buch oder einem Zettel auf dem Schoß und fragt einen Wehrlosen, der nirgendwo mehr nachschlagen kann. Eine delikate Ungleichgewichtung. Gelüste ist ja da ein sehr erhellendes Wort, Machtgelüste schiebt die Sache in ein Nebenzimmer von Sadismus. Und da war Susanne überempfindlich, wahrscheinlich, weil ihr jeglicher Masochismus so fremd und zuwider war. Die Prüfung bei Professor Kammhuber ging dann phantastisch gut. Kammhuber ist kein Prüflingsschinder, aber er gilt als unbestechlich. Er will Fakten wissen. Und wenn so ein gestresster Prüfling mal etwas nicht weiß, soll ers sagen, bloß nicht rumquatschen. So verfuhr Susanne. Die Antwort auf eine bestimmte Frage wusste sie einfach nicht. Und das gestand sie. Da wollte der Professor von ihr wissen, wo genau sie nachschlagen müsste, um die präzise Antwort zu finden. Das wusste nun Susanne einwandfrei, sie nannte sogar die Seitenzahl, mit ganz kleinem Unsicherheitsfaktor: „Ich hoffe sehr, dass es stimmt. Steht unten rechts.“ Kammhuber lächelte: „Geht doch nichts über ein mnemotechnisches Gedächtnis.“ Susanne war überfordert: „Verzeihen Sie: Was ist Mnemotechnik?“ „Gedächtnistraining. In diesem Fall über die Augen, die im Gedächtnis speichern, wo Sie was gelesen haben, auch wenn Sie das Gelesene selbst vergessen haben. Erhalten Sie sich das.“ Er schlug in einem Lehrbuch nach: „Sogar die Seitenzahl stimmt. Sehr gut.“ Das war dann das Ergebnis: Sehr gut. Susanne jubelte und rannte zu Franziska, küsste sie ab und umarmte sie: „Und das bei all meinen Problemen!“ „Vielleicht wegen all deiner Probleme. Ich freu mich für dich! Nächstes Semester bin ich dran.“ „Wenn du mich brauchst – rühr dich.“ „Danke. Aber sieh erstmal zu, dass du all deinen weiteren Mist mit so viel Bravour ablegst wie die Prüfung heute.“ „Ich bin ein bisschen fassungslos: Da jage ich Carlos zum Teufel, da brüllt mich einer an und schreit ‚Auch das noch!‘ –“ „Hat der wirklich gebrüllt?“ „Nein, ich sage das immer nur, weils so wehgetan hat – und eine Woche später mach ich die Prüfung mit Sehr gut. Ich muss meine Eltern anrufen!“ Die Virenpopulation wurde schon ein wenig dezimiert, während Ferdinand am hellerlichten Freitag in tiefen Schlaf gesunken war. |