16    Neues aus Berlin

Ferdinand hat rund sechzehn Stunden geschlafen. Zwischendurch wurde er immer wieder mal wach. Er brauchte mit seinem Brummschädel einige Zeit, ehe er sich in der völlig ungewohnten Umgebung zurechtfand. Er hatte sich vorgenommen, kein Licht zu machen, das könnte irgendwelche Anwohner irritieren. Es drang auch etwas Licht von der Straße rein, den Weg zum Klo fand er allemal. Und der Brummschädel hörte allmählich auf zu brummen, ja, das ließ nach, Gott sei Dank. Kranker Flüchtling kommt nicht weit. Das war wieder so ein ziemlich ekliges Stichwort: weit kommen. Mensch, wohin denn?

Eine so schöne und für ihn so begehrenswerte Frau so beinah kennenlernen, aber nicht ganz kennenlernen. Und so gut wie keine Chance, das in Ordnung zu bügeln. Eingesperrt in eine Arztpraxis – naja, nur übers Wochenende, aber immerhin temporäre Freiheitsberaubung. Aber auch nicht undankbar sein: mit abklingendem Schnupfen in formidabler Umgebung. Und ein sehr enervierender Traum über alle Pausen hinweg, immer wieder: Ein Baum im Berliner Grunewald, der abgeholzt werden sollte, aber da hing noch etwas drin, das musste vorher gerettet werden. Was Lebendiges? Nein, nein, eher eine Weihnachtsbaumkugel - aber die war doch schon runter - nein, der Baum wurde ja noch gar nicht gefällt - aber er konnte doch auch mit der Kugel gefällt werden - ja, die war dann kaputt oder auch nicht - der Baum muss gar nicht gefällt werden - aber er soll gefällt werden...

Er nahm nochmal zwei von den Tabletten, trank Wasser drauf, trank Orangensaft, hatte kaum Appetit und überlegte, wie er es am geschicktesten anstellt, am Montag unbemerkt wieder ins Leben schlüpfen zu können. Ins Leben? Naja. Er konnte nicht gleich rauszischen, wenn die Sprechstundenhilfe reinkam, aber er durfte auch nicht zu lange bleiben. Doch: je mehr Betrieb da war, desto leichter schlüpfte er doch weg. Keine anderen Sorgen am Samstagmorgen? Irgendwo ein Fenster aufmachen? Sollten aber die Leute ringsum nicht sehen. Plötzlicher Schreck: Es könnte ja eine Putzfrau kommen. Keine Ahnung, wie das in dieser Praxis geregelt wurde. Er wusch sein Hemd und setzte sich dann ins Wartezimmer und ließ die Tür einen Spalt weit offen.

Schreckliche Sex-Geschichten, so schamlos, interessierten ihn nur in den Tiefenschichten, wo der Lustmolch haust, hockt, lauert, west... Muss das denn in die Welt rausgeblasen werden?

Mitten in der Lektüre stand er auf und ging im Sprechzimmer des Arztes zum Telefon und rief Susanne in Berlin an: „Hallo, Susanne, ich bins!“ „Ferdinand! Wo bist du?“ „Sage ich nicht. War Polizei da?“ „Ja, Anfang der Woche. Ich hab nichts gesagt, aber ich glaube, die Boettiger hat denen was gesteckt.“ „Was?“ „Naja, dass wir zusammen leben oder so.“ „Was hast du gesagt?“ „Och, nichts Schlimmes, nichts von den Asienmännern und auch nichts, dass du angerufen hast. Hattest du mir ja befohlen. Nur, dass du weg bist und ich habe keine Ahnung, wo du hin bist.“ „Hattest du noch mal mit dem Gangster zu tun?“ „Nein, nichts. Dem hattest du ja ganz schön Bescheid gestoßen. War gut!“ „Was sagen sie in der Bank?“ „Och, nichts Besonderes. Geht wie alle Tage. Der Effel kuckt mich manchmal ein bisschen traurig an. Frau Boettiger macht deinen Schalter, kriegt aber manchmal Ärger, weil sies nicht so gut macht wie du.“ „Bin ich denn noch auf der Gehaltsliste?“ „Nein. Ich selber musste dich da löschen. Hat der Chef selber angeordnet. Was sollte ich machen?“ „Bist du clean?“ „Ja, seit du weg bist nicht ein bisschen mehr.“ Wenn das stimmte, wars kein Bonus für Ferdinand: mit mir haschte sie, ohne mich nicht. Aber vielleicht log sie. Aber es kam noch was:

„Und unser Kind?“ fragte er. „Dem geht’s gut, strampelt manchmal so süß! Der Heinz liebt es auch schon so.“ Ferdinand war denn doch reichlich erstaunt: „Wieso der Heinz?“ „Der wohnt ja jetzt hier, seit Mittwoch, nee, seit Dienstag - ist er eingezogen. Er ist sehr nett zu mir. Wir verstehn uns prima! Wir machen viel Quatsch, also so lustigen Quatsch.“ Ferdinand schwieg. „He, bist du noch da?“ „Jaja, ich habe das nicht erwartet, dass der Heinz da jetzt wohnt. Soll ich gar nicht wiederkommen?“ „Naja, kannst schon, aber – wenn du noch ne Weile wegbleibst – wär auch gut.“ Sie singsangelte wie die Kinder beim Versteckspielen: „Bleib, wo du bist, und rühr dich nicht...“ „Und meine Sachen?“ wollte Ferdinand noch wissen. „Die passen dem Heinz ganz toll! Vor allem in dem Übergangsmantel, weißt schon, dem braunen, da sieht er todschick aus.“ „Susanne -?“ „Ja?“ „Ich weiß nicht, wies bei mir weitergeht...“ „Gehts dir nicht gut?“ „Doch, eigentlich ganz gut. Ich meld mich mal wieder.“ „Ja, mach das. Tschüs.“ „Und erzähl keinem, dass ich angerufen habe Tschüs.“

Jetzt wäre Ferdinand gerne die Ludwigstraße rauf- und runtergegangen, ziemlich schnell, seine Denk-Straße. Eingesperrt beim Arzt, noch 48 Stunden. Auf der einen Straßenseite: Susanne I und ich in Berlin – wir haben uns eigentlich nur noch gegenseitig gequält am Schluss, aber dass da ein anderer in meinen Revieren wildert, - also so ganz frei von Eifersucht bin ich nicht, nein. Auf der anderen Straßenseite: Susanne I und Heinz, die passen eigentlich ganz gut, machen viel Quatsch zusammen. Wir passten ja nicht zusammen. Wir haben eigentlich nie Quatsch gemacht. Das wäre schon eine Lösung. Aber das Kind?

Plötzlich stieg ein furchtbarer Verdacht in ihm hoch. Er rief nochmal in Berlin an: „Susanne, ich bins nochmal, -“ „Gut, dass du nochmal anrufst. Ich hab ganz vergessen, dir zu sagen, dass Heinz und ich heiraten wollen. Ganz in weiß, auch eine weiße Kutsche. Und Heinz auch ganz in weiß. Irre teuer.“ Ferdinand musste tief Luft holen, versuchte, ganz gelassen zu bleiben: „Wann wollt ihr heiraten?“ „Wissen wir noch nicht. Vielleicht heiraten wir auch im Knast.“ „Im Gefängnis?“ „Ja, der Heinz muss da vielleicht noch was absitzen. Er sagt, wenn er morgen vor Gericht steht, - die könnten ihm nichts nachweisen.“ Das ist nur ein furchtbares Durcheinander für Ferdinand: „Wieso muss er dann in den Knast?“ „Naja, er weiß ja auch nicht. So Heiraten im Knast wär ja auch super. Dann natürlich nicht in weiß und ohne Kutsche, alles ganz schlicht, sparen wir ne Menge Knete.“ „Susanne, weshalb ich nochmal anrufe: Unser Kind – ist das eigentlich unser Kind?“ „Was meinst du?“ „Könnte auch Heinz der Vater sein?“ „Das könnte sein, ja, Kind von uns allen. Das sehn wir, wenns da ist - wems ähnlicher sieht.“ „Tschüs.“ Ferdinand hängte ein.

Und nicht rauszukönnen aus dieser Wohnung. Er tigerte eine halbe Stunde durch alle Räume. Zorn, Wut, Erleichterung, Rachegefühle, Freiheiten. Alles zusammen und alles zugleich, eine schreckliche Mischung. Aber wars nicht eigentlich ganz egal, wer da Vater war? Wichtig war doch nur, dass ein Vater da war, egal, ob er dem Kind ähnlich sah oder nicht. Und Heinz schien ja die Partie übernehmen zu wollen. Und diese denn doch etwas rätselhafte Berliner Susanne: Kein Wörtchen Mitgefühl mit ihm, der doch eine geraume Zeit ihr enger Partner war und sich verdünnisiert hatte ohne Abschied, einfach so: heiratet den Heinz. Ferdinand konnte nicht umhin, sie ein wenig – ja: zu bewundern. Es war doch gut, war ja auch Entlastung. Sie hatte den Schritt aus der Hölle getan, wenns auch vielleicht nur eine Vorhölle war.

Ja, eine Weile war das ganz gut. Aber dann kamen wieder die anderen Gedanken, die mehr sperrigen. Eine Seite aus dem Leben einfach rausreißen? Nicht doch: umblättern. Ein Kapitel wurde soeben beendet. Es wäre sogar Wiederaufnahme möglich. Aber nur in einem neuen Kapitel, auf neuen, ganz leeren Seiten. Nein, eher nein. Sehnsucht nach Susanne II in München. Bloß wo, wo, wo wäre ihr Rockzipfel zu fassen oder gar ihr schöner Hintern... Zu fassen? Ja, klar, er war doch jetzt viel freier als noch vor fünf Minuten. Er versuchte es nochmal im Wartezimmer mit den Illustrierten. Nee, ging jetzt nicht mehr. Was essen, Kummer macht Hunger. Einen Kräutertee aufbrühen. Knäckebrote, eins mit Marmelade, eins mit feiner Leberwurst. Als Junge hatte er immer Lebenswurst gesagt. Mahlzeit.

Es gab keinerlei Muss mehr, nach Berlin zu fahren und der dortigen Susanne beizustehen. Jetzt war er erst wirklich vogelfrei, und das war nicht nur ein gutes Gefühl. Es gibt das, dass man eine neue Identität bekommt. Ganoven machen das, schicken die Kumpels zu Gesichtsoperationen – Schweigepflicht des Chirurgen erkaufen! - oder die Polizei sorgt dafür, damit die Ganoven keine Rache an einem nehmen können. Aber dazu war er ein zu kleiner Fisch. Scheiß-Quarantäne, in der man nicht die Ludwigstraße rauf- und runtergehen kann.

Susanne II in München – Keine Angst: ich Alleskieker webe an deinem Glück. Wir Schriftsteller sind Weber, vom Himmel aufgerufen, sehr feine und schöne Muster zu weben, von der Hölle, sehr hässliche, scheußliche, böse, strangulierende. Und das geht auch noch manchmal durcheinander, da ist Feinsinn plötzlich Sünde, und Scheußlichkeit notwendige Pflicht, die in schönste Poesie münden kann. Kann. Susanne, du wirst von deinem Autor Alleskieker nicht verlangen, dass er dir nur Edles aufs Lebensbrot schmiert. Aber er liebt dich.

Susanne, du hast gestern einen feinen Sieg errungen, ein ‚Sehr gut‘ in der Prüfung, vor der du so viel Angst hattest, du bist seit fast einer Woche das Schwanz-Monster los. Nimm dir doch mal ein bisschen Zeit, dich darüber zu freuen! Ja, aber – nun ja, der Brüller, der nicht gebrüllt hat, ist verschwunden. Susanne ist fest entschlossen, so lange an der Ampel zu warten, bis der Kerl wieder auftaucht, damit sie ihm die Liebespranken ins Fleisch krallen kann. So lange? Jedenfalls sehr lange. Es gab ja gar keine andere Chance. Dann malte sie behutsam den Terminkalender der nächsten Woche auf ein Blatt Papier: Die beiden mündlichen Prüfungen am Mittwoch und Freitag. Das Lernpensum wird mit jeder Prüfung weniger – wunderbar! Damit Susanne nicht zu sehr frohlockt, springt ihr die schriftliche Arbeit ins Genick. Die Phase ‚Ist ja überhaupt nicht zu schaffen‘ verblasst etwas, sehr zögerlich dämmert sowas wie ‚Mit einigem Glück, mit viel Geschick könnte das zu schaffen sein‘.

Dann klopft es an der Tür; sweet sixteen Liliane will wissen, ob die Schwester mitkommt, oder ob sie immer noch lernen muss, dass nach der dritten Vergewaltigung ein Victomologie-Gutachten ausgestellt werden muss. „Ich komme mit. Schließlich habe ich gestern eine Eins bekommen. Und morgen ist Sonntag. Es heißt nicht Victomologie, sondern Victimologie, Victima ist das Opfer oder Opfertier. Und ein Gutachten wird nicht ausgestellt, sondern erstellt. Wo wollen wir denn hin?“ „Vielleicht zu unserem alten Italiener?“ „Nein, da gehe ich nicht hin. Da könnte Karl sein, mach ich nicht.“ „Wir finden was anderes. Unten wartet Kim, süßer Junge aus Java, Kollege, schon seit seinem zweiten Lebensjahr in München. Dann gehen wir vielleicht javanisch essen.“ Susanne ahnte da ganz zarte Verbindungsschlieren zwischen Liliane und dem Javajungen Kim. Es wurde ein schöner Abend.

Die Viren auf panikartigem Rückzug, Gesundung in Bälde