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17 Treue ist die letzte Dekadenz Ferdinand schlief schon wieder fest gestern abend, so um 10 Uhr. Da wachte er auf von Geräuschen und Stimmen. Licht im Flur beim Empfang. Ferdinand beeilte sich, ebenfalls Licht zu machen, das aus der nur angelehnten Tür fiel. Gleich rief eine Männerstimme: „Ist da wer?“ „Ja.“ „Einbrecher?“ „Nein.“ „Bewaffnet?“ „Nein nein.“ Ferdinand trat in seiner Unterwäsche auf die Diele: „Ich hoffe, dass Sie auch unbewaffnet sind. Nein, sind Sie nicht.“ „Wo wäre meine Waffe?“ „Das schöne Mädchen da. Ich muss Ihnen was erklären.“ „Das glaube ich auch. Aber machen Sies kurz.“ „Kurz, ja: - Ich bin Penner, kriege einen ganz ekelhaften Schnupfen, gehe zum Arzt und werde fürs Wochenende eingeschlossen, was nicht im Geringsten meine Absicht war, das müssen Sie mir bitte glauben. Ich finde Medikamente, eine Wanne, heißes Wasser, eine Liege, zwei Decken, schlafe fast 16 Stunden. Und war jetzt schon wieder eingeschlafen. Ende meiner Erkältung und meiner Erklärung.“ „Sie verlassen die Praxis. Die Polizei werde ich nicht einschalten. Meine Freundin soll hier schlafen.“ „Henne, das kannst du nicht machen. Den kranken Mann in die Nacht jagen. Hier ist doch wohl Platz für zwei.“ Henne schwieg, schaute beide an, Ferdinand in der Unterwäsche, das Mädchen, das auch Richtung Unterwäsche kuckte. Ziemlich schrille Handy-Klingel. Henne holte es aus der Tasche und meldete sich: „Zöberlein? – Ach, Mama, wir sind kurz vor dem Kreuz Brunnthal. Ja, also – wir - ich hab einen Anhalter mitgenommen, - ja, bin bald zu Hause. War ein wahnsinniger Stau ab Brenner, fast vier Stunden nur stop-and-go. Jaja, Hunger hab ich schon noch. Nein, der steigt gleich aus, ich komm alleine. Bis gleich. Tschüs.“ Er schaltete aus und steckte das Gerät weg: „Ich lass euch nicht gern alleine. Aber manchmal gehts ja im Leben nicht ohne Risiko. Schnuckel, Gute Nacht. Ich seh zu, dass ich morgen möglichst bald von meiner Mutter loskomme. Wenns gar nicht anders geht, komme ich dann jedenfalls abends und bringe dich zur Bahn. Herr –?“ „Brennicke,“ beeilte sich Ferdinand zu sagen, „Andreas Brennicke.“ „Herr Brennicke, Sie beschützen meinen Schnuckel. Und machen Sie beim Beschützen keine schiefen Sachen. Ich kann da sehr unangenehm werden.“ Er umarmte das Mädchen und ging: „Tschüs!“ Von draußen schloss er zu. Das Mädchen – nett gesagt – lächelte, etwas weniger nett: grinste: „Eingeschlossen beim Onkel Doktor, schönes Mädchen – das haben Sie selbst gesagt - und Mann in Unterhosen.“ Ferdinand ging ins Behandlungszimmer: „Ich hol meine Hose.“ Sie war schön frech: „Lohnt doch nicht mehr. Oder willst du nicht mit mir schlafen?“ Ferdinand schwieg. Sie redete weiter: „Son ‚Machs mit‘ habe ich immer mit. Oder bist du ein impotenter Penner?“ Ferdinand versuchte, sehr überzeugend zu sein: „Ja.“ „Glaube ich dir nicht. Wasn los?“ „Verliebt.“ „Ach du Scheiß! Ist sie schöner als ich? Kann sies besser?“ „Ich hab sie noch gar nicht und bin schon treu.“ „Treue ist die allerletzte Dekadenz.“ „Ja.“ „Glaubst du gar nicht.“ „Nein.“ „Nicht so ganz einfach mit dir.“ „Ja –“ Er musste lachen: „Nein. Enten sind auch dekadent.“ „Was?“ „Leben vorwiegend monogam.“ „Sag bloß die führen son Eheleben wie wir Menschen.“ „Ja, Enten sind echt treu, viele Vogelarten auch.“ „Mensch, ich werd nicht mehr – da respektiere ich doch tatsächlich dein Gequatsche. Erzähl von deiner Dekadenz.“ „Da gibt’s nicht viel zu erzählen, ist ja alles davor.“ „Wieso bistn Penner?“ „Polizei ist hinter mir her.“ „Also doch, muss ich hier mit einem Mörder übernachten.“ „Nein. Höchst dilettantischer Klein-Gauner.“ „Auch interessant. Erzähl.“ „Nein, sind lauter Geheimnisse. Wollen wir nicht was essen?“ „Ja, ich hab Hunger. Was gibts denn?“ „Was Sprechstundenhilfen so horten: Kräuterquark, bisschen Aufschnitt, Joghurt, Marmelade.“ „Und zu trinken?“ „Schokotrunk. Da steht auch ein Piccolo im Eisschrank.“ „Genau richtig. Her damit!“ „Ich decke mal den Tisch.“ Sie kam zu ihm, setzte sich auf einen Stuhl am Küchentisch: „Also, viel habe ich mir ja nicht vorgestellt, als Henne mir die Praxis als Nachtquartier anbot. Und das hier ganz bestimmt nicht.“ „Warum schläfst du denn nicht bei ihm?“ „Die Eltern haben was gegen mich. Kann ich ihnen nicht verübeln. So doll bin ich für Bürgerliche nicht. Aber Henne hat sich so richtig in mich verkuckt.“ „Liebst du ihn?“ „Nein. Als die Eltern noch mit da unten in Südtirol waren, haben wir viel Katz und Maus gespielt. Als wir das nicht mehr mussten, wurde es ziemlich fade. Die Eltern mussten früher nach Hause.“ „Gibt nichts Schlimmeres als fade Liebschaften.“ „Klingt, als hättest du Erfahrung?“ „Naja, nicht direkt fade. Aber wenn aus Mitleid keine Liebe wird.“ „Hör auf, kenne ich. Ich finds ja doch ein bisschen schade, dass ich mit dir nicht schlafen kann. Erzähl mal.“ „Ich hab sie dreimal gesehen, in Kunstausstellungen, beim dritten Mal hat sich mich draußen auf der Straße abgefangen und hat gesagt: ‚Hallo, ich bin die Susanne.‘“ „Hast du gesagt: ‚Hallo, ich bin der Andreas.‘“ „Nee, eben nicht. Ich hab gesagt: ‚Auch das noch!‘“ „Warum denn um Himmelswillen?“ „Weil ich eine Susanne in Berlin habe, mit der es nicht klappt.“ „Die, bei der aus dem Mitleid keine Liebe geworden ist?“ „Genau die. Kann man doch verstehen, dass ich sage: ‚Auch das noch.‘“ „Naja, ein bisschen mehr Geistesgegenwart wär schon – Gehts noch weiter?“ „Ja, ein wahnsinniges Glück beschert sie mir zwei Tage später auf dem Fahrrad an einer Ampel. Sie heult sich die Augen aus. Ich singe: ‚Warum denn weinen...,‘“ „Marlene.“ „Genau.“ „Ist sie dir um den Hals gefallen!“ „Nein, sie hat wahnsinnig schön gelächelt, und dann ist es Grün geworden und sie ist weggefahren.“ „Bist du sicher, dass sie wahnsinnig schön gelächelt hat?“ „Ganz ganz ganz sicher.“ „Klingt glaubwürdig. Und?“ „Ja, nichts und! Aus! Ende! Schluss!“ „Gute Nacht.“ „Jetzt weißte auch nicht weiter.“ „Nein, vor allem nicht in einer Arztpraxis, Sonnabendnacht mit einem Jungen, der nicht mit mir schlafen kann, weil er in soner Geschichte zum Heulen steckt. Ich bin müde. Gute Nacht.“ Ferdinand wachte am heutigen Sonntagmorgen sehr erleichtert auf, fühlte sich wie neugeboren. Wo war der Schnupfen? Er zog sich an, schaute nach dem Mädchen. Sie lächelte ihn an. Er fragte: „Gut geschlafen?“ „Sehr gut. Und du?“ „Phantastisch! Ich melde den Verlust der gesamten Virenpopulation, alle Reste heute Nacht massakriert. Können einem ja schon beinah wieder Leid tun.“ „Also, Mitleid mit Viren? Mit Tieren ja, aber nicht mit Viren. Glaubst du, dass du einen Kaffee zustandebringst?“ „Ich werde mein Bestes tun.“ Ferdinand ging in die Küche und bereitete ein kleines freundliches Frühstück. Beim Essen sagte das Mädchen: „Ich weiß, wie du an deine Susanne kommst.“ „Also, wenn du das wüsstest –“ „Ich weiß es: Du musst an die Ampel gehen und so lange warten, bis sie vorbeikommt. Was war denn das für eine Uhrzeit?“ „Morgens kurz nach sieben.“ „Könnte sein, dass sie aus dem Bett von ihrem Freund kam, wegen dem sie geheult hat. Ist aber eher anzunehmen, dass sie da jeden Morgen vorbeikommt auf dem Weg zur Arbeit.“ Ferdinands Augen glänzten: „Klingt genial. Was mach ich, wenns klappt?“ „Musst du sie vom Rad schubsen und ihr beim Aufstehen helfen.“ „Klingt brutal.“ „Du musst alles tun, dass sie dir nicht wieder davonsaust!“ „Jaja, aber ob Vom-Rad-Schubsen da das geeignete Mittel ist...“ „Wenn dir was Besseres einfällt –“ „Tut mir richtig Leid, dass ich nicht mit dir schlafen wollte.“ „Komm, lass das jetzt. Das war gestern abend. Und Jungenssex aus Dankbarkeit – nein, danke.“ „Ich muss dann meine Eltern anrufen, die sind in Spanien. In dieser Wohnung gibt’s viele Söhne, die ihren Eltern am Telefon was vorlügen.“ Ferdinand telefonierte: „Hallo, Mutti, hier ist Ferdinand.“ „Hallo Ferdinand, alter Junge. Wie geht’s?“ „Gut so weit. Und euch?“ „Ihr habt kein gutes Wetter in Berlin. Wir sehen hier jeden Abend ZDF.“ „Naja, der Herbst kommt. Und ihr habt wahrscheinlich phantastisches Wetter.“ „Phantastisch! Noch wunderbar warm und Sonne pur von morgens bis abends. Vati ist sehr fleißig, macht die Pergola beim Kücheneingang.“ „Kannst du die Kartoffeln im Schatten schälen.“ „Genau. Und was gibt’s Neues bei dir?“ „Eigentlich gar nichts. Es herbstelt und –“ „Ferdinand, du bist auch langweilig, redest nur vom Wetter.“ „Was meinst du mit auch?“ „Naja hier – also nächstes Jahr wollen wir nicht mehr so lange auf die Insel gehn. Nur die wirklichen Wintermonate. Du wirst lachen: mir fehlt die Oper. So November bis Februar vielleicht.“ „Aber dies Jahr bleibt ihr noch?“ „Jaja, wir haben ja den Rückflug gebucht, 14. April.“ „Gut.“ „Könntest ja auch sagen: So lange noch?, ich hab Sehnsucht nach euch.“ „Naja –“ „Lass gut sein. Ich weiß ja, dass du uns lieb hast.“ „Könnt ihr sicher sein.“ „Schön. So – gibt’s noch was Wichtiges?“ „Ich denke nicht, nein.“ „Also dann – bis nächsten Sonntag. Tschüs, Ferdinand!“ „Tschüs, Mutti, grüß Vati!“ Das Mädchen hatte sehr genau zugehört: „Wie heißt du?“ „Auch ein Klein-Gauner muss gewisse Vorsichtsmaßregeln beachten. Ich heiße Ferdinand.“ „Und du bist nie und nimmer ein Gauner.“ „Klein-Gauner.“ „Winzig-Gauner allerhöchstens. Würde ich schon gerne ein bisschen was wissen.“ „Aber du kannst verstehen, dass ich die Klappe halte.“ „Jaja, friss du nur deinen Murks in dich rein...“ Sie hatten eine gute Zeit, redeten noch ne Menge, Ferdinand las noch ein bisschen in den Illustrierten, fand auch halbwegs Seriöses, - nein, er ist da ja gar kein Kostverächter, aber es gibt schon schlimmes Zeug im Blätterwald, mit Sexualitäten – zum Grausen. Das Mädchen fand im Sprechzimmer ein Buch, in dem sie lange las. Mittags gabs Fertigsuppen und Knäckebrot. „Bin ja mal gespannt, wann der Henne kommt.“ „Wann geht denn dein Zug?“ fragte Ferdinand. „19 Uhr 42.“ „Dann kommt er nicht vor sieben.“ Susanne überlegte, ob sie am morgigen Montag ihre Frühtour nicht auslassen sollte, sie könnte erstmal zwei oder drei Stunden zu Hause lernen. Nein, geht nicht: Chance auf Jungensfleisch an der Ampel zwecks Prankereinkrallen unmöglich auslassen. Und wenn ich da Jahre warten muss. |