18    Das Grün an der Ampel führt ins Verderben

Dann kam gestern Abend schließlich Henne. Ferdinand hatte richtig getippt: Es war kurz vor sieben. Er entschuldigte sich gleich: „Tut mir wahnsinnig Leid, Schnuckel. Aber ich konnte nicht früher weg. Du wirst vielleicht denken, ich bin ein Muttersöhnchen.“ „Bist du nicht?“ „Doch, aber – bei meinen Eltern steht nicht alles zum Besten, und da bin ich dann so eine Art Brückenpfeiler. Mir gehts mächtig auf den Keks, aber meine Mutter hat mich dann gerne in der Nähe. Ich kann da nicht Nein sagen.“ „Gefällt mir, könnte mich glatt neu in dich verlieben.“ „Leider müssen wir,“ sagte Henne, „sonst kriegst du deinen Zug nicht. Herr Brennicke, wollen Sie denn nochmal hier schlafen?“ Ferdinand überlegte und vergaß das Wichtigste: „Fände ich ganz schön, ja.“

Aber das Mädchen protestierte vehement: „Ferdinand, du kannst nicht hier übernachten!“ Henne war erstaunt: „Ich denke, er heißt Andreas?“ Ferdinand erklärte: „Warum nicht? Ich komm morgen früh schon irgendwie hier raus.“ Das Mädchen konterte fassungslos: „Aber du musst um sieben an der Ampel sein!“ Das war sehr hart für Ferdinand, ihm stockte kurz der Atem: „Booooch - Also – das deprimiert mich jetzt aber, dass ich das vergessen habe, wirft kein gutes Licht auf meine Liebe...“ „Kannste laut sagen.“ „Aber du behältst es bitte für dich.“ Sie lachte: „Nein, ich steh morgen um sieben an der Ampel und petze deiner Susanne alles.“ Henne drängelte ein bisschen: „Holst du bitte deine Sachen. Wir müssen.“

Ferdinand zog das Jackett an, holte Mantel, Schirm und Tasche und ging ins Treppenhaus. Henne fragte erstaunt: „Mehr haben Sie nicht?“ „Ich habe Ihnen ja gestanden, dass ich ein Penner bin.“ Beim Verabschieden viel Lächeln zwischen dem Mädchen und Ferdinand. Sie hauchte einen Kuss auf seinen Bart. Bei Henne bedankte er sich. „Wofür?“ „Der Weg zur Polizei war geebnet. Hausfriedensbruch oder sowas.“ „Schon gut.“

Ferdinand ging noch einmal zum Terrain seiner geplanten Eroberung: Ampel und Kandelaber an der Ecke Ludwig- Von-der-Tann-Straße. Er beschloss, in der Unterführung so weit runterzugehen, dass er sie ankommen sah, sie ihn aber nicht gleich erkannte. Wenn sie hielt, raufzujagen, hinten um die Brüstung rum und das Wild zu fangen. Nicht vom Rad schubsen, da fiel ihm was Besseres ein: Wenn sie antreten wollte, von hinten den Gepäckträger anheben, so dass das Hinterrad im Leeren drehte. Hatte er früher bei seiner Schwester gemacht, ging prima.

Er schlief tief und fest und gut. Wo? Der Zirkus war weg. Das haben solche fahrenden Gewerbe so an sich. Ich werde die Pferdewärme vermissen und den Geruch. Die Tage waren meist noch einigermaßen warm, aber morgens wirds oft doch schon sehr kalt. Heute Nacht auf den zwei Biergarten-Bänken im Flaucher – wenigstens ein Dach über dem Kopf.

Schon um 6 Uhr 30 bezog er Posten am Kandelaber. Um nicht aufzufallen, ging er immer mal ein paar Stufen rauf, dann wieder runter. Es benutzten aber so früh nur wenige Passanten die Unterführung, Thema ‚Auffallen‘ stand eigentlich nicht zur Debatte. Beim Raufgehen hatte er sein Schussfeld nicht im Auge. Posten, Wild, Schussfeld, - Jägersprache – son Quatsch! Naja, stimmte ja schon ein bisschen, auch wenns keine kapitale Hirschkuh war, mehr so ein Reh, son Reh hat ja auch einen sehr schönen Hintern. Lass das, Ferdinand! Es dauerte aber schon noch etwas mehr als eine halbe Stunde. Mensch, wie lang kann eine halbe Stunde sein! Dann kam sie. Klappte sehr gut, die Treppe raufgerast, hintenrum. Aber sie hatte Grün und fuhr durch. Ferdinand starrte ihr atemlos nach mit offenem Mund. Er drehte um, ging Richtung Feldherrenhalle.

Etwa auf der Höhe der Bayerischen Staatsbibliothek fiel Susanne ein, dass sie am vergangenen Prüfungsfreitag zehnmal die Ampelphasen abgewartet hatte. Heute, wo keine Franziska auf sie wartete, fuhr sie durch. Das konnte sie sich nicht erklären. Und sie war ziemlich giftig auf sich selber. Sie bremste und fuhr zurück gegen den Radlverkehr. Das ging gut, das Ergebnis machte sie aber sehr sauer: an der nächsten Ecke, zu der er sie am vergangenen Montag mit vielversprechenden Augen und kleiner, aber sehr eindeutiger Kopfbewegung unter Absingen von Marlene-Schmalz gewunken hatte, stand weit und breit Keiner. Ob Einer dagestanden hat, als sie durchfuhr?

Ferdinand war natürlich gegangen, weil der Blick aufs Siegestor mit der davonradelnden Susanne nun wahrlich nicht sehr erheiternd war, zumal er ihn ja genau kannte: genauso war sie weggefahren, als er ihr was vorgesungen hatte. Er ging ein Stückchen zurück, dann links rein, zwischen Landwirtschaftsministerium und Prinz-Karl-Palais gabs den idyllischen kleinen Finanzgarten. Da setzte er sich auf eine Bank und wartete auf die Eröffnung des Tambosi, das er dann durch den Durchgang in der Galeriestraße und ein Stückchen Hofgarten zur Cappuccino-Zeit erreichen würde. Ganz langsam wurde ihm wunderbar warm ums Herz. Er konnte sich das zuerst gar nicht erklären, dann aber dämmerte die schöne Erkenntnis, die alsbald zur herrlich schmetternden Gewissheit wurde: Er hatte sie wiedergesehen! Sie fuhr hier also morgens kurz nach sieben lang, vorigen Montag, diesen Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag – langsam, langsam, Dienstag genügt doch erstmal! Tiefes Ausatmen. Kusshand in den Himmel zu dem Mädchen, mit dem er nicht schlafen wollte, dessen Namen er nicht mal kannte. Schnuckel sagte der Arztsohn zu ihr.

Nur ein Stückchen nördlich, Veterinärstraße 1, setzte sich Susanne an ihren Arbeitsplatz. Bei ihr dämmerte was ganz anderes: Sie hatte ihn wohl für intelligenter gehalten, als er war. Der kam nicht darauf, dass sie da täglich vorbeifuhr, und er ihr bloß auflauern müsste, lauern klingt kriminelle, sagen wir: auf sie warten müsste. Wenn man jetzt Gedanken adressengenau verschießen könnte! Einfach so: ‚An Semmelgesicht ‚Auch das noch!‘ So was wie SMS, aber ohne Handy. Kann keiner. Nicht aufgeben, Dienstag, Mittwoch (Prüfung), Donnerstag, Freitag (Prüfung). Aber allzu lange ging das nicht. Entweder er hats gespannt oder nicht. Nach zwei Wochen fällt ihm das nicht mehr ein. Dauerte ziemlich lange, bis Susanne einigermaßen systematisch arbeiten konnte. Aber wunderbarerweise flutschte es dann recht gut, der Tag war nicht verloren.

Muss geneigter Leser sich mal klarmachen: Wenn unser Ferdinand sichtbar am Kandelaber gestanden hätte, hätte Susanne trotz Grün natürlich angehalten. Aber weil er wegen schlechter oder jedenfalls widersprüchlicher Erfahrungen vor einer Woche mit seinem Marlene-Hit Angst hatte, wenn er da so auffällig steht, dass sie ihn dann wieder fliehen würde, ging er ein paar Stufen die Unterführung runter. Da fuhr sie bei Grün ohne viel zu kucken durch. Er muss sie sprechen, er muss ihr ‚Auch das noch‘ erklären. Nun, da sein Kind einen Nebenvater bekommen hatte, war doch alles viel leichter geworden. Da, wo dieser Kandelaber steht, da vibriert die Ludwigstraße über winzigsten Erdstößen, da zittert die Luft wie manchmal in der Sommerhitze über dem Asphalt. Natürlich nur für Susanne und Ferdinand, für alle anderen Verkehrsteilnehmer ist da gar nichts auffällig. Tiere sind ja seismografisch viel empfindlicher. Ein Hund soll gestern am Kandelaber sehr intensiv geschnuppert haben. Nein, gepinkelt hat er nicht.

Um das nachzutragen: Die Sprechstundenhilfe sagte am Morgen: „Herr Doktor, es muss übers Wochenende Jemand in der Praxis gewesen sein.“ „Wie kommen Sie denn darauf?“ „Uns fehlen etwas Leberwurst im Eisschrank, Knäckebrot und ein Piccolo.“ „Das gibts doch nicht.“ „Also, wegen der Leberwurst machts ja nichts, aber dass der Piccolo weg ist...“ „Ihr seht Gespenster.“ Wunderbar, wie so ein Boss eine Sache erledigen kann. Um auch das noch nachzutragen: Nachmittags fiel dem Doktor ein Buch auf, dass er ganz bestimmt nicht aus dem Regal genommen und auf die Sofalehne gelegt hatte. Und eine Nasenspülkanne fehlte; dafür lagen 10 Euro auf dem Tresen.

Liliane hatte einen guten Tag. Ihre Chefin – also nicht die oberste Ballettdame, aber für die Elevin doch eine Chefin, hieß Tonia Werres – sagte ihr nach dem Training im Großen Ballettsaal, als alle anderen schon draußen waren, dass die Caven ein Baby bekomme, und ob sie, Liliane, am 26. Oktober ihre Rolle im ‚Sacre du printemps’ tanzen wolle – Umbesetzung. Liliane wusste gar nicht, was sie sagen sollte, so dass die Werres schon fragte: „Oder willst du nicht?“ Dann sprudelte es aus Liliane raus: „Dooooch! Und wie ich will! Das ist wunderbar. Danke, danke!“ „Bitte, sprich noch nicht darüber. Du weißt, dass du nicht nur Freunde in der Truppe hast.“ Liliane seufzte: „Das weiß ich – ja...“ „Weißt du eigentlich, dass du sehr schön bist?“ Liliane senkte den Kopf: „Ja – das weiß ich auch.“ „Sei mal nicht verlegen deshalb. Das ist eine wunderbare Gabe. Und es ist gut, dass du es weißt. Ihr alle wisst, was ihr zu tun habt, wenn ich ‚En avant!‘ rufe, eine Schöne soll wissen, dass sie schön ist. Das hat nichts mit Zickigkeit oder Eitelkeit zu tun. Hüte diese Gabe. Wir fangen dann zu proben an, zunächst getarnt als Übungen.“ Liliane strahlte: „Ich kann den Part fast auswendig!“ Die Werres küsste sie flüchtig und ging aus dem Saal. Liliane diagonalte mit großen Sprüngen einmal durch den Saal und noch einmal zurück.

Dann kam sie später als die anderen zum Duschen. Da stand die ekelhafte Kollegin Ingrid, so ein ziemlich großes, drahtig-sehniges Antiliebespaket, die sofort geiferte: „Erst bin ich dran!“ Liliane versuchte es wie immer mit freundlicher Ironie (was möglicherweise ganz falsch war): „Ich werde doch der großen Ingrid nicht die Duschkabine wegschnappen.“ „Was wollte denn die Werres von dir?“ „Nichts weiter. Ich hatte zwei Tage Urlaub eingereicht.“ „Und?“ „Hat sie gestrichen.“ Ingrid verschwand in einer freiwerdenden Dusche.

Liliane wäre gerne nach Hause getanzt. Zwei Haltestellen ging sie zu Fuß. Aber wer genau hinschaute, merkte, dass sie eigentlich tanzte, keine Pirouetten oder hohe Sprünge, aber wunderbar elegante Wechselschritte, auch ein oder zwei Drehungen. Bei der zweiten Haltestelle kam gerade die Straßenbahn. Da stieg sie denn doch ein, setzte sich und wurde ganz ruhig.