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19 Rote Ampel ist besser – na endlich! Heute früh, 7 Uhr 12, Ferdinand steht auf der sechsten Stufe in der Unterführung, da kommt sie angeradelt, es ist Rot, sie muss halten, sie schaut sich rechts und links um, vor allem nach rechts zur Ecke vom Landwirtschaftsministerium, sie sieht den von hinten rasch heranpirschenden Ferdinand nicht. Es wird grün, sie will lostrampeln, Ferdinand greift mit geübtem Griff ihren Gepäckträger, hebt an, gar nicht viel, das Hinterrad dreht in der Luft. Susanne schaut zurück, strahlt – sowas von Strahlen! - über den Ersehnten, kippelt, stürzt fast, schmeißt das Rad hin, dass die nachfolgenden Radfahrer fluchen, packt den Ferdinand, beugt ihn rücklings über die Brüstung der Unterführung und knutscht ihn mit neun Uhrzeigerküssen ab. Weil sie ja ein bisschen größer ist, geht das sehr gut. Uhrzeigerküsse beginnen am linken Ohr, gehen über den ganzen Unterkiefer zum rechten Ohr. Bevor Ferdinand überhaupt zupacken oder gar erwidern kann, lässt sie ihn los und hebt ihr Rad auf und will beim letzten Grün noch abzischen. Aber Ferdinand fällt ihr mit einem Hechtsprung in den Lenker: „Schluss! Ich kriege jetzt ein Date oder – ich schlage dich kurz und klein! Ich bring dich um! Wann? Wo?“ Sie lacht: „Umbringen?“ „Nein, Date, Treffen, Wiedersehn!“ „Ich muss zur Arbeit.“ „Die hört auf. Wann? Wo?“ „Heute abend, 18 Uhr, pünktlich, Veterinärstraße 1! Wie heißt du?“ „Ferdinand.“ Er gibt den Lenker frei. Mit einem jubelnden, laut geschrieenen: „Fer!-di!-nand!“ strampelt sie über die Kreuzung davon, heftig und hochauf mit dem rechten Arm die Luft über sich verwirbelnd, winken kann man das nicht nennen. Nicht eine Sekunde schaut sie sich um. Ich kann nicht behaupten, dass die Erde unter dem Kandelaber nicht mehr bebt, auch zittert die Luft oberhalb des Ereignisraumes deutlich, aber das beruhigt sich jetzt alles langsam. Andere Verkehrsteilnehmer nehmen davon überhaupt nichts wahr. Heute abend, 18 Uhr, pünktlich, Veterinärstraße 1. Wie sitzt er da auf der Bank im Finanzgarten? Die Arme um seine eigene Brust geschlungen und ein bisschen gewackelt, als knuddle er die Eroberte ganz fest. Liebe ist immer auch ein bisschen Mord, von Anfang an. Und ein Lächeln ist auf seinem Gesicht, das weicht und wankt nicht den ganzen Tag. Um 17 Uhr 49 wird es schlagartig verschwinden. Das ist 19 Minuten nach dem Beginn der morgigen Fortsetzung, dann müssen wir weitersehen. Tambosi. Ist die Kellnerin hübscher geworden? Das kann doch nicht sein. Warum eigentlich nicht? Hübsch ist doch auch eine Frage der Pupillen, die hingucken, die eigene Netzhaut macht den Anderen hübsch, Pardon, streng betont: die Andere hübsch. Leute, das kann doch auch nicht sein, dass der Cappuccino heute Morgen besser schmeckt?! Alles bloß wegen der halbkreisförmigen Verteilung von weiblicher Spucke auf meinem Gesicht... Er trank seinen Cappuccino und verzehrte dann noch ein komplettes kleines Frühstück mit frischer Semmel, Butter und Marmelade und einem zweiten Cappuccino. Verschwender! Heute abend, 18 Uhr, pünktlich, Veterinärstraße 1. So: Jetzt bleiben wir aber auf dem Boden der reinsten Vernunft: Cappuccino besser, mag sein, Bedienerin schöner, mag sein – aber der Stadtplan hat keine anderen Farben als beim Kauf vor zwei Wochen, als du nach der Reinigung der Frau Professor Kammhuber gesucht hast! Im Straßenverzeichnis ‚Veterinärstraße‘ suchen, klingt nach Schlachthof oder ganz weit draußen, sollte sie Tierärztin sein? Nach Kälberrausholen sah sie nicht aus. Ach nein: Innenstadt. Mensch, das ist ja die Straße da vor dem Siegestor rechts rein, da habe ich doch schon mal meine Füßchen reingesetzt, als ich noch ganz jung war, jung in München, ja, es war der allererste Morgen, Samstag, der 21. September. Also, erstmal keine Schwierigkeiten mit der Lokalisierung heute Abend. Dann fand er sich – zu sagen, er sei zielstrebig hingegangen, träfe die Wahrheit kaum; nach so einem Kuss – nach so vielen Küssen tapert man etwas somnambul durch München und landet – auf dem Kinderspielplatz, auf dem ihn der junge Vater neulich so dringend ermahnt hatte, mit dem Vaterwerden nicht zu lange zu warten. Aber da war um diese Vormittagsstunde noch nicht viel los, die arbeitende Bevölkerung arbeitete, in den Kindergärten herrschte Vollbetrieb. Also: nach solch einer hocherotischen Einleitung gleich auf dem Kinderspielplatz zu landen, - das ließ schon ganz schön tief blicken. Ich kann mich nicht so hinreißend küssen lassen, und dann nicht an Kinder denken. Woran soll ich denn denken? An schwüle Nächte oder helle Nächte, an Knutschereien oder Streicheleinheiten, an Erotik, Sex, an Hinschleppen? An Abbruch und Ende? Naja, ein bisschen viel habe ich da bis zu diesem Kinderzentrum vielleicht übersprungen. Die Treppe ist hoch, und in Wirklichkeit habe ich eine einzige Stufe erklommen von 742 oder 813 Stufen insgesamt – natürlich ist das eine Treppe, die in den Himmel wächst. Ferdinand, deine Seele sei gesegnet, die so ohne Arg ist. Kann ich das stehenlassen? Ganz ohne Arg war Ferdinand sicher nicht, bei seiner Susanne in Berlin hatte er gelegentlich halbe Nächte lang in schwarze Löcher gestarrt. Ferdinand senkte den Kopf und fragte mit dünner halber Stimme: Wer bin ich? Ein Penner vom Flaucher ohne festen Wohnsitz, kein Einkommen mehr, von der Gehaltsliste einer respektablen Bank gestrichen, keine Krankenkasse, Altersversorgung beendet, Sparschwein in den Glockenbach gefallen. Als was willst du denn da heute abend antreten? Kopf aufgerichtet, Gesicht in die Sonne – er hatte eine wunderbare Antwort: als Liebhaber, Einer, der lieb hat. Und er hat nicht die geringsten Zweifel. Susanne schrieb an ihrer Schriftlichen, Seite um Seite, sehr gelassen und ruhig wie schon seit sehr langer Zeit nicht mehr. War etwas nachzuschlagen, diente ihr die umfassende Bibliothek mit ihrer ordnenden Disziplin. Da wurde nicht drübergewurschtelt und „Später“ gesagt, viele Stellen, die sie in den vergangenen Wochen weggeschoben hatte, wurden nachgebessert, fast lückenlos füllte sich das Quellenverzeichnis. Sie nannte das, was sie tat, ‚endlich mal wieder richtig arbeiten‘. Gelegentlich schwammen kleine Inseln der Fassungslosigkeit vorüber, dass sie mit dieser Gewissheit des Treffens im Herzen so gut arbeiten konnte. Sie zog daraus zwei entgegengesetzte Schlüsse: So dick kann die Liebe ja nicht sein, wenn du dich derart von ihr fortbewegen und so systematisch arbeiten kannst; oder: nur durch die Liebe, die da jetzt schon vor der Tür Veterinärstraße 1 hockt und der Zeigerstellung 6 auf dem Turm der Ludwigskirche entgegensehnsüchtelt – nur durch dieses dicke, gefräßige Ungetüm ist es dir möglich, so wunderbar zu arbeiten. Franziska kam, einigermaßen fassungslos, dass Susanne ihren Semmelkopp gefunden hatte. „Ein Semmelkopf ist er nicht!“ protestierte Susanne. „Hätte mich auch gewundert, dass meine Susanne auf einen Semmelkopf fliegt.“ „Habe ich aus Zorn gesagt, weil er so unerreichbar war, auch ein bisschen, damit ihn mir keine anderen wegschnappen.“ Sie gingen zusammen in die Mensa, und Franziska erfuhr alles, fast alles. Susanne erklärte: „Also, Zufall war das nicht mehr. Der ist mit aller Absichtlichkeit um diese Zeit zu dieser Ampel gekommen. Und dass er mir das Hinterrad hochhob, das war geplant, perfide geplant.“ „Sag doch nicht perfide!“ „Ist ja erst ein paar Stunden alt. Nein, perfide war es nicht.“ Franziska resümierte: „Liebe war das, sonst nichts.“ „Naja, schon auch Besitzergreifen.“ „Gehört dazu.“ „Er wollte mich umbringen, wenn ich ihm kein Date gebe.“ „Also, eh ich mich umbringen ließe - Wie seid ihr verabredet?“ „18 Uhr direkt hier vor dem Institut.“ „Lässt mich dann schon einen Blick auf ihn werfen.“ „Zwei.“ „Danke.“ „Aber mehr nicht.“ Auch in der Staatsoper strömten die Hungrigen von allen Seiten zur Kantine, auch Kim und Liliane. Ingrid, die dürre, fasste Tonia Werres um die Schulter und sagte leise: „Der Kim – ist das ein Schnuckel?“ Die Werres lachte: „Würde ich sagen, ja. Ich glaube, da bahnt sich ganz zart was an mit der Liliane.“ Als sähe das Ingrid erst jetzt: „Was? Das werde ich wohl zu verhindern wissen.“ Die Werres ärgerte sich, dass sie was gesagt hatte und wollte wissen: „Bist du eigentlich ein böses Mädchen oder tust du nur so?“ Ingrid grinste: „Ich bins, wusstest du das nicht? Ich habe übrigens ein Angebot nach Graz. Was meinst du?“ „Sehr genau überlegen.“ „Wenn, dann müsste ich sehr schnell hin, da hat wohl wer abgesagt.“ „Jedes Angebot musst du ernst nehmen. Gibt nicht mehr so viele.“ Beim Essen gerieten sie auseinander. Ingrid suchte die Nähe von Kim und Liliane. Sie provozierte: „Wer tanzt denn am 26. das Mädchen im SACRE?“ Liliane log nicht gerne, aber Ingrid war ein zu gemeiner Teufel: „Das weiß ich doch nicht.“ „Kim, du?“ „Ich tanz doch kein Mädchen! Ach so: Nein, weiß ich auch nicht.“ „Für dich als Junge ist es egal. Aber ich hätte zehn Konkurrentinnen, dabei wäre ich die Idealbesetzung für das Mädchen. Was meinst du, Lili?“ Liliane hasste diese Verstümmelung ihres Namens: „Könntest du sicher tanzen, ja...“ Und ebenso hasste sie dieses Intrigiergehacke: „Kim, wie schmeckt deins?“ „Probier.“ Es folgten kleine Happen-Kosten-Rituale. Ingrid fühlte sich abserviert, was sie gar nicht leiden konnte: „Ach, da ist ja noch die Tonia. Ich geh rüber.“ Das tat sie. Sie achtete darauf, dass die Werres mitkriegt, von welchem Tisch sie kam: „Wer tanzt am 26. das Mädchen im SACRE?“ Die Werres wollte keinesfalls mit offenen Karten spielen: „Die Caven. Wer sonst?“ Ingrid hatte schon einen recht bissigen Humor: „Die macht die Bühne zum Kreißsaal und schreit bei einem Tacet ins Publikum nach einem Geburtshelfer.“ „Woher willst du denn das wissen?“ „Das flüstern die Wände.“ „Red keinen Quatsch! Wer hat es dir gesagt?“ „Ich petze nicht.“ Die Werres stand auf und wollte zu Liliane gehen. „Die sind schon weg,“ sagte Ingrid, „denk an mich, wenn ihr umbesetzt. Da lass ich vielleicht Graz sausen.“ Sie ging auch und ließ eine verärgerte Tonia Werres zurück. |