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2 Die erste Nacht Die Überschrift signalisiert nicht eine erste Liebesnacht, sondern die erste Nacht des Flüchtlings Ferdinand auf einer Holzbank in München. Er hatte sich ja gestern auf einer Flaucher-Wiese in seinem langen Wintermantel ausgestreckt und war eingeschlafen. Und in der sehr späten Dämmerung aufgewacht und höchst erschrocken: Wo bin ich? So ein langer Wintermantel ist ein guter Schlafsack. Ferdinand stand auf und ging wieder stadtwärts. Dass er das Hemd waschen wollte, verdrängte er. Ja, er findet es jetzt ziemlich albern, schiefe Geschäftigkeit, was solls? Morgen früh – vielleicht. Er findet einen Kiosk auf der anderen Seite der Wittelsbacher Brücke mit einem ziemlich weit vorgezogenen Vordach und zwei angekettete Holzbänke. Hier könnte er trocken schlafen. Liegeversuch. Ja, geht, nicht gerade bequem, aber das kann er ja auch nicht gut verlangen. Und gleich um die Ecke vom Kiosk Gebüsch zum Verstecken. Aber hier kommt ziemlich sicher kein Polizist vorbei. Aber er wollte doch Mantel und Schirm in ein Schließfach bringen. Nein, es ist jetzt zu spät, um noch einmal zum Bahnhof zu gehen. Zu spät? Was ist das für eine Feststellung ohne jeden Sinn? Wer wartet? Was läuft weg? Saublöde! Er braucht doch den Mantel jetzt zum Pennen. Wem schuldet er Zeit? Susanne in Berlin, die ein Kind von ihm erwartet. Er sucht ein Telefon, erinnert sich an eins jenseits der Brücke. Er geht nochmal zurück und ruft sie an: „Hör zu! Ich lebe, und es geht mir einigermaßen. Mehr kann ich nicht sagen. Vergiss auch diesen Anruf, wenn sie dich in die Mangel nehmen sollten, Polizei oder die Gauner. Ich bin verschwunden. Ende.“ Er hängt ein. Er geht über die Wittelsbacher Brücke zurück zu seinem Schlafzimmer. Was ist denn das für ein Licht da hinten? Was? Der Mond!, der Vollmond geht auf. Langsam, langsam... Ich hatte verlernt, wie tröstlich der Anblick der leuchtenden Scheibe sein kann. Er schläft viel besser, als er je erwartet hätte. Erst sitzend, dann wechselnd zum Liegen auf der harten Bank. Die Autos stören schon bald gar nicht mehr. Dass zweimal eine Polizeistreife die Humboldtstraße entlangfuhr und zweimal etwas die Fahrt verlangsamte im Anblick des Schlafenden, ihn dann aber wohl doch unverdächtig fand, - das merkte Ferdinand überhaupt nicht. Stunden später das Aufwachen durch diesen wahnsinnigen, größenwahnsinnigen Motorradfahrer, der die nächtliche Stadt für den Sachsenring hält. Alleskieker zitiert seine Tochter: „Die unangenehme Art der Männer, darauf hinzuweisen, dass es sie gibt.“ Ferdinand bedauert das Mädchen, von dem der kommt. Wenn der so liebt, wie er Motorrad fährt, kommt die nie zu einem Orgasmus. Hast du keine anderen Sorgen, wertester Ferdinand? Doch riesige und riesig viele! Broch!, Ferdinand wird sich seiner Lage bewusst: Den Mantel und vielleicht den Schirm ins Schließfach bringen, weiter nichts, nichts, nichts. Ja, einen Cappuccino wird er sich leisten. Und nachdenken muss er. Er muss dahinterkommen, wie ernst die Gefahr ist, in der er sich befindet. Wird wirklich nach ihm gefahndet? Aber wie das rauskriegen? Er geht über die Brücke und in eine Richtung, in der er den Bahnhof vermutet. Aus einem offenen Fenster hört er sehr frühe Nachrichten, laut genug. Nein, ein Ferdinand Honigmann kommt nicht vor in den Nachrichten. Auch nicht ein Unbekannter, der verschwunden wäre. Er ist ein kleiner Fisch. Bloß: wie klein? Ein Mann geht durch die Stadt. Derselbe Ferdinand. Gestern angekommen. Er hat sich im Hauptbahnhof ein Reisezahnbürstchen gekauft und ein Reisezahnpastatübchen. Klein-klein, nicht für lange. Oder doch? Er hat im Keller richtiggehend geduscht, sieben Euro, ganz schön happig für das bisschen Wasser, war aber schön heiß. Fein, dass er die Kernseife mitgenommen hat. Er hat den Mantel in ein Schließfach verstaut, die Kernseife auch. Lieber den Mantel anbehalten und später wegschließen, wenns wärmer wird? Nein, ich seh so komisch aus mit dem Lammfellkragen. Also umgekehrt: Holen, wenns kälter wird. Erstmal wegschließen. Bei der Tourist-Information Stoff geholt. Er hat gesagt: „Was geben Sie einem Berliner in meinem Alter, single, zum ersten Mal in München? Ich bleibe 14 Tage.“ Erstmal kleines Stadtplänchen für 30 Cent. Er fragt: „Wo ist denn das schönste Café in München?“ Das sei zwar Geschmackssache, meint der Mann, aber er solls mal im Tambosi im Annast-Haus am Hofgarten probieren, da kann man draußen auf der Straße sitzen oder drin im Hofgarten oder natürlich auch ganz drin, wenns regnet, und er markiert ihm das auf dem Stadtplan. Hofgarten klingt gut, findet Ferdinand. Dazu kriegt er noch etwas Reklame, Museumshinweise, was man so umsonst kriegt. Das ist son Wort. Er kommt sich sehr umsonst vor. ‚Ich bleibe 14 Tage‘ war der reine Bluff. ‚Ich bleibe eine Ewigkeit,‘ hätte er sagen können. Oder: ‚Übermorgen muss ich weiter.‘ Keiner liebt mich, hieß ein Film. Stimmt genau. Er hat niemanden. Was ist denn mit seiner Susanne in Berlin? Das war keine gute Liebe, wenns überhaupt Liebe war. Alles schrecklich belastet mit einer Fülle von Problemen, auch sehr ernsthaften. Und diese Susanne in Berlin findet doch hier in München gar nicht statt. Zu der zurück, hieße, dass er sich in große Gefahr begäbe. Oder kleine? Wenn er das wüsste, genau das ist ja der Mist. Er hat sich Mühe gegeben, eine Beziehung aufzubauen, selber erstaunt über seinen missionarischen Eifer. Aber bei der Liebe sich Mühe geben, - das wird doch nichts. Ja, er hatte einige Sympathie für sie, und er dachte, die Liebe werde sich dann schon einstellen. Was sich einstellte, war Abwehr, zuweilen Zorn. Ja, Zorn auf dieses doch eher bemitleidenswerte Geschöpf. Gewalt nicht – nein, dazu ist Ferdinand nicht der Mann. Und weil die Hoffnung als letztes stirbt (italienisches Sprichwort, aber neulich deklarierte es das Fernsehen als russische Spruchweisheit, was soll man glauben? Dass es ein gutes Sprichwort ist!), gab es eines Nachts eine Befruchtung, die er nicht wollte. Ob sie das Kind wollte, hat er nicht rausgekriegt. Er hat sich das Hirn zermartert, wie zu marschieren sei. Viele Angebote im Hirn, aber keine Lösung. Eines hieß: Ich doch nicht! Ein anderes: Wer denn? Und jetzt dieser Zwang zur Flucht. Ferdinand möchte sich das gar nicht eingestehen: aber die Flucht ist nicht unwillkommen, was die Nöte mit Susanne in Berlin betrifft. Pfui! Meinetwegen, aber wahr. Auf dem Weg zum Hofgarten beim Dallmayr vorbei, kennt Ferdinand von der Werbung. „Wie immer?“ fragt da ein hübsches Mädchen. Fassadenerneuerung, viel Holz, hübsche schwarze Silhouetten auf dem hellen Holz. Was ist denn das? Großer Platz, pompöse Gebäude. Das prächtigste hat einen riesigen, orangefarbenen Leuchtring, der durchs Vordach geht, hat was von einem Nasenring. Aha, die Staatsoper. Er findet das Tambosi am Hofgarten. Sehr schön. Nennt sich nostalgischerweise auch noch Café-Schenke. Aber zwei Stunden zu früh. Er malt sich aus, wo er sitzen und seinen Cappuccino schlabbern wird, die Oberlippe abtupfen wird, gelegentlich auch die Nasenspitze. Hier – oder hier – nein, da hinten. Keine Tür hinter mir, durch die man mich am Kragen packen könnte. Wie sich ein blutiger Laie so zupackende Kriminaler vorstellt. Erst mal zwei Stunden latschen. Er steht an der Ampel Ludwig- Von-der-Tann-Straße stadtauswärts und wartet auf Grün. Neben ihm auf dem Fahrradweg die Susanne aus München, einen halben Kopf größer als er, auf dem Weg ins Institut. Am Samstag früh um 7 Uhr 12? Ja, diese Susanne steckt ganz tief in den Mühsalen einer Reihe von Prüfungen samt großer schriftlicher Arbeit. Sie sieht Ferdinand gar nicht. Er sie nur ganz flüchtig, nichts zum Erinnern. Eine kleine Laune von diesem Alleskieker. Zwei Stunden Latschen, zum Glück hat er sehr gute und bequeme Schuhe. Diese breite Ludwigstraße mit den Tribünen, wahrscheinlich fürs Oktoberfest, - ist sehr geeignet, beim Gehen nachzudenken. Kein Schaufenster lenkt ab. Wie soll das weitergehen, wohin soll das führen? Wen könnte er anrufen? Harmlose Leute in Berlin wissen nichts, und die was wissen, sind nicht harmlos, sondern gefährlich. Und diese heillos dilettantischen Gedanken des Nicht-Verbrechers. Ein bisschen mitgeholfen, Geld zu waschen: Mafiose Deutsche Mark rein, ganz blitzeblanke Euro raus, sehr beachtliche Summen allerdings, aber noch in der Umtauschphase. Wem hats geschadet? Das ist nicht die Frage, sondern: Wem hats genützt? Und die Antwort ist eindeutig: Asiatischen Verbrecher-Syndikaten. Und so bleibt man in höchstem Grade erpressbar. Und die Sache mit dem Tod des Kickboxers in dem Sportcenter. Tragischer Sportunfall? Nein, nein, recht eindeutig Mord, und er eindeutig Zeuge. Und nochmal erpressbar. Ferdinand geht um den östlichen Universitäts-Springbrunnen herum und in die Veterinärstraße und – aber das weiß nur ich Alleskieker! – unter dem Fenster vorbei, wo Susanne händeringend das genaue Aktenzeichen sucht zu einem Schriftsatz, den sie in ihrer Arbeit zitiert. Ferdinand dreht um und geht am Siegestor vorbei in die Leopoldstraße. Hinter dem Siegestor wachsen Bäume, da gibt es Vorgärten, Restaurants, Läden. Sehr viel Allianz-Versicherung, häuserweit. Schwabing, klar Schwabing laut Stadtplänchen, Schwabing-West. Er sucht Schwabing-Ost. Aber da steht nur Schwabing- Ja, mit Bindestrich, das Ost haben sie nicht gedruckt. Naja. Immer noch wenige Menschen auf der Straße. Aber der große Frisiersalon am Odeonsplatz – nach der Miete wollen wir nicht fragen! – rammelvoll mit schönen Damen, die noch schöner werden wollen, was den wendigen Künstlern mit Kamm und Schere auch sehr oft gelingt. Ob das mit dem Oktoberfest zusammenhängt? Dann endlich: Zeit, sich ins eben eröffnete Tambosi zu setzen, da hinten an der Mauer, wo ihn Niemand von hinten überraschen kann, Cappuccino bestellen. Ferdinand hatte sich am Bahnhof die Berliner Zeitung gekauft, im Tambosi durchstöbert er sie sorgfältig auf der Suche nach asiatischen Machenschaften oder gar einem verschwundenen Ferdinand H. Nichts. Aber das genügt ja nicht zum Zurückfahren. Außerdem ist er ja man gerade erst gestern verschwunden. Wie lange kann man das Trinken des letzten Schlucks Cappuccino hinauszögern? Er darf nicht auffällig werden. Aber er sitzt so gemütlich. Morgen früh wieder ins Tambosi. Und heute abend wieder auf dieselbe Bank unter dem Kioskdach. Solche Stetigkeit ist armseliger Ersatz für das Zuhause. Aber das war ja bei und mit Susanne in Berlin gar nicht mehr so schön. Er rechnet nach, wie lange er nicht mehr in seiner eigenen kleinen Wohnung gewesen war. Seit Wochen. Alles Wohnen spielte sich in der elterlichen Wohnung von Susanne ab. Schließlich den letzten Schluck Cappuccino getrunken und gezahlt. Wieder was abgehakt. O Schmerz, lass nach! Ferdinand begab sich in den Hofgarten und dachte: Ach, hier täglich langgehen müssen auf dem Weg zur Arbeit, Aktentasche. Am Sonnabend natürlich nicht, da ist Faultag. Er querte an Stoibers Kontor vorbei – wie viel Tage noch Stoibers Kontor? -, Prinzregentenstraße, Haus der Kunst, Bayerisches Nationalmuseum, Friedensengel. Schöne Stadt. Das Oktoberfest spült viele schöne Frauen in Dirndl-Tracht auf die Straßen, auch viel Busen. Ferdinand dachte viel, immer dasselbe. Ich habe eine Banklehre gemacht, keine Flüchtlingslehre, ich bin gelernter Banker, nicht gelernter Flüchtling. Ich habe wahnsinnig viel Freizeit, aber einen weiteren Anruf bei Susanne in Berlin schiebe ich vor mir her. Was ist das?: Im Freien schlafen dürfen und denn doch recht erquickt aufwachen. Was ist das?: Aufgehender Vollmond. Was ist das?: Penner sein, wirklich Penner. Was ist das?: Vierundzwanzig Stunden?... |