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20 Bis tief in die Nacht 17 Uhr 49 also, gestern, Dienstag, - Ferdinand trat zur Tür des Hauses Veterinärstraße 1 und las: ‚Ludwig-Maximilian-Universität, Institut für die gesamten Strafrechtswissenschaften, Abteilung Kriminologie, Jugendrecht und Strafvollzug‘. Als Erstes verschwand das Lächeln des Tages von seinen Zügen, der Kriminelle war horrorisiert von diesem geballten Strafrecht, drehte einfach um, ging Richtung Siegestor, drehte aber schon auf Höhe der Tür zur Buchhandlung wiederum um und ging zum Ort der Verabredung zurück. Die hatte eindeutig Priorität. Da hingen auch noch zwei andere Schilder: ‚Institut für Semitistik‘ und ‚Institut für Geschichte und Kultur des Nahen Orients sowie für Turkologie‘. Nichts machte ihn in den Augen Susannes zum Kriminellen. Drei Vernissagen, Kunstkenner, zumindest dem Anschein nach; einmal Marlene Dietrich. Naja, er hatte ihr heute Morgen gedroht, sie umzubringen – sollte er je vor den erkennungsdienstlichen Verfolgungen dieses Weibes fliehen müssen, da müssten schon erstmal einige Worte gewechselt worden sein. Kurz nach seiner Morddrohung war sie ja jubelnd und winkend von ihm weggestrampelt, da war Spielraum, viel Spielraum. Sie kamen innen die Treppe runter, Franziska, eine Stufe später die größere Susanne. Ferdinand sah sie durch die Scheibe und hob zögerlich grüßend eine Hand, Susanne erwiderte. Dann kamen die Damen raus. Franziska freute sich übers ganze Gesicht, sehr liebevoll, mit viel Blick zu Ferdinand: „Tschüs, Susanne, viel Glück!“ „Danke, bis morgen. Du fragst mich doch noch ab?“ „Klar, morgen wie immer.“ Damit verschwand Franziska. Susanne erklärte Ferdinand: „Ich hab nämlich morgen nachmittag eine ganz ekelhafte Prüfung. Deshalb geht das heute mit uns beiden nur bis ½ 10, dann ist Sense, ist das klar?“ Ferdinand spielte lächelnd den Geduckten und verzog die Schnute: „Ist klar, Majestät.“ Susanne lächelte ihn voller Liebe an: „Sind ja immerhin dreieinhalb Stunden. Jetzt sehen wir uns zum ersten Mal richtig. Ich muss noch mein Fahrrad holen.“ „Ich komme mit. Was studierst du denn?“ „Jus. Derzeit fast hauptsächlich Kriminologie.“ Da hast du deine Gewissheit, Ferdinand, nix Semitistik und nix Turkologie. Kannst du ne Weile mit leben. Wie lange? Einen Augenblick wölbte sich die ganze Kuppel seiner ja doch reichlich prekären Situation über Ferdinand hinaus in den hohen Abenddämmerungshimmel... Aber einige Worte mehr ließen sich schon noch wechseln. Mit einem Ruck schaltete Ferdinand: Wir können auch die nächsten acht Wochen oder acht Monate miteinander reden. Kommt drauf an, wie wir reden, und was sie verkraftet. Die verkraftet viel, spekulierte Ferdinand, als er sah, wie behutsam-energisch sie die zwei Schlösser aus dem Fahrrad zog und hinter dem Sattel versorgte. Viel schaute sie ihn an, lächelnd, immer wieder. Sie kamen auf die Straße. „Was machen wir?“ musste Ferdinand ja nun fragen, er tats ein bisschen bang. „Gehst du mit mir in den Englischen Garten? Ich brauche ein bisschen Bewegung in der frischen Luft.“ „Finde ich prima. Du führst, ich weiß nicht so Bescheid.“ „Bist aus Berlin oder?“ „Woran merkstn das?“ „Wie du Marlene gesungen hast: Warum denn weinen... Sing nochmal.“ „Ich kann nur die ersten zwei Zeilen.“ „Sing, aber berlinisch.“ „Warum denn weinen, wenn man auseinandajeht, wenn an da nächsten Ecke schon ein andra steht...“ Glaubhaft oder nicht: Sie sprachen nichts weiter bis sie den Englischen Garten betraten. Sie verließen ihn kurz nach 2 Uhr nachts. „Du singst das schön,“ sagte sie schließlich. „Was? Ach so, Marlene. Naja.“ Es dauerte wieder eine kleine Weile, bis Susanne fragte: „Deine letzte Freundin war auch eine Susanne?“ „Ja, war.“ Er grinste breit. „Was grinst du denn da so schäbig?“ fragte sie. „Doch nicht schäbig. Du hast gesagt: Deine letzte Freundin war auch eine Susanne.“ „Ja. War nicht?“ „Doch doch, aber mit dem ‚Auch‘ hast du dich zu meiner nächsten, neuesten Freundin erklärt. Gefällt mir, danke.“ Mit dem kann man aber gut reden, dachte Susanne: „Mein letzter Freund hieß Carlos – Nein!!!, Karl! Das Miststück!“ „Wegen dem du geweint hast?“ Sehr nebenbei bejahte sie. Er fragte: „Wenn er ein Miststück war, warum hastn dann geweint?“ „Damit du singen kannst.“ Elegant macht sie das, fand Ferdinand, sehr elegant. „Wie fandest du denn die Bilder auf unserer Vernissage?“ Kann er gar nicht beantworten: „Unsere Vernissage?“ „Naja, wo wir uns zuletzt getroffen haben.“ „Ach so. Kann ich mich gar nicht mehr so genau erinnern.“ „Wir haben uns dreimal auf Vernissagen getroffen. Würde mich doch sehr wundern, wenn du kein Kunstkenner bist?“ „Naja... Und du?“ „Also, Kunstkenner – das wäre zu viel gesagt. Aber ich liebe Bilder und ich geh gern auf Vernissagen, und ich würde mir ganz viele Bilder kaufen, wenn ich genug Geld hätte.“ „Lauter so modernes Zeug?“ „Eher ja, ja. Mit Museen kann ich nicht so viel anfangen. Stimmt aber nicht so ganz. Gibt es ja auch wunderbare alte Schätze.“ „Wir haben schon eine ganz kleine Geschichte zusammen, Susanne.“ „Ja, Ferdinand, haben wir. Und heute Morgen, das war ja ganz schön dramatisch.“ „Wars, ja. Warum bist du mir eigentlich immerzu weggefahren?“ „Bin ich doch nicht immerzu.“ „Doch. Neulich bei der Galerie, weil ich ‚Auch das noch‘ gesagt habe – zisch weg. Montag – da habe ich Marlene gesungen – zisch weg. Gestern – zisch durch bei Grün.“ Sie war recht verwundert: „Warst du denn da gestern? Ich bin extra nochmal zurückgekommen.“ Ferdinand blieb stehen, weil das ja eine wunderbare Nachricht war: „Du bist gestern nochmal zurückgekommen?“ „Ja. Aber du warst nicht da.“ „Doch. Nein, ich bin gleich gegangen, wegfahrende Susanne war ja gar nicht lustig, hab mich im Finanzgarten auf eine Bank gesetzt und einen ganz warmen Bauch bekommen.“ „Von der Sonne.“ „Nee, von dir.“ „Warmen Bauch von mir? Wieso das denn?“ „Denk doch mal nach: Gestern früh, das war das Zeichen, dass die da immer oder fast immer um die gleiche Zeit vorbeikommt.“ „‘Die da‘ bin ich oder?“ „Du, ja.“ „Dabei weißt du ganz genau, dass ich Susanne heiße.“ Er war sehr fröhlich: „Jaja, Susanne, weiß ich, Susanne, entschuldige, Susanne.“ Sie gingen weiter und redeten noch viel mehr. Die Dämmerung fiel ein. „Wo wohnst du?“ fragte sie und rührte damit an einen der vielen heiklen Punkte, an die Ferdinand im Umgang mit Menschen derzeit geraten konnte: „Ich bin auf der Durchreise.“ „Zurück nach Hause?“ „Nö.“ „Wohin?“ „In die Wüste Sahara.“ „Ist das wahr?“ „Ich will mich dort hinlegen und auf einen Sandsturm warten und mich zuwehen lassen, bis ich wie eine kleine Düne aussehe.“ „Und ziemlich tot.“ „Darauf wirds wohl hinauslaufen.“ Sie blieb recht ungerührt: „Die lustigste Form von Selbstmord, von der ich gehört habe.“ Ihr Zynismus erstaunte ihn etwas: „Kann Selbstmord was mit Lustig zu tun haben?“ „Nein, nie, entschuldige. Bist du in München im Hotel?“ „Nein – bei Freunden.“ „Ist das wahr?“ „Hör zu, Susanne, kleine Einleitung zu dem, was sich da anbahnt, -“ „Bahnt sich da was an?“ „Es bahnt sich da was an. Wir werden jedenfalls noch ne Weile reden, wir sind ja erst am Anfang vom Englischen Garten.“ „Kennst du ihn denn? Ich denke, ich muss dich führen.“ „Lässt du mich meine kleine Grundsätzlichkeit ausreden?“ „Bitte. Ich bin gespannt.“ „Ich habe ein paar Stellen, da kann ich nicht frei von der Leber weg reden, die muss ich mit einem Mantel des Schweigens umgeben. Das musst du aushalten. Oder du musst mich sausen lassen.“ „Ich hab dich doch noch gar nicht, - und da soll ich dich sausen lassen? Mantel des Schweigens – der neueste Film von Wim Wenders, oder?“ „Wär vielleicht gut, wenn dus nicht nur komisch nehmen würdest. Mich machts streckenweise ganz schön fertig.“ Jetzt blieb sie stehen: „Muss ich Angst um dich haben? Das fängt ja früh an.“ „Könnten wir von was anderem reden?“ „Wovon?“ „Erzähl von deinen Eltern. Wo wohnst du?“ „Sebaldusstraße 6 in Obergiesing. Meine Eltern sind ziemlich wunderbar...“ Sie waren weitergegangen und redeten noch sehr viel. Es wurde dunkel. Bald blitzten nur noch ein paar Lichter in einigen Fernen. Sie fragte: „Woher hast du gewusst, dass ich wegen einem Kerl heule.“ „Weiß ich nicht, woher ich das gewusst habe.“ „Jetzt fang ich schon wieder mit einem an.“ „Ja...“ „Ein Jahr lang lass ich keinen ran.“ „Ja...“ „Weil alle Männer schrecklich sind.“ „Ja...“ „Ganz fürchterliche Monster, ekelhafte Schweine!“ „Ja...“ „Zum Abgewöhnen widerwärtig!“ „Ja...“ „Warum sagstn dauernd Ja? Bist doch selber einer.“ „Ja...“ Wenn es dann später mal an die Chronik dieser Liebe geht, dann war dieses letzte, in größter Zärtlichkeit fast gehauchte ‚Ja‘ Ferdinands ein entscheidender Anlass zum Sturz Susannes in den Bottich dieser Liebe. Er aber fügte hinzu „Aufwiedersehn,“ drehte auf dem Absatz um, aber mit bemerkenswert schnellem Griff über ihr Fahrrad hinweg hatte sie ihn am Kragen: „Hierbleiben!“ „Wenn das nicht lauter Lügen sind, was du da eben von den Männern gesagt hast, dann kann ich nicht bleiben.“ „Stimmt alles! Sind keine Lügen.“ Weitere kleine Drehung Ferdinands, weiterer Zugriff Susannes: „Und nichts stimmt, waren alles Lügen.“ „Hier spricht der Berliner: Na, wat denn nu?“ „Wer von mir Konsequenz erwartet und Logik, der ist verloren.“ „Als Banker sind mir Konsequenz und Logik sehr wichtig.“ „Wer steht hier vor mir? Der Banker oder wer?“ Er fragte: „Könnte man mal das Fahrrad zwischen uns entfernen?“ Mit beachtlicher Wucht schmiss sie ihm das Rad auf Beine und Füße. „Aua! Bist du wahnsinnig geworden?“ Einen Zisch lang hatte er Sehnsucht nach der Historikerin in der Gruft der Frauenkirche. Jaja, war verheiratet, dauerte ja auch nur einen Zisch. Susanne erklärte: „Ich mach das, weil ich mich in dich verliebe.“ Ferdinand versuchte zu folgen: „Hm.“ „Und weil ich das nicht will.“ „Hm.“ „Du sollst wissen, das ich wehtun kann.“ „Hm.“ „Hör auf, dauernd Hm zu machen!“ Hm ist ja schon sehr kurz, aber Ferdinand schaffte es, auch das noch zu verkürzen: „H-“ Er stieg über das Rad zwischen ihnen und stand sehr nah vor Susanne. Sie wich nicht eine Spur zurück, sagte aber: „Bild dir ja nicht ein, dass du nochmal solche Küsse von mir kriegst wie heute Morgen.“ Ferdinand spielte ein bisschen Theater: „Wie gingen die doch gleich?“ „Sag bloß, du hast sie vergessen.“ „Sowas vergisst man nicht. Nur so – die Einzelheiten.“ „Nix da Einzelheiten.“ „Wie heißen die überhaupt?“ „Uhrzeigerküsse oder Zifferblattküsse oder Russenküsse.“ Und in schöner Inkonsequenz knutschte sie ihm weitere neun Küsse ins Gesicht, dabei weitererklärend: „Eins. Dein Gesicht als Zifferblatt. Zwei. Ich habe dich von 2 bis 10 geküsst. Drei.“ „Boooch!“ machte Ferdinand, „acht Stunden Küsse. Hat dir das ein Junge beigebracht?“ „Vier. Sowas können nur Mädchen erfinden. Fünf. Ich hab mir das mal im Fernsehen in ‚Lemmi und die Schmöker’ abgeguckt.“ „Habe ich auch gern gesehn.“ „Sechs. War eine russische Geschichte, hieß ‚Die Tochter des Schaubudenbesitzers’. Sieben. Die hat ihren Paschka so runderneuert. Acht. Erinnerst du dich?“ „Ganz dunkel. Aber nicht an diese Kussorgie.“ „Ich habs nie vergessen. Aber du bist der erste, ders abkriegt, schon zum zweiten Mal heute. Neun, Schluss, jetzt gehen wir weiter.“ „Darf ich das Fahrrad schieben. Ich mag das nicht zwischen uns.“ Sie gingen weiter und sprachen noch viel, Ferdinand schob das Rad auf seiner freien Seite. Es wurde stockdunkel. Alleskieker meldet: Es wird heute ein bisschen länger, bleib mir gewogen, geneigter Leser. Ferdinand bekannte: „Nein, ich bin kein Kunstkenner. Bis vor zwei Wochen kannte ich nicht mal das Wort Vernissage.“ „Warum bist du denn dann immer zu sowas gegangen?“ „Nicht wegen der Bilder.“ „Sondern?“ „Wegen der Käsehäppchen und Brezeln.“ „Brauchtest du die so dringend?“ „Naja... Ab dem zweiten Mal bin ich dann schon deinetwegen hingegangen.“ Schön, wie sie ganz leise dazwischenwarf: „Schön...“ Ferdinand wagte die verbale Intimität: „Zweimal fiel so ein Halogenlicht auf deinen Hintern – hat mir besonders gut gefallen.“ Sie zeigte es nicht, aber sie freute sich. Dann fragte er sehr unvermittelt: „Hast du Angst vor mir?“ „Nein. Oder verdeckt der Mantel des Schweigens einen Raubmörder?“ „Seh ich so aus?“ Mit größter Zärtlichkeit erwiderte sie: „Nein, so siehst du nicht aus, nicht mal in finsterster Finsternis. Wirst du verfolgt?“ „Ich glaube, ja.“ „Schuldlos?“ „Ich glaube, nicht ganz schuldlos, nein. Bitte, frage mich nicht weiter aus.“ „Eine harte Forderung an eine, die in Kriminologie macht.“ „Neben mir geht keine, die in Kriminologie macht, und neben dir geht kein Krimineller.“ „Sondern?“ „Die Hälfte eines Liebespaares.“ O, wie ihr das gefiel: „Sind wir schon so weit?“ „Auf gutem Wege, denke ich doch.“ Sie schnaubte etwas verächtlich: „Denken.“ „Kann ich nicht leiden.“ „Was?“ „Denken verächtlich machen.“ „Hast Recht. Nehm ich zurück. Vivat Denken!“ Sie gerieten ins Umfeld der Lichter vom Chinesischen Turm. Sie setzten sich auf eine Bank am Rande. Selbstbedienung. „Was soll ich dir holen?“ Susanne bestellte stilles Wasser. Ferdinand kündigte an, dass er ein Münchner Bier zischen wollte und ging zur Schänke. Susanne kam hinterhergelaufen: „Rülpst du, wenn du Bier getrunken hast?“ „Nicht, dass ich wüsste.“ „Bierrülpsende Männer sind mir der letzte Gräuel. Trink lieber hupfertes Wasser.“ „Hier ist der Berliner erklärungsbedürftig.“ „Mineralwasser mit Kohlensäure.“ Bei hupfertem Wasser kann man ja auch Rülpserchen kriegen. Es lebe die schöne Inkonsequenz! Ferdinand holte also ein stilles und ein sprudelndes Wasser und ging zur Kasse. Da stand schon Susanne und wollte beide Flaschen bezahlen. Ferdinand wollte das nicht. Aber Susanne beharrte: „Pass mal auf, wenn du wegen Brezeln auf Vernissagen gehst, dann musst du mir erlauben, dir ein Wasser zu bezahlen.“ „Sag hupfertes.“ „ - hupfertes Wasser zu bezahlen.“ „Bevor ich mich wieder prügeln lasse.“ Sie war empört: „Wieder prügeln? Sag mal!“ „Und wohin hast du dein Fahrrad geschmissen, als ich sanftmütig bat, ob man es zwischen uns entfernen könnte?“ Susanne antwortete nicht und zahlte, dann gingen sie zum Turm zurück und schenkten ihre Gläser voll. Susanne zog ein Buch aus ihrer Mappe. „Was kommt denn morgen dran?“ fragte Ferdinand. Sie gab ihm das aufgeschlagene Buch: „Kannst du mir das hier mal abhören.“ Wupps, Ferdinand. Aber er stellte sich so geschickt an, war so schnell im Begreifen, worauf es ankam, dass Susanne ganz verzückt war. Natürlich hätte Autor Alleskieker ‚erstaunt‘ schreiben können. Aber sie war verzückt! Sie gingen den ganzen Prüfungsstoff von morgen durch, tranken dabei ihre Wässerchen. Das endete mit dem Ausgehen der Lichter am Chinesischen Turm. Das restliche Licht von ein paar Parklampen erlaubte kein Lesen mehr. Ferdinand wollte wissen: „Wie geht’s denn jetzt weiter?“ „Da hinten steige ich aufs Rad und schaukle nach Hause. Es ist gleich ½ 10.“ Dies entsprach im Prinzip der Wahrheit, nur dauerte es noch fast fünf Stunden, bevor sie abschaukelte. Und sie richteten ihre Schritte nun auch keineswegs nach ‚da hinten‘, sondern mehr ins Stockdunkle. „Wenn du nun nicht in die Sahara fährst?“ fragte sie. „Dann fahre ich nicht in die Sahara.“ „Was ist denn das für eine saublöde Antwort?“ „Immer, wenn ich in Zukunft keine Auskunft geben kann oder gar lügen muss, zeige ich meine gekreuzten Finger.“ „Zeig. Ist ja viel zu dunkel.“ Er nahm ihre rechte Hand und legte sie auf seine: „Fühl.“ Welch eine Aufforderung. Susanne tastete die gekreuzten Zeige- und Mittelfinger ab. War eine Mini-Wonne. Sie führte die Finger an die Lippen und küsste sie ab. „Küss bitte auch links,“ forderte er. Das tat sie. War auch schön, nicht viel anders, aber schön. Ich bin ja irre, dachte sie, da küsse ich dem in tiefster Nacht die Finger, bloß weil er sie gekreuzt hat zum Zeichen, dass er lügt, - und sowas will in Kriminologie Prüfungen ablegen. In vielen Ländern würde man so einen foltern, - und ich küsse ihm die Grabscherchen. Sie gingen weiter und redeten noch viel. Es blieb stockdunkel. Sie sorgten dafür, indem sie etwa beleuchtete Wege mieden. „Also,“ sagte Susanne, „du hast ‚Auch das noch‘ gebrüllt, weil dir zwei Susannen zu viel wurden.“ „Ich habe das doch nicht gebrüllt.“ „Aber mir hats so wehgetan. Ich war so lieb drauf und dann dieses leise Gebrüll.“ „Ja, war nicht gut, so lieb hast du gesagt: ‚Hallo, ich bin die Susanne!‘ Da hätte ich nicht brüllen sollen.“ „Gibst du zu?“ „Ja, gebe ich zu. Meine Susanne in Berlin ist kurz davor, ihren Vetter Heinz zu heiraten.“ „Sehr gut,“ kommentierte sie und fuhr fort: „Hat es dich beleidigt, dass ich dir wegen der Käsehäppchen, auf die du ja wohl sehr angewiesen bist, - dass ich dir da dein Wasser bezahlen wollte?“ „Sag hupfertes Wasser.“ „- dir da dein hupfertes Wasser bezahlen wollte.“ „Nein, hat mich nicht beleidigt.“ Sie saßen dann noch auf einer Bank, auch im Stockdunkeln. Sie sagte: „Bevor ich nicht genau weiß, wer du bist, lass ich dich nicht ran – und rein schon gar nicht.“ „Angst vor Aids?“ „Auch, ja.“ Er schob seinen Arm hinter sie auf die Banklehne. Sie legte ihren Kopf darauf und dachte: Ob er mich vergewaltigt? Ach bitte! Kann man wirklich bitten, vergewaltigt zu werden? Die eine Hälfte eines Liebespaares kann doch nicht die andere Hälfte um sowas bitten. Aber ich könnte so satanisch böse auf ihn sein. Spontan sagte sie: „Küss mich jetzt bitte noch nicht.“ „Nein. Warum nicht?“ „Ich möchte die Zeit vor dem ersten Kuss dehnen, ganz lang dehnen. Es ist eine so unwiederbringliche Zeit.“ Er zog seinen Arm etwas an sich heran. „Warum veränderst du da was?“ fragte sie ungehalten. Er erklärte: „Ich möchte dein Haar auf meiner nackten Haut spüren.“ Da kuschelte sie ihren Kopf tiefer in die Unterlage, drehte ihn auch ein wenig, so dass die Wange auf die nackte Haut zu liegen kam. Minutenlanges behutsames Streicheln seiner Finger mit behutsamen Gegenbewegungen ihrer Wange, immer mal wieder fünf Haare von ihr dazwischen. Dann sagte er: „Ja. Das kann ich so richtig gut verstehen.“ „Was?“ „Die Zeit dehnen bis zum ersten Kuss.“ „Ich hab selten einen kennengelernt, mit dem ich mich so gut verstehen konnte. Dabei ist es ja man gerade der erste Abend.“ „Die erste Nacht.“ „Ja, und morgen habe ich Prüfung.“ „Heute.“ „Hast du Leuchtziffern auf der Uhr?“ „Ja, kurz nach Mitternacht.“ „Dann müssen wir.“ Sie standen auf und gingen weiter und redeten viel, noch etwas mehr als zwei Stunden. Und verabredeten sich für heute, Mittwoch, 18 Uhr. „Wir wollen uns doch wiedersehn?“ fragte sie plötzlich ganz bänglich. Er befand: „Ich wüsste wirklich nicht, was ich heute um 18 Uhr anderes machen könnte, als dich wiedersehn.“ Das erfreute Susanne ungemein; wie genau seine Worte der Wahrheit entsprachen, wusste sie zu der Zeit ja noch nicht. |