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21 Lilianes große Schwester studiert Jura Nun haben wir also einen kleinen Stau, lieber Leser. Kein Wort ist bisher gefallen über den gestrigen Mittwoch. Da war also die Prüfung, die die reichlich müde Susanne bestehen musste. Ging wunderbar gut. Es war ziemlich verrückt: Da hatte doch der Professor Kammhuber bei der vorigen Prüfung von den Vorteilen eines mnemotechnischen Gedächtnisses gesprochen, - und bei der Prüfung gestern hat sie bei allen Prüfungsfragen unter dem Dach des Chinesischen Turms gesessen und ihrem Ferdinand die Antworten gegeben. Es hatte was von einer erotischen Mnemotechnik. Manchmal musste sie sich direkt mit einem Ruck aus dem nächtlichen Englischen Garten ins taghelle Prüfungszimmer und ins Angesicht des Professors zurückrücken. Es kam auch fast genau all das dran, was sie mit Ferdinand durchgegangen war. Hatte schon eine große, schöne Wärmewirkung. Und auf dem Papier stand schließlich ein sehr nützliches ‚Sehr gut‘. Was so eine Kriminologin alles von einem Kriminellen profitieren kann. Mit Handkuss wurde Susanne von Ferdinand um 18 Uhr am gestrigen Mittwoch vor dem Institut empfangen, denn das profundere Küssen war ja in stockfinsterer Nacht von Susanne mit einem kleinen (oder großen?) Tabu belegt worden, durchaus im Einverständnis mit Ferdinand. Den Zeigefinger und den Mittelfinger küsste er ganz besonders ausgiebig, so dass sie ihm die Hand schon lachend entziehen wollte. „Ich antworte auf deine nächtliche Erkundung meiner gekreuzten Finger,“ erläuterte er. „Naja, aber da wars dunkel.“ „Haben wir das Licht des Tages zu scheuen?“ „Ich jedenfalls nicht.“ Wumms, so landete Ferdinand im Angesicht der ‚gesamten Strafrechtswissenschaften‘ wieder in der Kriminalfalle. Er hielt ihr die gekreuzten Finger vor die Augen. „Ja, ist ja gut,“ sagte sie fast verdrießlich. Wenn sie Posaune studieren würde oder Gartenarchitektur, wären ihr kriminelle Machenschaften des Liebsten ziemlich egal, aber mit ihrem Studium in der Mappe... Naja, als Posaunenstudentin einen Kriminellen zum Liebsten – auch nicht ganz egal. „Gib mir auf jeden Fall mal deine Handynummer,“ forderte sie. Was sollte er sagen?: „Ich hab mein Handy in Berlin vergess- in Berlin gelassen.“ „Macht die Sache mühsam. Wirst dir ein neues kaufen müssen.“ Nein, ziemlich sicher nicht, dachte Ferdinand, keine Daten in die Welt versprühen. Franziska kam aus dem Institut und tippte der Susanne von hinten auf die Schulter. „Wehe, du kriegst jetzt keinen Schreck!“ sagte sie. Und Susanne kriegte in der Tat einen riesigen Schreck: „Franziska! Meiomei, mein Sündenregister...! Nicht nur, dass ich dich versetzt habe, - ich hab überhaupt nicht mehr an dich gedacht.“ „Ich war den ganzen Vormittag parat. Hast wahrscheinlich Ersatz für deine olle Abhör-Franziska gefunden.“ „Ja, Ferdinand hat das wunderbar gemacht, ich hab eine Eins gekriegt.“ „Dann leih ich ihn mir im nächsten Semester mal aus.“ Susanne war lächelnd nicht einverstanden: „Ja, also –“ „Keine Angst, - junge Liebe ist mir heilig. Brauchst mich übermorgen auch nicht mehr.“ Susanne kuckte Ferdinand an, der sagte: „Vielen Dank, nein.“ Franziska ging los: „Tschüs ihr beiden, viel Glück!“ „Ich zeig dir, wo meine Schwester arbeitet,“ schlug Susanne vor. „Älter oder jünger?“ Susanne lachte: „Lustmolch! sweet sixteen, nichts für dich!“ „Mag ich nicht.“ „Was?“ „Solche Abmahnungen. Ich bin nämlich nur ganz ganz im Geheimen ein Lustmolch. Und da kommen diese Abmahnungen sowieso nicht an.“ „Zur Kenntnis genommen, wird in Zukunft beherzigt. Gehn wir! Ich hol mein Fahrrad.“ „Ich komme mit. Wie heißt sie?“ „Liliane. Sweet sixteen ist ein einmaliges Alter.“ „Jedes Alter ist einmalig.“ „Ja, aber die 16 ½ meiner Schwester Liliane sind ein bisschen einmaliger.“ „Und wo arbeitet sie?“ „Lass dich überraschen.“ Sie gingen die Ludwigstraße runter, Ferdinands Rennstrecke fürs Denken, plötzlich an der Seite einer wunderbaren Susanne und über die Kreuzung, den Schicksalsort mit den winzigen Erdstößen... Susanne will ihn aus Reserven locken: „Wenn ich dich nun zu mir einlade, zu meinen Eltern?“ „Werde ich nicht kommen. Der einzige Mensch, mit dem ich in München spreche, bist du, vielleicht noch deine sweet sixteen.“ „Wie hoch ist deine Telefonrechnung?“ „Zahlen dato meine Freunde.“ „Was fang ich mit dir an?“ „Du musst nichts mit mir anfangen.“ Ziemlich scharf erwiderte sie: „Lüg nicht! Zeig deine Finger. Du gibberst danach, dass es losgeht.“ Er gab unumwunden zu: „Stimmt...“ „Kann es sein, dass du dich interessant machen willst?“ „Hat damit nichts zu tun.“ „Bist du schwul?“ „Nee.“ „Impotent?“ „Nee.“ Sie bogen von der Residenzstraße auf den Max-Joseph-Platz. „Da drüben arbeitet meine Schwester,“ sagte Susanne, „Staatsoper, mit dem Leuchtstoffring durch die Nase.“ Im Ballettsaal herrschte ziemliche Spannung, nachdem die Werres reingekommen war und gesagt hatte: „Alle mal herhören! Eine sehr unangenehme Sache: Ich habe einer Einzigen von euch verraten, dass wir für die ‚Sacre du printemps’ am 26. Oktober für die Rolle ‚Junges Mädchen‘ eine Umbesetzung suchen, weil die Caven wegen ihrer Schwangerschaft ausfällt, mit der ausdrücklichen Bitte um wasserdichtes Schweigen. Einen Tag später spricht mich eine Andere an und bittet um Berücksichtigung bei der Umbesetzung. Dass das klar ist: der Ingrid habe ich es nicht verraten. Weiß noch Jemand von der Umbesetzung?“ Zwei Mädchenarme gehen schüchtern in die Höhe. „Von wem?“ will die Werres wissen. „Von Ingrid.“ „Von wem?“ will sie auch von dem anderen Mädchen wissen. „Auch von der Ingrid.“ „Der habe ich es, wie gesagt, nicht verraten. Ich frage jetzt mal ganz direkt: Ingrid, hat dir das Liliane gesagt?“ Ingrid lügt dreist und aufrecht: „Ja, Liliane.“ Die wird blass wie die Wand, japst nach Luft und schreit dennoch sehr laut: „Ingrid, du elendes Miststück! Du lügst!“ Die Werres kennt solche Töne von Liliane nicht: „Liliane, mit Schreien wirst du das nicht in Ordnung bringen. Du bist dir im klaren, dass das das Ende deiner Elevinnen-Zeit bei der Staatsoper bedeuten kann.“ Liliane starrt einen Augenblick in den Höllenschlund, dann rennt sie laut aufheulend aus dem Saal, Kim hinterher. Er schnappt ihren Mantel in der Garderobe und folgt ihr auf die Straße. Und fast hätte Liliane ihre Schwester umgerannt: „Liliane, was ist denn los?!“ Liliane kann gar nicht sprechen, so schütteln sie die Tränen der Verzweiflung, aber auch der Wut. „Kim,“ fragt Susanne, „was ist passiert?“ „Ziemlich schlimm,“ versucht Kim zu erklären, “im Ballettsaal –“ „Tut man Liliane Unrecht?“ „Ich glaube, ja, ganz schlimm, Intrigen, Mobbing, Lügen! Entlassen...“ Susanne schließt ihr Fahrrad ab, sie bleibt kühl, aber entschlossen: „Wir gehen jetzt in den Ballettsaal. Ferdinand, komm mit!“ Aber Liliane sträubt sich: „Nie wieder betrete ich dieses Haus! Nie! Nie! Nie wieder!“ Susanne besteht eisern liebevoll auf ihrem Vorhaben: „Liliane, berappel dich, du kannst das nicht so in der Welt stehen lassen. Kim, was meinst du?“ „Wäre gut, wenn wir nochmal raufgehen, und wenn Sie mitkommen.“ Mit festem Griff, aber behutsam dennoch, nimmt Susanne die Hand ihrer Schwester: „Ihr wunderbaren Schwebeleute, zeigt mir den Weg zum Ballettsaal.“ Liliane geht trotz ihres Protestes eilenden Schrittes neben der Schwester, sogar ein bisschen zielstrebig voraus, immer Schwesterhändchen haltend, und schluchzt vor sich hin: „Die Werres, - von der ich glaubte, sie liebe mich allermeist...“ Im Ballettsaal will die Werres zur Tagesordnung zurückkehren, als das Quartett aus zwei Tänzern und zwei Straßenmenschen den Raum betritt. Susanne fragt gleich: „Was ist hier vorgefallen?“ Die Werres ist sehr abweisend: „Wer sind Sie? Unbefugten ist das Betreten des Ballettsaals nicht gestattet.“ Susanne erläutert: „Ich bin die Schwester von Liliane. Ich heiße Susanne und studiere Jura, bin kurz vor dem Abschluss.“ Die Werres bleibt verschlossen: „Ich bin Ihnen keine Rechenschaft schuldig.“ „Sie können meine Schwester nicht entlassen!“ „Nichts dergleichen ist geschehen!“ Susanne fragt: „Kim?“ Der sagt: „Ja, also –“ Die Werres stellt richtig: “Ich habe gesagt, dass ihr Geheimnisverrat das Ende ihrer Elevinnenzeit bedeuten kann. Kann. Ich habe von der Möglickeit gesprochen.“ Susanne meint: „Bloß, weil meine Schwester schön ist. Eine böse Drohung!“ „Zu der ich wohl einiges Recht hatte. Und das hat mit ihrer Schönheit nichts zu tun.“ „Doch! Die Schönen müssen immer unter dem Neid der anderen leiden. Warum ist meine kleine Schwester in Tränen aufgelöst auf die Straße gestürzt und konnte kaum sprechen.“ „Ihre kleine Schwester hat mein Vertrauen gröblich missbraucht und Sachen rumgetratscht, die ich ihr unter dem Siegel ausdrücklicher Verschwiegenheit mitgeteilt habe.“ „Gibt es Beweise?“ „Allerdings: die Aussage von Ingrid, dass sie das Geheimnis von Liliane erfahren hat.“ Liliane schreit: „Sie lügt.“ Die Werres argumentiert: „Was zu beweisen wäre.“ Unerwartet meldet sich Kim zu Wort: „Darf ich mal was sagen?“ Die Werres will wissen: „Was hast du denn damit zu tun?“ Kim verrät, was er hier und jetzt sicher so nicht verraten wollte: „Ich liebe die Liliane.“ Da meldet sich eine verletzte, wütende Ingrid: „Das ist ja wohl kein Argument!“ Susanne reklamiert: „Vielleicht das einzige, das zählt.“ Ingrid plustert sich auf: „Wo kommen wir denn da hin, wenn solche Sentimentalitäten was beweisen sollen!?“ Die Werres bemüht sich, Ordnung zu schaffen: „Kim, was hast du zu sagen?“ „Ich war vorige Woche im Büro, da lag auf dem Schreibtisch ein Stück Papier, da stand drauf, dass Frau Caven wegen Schwangerschaft ausfalle und für die Vorstellung SACRE am 26.10. eine Ersatzbesetzung zu suchen sei. Das habe ich gelesen, auch wenn das vielleicht nicht ganz anständig war. Ich habe es Niemandem weitergesagt. Als ich meine Sachen im Büro erledigt hatte und rauskam, war da die Ingrid, die sagte ‚Na, schöner Knabe aus Java!‘ zu mir, weil sie ja wohl auch ein Auge auf mich geworfen hat.“ Das ließ endlich Gelächter im Ballettsaal aufbranden, die Werres fragte: „Was meinst du mit ‚Auch‘?“ Kim wurde das ziemlich peinlich: „Naja, weil ja vielleicht die Liliane auch ein Auge auf mich ge–“ Liliane schrie lauthals: „Ja!“ Kim steckte das mit einem hinreißenden Lächeln weg und sagte: „Die Ingrid ist gleich nach mir ins Büro, könnte es nicht sein, dass sie auch so unanständig war, das Papier zu lesen?“ Jetzt wars aber muckmäuschenstill im Saal. Die Werres fragte: „Ingrid, hast du was zu korrigieren?“ Ingrid kämpfte mit sich, ihre Kiefer mahlten angespannt. Kim rief: „Ingrid, wenn du mich wirklich liebst, dann sag die Wahrheit!“ Ingrid sagte schließlich: „Ich habe es im Büro gelesen. Liliane hat nichts verraten.“ Die Werres blieb sehr souverän: „Ingrid, ich danke dir für deine Ehrlichkeit. Liliane, komm an mein Herz!“ Liliane, mit ihrem unnachahmlichen Gefühl für Stil, warf den Mantel ab und flog in die Arme ihrer Meisterin, die nun recht eisenhart fragte: „Ingrid, hast du nicht ein Angebot nach Graz?“ „Ja. Wieso?“ „Geh hin.“ Als Liliane auf die Straße trat, musste sie sich an die Hausmauer lehnen, sie atmete schwer und ließ den Kopf hängen: „Das war schrecklich. Wenn das gute Ende nicht gewesen wäre... Mir ist schwindlig.“ Susanne schaute sie mit Sorge an: „Liliane, ich lasse mein Rad hier und bringe dich nach Hause. Ferdinand, es tut mir schrecklich Leid –“ Sie machte eine Pause, weil sie fürchtete, sich selbst zu schädigen: „Es tut mir wirklich schrecklich Leid, aber du musst nach Hause gehn.“ Aber Liliane gefiel das nicht: „Der soll mitkommen.“ Susanne war das nicht unlieb: „Na gut. Und Kim?“ Liliane sprühte Funken: „Der doch erst recht!“ Ferdinand meldete kleine Bedenken an: „Aber die Eltern...“ „Die sind das gewohnt,“ erklärte Susanne. Und Liliane ergänzte: „Die kriegen erst einen Schreck und dann freuen sie sich. Die Männer sollen alle mitkommen, ich brauche Seelenknuddel.“ Susanne schaute sie ein bisschen spöttisch an: „Manchmal glaube ich, du brauchst Körperknuddel.“ Sehr knapp und leise meinte Liliane: „Auch.“ Ferdinand war sehr aufmerksam: „Vielleicht sollte man Kim auch noch fragen?“ Liliane argumentierte: „Also, wenn der nicht gerne mitkommt!...“ Kim lächelte wieder sein schönstes Lächeln: „Ich komme sehr, sehr gerne mit.“ Susanne ordnete an: „Ich möchte Liliane nicht allein lassen, ich fahre mit ihr und Kim mit der Straßenbahn – Ferdinand, du fährst mit meinem Rad zu uns.“ „Ich weiß doch gar nicht, wo das ist!“ Susanne war ein ziemlich perfekter bayerischer Feldwebel: „Du fährst neben der Bahn her, wir weisen dich ein.“ „Au ja!“ freute sich Liliane. Susanne legte den Kopf auf die Seite und schaute ihrem Ferdinand so richtig frech in die Augen: „Ich hoffe, du kannst Radfahren.“ Er empörte sich: „Also, hör mal!“ „Bei dir weiß man nie.“ Die Bahn kam, die Drei stiegen ein, Ferdinand schrie: „Susanne, der Schlüssel!“ Die Drei stiegen ganz schnell wieder aus. Susanne schloss das Fahrrad auf. Ferdinand schob es zur Haltestelle und inspizierte es. Er fragte: „Wozu ist das?“ „Brauchst du nicht,“ war Susannes Antwort, aber über die Gangschaltung gab sie schon noch ein paar Auskünfte, vor allem wegen der Steigung am Maximilianeum. Bis die nächste Bahn kam. Dann begann die denkwürdige Tour. Die Maximilianstraße war zunächst ziemlich einfach. Ferdinand fuhr mit der Bahn synchron, hielt an den Haltestellen. Die Schwestern machten ihm viele Zeichen, von denen er kaum eines verstand. Doch, ja: auf der Luitpoldbrücke signalisierte Susanne: Es geht rauf, Gangschaltung. Ferdinand gehorchte. Naja, da musste er ganz schön strampeln. Am Max-Weber-Platz stiegen sie aus. Ferdinand rief: „Wo wohnst du?“ „Wir steigen um.“ Sie gingen zur gegenüberliegenden Haltestelle. „Fahrt ihr zurück?“ schrie er. „Nein! Da links rum! Und gleich nochmal links.“ Ferdinand schob das Rad rüber und postierte sich vor der roten Ampel für den nächsten Start: “Noch weit?“ „Nein, sechs Haltestellen etwa.“ „Naja.“ Susanne bat dann Liliane, dem Ferdinand ihr Telefönchen zu geben, weil der seins in Berlin hat – sie könne ihn dann drahtlos dirigieren. Ferdinand nahm den Apparat: „Danke.“ Er zog den Mantel aus und gab ihn Susanne: „Wird mir zu heiß.“ Auf dem Weg zum nahen Halteplatz wollte Liliane der Susanne den Mantel abnehmen. Sie hält ihn fest und wendet sich ab: „Nein, lass mir den mal.“ Liliane sagt lächelnd, leise: „Riecht nach Ferdinand oder? Hundeschnüffel.“ Susanne hob den Mantel an die Nase: „Ja. Du weißt doch schon eine Menge über die Liebe.“ „Viel zu wenig...“ Dann kam die 15, sie stiegen ein, Ferdinand fuhr mit. Darf er überhaupt da links abbiegen in die Kirchenstraße? Nein, aber er tut es. Gleich wieder rechts. Haltestelle. Ferdinand fuhr voraus. Es wurde recht eng. Ferdinand fühlte sich gejagt. Nach der Enge der Steinstraße wurde es dann besser. Sein Handy klingelt: „Ja?“ Susannes Stimme: „Ich wollte dir sagen: Es wird eng.“ „Das habe ich gemerkt.“ „Ich konnte nicht so schnell telefonieren, wie es eng wurde.“ Immer, wenn die Verkehrslage es erlaubte, fuhr die Bahn sehr schnell. Vielleicht hatte sie Verspätung aufzuholen. Ferdinand schaltete in höchste Gänge – und stoppte etwas atemlos an den Haltestellen und Ampeln. An der Tegernseer Landstraße stiegen sie aus, und es kam noch ein Anruf: „Du musst nach links!“ „Ich darf laut Verkehrszeichen nur nach rechts!“ „Steig ab und schieb nach links rüber zur Stadtbibliothek.“ Das tat er. Dann waren sie wieder vereint und gingen in die nur in diesem Roman vorkommende Sebaldusstraße. Vor dem Hause Nummer 6 sagte Susanne zu den Jungen: „Benehmt euch anständig. Mein Vater ist 75 Jahre alt.“ Liliane ergänzte: „Kurz vor seinem 60. hat er mich noch gezeugt. Ich bin ihm sehr dankbar.“ „Ich auch,“ sagte Kim leise. Die Eltern saßen beim Abendessen, kalt, für die beiden Töchter war auch gedeckt. Sie kuckten etwas erstaunt. Susanne erklärte: „Wir haben zwei Männer mitgebracht. Das ist Kim.“ Die Mutter merkte an: „Den Namen kenne ich, ein Kollege von Liliane.“ „Ja,“ sagte Liliane, „wunderbarer Kollege.“ Susanne sorgte für zwei weitere Teller, Gläser und Bestecke: „Und das ist Ferdinand. Ich hol noch Brot. Ferdinand, hilfst du mir?“ Er folgte ihr in die Küche. Sie wickelte einen halben Laib Brot aus dem Hofpfistereipapier. Das gab sie Ferdinand: „Machst du mal auseinander.“ „Was?“ „Papier und Restmüll trennen.“ Sie zeigte es ihm, schuf Nähe, erlaubte Duftaustausch: War ja schon beim Manteltragen deutlich geworden - unsere Hundenatur, auch wenn wirs etwas diskreter tun. Er trennte die Folie vom Papier, sie schnitt Brot und wies ihn dann an: „Das hier rein, das hier rein.“ „Also, sowas machen wir in Berlin nicht.“ Sie gingen wieder rein. Alleskieker könnte anmerken, dass seine Papiertrennhilfe in der Küche nicht wirklich dringend gewesen war. Die Mutter sagte: „Ferdinand kenne ich nicht.“ Susanne erklärte: „Er ist auf der Durchreise in München.“ „Woher?“ wollte die Mutter wissen. „Aus Norddeutschland.“ Kriminologin Susanne registrierte: Zu mir sagt er Berlin, zur Mutter Norddeutschland. „Wohin?“ wollte der Vater wissen. Ferdinand erklärte: „In die Wüste Sahara.“ „O, nehmen Sie an einer Expedition teil?“ „Nein, ich will da auf einen Sandsturm warten und mich zudecken lassen, bis ich nur noch eine kleine Düne bin.“ Susanne forderte: „Ferdinand, zeig mal deine Finger.“ Ferdinand präsentierte seine gekreuzten Finger, und Susanne erklärte: „Wenn er die Finger so gekreuzt hat, sagt er nicht die Wahrheit.“ Die Mutter folgerte: „Also, er lügt und lässt einen wissen, dass er lügt.“ „Korrekt,“ sagte Ferdinand. „Sehr angenehm für die Mitmenschen,“ kommentierte die Mutter, „wo hast du ihn kennengelernt?“ „Auf Vernissagen.“ „Gleich mehrere? Klingt gut.“ „Aber er ging da hin wegen der Käsehäppchen.“ „Dann soll er mal noch ein Brot essen,“ meinte die Mutter. Kim stand etwas abrupt auf: „Ich habe vergessen, Guten Abend zu sagen. Guten Abend.“ Während er sich nach kleiner Verbeugung wieder setzte, stand Ferdinand auf: „Ich habe auch vergessen, Guten Abend zu sagen. Guten Abend. Es ist sehr liebenswürdig, wie gastfreundlich wir hier aufgenommen werden.“ Niemand ahnte, wie ehrlich er das meinte und was es ihm bedeutete. Dann aß er. „Warum erzählt Niemand von mir?“ wollte Liliane wissen. „Mein später Schmetterling,“ sagte der Vater, „was gibt es von dir zu erzählen?“ Susanne berichtete: „Sie ist haarscharf an ihrer Entlassung vorbeigeschlittert. Ganz böses Mobbing. Mal was von Ingrid gehört?“ „Ja,“ sagte die Mutter, „aber nie Gutes.“ Susanne: „Die hätte es beinah geschafft, unsere Süße rauszugraulen. Sehr glückliches Zusammentreffen, dass wir gerade vorbeikamen, als sie heulend aus dem Bühneneingang stürzte.“ Den Vater quälte das: „Wenn ich sowas höre, mache ich mir immer Vorwürfe, dass ich so spät nochmal Vater geworden bin. Ich hätte da sein müssen, als Liliane aus der Staatsoper stürzte. Die Mädchen haben keinen Schutz mehr von mir.“ Die Mutter strich Liliane über die Haare: „Ich protestiere. Die späte Liliane ist ein Gnadengeschenk. Die Vorstellung, dass dieses Geschöpf nicht mehr über unseren Korridor flattert, ist unerträglich.“ „Ja,“ sagte Kim, „ich wäre auch sehr unglücklich.“ Liliane grunzte-griente nur: „Höhö, Kim...“ Die Mutter: „Wir würden doch sonst nur über Hörgeräte plaudern und Fernsehschrott schlürfen.“ Susanne stellte klar: „Paps, ich bin froh, dass du ein bisschen älter bist. Wenn ich da so manche jungen Väter beobachte, - nee...“ Der Vater mühte sich ab, seine runtergerutschte Serviette aufzuheben. Er wandte sich an Kim: „Junger Mann, wenn so einem Alten wie mir was runterfällt, muss ich mich dreimal bücken.“ Als Kim helfen wollte, wehrte er ab: „Nein, lassen Sie mal. Das erste Mal bücke ich mich nicht tief genug, ganz einfach. Beim zweiten Mal – das ist etwas komplizierter: - da will ich nur das kleine Scheitern des ersten Versuches ganz schnell vergessen machen, aber genau mit der Schnelligkeit erwische ich die Sache auf dem Fußboden überhaupt nicht. Dann gehe ich es zum dritten Mal an, ganz langsam, bedächtig, den Grad des Bückens möglichst genau berechnend, eventuell gehe ich sogar aufs Knie – und dann hebe ichs auf. Naja, das Älterwerden... Meine Vorhaut ist auch ziemlich verschrumpelt und hat mich zum Querpinkler gemacht.“ Alle Anwesenden erstarrten, Ferdinand aber nur für den Bruchteil einer Sekunde, aß dann weiter. Und der Vater fuhr fort: „Alter Mann furzt auch viel mehr als früher.“ Da man das nicht ausradieren konnte, sagte Susanne: „Paps, so kenne ich dich gar nicht, dass du so aus der Hüfte schießt. Wenn du nun noch über dein Rülpsen ausführlich berichten würdest, hätten wir deine Ekelhaftigkeiten komplett.“ Der Vater befand: „Lass gut sein, Susanne, wenn der Ferdinand dich liebt, erträgt er den Alten. Wenn er den nicht erträgt, liebt er dich nicht.“ Susanne hatte an den Peinlichkeiten noch etwas zu würgen: „So einfach ist das.“ „So einfach ist das. Furz ist laut ehrwürdigem Wörterbuch von Hermann Paul ein Wort mit indogermanischer Wurzel.“ Susanne meinte: „Fragt sich, ob die ehrwürdige Wurzel dein Rausposaunen besser macht." Der Vater lachte: „Dein Ferdinand gefällt mir – das ist mein Mann. Hat keine Miene verzogen, ruhig weitergegessen. So liebe ich das.“ Susanne war ja ein kluges Mädchen und resümierte: „Liebe ist das Stichwort. Er will, dass wir ihn lieben, auch über diese finsteren Schluchten hinweg und – er liebt uns.“ „Kein Widerspruch,“ sagte der Vater und trank Wein. Ferdinand hakte nochmal nach: „Ihren liebenswürdigen Damen gegenüber waren Ihre Realitäten freilich harte Kost.“ Der Vater grinste: „Die Ambivalenzen des Lebens: Jetzt hast du einen Stein im Brett bei den Damen. Bei mir einen weniger.“ Susanne bat beim Aufstehen: „Ferdinand, ich habe übermorgen wieder Prüfung. Kannst du mich morgen wieder abhören?“ „Natürlich.“ „Wenn ich dich nun morgen um 10 Uhr zum Institut bitte?“ „Komme ich.“ Und Liliane kommentierte: „Kim, das war sehr schön, dass du zum ersten Mal bei mir zu Hause warst.“ Die Mutter konnte Susanne verstohlen fragen: „Bleibt er zum Frühstück?“ Susanne zuckte die Achseln: „Ich glaube nicht.“ Die Mutter bedauerte: „Schade, er gefällt mir.“ Liliane verkündete noch: „Ich werde ab sofort sehr viel üben müssen. Da wird der Korridor für den übrigen Verkehr gesperrt.“ Kim mahnte an: „Liliane, du wirst auf dem Korridor sehr wenig tanzen. Sonst ist der 26. nicht deine Premiere in der Staatsoper, sondern Besuchszeit in der Orthopädischen Klinik. Bitte, sei nicht leichtsinnig.“ Fast kleinlaut stimmte Liliane zu: „Aber nur aus Liebe zu dir.“ Der kurze Rest des Abends also: Ferdinand trennte sich von Susanne – ohne Kuss. Kim trennte sich von Liliane mit einem ersten leidenschaftlichen Kuss, nur abgebrochen, weil die Mutter in Reichweite kam. Susanne gab Ferdinand noch ein Probefläschchen Badesalz: „Hier schenk ich dir. Probiers aus und sagst mir Bescheid, ob ich eine Großpackung kaufen soll.“ Mit wie gemischten Gefühlen steckt Ferdinand das Fläschchen in die Tasche. Alleskieker muss sich beim geneigten Leser nicht entschuldigen, dass es heute so lang geworden ist, oder? |