23    Ein Penner geht segeln

Dieser entsetzliche Freitag abend – Schwamm drüber – Schwamm, Schwamm, Schwamm drüber, drüber, drüber! Ausdruck kommt vom Löschen der Schulden, die in Kreideschrift auf einem Schwarzen Brett im Gasthaus standen.

Keine Bundesliga heute. Aber gestern dieses ziemlich fatale 1:1 in Sarajewo. Naja, Vizeweltmeister haben es schwer.

Der Samstag fing gut an, nur das Wetter ließ zu wünschen übrig. Sie trafen einander vor der Apotheke im Hauptbahnhof. Und sie freuten sich aneinander. Das ist ja nun gewiss nichts Außergwöhnliches – noch dazu bei so junger Liebe. Sie informiert ihn über das ‚Sehr gut‘ gestern bei der Prüfung, was ihm sehr wohltut. Sie wirft einen kurzen Blick auf seine Kleidung: „Was hast du denn sonst noch im Gepäck – außer keine Segelschuhe?“ Ferdinand tut das nicht wohl, aber er fängt sich schnell: „Kann es sein, dass du nicht so nett zu mir bist, wie du sein könntest?“ „Das kann sein – entschuldige bitte. Manchmal reitet mich der Teufel und ich sage Sachen, die ich besser verschlucken sollte.“ Fahrtkosten bezahlen? Getrennte Kasse, aber in Ferdinands pfiffiger Umschreibung: „Du zahlst für uns beide die Hinfahrt, ich lade dich zur Rückfahrt ein.“

Die S-Bahn war nicht voll. Sie fanden ein leeres Geviert. Sie setzte sich ans Fenster in Fahrtrichtung. Er daneben. Sie sagte: „Setzt du dich bitte drüben hin. Ich möchte dich ansehn.“ Es fiel ihm nicht schwer zu gehorchen: „Ich dich auch.“ Sie fragte mit großer, denn doch wohl gespielter Beiläufigkeit: „Wie wars gestern?“ Er fiel drauf rein: „Wieso gestern?“ „Du konntest doch gestern abend leider nicht.“ Saublöde Situation für Ferdinand: „Ach so, ja, ich – wir waren – also...“ Susanne packte den Seelen-Rucksack aus: „Soll ich dir mal was sagen?: Du warst überhaupt nirgends, du hattest bloß Angst, mit mir in die Welt zu gehen, du warst allein zu Hause, deine Freunde waren in der Disco. Und es war dir zum Heulen.“ Ferdinand ließ sich nicht einschüchtern und konterte: „Soll ich dir mal was sagen?: Du hattest nicht den allergeringsten Grund, mit mir in die Damenunterwäscheabteilung Hautnah zu gehen und mir den lila Fummel mit den roten Rosen – oder was das war – unter die Nase zu halten.“ „Unter die Nase doch nicht. Doch, hatte ich einen Grund.“ „Welchen?“ „Dich. Weil du nämlich am nächsten Abend leider nicht konntest.“ „Quitt?“ fragt er. „Quitt,“ sagt sie, „machst du nie wieder.“ „Nö,“ sagt er, „du auch nicht.“ „Naa,“ sagt sie. Er wünscht sich: „Wenn du mal ernsthaft was einkaufen musst, würde ich gerne mitkommen.“ „Ist notiert.“ Beide rutschten in die Sitze zurück.

Es dauerte nicht lange, da rutschte sie wieder vor: „Ferdinand, du fühlst dich verfolgt?“ Auch er rutschte sogleich wieder vor: „Eigentlich nicht mehr. Seitdem ich dich kenne.“ „Aber die Umstände haben sich ja dadurch gar nicht geändert.“ „Nee, stimmt. Ich sage mir nur: Wenn meine Verfolger mir was Böses wollten, hätten sies doch längst tun können.“ „Eine ziemlich wacklige Hypothese... Willst du nicht ein bisschen plaudern?“ „Unter Ganoven heißt das singen oder?“ „Wir sind doch höchstens ein Ganove.“ Sie hatte die Ellbogen auf den Knien und schob die Hände vor. Er nahm ihre Hände in seine und sagte: „Das mit den gekreuzten Fingern hast du nicht ganz richtig verstanden, glaube ich.“ „Wieso?“ „Es hat nichts mit Magie zu tun, mit Abschwören oder so. Im Gegenteil: es soll dem Anderen sagen: Guck mal, ich lüge.“ Sie lachte: „Lügen kann man nicht gucken. Lügen tut man im Kopf, vielleicht ein bisschen im Herzen. Lügen hört man. Ich höre.“ „Bayern ist schön.“ „Nicht gelogen. Wovon war vorher die Rede?“ „Die Sonne scheint nicht.“ Er lehnte zurück. Sie auch.

Aber bald kam sie wieder vor und fragte: „Hast du kein Vertrauen zu mir? Hast du Angst, dass ich gleich zur Polizei renne und dich anzeige?“ „Nein, aber ich mache dich zur Mitwisserin.“ „Das gehört zu meinem Job. Hör zu, was ich spekuliere: Banker bist du von Beruf, da gehst du mit Geld um. Es gibt sauberes Geld und schmutziges Geld. Du hast ein bisschen zu viel schmutziges Geld in den Pfoten gehabt und hast es sauber gewaschen, ein bisschen schmuddelige Provision eingesteckt. Kein Kapitalverbrechen, oder ja: in des Wortes Bedeutung: ein Kapital-Verbrechen. Kleiner Fisch, nehme ich an, aber du bist straffällig. Aber dass du nun deshalb gleich von Berlin zu Freunden nach München fliehst und untertauchst, - die Verhältnismäßigkeit scheint mir nicht in Ordnung. Rechtsanwalt wäre besser gewesen.“ „Ich bin nach München gefahren, damit ich dich kennen lernen kann.“ Mahnend sagt sie: „Ferdinand, zeig mal deine Finger.“ Er zeigt ihr die gekreuzten, die sie flüchtig küsst: „Da hängt doch noch was andres dran.“ „Ja.“ „Persönlich in ein Verbrechen verwickelt?“ Ferdinand zögert, sagt dann aber eindeutig: „Nein.“ „Was bedeutet dein kleines Zögern? Ein Verbrechen mit vorbereitet.“ „Nein.“ „Ein Verbrechen mitangesehn und damit als unerwünschter Zeuge sowohl verfolgt als auch erpressbar.“ Zwei Stationen weiter, und sie weiß alles von mir, denkt Ferdinand. Ich hoffe zu ihren Gunsten, dass sie Handschellen mithat. „Ja,“ sagte er und überlegt, dass sie das mit den Chinesen aber nicht wissen kann. Zum Glück kamen sie in Starnberg an, wo Marion sie erwartete.

Sie schaute ihnen entgegen. Den Jungen sah sie zum ersten Mal. Er gefiel ihr. Ferdinand sah gut aus, war braungebrannt. Wenn sie wüsste, auf wie viel Straßen Münchens er diese Bräune eingefangen hat. Die Damen umarmten einander mit Küsschen rechts und Küsschen links. Beinah wäre dieser kleine, doch wohl aus Italien über uns gekommene Zärtlichkeitsaustausch auch Ferdinand zuteil geworden, aber Marion hielt sich im letzten Augenblick zurück, wirklich mit ihm diese spontane Mischung aus Irrtum und Zuneigung zu zelebrieren.

Sie gingen an den beachtlichen Ärschen der geparkten Autos vorbei. Ein weißes Mercedes-Cabriolet – weiß, nicht silbermetallic! - gefiel Ferdinand am besten. Bei dem justament ließ Marion die Schlösser knallen: „Ferdinand bitte nach hinten. Es ist etwas eng, aber es geht.“ Ferdinand stieg ein und kam sich doch wirklich ein bisschen schäbig vor mit seinem inzwischen recht schlafverknitterten Anzug auf dem hellgrauen, fast weißen Leder. Die Damen setzten sich vorne. Marion fuhr – hervorragend, Ferdinand dachte an seine letzte Autofahrt mit Grete, der Frau von Professor Kammhuber, die ihn in leichten Angstschweiß versetzt hatte. Die Damen redeten über Marions Situation. Sie tat genau genommen nichts. „Ich komme aus sehr reichem Hause. Das ist schön, aber auch gefährlich. Also: - auf Mann und Kinder warten tu ich nicht. Das ist ja gar keine Tätigkeit.“ „Du konntest sehr gut zeichnen,“ erwähnte Susanne. „Ja, wahrscheinlich schmeiße ich mich dann im Frühjahr auf die Mode. Paps will mir ein Studium in Paris spendieren.“ „Können wir bei dem Wetter überhaupt segeln?“ fragte Ferdinand. Marion lachte: „Wir segeln unterm Regen durch. Und wenn ein paar Tropfen auf Deck landen, macht das auch nichts.“

Das Landhaus war eher ein kleines Schlösschen, nicht überdimensional groß, sehr gediegen, kein altes Wagenrad, keine alte hölzerne Schubkarre mit Stiefmütterchen, gepflegter Rasen, kluger Baum- und Buschbestand. In der Diele ein gerahmter Spruch, den Ferdinand halblaut las: „Sei mit Lust bei den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, die dich nachts gut schlafen lassen.“ Einige Unterschriften und ‚Workshop im Bergischen Land, Juli 1998‘. Marion kommentierte: „Mein Vater liebt diesen Spruch. Ist aus den BUDDENBROOKS von Thomas Mann.“ Sie führte die beiden in den ersten Stock, eine sehr sympathische Diele mit einem schmalen ovalen Biedermeiertisch, an den Wänden zwei Biedermeierkommoden, und sehr viele Türen. Susanne kam in das geräumige Gästezimmer, Ferdinand wurde gegenüber in das Zimmer des Bruders verfrachtet, der einige Semester in den USA studiert. Susanne steckte sehr interessiert ihren Kopf in die nächtliche Bleibe ihres Freundes. Marion zeigte noch das Badezimmer, das sie benutzen konnten. Dann schlug sie vor: „In zehn Minuten treffen wir uns unten zu einer Brotzeit, einverstanden? Meine Eltern kommen erst abends. Da wird dann richtig gegessen.“ Erstmal Tür zu.

Ferdinand, gibts das? Im bedenklich kalten Flaucher-Bett aufwachen und nur wenige Stunden später im Zimmer des sehr reichen Bruders der sehr reichen Marion stehen und mit den Fingern übers weiße, weiße, weiße Bettlaken fahren? Marions Bruder spielt Tennis, wahrscheinlich nicht schlecht. Da hängt ein gerahmtes Foto von Steffi Graf, da sieht sie sehr gut aus, richtig schön, – Stefanie Graf. Bei den Büchern überwiegen Lehrbücher zu den Wirtschaftswissenschaften. Der Blick aus dem Fenster geht in den Garten. Oder ist das ein Park? Ja, um die Anfangsfrage zu beantworten, das alles gibt es, dank der Liebe! ‚Kommst du mit?‘ hat Susanne gestern gefragt, dreimal. Gäbe es die Liebe nicht, würde das arme Hirn gar nicht mehr zur Ruhe kommen. Ferdinand verwendete einige müßige Gedanken an die Frage: Wie komme ich hier wieder raus, wo ich so überhaupt nicht reinpasse? Und die Folgefrage: Wie komme ich hier über die Runden, ohne gefährliche Fragen beantworten zu müssen und in zweiunddreißig Fettnäpfchen zu treten? Irgendwann muss ich zum Friseur.

Waren lauter Quatschgedanken! Die Brotzeit war so nett und köstlich, die Wurstwaren so hervorragend, das Andechser Dunkle eine Wucht. Das winzige Rülpserlein wurde nicht gehört – oder überhört. „Mit Butter und Salz ist der Radi besonders gut,“ sagte Marion. „Das Wort Brotzeit kennt man nicht in Berlin,“ sagte Ferdinand. Marion wusste Bescheid: „Das war früher zwei Mal am langen Arbeitstag, um neun Uhr morgens und um drei am Nachmittag, ein halber Liter Bier und nichts als ein Stück trockenes Brot. Daher Brot-Zeit. Mit Übergewicht hatte da keiner zu kämpfen.“ Susanne lachte: „Heute könnte man das eher Parma-Schinken-Zeit nennen oder Radi-Zeit.“

Dann das Segeln. Im Kammgarnanzug? Schwupps hatte er des Bruders Anorak an und dessen Segelschuhe an den Füßen. Er bekannte, noch nie gesegelt zu haben - oder zu sein. Klingt beides komisch. „Macht gar nichts,“ sagte Marion, “wird Ihnen trotzdem gefallen. In der Seglersprache sind Sie ein Greenhorn.“ Sie führte die beiden zum Bootsliegeplatz. Da war vielleicht Geld versammelt, genauer: Boote, für die viel Geld ausgegeben worden war, zum Teil hochseetaugliche, die gegebenenfalls mit wuchtigen Lastwagen nach Genua oder Biarritz überführt werden konnten, teures schönes Hobby. Das Schöne empfand Ferdinand besonders, als der Motor abgeschaltet wurde und sie mit Windeskraft dahinglitten durch die feuchte Kühle. Drei schöne Stunden lang. Ferdinand lernte zu unterscheiden zwischen dem Kräuselwasser auf dem See, das eine Brise bedeutete, und dem spiegelglatten einer Flaute. Der oft so rasche Wechsel von so einer Flaute zu kräftigem Wind zum schnellen Segeln. Ab und zu durften Susanne oder er eine Leine lockern oder festzurren, ohne genau zu wissen, was sie da taten. Was ein Mast ist, weiß fast jeder, aber das Querstück da unten, das einem beim Halsen vor die Stirn knallen kann, dass das Baum heißt, das wusste das Greenhorn nun. Ach ja: und Halsen heißt das Wenden bei achterlichem Wind, was schlicht Wind von hinten ist.