24    Das Glucksen des Wassers unter dem Segelboot

Es war ziemlich spät geworden auf dem Wasser gestern abend. Auch kühl war es, als sie anlegten. „Bleibt denn so ein Schiff den Winter über hier liegen?“ wollte Ferdinand wissen. Marion vertäute das Boot und erklärte: „Ferdinand, das ist kein Schiff, sondern eine nicht besonders große Segeljacht, genauer ein Schwertkieler. Und den Winter über liegt sie im Yachthafen in Starnberg. Auf dem Land. Kein Boot darf von November bis April im Wasser bleiben. Naturschutz, die Fische nicht beim Laichen stören. Manchmal bin ich da schon ein bisschen sauer, so an einem warmen Märztag... Aber es ist wohl richtig. Beeilt ihr euch bitte ein bisschen. Die Eltern essen gerne pünktlich. Ich bin sicher, dass sie gekommen sind.“

Ferdinand hatte seine Krawatte umgebunden. Susanne registrierte, dass es dieselbe war, die er vorige Woche auf einer Vernissage getragen hatte. Ihn vorzustellen erwies sich als nicht ganz einfach, denn die beiden jungen Damen kannten seinen Nachnamen nicht. Mit „Brennecke“ half Ferdinand dann aus. „Ferdinand ist Banker in Berlin,“ erklärte Susanne. „Interessant,“ sagte Marions Vater, „ich bin Makler, habe viel mit euresgleichen zu tun. Man kann nicht behaupten, dass sich die Bosse und Vorstände in letzter Zeit mit Ruhm bekleckert haben.“ „Sie verdienen zu viel,“ sagte Ferdinand. „Freut mich, dass das ein Angestellter auch findet. Jetzt wären sie gefordert, jetzt kuschen sie. Viele, durchaus auch Insider, plädieren für radikale Reformen, das Wort Moral fällt immer öfter. Hoffentlich geht das mit unserer Gigantomanie noch eine Weile gut. Das Wort Global hat einen sehr üblen Beigeschmack bekommen.“ Ein Vater, der gern ein bisschen dozierte. Die Wirtschafterin lief mit einer Suppenterrine durch die Diele. Marions Vater sagte: „Themenwechsel. Wenden wir uns erfreulicheren Dingen zu.“ Die Mutter ergänzte: „Darf ich bitten.“

Ein schön gedeckter Tisch, nicht überladen, sehr gediegen. Ein wunderbares Essen, erlesen in allem, aber kein Kaviar, keine Mätzchen. Ferdinand genoss es sehr. Marions Vater sprach klar und deutlich aus, dass er Kapitalist sei, er betonte aber, dass er als Makler nie krumme Sachen gemacht habe, immer wieder Risiken, auch hohe und sehr hohe, daohne gehe es nicht, ansonsten drei Grundsätze: Geschick und ein Höchststand an Informationen, zweitens Fleiß, und schließlich Glück. „Ohne Glück geht auch gar nichts. Manchmal müssen ein Dutzend zunächst sehr divergierende Umstände zusammenkommen. Wenn ein Faktor fehlt, platzt das Geschäft. Aber mit Glück kommen die Umstände richtig zusammen und dann füllt sich die Kasse.“

Marion kicherte: „Und meine Mutter gibt dann gleich alles wieder aus.“ Die Mutter wandte ohne Ärger ein: „Marion, du machst mich schlechter als ich bin.“ Marion stellte richtig: „Ferdinand, Sie müssen wissen, dass meine Eltern sehr aktiv sind beim Spenden für die Nöte in aller Welt. Ein genau bemessener Prozentsatz aller Einnahmen fließt in – äh -“ Die Mutter erklärte: „Ich achte peinlich genau darauf, dass wir in keine finsteren Kanäle spenden.“ Der Vater meinte: „Ihre Buchführung ist umfangreicher als meine. Wir bezeichnen das als unsere Globalisierung. Ob es hilft – ja, es hilft ganz bestimmt, da, wo es hinfließt – aber ob es den ganzen Karren auf seinem Rutsch in den Schlamassel auch nur im Geringsten aufhalten kann...?“

Zum Nachtisch gab es Mohr im Hemd. Das ist ein rabenschwarzer Kuchen mit viel blütenweißer Sahne in Schichten dazwischen, das ist das Hemd. Espresso dazu, den aber nur die Jungen tranken. Und es entbrannte eine Diskussion, ob so ein Wort wie Mohr nicht rassistisch sei. Der Vater entschied: „Mohr dürfte sich herleiten von den Mauren in Spanien und Nordafrika, Mauretanien, doch wohl einwandfrei; Neger im Hemd wäre rassistisch, obwohl Neger im Deutschen eigentlich überhaupt nicht zu beanstanden ist, im Gegensatz zum amerikanischen Nigger, das ist ausgesprochen böse und gemein. Farbiger im Hemd wäre korrekt und wunderbar albern. Essen wir.“ Marion bat: „Ferdinand, Sie müssen mir dann eine halbe Stunde mit Susanne allein gönnen. Wir sind zu alte Freundinnen – wir können unseren ganzen Klatsch nicht vor Ihren Ohren abraspeln.“ „Selbstverständlich.“ Der Vater schlug vor: „Herr Brennicke geht mit mir eine halbe Stunde durch den Garten. Der kleine Nebelhauch machts sicher romantisch. Der Halbmond wird kaum zu ahnen sein. Kommen Sie.“

Während die Herren durch den Garten gingen – es war gerade Regenpause - und über Vor- und Nachteile der Börsenflauten sprachen, kam Marion gleich zur Sache, als sie mit Susanne die Treppe rauf und in ihr Zimmer ging: „Bist du glücklich?“ „Ja, sehr, und voller Angst.“ „Lass das! Angst ist ein so schlechter Verwalter der Gefühle. Glück genügt doch. Warum schlaft ihr noch nicht zusammen?“ „Mariönchen!, wir kennen uns erst ein paar Tage.“ „Das wäre doch kein Grund.“ „Vielleicht doch. Ich denke, wir wollen was Dauerhaftes braten, da... Ich habe ihn gebeten, mich noch nicht zu küssen. Er betonte, wie einverstanden er war. Es nicht zu tun, - dazu gehören auch Zwei.“ „Woher wollt ihr dann überhaupt wissen, ob da Liebe im Spiel ist?“ „Mal was von Augensprache gehört und von Körpersprache und von Sehnsucht? Außerdem hat er mir gestanden, dass ihm mein Hintern gefallen hat im Halogenlicht der Vernissagen.“ „Naja, klingt nach Hoffnungsvoll. Ihr seid ein schönes Paar.“ „Ich bin einen halben Kopf größer als er.“ „Wenns ihn nicht stört – mich stört es überhaupt nicht. Solltest du mal an Wechsel denken, - ich wäre –“ Susannes Stimme wurde fast metallisch: „Marion!, ich habe eine panische Angst vor dem nächsten Kollaps, richtig eine – eine Schlussphobie. Und deshalb –“ „Entschuldige bitte. Und keine Sorge: Der Typ bin ich nicht. Und du bist eine gute Freundin von mir.“

Irgendwann gabs dann ein allgemeines Gute-Nacht-Gesage. Marion blieb noch mit den Eltern vor dem Fernseher hocken, wollten in 3sat die Sendung über Günter Grass sehen. Den Gästen wurde selbstverständlich erlaubt, sich zurückzuziehen. „Frühstück ganz zwanglos ab 9 Uhr,“ wurde noch signalisiert, „Kaffe ist in der Thermoskanne, Tee auf dem Stövchen.“

Dann standen die Liebenden in der oberen Diele, und er fragte: „Woher wusste sie, dass wir getrennt schlafen?“ „Das habe ich ihr gesagt.“ „Ach so. Hat sie gefragt?“ „Ja.“ „Einen Arm um deine Schulter legen.“ „Ja...“ So standen sie lange, Schläfe an Schläfe, ehe er sich ablöste und in sein Zimmer ging: „Gute Nacht, Susanne.“ „Gute Nacht, Ferdinand - Brennicke...“ Ganz schnell stand er wieder bei ihr und flüsterte: „Ich heiße nicht Brennicke.“ „Das habe ich mir gedacht. Irgendwo hängt zwischen uns ein Vertrauensdefizit.“ „Ja.“ „Aber das liegt an dir.“ „Ja. Defizit hört kein Banker gern. Ich werde das Konto bald ausgleichen. Gute Nacht, Susanne.“ „Gute Nacht, Ferdinand – Nachname unbekannt.“ „So muss es leider noch ein wenig bleiben.“ „Du hast mein uneingeschränktes Vertrauen.“ Und unerwartet ernst fügte sie an: „Bitte enttäusche es nie...“ „Bitte sei ohne Angst.“

In beiden Zimmern kreisten die Gedanken um den Liebsten und die Liebste da drüben, untermalt vom leisen Glucksen des Wassers unter dem Segelboot. Warum denn nicht endlich eine ganz dicke Umarmung mit allen Folgen? Wegen der Folgen der Folgen. Nein, nicht Schwangerschaft, die ließe sich doch wohl verhüten. Sie waren zwei sehr ernsthafte Menschenkinder – geworden. Ferdinand dachte gewiss nicht ununterbrochen an Susanne I in Berlin, aber alles, was ihm mit ihr widerfahren war, das prägte ihn doch tief, das ließ sich nicht abwischen wie die Kreide von der Tafel, kein Schwamm drüber, da nicht. Susanne war über Carlos/Karl einigermaßen hinweg, aber davor war ja auch so Mancherlei nicht gerade erfreulich verlaufen. Da war die Kürze der Bindungen.

Die Mutter sagte: „Du hattest einige Monatsmänner. Jetzt sind es immer öfter Wochenmänner oder gar Tagesmänner.“ Susanne tat das weh: „Hör auf, Mama!“ „Vielleicht solltest du aufhören. Gibt da so einen Ausdruck –“ „One-night-stand,“ wusste Susanne. „Ja. Macht uns manchmal ein wenig Sorgen.“ Frau ist ja heutzutage nicht gleich eine Hure, wenn sie ein Dutzend Männer durchprobiert. Aber bevor es ans zweite Dutzend geht, sollte sie innehalten, sonst wird das Gewebe, das es nun einmal zur Liebe braucht, brüchig. Und wenn die Liebe erstmal durchgebrochen ist, - die ist nur sehr schwer zu flicken. Und bevor wir die Frage zu beantworten versuchen, was das denn um Himmelswillen sei, dieses Gewebe namens Liebe, sagen wir erstmal Gute Nacht.

Es dämmerte noch, als Ferdinand am Morgen aufs Klo musste. Er wusste nicht mehr, wo seine Badezimmertür war und stand zweifelnd vor Marions Tür. Die schlüpfte in einem reizvollen Nachthemd aus ihrem Zimmer, einem ähnlichen Drange folgend. Beide erschraken. Ab und zu in letzter Zeit steht Ferdinand in Unterwäsche vor jungen Damen, die ihn anlächeln. Jetzt – die Nachtwärme des Mädchenkörpers - schwoll es ihm ein wenig in der Unterhose, was ihm sehr peinlich war. Marion bemerkte es nicht und flüsterte: „Mein Vater hat beim Bau des Hauses größten Wert darauf gelegt, dass es hier morgens kein Toilettengedränge gibt.“ Sie zeigte ihm die für ihn zuständige Tür: „Sie da, ich hier.“ Sie verschwanden in ihren Badezimmern. Ferdinand überlegte dann, ob es besser sei, möglichst schnell wieder rauszugehen oder etwas zu warten. Er wartete ein bisschen und betrat die leere stille Diele. Als er wieder im Bett lag, dachte er: Kommende Nacht in einem anderen Bett. Und: Die Marion ist eine sagenhaft reiche Partie. Dann schlief er nochmal ein.

Mit Handys hätte es weniger Zufall gegeben. Ist das nun Zufall oder Zeichen?, aber Zufall ist doch immer Zeichen: Ganz ohne Handy, aber ganz wunderbar und erstaunlich synchron gingen kurz nach 9 Uhr die Türen zu den Zimmern der Liebenden auf und sie traten in die Diele, standen einander gegenüber, das Tischchen trennte sie. „Zum ersten Mal unter einem Dach geschlafen,“ sagte Susanne, „guten Morgen, Ferdinand.“ „Guten Morgen, Susanne. Zeichen der Hoffnung, dass wir eines Tages auch unter einer Decke schlafen werden.“ „Ich liebe es, wenn du manchmal so schön direkt wirst. Und ich meine das kein bisschen spöttisch. Ich weiß noch zu wenig von dir. Ich bin schrecklich verletzt worden, und will es diesmal etwas genauer wissen.“ „Ich bin mehrere, zumindest zwei.“ „Ich quäle dich nicht, mir Geständnisse zu machen. Ich will nur immer wieder mit dir zusammen sein.“ „Dann lass uns zusammen frühstücken.“ „Zusammen frühstücken. Auch eine Premiere der Hoffnung.“

Es konnte, nach dem Abendessen zu urteilen, nur ein wunderbares Frühstück sein. Die Mutter saß schon am Tisch, Marion kam auch bald, ebenso der Vater. Allgemeines Guten-Morgen-Gesage. Ein weiteres Segeln wird erwogen, die Wolken lassen immer mal wieder fünf Sonnenstrahlen durch. Der Vater will mitsegeln: „Wird jetzt bald das letzte Mal sein.“. Die Mutter will in die Kirche, nein, nicht zum Gottesdienst, aber mit dem Pfarrer etwas abklären im Sinne ihrer gestern erläuterten Philosophie des Spendens: „Nicht einfach was in irgendeinen Topf für irgendeinen Zweck in irgendeinem Land. Gezielt helfen, wissen, wo und wie man 30 Kindern in Nigeria ein Dach aufs Schulgebäude setzt.“

Ferdinand musste mit den Eltern telefonieren. War ihm ein bisschen peinlich, so ein Gespräch nach Spanien zu erbitten, weil sein Handy nicht in Ordnung sei. (Diese kleinen weißen Lügen gingen ihm recht geläufig von den Lippen.) Marion tat seine Skrupel sehr leichtherzig ab: „Mein Vater telefoniert fast täglich mit den USA und sonstwohin. So ein Gesprächlein nach Spanien fällt da ganz bestimmt nicht ins Gewicht, noch dazu am Sonntag.“ Ferdinand telefonierte mit seiner Mutter, so verlogen wie vorige Woche, vor allem, was Umstände und Schauplätze anging.

Auf dem Wasser, umgeben von einem Flammenmeer in den Herbstbäumen, erzählte der Vater, der übrigens ein wenig eleganter segelte als Marion, von seinen hochfliegenden Plänen: Bis zu seinem Lebensende wollte er alle Küsten des Mittelmeeres abgesegelt haben: „Es ist ein unbeschreiblich schönes und – ja: so überaus reiches Meer, diese Fülle von Kulturen in drei Kontinenten. Ich brauche keine Karibik und keine Südsee. In Gibraltar haben wir angefangen, immerhin bis Stromboli und die Nordwestspitze von Sizilien haben wir es geschafft. Aber zurück bis Agadir in Marokko – da brauchen wir schon noch eine gehörige Summe von Sommern. Vor allem die Entscheidung, welche griechischen Inseln wir umsegeln wollen. Da graust mir jetzt schon.“

Susanne wollte wissen: „Und die Jacht liegt jetzt in einem Mittelmeerhafen?“ „Nein, die mieten wir, Skipper und Koch dazu. Eine eigene Jacht für drei oder vier Sommerwochen, das amortisiert sich nie. Das ist ein holder Traum. Ich versuche so systematisch wie irgend möglich die Küsten zu fotografieren. Die Fotos in einer Reihe aneinandergeklebt – das wird eine virtuelle Mittelmeerreise von einigem Reiz, so denke ich.“ „Und gehen Sie nun viel an Land?“ wollte Ferdinand wissen. „Nein, sehr wenig. Das ist zeitlich einfach nicht zu schaffen. An der Südküste von Sardinien habe ich es am meisten bedauert, da ist eine Bucht, ein Sandstrand wie mit dem Zirkel gezogen, irgendwo bei Porto Pino oder Teulada. Das hebe ich mir für mein nächstes Leben auf. Obwohl, wenn die Fernöstlichen Recht haben, werde ich ja wohl kaum wieder ein reicher Mann werden.“

Es gab wieder eine schöne Brotzeit. Der Vater-Kapitalist legte wohl Wert darauf, nochmals von seinem Reichtum zu sprechen, ihn zu rechtfertigen: „Ich brauche dieses Schlösschen, Herr Brennicke. Es gehört zu meinem Rüstzeug. Man kann Millionen-Grundstücke mit anspruchsvollen Immobilien darauf nicht in einer Mansarde vermitteln. Im übrigen: Nichts gegen Mansarden!“