25    Auf das Hakenkreuz hätten sie verzichten können

Da saßen sie wieder in der S-Bahn einander gegenüber. „War schön,“ sagt Ferdinand. „Ja, ist aber auch schön, wieder mit dir allein zu sein.“ „Ja, ist noch schöner.“ Wer so weit entfernt saß, dass er sie nicht verstehen konnte, hatte ein höchst anmutiges Erlebnis: Wie beredt sie waren, wie sie verstummen konnten. Die Fülle von Geschichten, die die Augen erzählten. Wie die Hände ganz präzise Größen oder die Finger Winzigkeiten anschaulich machten, wie sie Gefühle unterstrichen oder abdämpften; was bedeutet diese flache Hand mit einiger Wucht vertikal auf die flache andere horizontale Hand gesetzt? Was wird da abgehackt? Warum dieses Stirnrunzeln? Warum denn bloß diese Kreisbewegungen der rechten, dann dieses Drehen beider Hände, wie abwägendes In-Zweifel-Ziehen? Und dieses Lächeln! Nicken zur Bestätigung, dann aber abweisendes Kopfschütteln, das gar nicht enden will, als sei die schlimmste Zumutung in die Welt gesetzt worden. Befreiendes Lachen endet alles Kopfschütteln. Dann hält er ihr die gekreuzten Mittel- und Zeigefinger entgegen, und sie küsst die Kreuzungen hinweg. Wer keine Graufilter vor den Pupillen hatte, sah Liebe...

Was sie ganz leise besprachen, sei noch vermerkt. Er fragte: „Wolltest du heute Nacht zu mir rüberkommen?“ Sie bekannte sehr leise: „Ja. Und du?“ Ferdinand bekannte auch: „Ich wollte zu dir rübergehen.“ Da wurde sie laut: „Warum, verdammt nochmal, haben wirs dann nicht gemacht?“ Er mahnte sehr freundlich: „Sicherheitshalber würde ich in so delikater Angelegenheit nicht ‚Verdammt nochmal‘ sagen.“ „OK, nehme ich zurück. Sicherheitshalber. Und vielleicht – vielleicht wars ganz gut, dass dein Handy in Berlin ist. Hier in der S-Bahn können wir nicht vögeln.“ „Du äußerst Selbstverständlichkeiten.“ „Muss ich mich schon wieder entschuldigen?“ „Nein, ist ja alles gut.“ „Nichts ist gut!“ brummte sie, „vielleicht wirds noch gut.“

Dann kam der vierschrötige besoffene Mann mit Glatze, der mit einem sehr dicken schwarzen Filzschreiber ihr Fenster mit einem riesigen Hakenkreuz beschmierte. Susanne griff nach dem Stift und konnte ihn ihm wegnehmen. Auf solchen Eingriff war er wohl gefasst. Und Susanne hätte es schlecht ergehen können, wenn nicht Ferdinand ihm die Beine nach hinten weggeschlagen hätte, so dass er mit der Stirn sehr empfindlich gegen die Scheibe krachte und in die Knie sank, das Hakenkreuz gnädig verwischend. Er röhrte auf, die Beiden konnten entfliehen und stiegen am Hauptbahnhof aus, wo der Zug gerade hielt. Sie sagten einem Wachmann Bescheid, der sofort in den Waggon lief.

„Was mache ich mit dem Filzstift?“ fragte Susanne. „Den heben wir auf für unser Museum.“ Susanne blieb stehen und drehte ihn am Arm in eine Gegenüberstellung: „Ich warne dich, Ferdinand.“ „Wovor?“ „Alles, was du sagst oder tust, was auf die Dauer unserer Liebe –“ Ferdinand war sofort ganz hellhörig: „Sagtest du unserer Liebe?“ „Ich sagte unserer Liebe, auf die Dauer unserer Liebe zielt, Museum und so, wird dir zum Verhängnis, es fesselt dich unlöslich an mich. Ich will, dass du nie, nie, nie eine Erinnerung für mich wirst!“ „Nie eine Erinnerung – gut, ich bleibe.“ „Wenn wir schon küssen würden, bekämst du jetzt einen dicken Schmatz.“ „Weil wir noch nicht küssen, lege ich einen Arm um deine Schulter und frage: Wann wo?“ „Küssen?“ „Nein, erstmal wiedersehen.“ „Morgen, 18 Uhr, Veterinärstraße 1, pünktlich.“ „Es war wunderbar, zwei Tage mit dir am Starnberger See zu verbringen.“ „Oaach,“ machte sie verächtlich, was ihn denn doch irritierte: „Etwa nicht?“ „Doch, aber genau den Satz hatte ich mir zurechtgelegt, um ihn dir zum Abschied zu sagen.“ „Was kann es Schöneres geben, als das Wochenende mit solcher Übereinstimmung und Harmonie zu beenden.“ „Klugscheißer.“ Sie nahm seinen Kopf in ihre Hände und verpasste ihm neun Uhrzeiger-Küsse und verschwand.

Berlin – von Starnberg eine Mondreise entfernt. Flaucher doch eigentlich auch, er erinnerte sich, wie er gestern im Bett des Bruders von Marion mit dem Zeigefinger über das weiße Laken gefahren war und an den heutigen Abend im Flaucher gedacht hatte. Gute Nacht auch heute.

Früh auf wie immer, ein klares Ziel vor Augen: An der Ampel beim Kandelaber stehen, wenn sie vorbeikommt. Leute, die sich für 18 Uhr verabredet haben, können sich schon um 7 Uhr 12 Guten Morgen sagen. Aber da gibt es ein handfestes Problem: Susanne hat keine Nöte mehr mit unmittelbar bevorstehenden Prüfungen. Zweieinhalbstunden später kommt sie an die Ampel. Mein armer Ferdinand unterm Regenschirm! Und als sie endlich kommt, sieht er sie nicht gleich, weil so ein Starren auf anradelnde Radler auch ganz schön ermüdet. „Ferdinand!“ ruft sie höchst erfreut, „welch ein Zufall!“ „Kein Zufall,“ sagt er trocken, „ich stehe seit 7 Uhr 12 hier und warte auf dich.“ „Du verwöhnst mich, Ferdinand. Ändert nichts daran, dass ichs eilig habe, aber es gibt ja eine Sicherheit: Veterinärstraße 1, 18 Uhr.“ „Pünktlich,“ sagt er mit einem Lächeln, dass ihr die Knie weich werden. Mehrzahl von Knie möchte Alleskieker immer Kniee schreiben, aber Onkel Duden erlaubt es nicht. Sie streichelt ihm Kopf und Bart und radelt davon. Selten, so findet er, hat er sich den Cappuccino so redlich verdient wie heute mit dem Rumstehen und Gegucke und Gewarte im Regen. Aber der letzte Schluck kommt dann unweigerlich. Da sieht er draußen unter den Arkaden einen Mönch stehen, offensichtlich wartend.

Ferdinand entschließt sich spontan, ihn anzusprechen. Er geht raus. Sowas kann man nur spontan machen, zu viel Nachdenken vergrault alle Initiativen. Aber wie spricht man so einen Mönch an? Er weiß es nicht und fragt also: „Verzeihen Sie: Wie spricht man Sie an?“ Er antwortet sehr freundlich: „Das haben Sie doch gerade getan.“ „Ich meine: gibts da einen Titel oder eine spezielle Anrede?“ „Ich bin ein Pater, Pater Bruno.“ „Ich bin Ferdinand aus Berlin. Und ich habe ein Problem, aber ein ziemlich weltliches.“ Der Mönch scheint erfreut: „Nur zu, Franziskaner lieben die weltlichen Probleme ihrer Mitmenschen. Geht es um Keuschheit?“ „Woher wissen Sie das?“ „Zunächst einmal habe ich es gefragt. Es ist ein bisschen ein altmodisches Wort geworden, und auch eine altmodische Sache.“ „Franziskaner leben keusch?“ „Ja, mit allem Bewusstsein der Sündhaftigkeit des Menschen.“ Sie setzten sich auf zwei Stühle, die da vom Betrieb im Hofgarten unter den Arkaden regengeschützt rumstanden.

Ferdinand hatte großes Vertrauen gefasst: „Als ich meine Freundin vor einer Woche zum ersten Mal küssen wollte, sagte sie: ‚Küss mich noch nicht.‘ Ich fragte: ‚Warum nicht?‘ Da sagte sie: ‚Ich möchte die Zeit vor dem ersten Kuss dehnen, ganz lang dehnen. Es ist eine so unwiederbringliche Zeit.‘“ „Ich gratuliere Ihnen zu so einer Freundin. Wie stehen Sie dazu?“ „Ich war sehr einverstanden. Aber inzwischen –“ „Ist sie hübsch?“ „Hübsch ist gar kein Ausdruck. Sie ist schön. Zum Küssen schön.“ „Dann muss es über kurz oder lang geschehen, und es wird über kurz oder lang geschehen. Aber schenken Sie dem Anlass einige Aufmerksamkeit.“ Ferdinand war noch nicht fertig: „Beim Küssen bleibt es nicht. Es hat Folgen.“ „Äußerst reizvolle Folgen, jedenfalls jenseits vom Kloster, wenn ich das richtig verstanden habe. Ganz klare Antwort der offiziellen Kirche: Absolute Keuschheit bis zum Kindeswunsch.“ „Euje,“ machte Ferdinand. Der Pater fuhr fort: „Weniger klare Antwort von Pater Bruno: Das muss jeder nach seinem Vermögen entscheiden. Zwar richten – wie gesagt - manche kirchlichen Instanzen da zum Teil sehr hart und rigoros. Ob das richtig ist, wagt der Franziskaner Bruno anzuzweifeln, auch wenn er damit nicht ganz im Einklang ist mit der geltenden Lehre und mit seinem Orden. Bitte, verpetzen Sie mich nicht bei meinem Guardian.“

Ferdinand konnte nicht aufhören zu fragen: „Pater, was ist eine Liebe?“ „Eine Stiftung Gottes.“ „Immer?“ fragte Ferdinand. „Wenn sie auch nur halbwegs den Namen verdient, - ja.“ „Und eine Scheidung?“ „Ist ein Ungehorsam.“ Ferdinand wollte es wissen: „Auch immer?“ „Nein, eine Scheidung kann auch Leben retten.“ „Ich werde Sie nicht so leicht gehen lassen, Pater Bruno. Sie wissen so wunderbare Antworten. Was ist ein Lächeln?“ „Eine Zeichnung, die der Herrgott auf das Antlitz deiner Freundin zaubert.“ Vom Odeonsplatz trat eine junge Frau unter einem blütenweißen Schirm in den Hofgarten, blieb stehen und schaute zu dem Pater. Ferdinand fragte: „Darf einer wie ich einem Mann mit Kapuze einen Cappuccino anbieten?“ „Wäre mir ein Vergnügen, aber da ist die junge Dame, auf die ich gewartet habe. Adieu. Gott schütze Sie und Ihre Liebe.“

Sehr easy saß Ferdinand in der Mensa mit einem Becher Kaffee, als Susanne reinkam. Erst als sie mit gefülltem Tablett sich umschaute, sah sie ihn und lächelte ihr schönstes Lächeln. Sie ging zu ihm und fragte: „Gestatten Sie, mein Herr, dass ich mich zu Ihnen setze?“ „Tut mir leid, schöne Frau, aber diese sechs Stühle sind reserviert für meine sechs Miezen.“ „Sechs Miezen? Ich esse schnell.“ „Tun Sie das nicht, es ist äußerst ungesund. Und ich muss dann Ihre Gegenwart so schnell wieder entbehren.“ „Gut, ich esse langsam. Was liegt Ihnen an meiner Gegenwart, wenn sechs Miezen im Anmarsch sind?“ „Um Sie, schöne Frau, zu verkraften, braucht man sechs Miezen als Kompensation. Wann gehen Sie mit mir ins Bett?“ „Was erlauben Sie sich, mein Herr!?“ „Ich erlaube mir, Ihnen meine Liebe zu erklären.“ Sie schauten einander an, zuerst sehr ernst, dann lachten sie lauthals los.

„Wie finden Sie meinen Hintern?“ fragte Susanne. Ferdinand grinste und versuchte, Blicke auf ihr Untergestell zu fixieren: „Sie müssten stehen und ein Halogenscheinwerfer müsste darauf fallen.“ „Dann würde ich ‚Aua‘ schreien. Sie meinen: das Licht eines Halogenscheinwerfers.“ „Sie sind aber genau. Wahrscheinlich studieren Sie Jura.“ „Erraten!“ jubelte Susanne, „wie haben Sie das rausgekriegt?“ „Zuerst habe ich getippt, dass Sie Flemmzimpf studieren.“ „Nein, das ist ja aber auch gar zu köstlich: Ich habe doch tatsächlich ein Semester Flemmzimpf studiert, bevor ich mit Jura angefangen habe.“ „Jaja,“ sinnierte Ferdinand, „Flemmzimpf – das ist eine sehr übergewichtige Fakultät.“ Sie stand auf, nahm ihr Tablett: „Sehe ich Sie wieder?“ „Pünktlich,“ sagte Ferdinand, „ich wünsche gute Arbeit.“ „Ich wünsche gute Faulheit.“ Sie ging, das konnte sie unnachahmlich: Kein Blick zurück, bis sie durch die Tür verschwunden war. Also, nur Hoffnung auf 18 Uhr, pünktlich...