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26 Bloß Liebe, sonst nüscht! Als Susanne kurz nach 18 Uhr durch die Glastür Veterinärstraße 1 kam, wollten sie einander spontan umarmen und küssen. Aber beide riss es kurz davor zurück, und beide suchten im Gesicht des anderen nach irgendwelchen Erklärungen. Sie fragte reichlich irritiert: „Was ist das nur mit uns beiden? An Liebe mangelts doch nicht.“ „Du bist die Mutter vom Tabu, du wolltest die Zeit dehnen.“ „Ich weiß. Du hattest nichts dagegen.“ „Stimmt. Holen wir dein Rad und lass uns ein bisschen gehen.“ Das taten sie. Er fing zu reden an: „Susanne, du hast die Prüfung heute glänzend bestanden.“ Sie fiel drauf rein: „Ich hatte doch heute gar keine Prüfung.“ „Doch, du hast in der Mensa nicht gefragt, was Flemmzimpf sei. Du hast sogar behauptet, ein Semester Flemmzimpf studiert zu haben. Dein Nichtfragen wird mit ‚Sehr gut‘ benotet.“ Susanne lachte: „Auf so ein Wort wie Flemmzimpf muss man ja erstmal kommen. Ich habe heute in der SZ ein Wort für deinen Beruf vor zwei Wochen gefunden: Büffett-Hopper auf Vernissagen.“ „Naja,“ meinte Ferdinand: „Käsehäppchen-Hopper wär natürlich eindeutiger. Da dachte ich, ich hätte damit was Neues erfunden, dabei gibts das schon.“ Sie sagte: „Eins hast du erreicht: Ich kann nicht mehr über unsere Kreuzung hier fahren, ohne mich dauernd nach dir umzugucken.“ Ferdinand forderte heraus: „Mehr habe ich nicht erreicht?“ Sie fiel auch darauf rein: „Mehr, viel mehr, unendlich viel mehr. Aber du willst ja bloß hören, dass ich dir hörig bin. Ja, mit Wonne dir hörig geworden! Ich sehe ganz andere Farben, ich höre ganz andere Rhythmen, ich rieche ganz andere Düfte, ich schmecke – naa, am Geschmack hat sich nix geändert. Ich sehe eine ganz andere Zukunft liegen. Kann man eigentlich nicht sagen oder?: Zukunft kann man nicht liegen sehen. Gibt doch nur eine Möchte-Zukunft. Alles andere Nebelwaben – nee –schwaden, Nebelschwaden. Ach ja...“ seufzte sie schließlich. Ferdinand schüttelte den Kopf: „Schmeichelt mir ja alles ungeheuer. Du redest ganz schön viel.“ „Ja, im Schwätzen hatte ich immer eine Eins. Könnte es sein, dass du auch was zu sagen hast?“ „Ja.“ „Sprich, oh mein Ferdinand.“ Er fing an: „Ich habe heute Morgen beim Tambosi mit einem Franziskaner-Pater gesprochen.“ „Thema Keuschheit?“ Ferdinand stutzte denn doch: „Genau das hat er mich auch gefragt, bevor ich überhaupt den Mund aufgemacht habe. Sieht man mir den Samen-Koller denn so deutlich an?“ „Du hast Samen – äh...?“ „Na klar. Lass dir vom Pater erzählen: Die katholische Kirche sagt ganz einfach: Keuschheit bis zum Kindeswunsch.“ „Das halte ich nicht aus,“ bekannte Susanne spontan. „Ich auch nicht,“ sagte Ferdinand, „und der Pater meinte: Ich solle ihn nicht bei seinem Guardian verpetzen, aber - was ist das überhaupt: Guardian?“ „Ich glaube, son Boss im Kloster.“ „Bei dem soll ich ihn nicht verpetzen, aber er plädiert für eine sehr viel weniger strenge Praxis, eine, wie sie den heute lebenden Menschen möglich sei. Allerdings betonte er, - ach nee, das war, als ich ihm erzählte, dass wir noch nicht küssen...“ „Hast du ihm erzählt?“ „Ja, dass du die Zeit bis zum ersten Kuss dehnen willst. Hat er gesagt, ich gratuliere Ihnen zu so einer Freundin.“ „Was betonte er da?“ „Was? Ach so, ja, er sagte: Schenken Sie dem Anlass einige Aufmerksamkeit, – also dem Anlass zum ersten Kuss.“ „Wollen wir das machen?“ „Fände ich sehr gut. Ich sagte ihm noch, dass du sehr schön bist.“ Mit großer Liebe legte sie die Hand auf seinen Arm: „Ach Ferdinand...“ „Er meinte, dann werde es wohl bald geschehen.“ „Klingt nach gutem Franziskaner.“ „‚Gott schütze Sie und Ihre Liebe,‘ hat er zum Abschied gesagt.“ Susanne bekannte: „Regt mich ziemlich auf. Weißt du, so einen Anlass zum Küssen wie wir uns das denken, auf den muss man ja warten, den kann man nicht herbeireden oder konstruieren oder so...“ „Aber man kann ihn herbeisehnen. Alles deine Schuld, du wolltest das Tabu.“ Sie bekannte: „Was glaubst du, wie oft ich das schon bereut habe.“ Er blieb stehen und schaute sie an. Sie meinte: „Wird nicht besser, wenn du mich so anstarrst.“ Er ging weiter: „Tja, - unsere Nasszellen –“ „Was sind unsere Nasszellen?“ „Der menschliche Mund ist eine Nasszelle. Und wenn unsere aufeinander treffen... Und dabei bleibts ja nicht, dann wollen wir – gib mir dein Ohr.“ Sie neigte ihr Ohr zu seinem Mund, und er flüsterte: „Das Vöglein in den Bäumen - und anderswo...“ „Hats das je gegeben, dass Zweie solche Reden führen und noch nicht zusammen waren?“ „Hats vielleicht schon mal gegeben, aber über sowas reden solche Spinner nicht. Wir werdens auch nicht rausposaunen.“ „Stimmt. Wie stehst du zu Gott?“ wollte Susanne wissen. „Also eher skeptisch. Wenn ich mich so in der Welt umschaue...“ „Geht mir genau so, meinem Vater auch. Meine Mutter – die glaubt, unbeirrt. Gibts schon manchmal Gespräche bei uns, aber wir streiten nicht darüber.“ Ferdinand musste noch festhalten: „Eins muss ich dir allerdings gestehen: Als der Pater sagte ‚Gott schütze Sie und Ihre Liebe‘ – das ist mir nahe gegangen.“ „Kann ich dir nachempfinden,“ sagte Susanne. Und Ferdinand konstatierte: „Das ist wichtig.“ „Was?“ „Naja, dass du nicht so einfach sagst: ‚Aha’ oder ‚Was solls?’ Sondern – also dass du empfindest, dass du Gefühle hast.“ „Du wirst schon noch lernen, wie viele Gefühle ich habe.“ „Da freue ich mich drauf.“ „Ich auch.“ „Was? Worauf?“ „Weiß ich nicht. Tschüs. Du wolltest was mit mir zusammen einkaufen.“ „Ja, wenns nicht wieder so dünne lila Seide ist, die du dann doch nicht kaufst.“ „Ich brauche einen neuen Wintermantel.“ „Mit langen Ärmeln.“ „Machen wir morgen. Kannst du schon um eins kommen?“ Er fragte mit etwas schiefem Kopf: „Was glaubst du? Kann ich?“ „Du kannst.“ Ein Rudel asiatischer Touristen kam ihnen entgegen. Ferdinand ging ihnen fast erschrocken aus dem Weg, Susanne folgte: „Was hast du gegen die Fotografier-Nation?“ „Nichts weiter. Tschüs, Susanne.“ „Moment mal: Was macht dich da so nervös?“ Er wurde nachdenklich: „Hängt mit bösen Geschichten in Berlin zusammen und mit meiner Flucht.“ „Am Starnberger See hast du mir versprochen, mein Informationsdefizit über deine jüngste Vergangenheit bald auszugleichen. Wie wärs jetzt?“ „Nein. Morgen oder übermorgen.“ „Ich nehme dich beim Wort.“ „Darfst du.“ „Ich darf dir die Pistole auf die Brust setzen und sagen: Raus mit der Wahrheit über deine Verbrechen.“ „Als Krimineller werde ich dich enttäuschen.“ „Aber nicht als Flüchtling und hoffentlich nie als Liebster.“ „Hier und jetzt bekenne ich: Nie.“ „Kuss im Geiste.“ Er schaute sie auffällig an. „Was schaust du denn so?“ fragte sie. „Ich habe den Pater gefragt, was ein Lächeln sei, da hat er gesagt: Eine Zeichnung, die der Herrgott auf das Antlitz deiner Freundin malt – nee, zaubert, hat er gesagt. Hat mich plötzlich geduzt.“ Susanne war angerührt: „Tschüs, Ferdinand.“ „Tschüs, Susanne, morgen 13 Uhr – pünktlich.“ Aufwachen am 15. Oktober in der Morgenkälte am Flaucher. Lange geht das nicht mehr. Den Gedanken, irgendwie über Susanne ein bürgerliches Bett zu finden, verbot er sich. Nein, verbot er sich gar nicht, fand er hinreißend schön – im zweiten Kellergeschoss der Seele, wo auch der Lustmolch hauste. Bei der Kälte an einigen Tagen keinen Mantel mehr ins Schließfach. Heute? Auch nicht, Gang zum Bahnhof entfiel also. Schirm in der Hand war nicht auffällig. Was heißt das überhaupt noch: Auffällig? Er achtete doch gar nicht mehr auf irgendwelche Verfolger oder Spürhunde, vielleicht war das leichtsinnig? Naja, gestern die Japanerhorde – er spürt dann immer noch den Griff seines Chinesen in Berlin-Biesdorf, mit dem er ihn zum Bleiben beim Kickboxing zwang. Er ging, was er noch nie getan hatte, nach Süden, isaraufwärts, wunderschöne Gegenden und Auen. Er überholte ein frühes Ehepaar. Die Frau sagte im Anblick der Thalkirchener Brücke, sie erinnere sie seit dem Umbau vor ein paar Jahren immer an eine Brücke bei den Thailändern in Ostasien. Nun hört doch mal auf, Ferdinand dauernd mit solchen Asiatica zu schocken! Ein kurzes Stück flussaufwärts die nächste Brücke. Sehr mitteleuropäisch, aus Holz, nur für Fußgänger und Radfahrer, mit so einer Art Aussichtsrampe auf der östlichen Seite. Ferdinand stand da ziemlich lange, schaute in die brodelnden Wasser. Nein, weder sich da reinstürzen noch in der Sahara zuwehen lassen. Etwa um diese Zeit wacht Susanne auf und bedauert, dass kein Männerkopf auf ihrem ausgestreckten Arm liegt. Sie hat ein sehr breites Bett. Nicht irgendein Männerkopf. Wie mag er ohne Brille aussehen? Schlafend stellt sie sich ihn vor, so dass sie den Arm nicht so ohne weiteres wegziehen kann. Noch in diesem Jahr, noch zweieinhalb Monate. Nein, bitte vor Weihnachten. Ihre Verliebtheit wärmte sie, spürte sie deutlich. Er hatte ja auch bekundet, dass sie seinen Bauch wärmte, auf irgendeiner Bank, weil er sie wiedergefunden hatte. Sie hatte im Laufe des Jahres viele Männer durch dieses breite Bett geschleust und alle wieder rausgeschmissen. Sie konnte sich an keine solche Wärme erinnern, noch dazu mit Einem, mit dem sie noch gar nicht... Beim Frühstück fragte die Mutter: „Hast du denn diesen Ferdinand nochmal gesehen?“ Susanne musste lachen: „Den sehe ich täglich, gestern dreimal.“ „Verliebt?“ fragte die Mutter. „Wahnsinnig!“ bekannte Susanne. „Ich auch,“ sagte die Mutter. „Was?“ „Ich habe mich auch in ihn verliebt – aber nicht wahnsinnig. Bring ihn mal wieder mit.“ „Gerne. Ich habe keine Angst vor meiner Mutter als Nebenbuhlerin. Mama, ich brauche einen neuen Wintermantel.“ „Zahl mit Karte.“ „Auf meinem Konto waren die Heuschrecken.“ „Kauf dir was Schönes, wir gleichen dein Konto aus.“ „Danke, Mama, es ist wunderbar, in solchen Sicherheiten zu leben. Gibts nicht mehr viele – solche Sicherheiten. Tschüs.“ Im Flur sah sie Liliane in ihrem Zimmer Exercises machen. Sie hatte sich dazu ein Stück Parkett auf den Teppich gelegt, hatte sie in einem Geschäft für Fußbodenbeläge erbettelt. Sie zog Susanne in ihr Zimmer: „Ihr müsst uns helfen.“ „Wer wir - wem?“ „Du und Ferdinand, dem Kim und mir. Wir sind vollreif und fallen bald vom Ast. Aber wir wollen uns beim Runterfallen nicht wehtun.“ „Es tut den Mädchen immer weh beim ersten Mal.“ „Aber wenn ihr uns ein paar Worte sagt, gehts vielleicht glimpflicher.“ Susanne umarmte die Schwester: „Morgen abend, kleiner Schmetterling.“ „Wie weit bist du denn mit Ferdinand?“ wollte Liliane wissen. „Wir küssen noch nicht einmal.“ „O, das tun wir ausgiebig. Sollen wir euch da helfen? Aber das schafft ihr schon alleine.“ „Das hoffe ich doch sehr.“ Mantelkauf. Die Leopoldstraße rauf zu Karstadt: „Da hab ich mal was mit überlangen Ärmeln gefunden. Aber das war sicher Zufall. Wenn man in diese großen Häuser geht, soll man nicht damit rechnen, dass die auf lange Ärmel abonniert sind. Wir gucken.“ Sie gingen. Sie redete weiter: „Mir hängen die Hände fast an den Knien. Ich möchte dich übrigens warnen: Wen ich mit diesen Gorilla-Armen umschlinge, - da kommst du so leicht nicht wieder raus.“ „Vielleicht will ich nicht. Fällt mir übrigens auf, dass du von Zeit zu Zeit schreckliche Warnungen ausstößt, in deine Fänge zu geraten.“ Susanne wurde nachdenklich: „Ja... Das – das beschäftigt mich dauernd. Ich will dich in alle Teile zerlegen, und die Teile sollen alle gut sein, und schön, und ich will – ich will nicht bloß so knutschen und vögeln, das ist mir zu wenig. Dauer, das ist es wohl... Ich weiß ja auch nicht...“ „Muss ich Mitleid mit dir haben?“ „Naa, Liebe, bloß Liebe, sonst nüscht.“ „Habe ich.“ „Aber auf Dauer, auf Dauer, bitte.“ „Gibts da Garantien?“ „Ich fürchte nein, man muss ja Realist bleiben. Aber die anderen sind doch die anderen, und ich bin ich. Und du bist du, und wenn ich dich in lauter kleine Teile zerlege -“ „Besorg dir vorher eine Gebrauchsanweisung, damit du mich wieder richtig zusammensetzen kannst.“ „Bei solchen Gesprächen kann ich nicht nach einem Wintermantel mit überlangen Ärmeln suchen.“ „Ich suche voraus.“ Sie gingen zu Karstadt in Schwabing, fanden eine sehr aufmerksame Verkäuferin, aber keinen Mantel, in den Susannes Arme in voller Länge gepasst hätten. Die Verkäuferin riet: „Gehen Sie zu den Übergrößen in der Barerstraße - Ecke Schellingstraße.“ „Naja,“ seufzte Susanne, „Übergröße brauche ich ja nicht, die macht mich zur Tonne, und der Winterwind pfeift drunter, aber lange Ärmel. Wenn er nicht zu weit ist, würde mich die Überlänge nicht stören.“ „Probieren Sies, ich wünsch Ihnen was.“ Ferdinand tippte ein Thema an: „Fällt mir auf, dass wir immer uneingehenkt gehen.“ „Möchtst du das gerne?“ „Uneingehenkt? Nein.“ „Nein, ich meine natürlich Kuschelgang.“ „Ja,“ sagte Ferdinand und bot ihr seinen Arm, in den sie ihren schob, hocherfreut. Er aber auch, hocherfreut. So wanderten sie durch Schwabing, Hohenzollernstraße, die Ferdinand nicht kannte und schnucklig fand. Irgendwo dort fanden sie was Passendes für die Langarmige. Nun muss Susanne im bevorstehenden Winter nicht wie eine Tonne rumlaufen und trotzdem an den Handgelenken nicht frieren. „Hat dir besser gefallen,“ sagte sie, „als das lila Hemdchen bei Hautnah-Beck.“ Aber Ferdinand bekannte: „Lila Hemdchen ist in der Erinnerung auch sehr dufte.“ „Morgen,“ sagte Susanne, „treffen wir uns um vier am Authariplatz.“ Ferdinand ritt ein Teufelchen: „Was müsste passieren, dass wir uns überhaupt nicht mehr treffen?“ Susanne musste kurz Luft holen, dann empörte sie sich heftig; „Du bist ein ekelhaftes Scheusal! Wir treffen uns morgen überhaupt nicht, andere Tage auch nicht mehr!“ Ferdinanden entsetzte diese Vorstellung: „Nein!, das kannst du mir nicht antun!“ „Aber du kannst mir...“ Ferdinand kurbelte schnellstens ein imaginäres Rad zurück: „Alles auf Anfang! Bitte, vergib mir. Um vier am Autharistenplatz...“ Übergangslos verzieh sie ihm: „Authariplatz. Du hast einen Stadtplan?“ „Ja.“ „Dann findest du das. Straßenbahn 15 oder 25. Ich zeig dir ein schnuckliges Liebesnest. Bist du gar nicht wert.“ „Liebesnest für uns beide?“ „Nein, ein historisches. Tschüs, Ferdinand.“ „Tschüs, Susanne. Zeigst mir dann auch mal unser Liebesnest.“ „Ja, morgen abend...“ |