|
27 Wo die Lolla mit dem Ludwig Gute Nacht am Flaucher, aber von Morgen zu Morgen wirds immer kälter. Durch die wunderbare Susanne lebe ich ein Doppelleben: Obdachloser in den Isar-Auen und Mantelkäufer in Schwabing. Wann erkläre ich ihr, wie das mit meinem Wohnen bei Freunden in Wahrheit beschaffen ist? Sobald ich das tue, ist es mit der Obdachlosigkeit vorbei. Susanne bewirkt zweierlei: Freiheit, Loslösung von Berlin, zugleich Sehnsucht nach guter alter Bürgerlichkeit. Kommen lassen. Bahnhof mit Kellergeschoss. Dann zum Tambosi. Bevor es aufmacht, entdeckt Ferdinand, da beim Tor zum Hofgarten, einen Maler, der einen Rahmen auf der Staffelei stehen hat und Feldherrenhallle und Theatinerkirche malt. Ferdinand stellt sich nicht weit davon dazu. Der Maler erläutert ihm unaufgefordert: „Querprinzip dunkel links, Hochprinzip helles Gelb rechts, Querprinzip Feldherrenhalle, Hochprinzip Theatinerkirche, korrekterweise Sankt Kajetan oder umgekehrt: Sankt Kajetan, korrekterweise Theatinerkirche. Ich weiß nie, wie das richtig geht, verwechsle es immer. Die Halle ist sehr schön und sehr unnütz. Zu viel Ehre für die Feldherren, Herren des Feldes sind eigentlich die Bauern. Abgekupfert in Florenz. Moment mal, ich sollte vielleicht erstmal fragen: Erzählt hier ein Münchner einem Münchner was oder sind Sie Zugereister?“ „Naja, eher – also Zugereister.“ „Dass Sie nicht geschäftlich hier sind, merke ich daran, dass Sie Zeit haben, mir über die Schulter zu kucken. Stört mich übrigens kein bisschen.“ Jetzt bekam Ferdinand schon beinah wieder Angst, entdeckt zu werden: „Ich bin aus Norddeutschland und habe eine Liebe hier.“ „Dass die schönen Münchnerinnen so auf die Nordlichter fliegen... Aber ich gönn sie Ihnen. Kennen Sie das Drückebergergässchen?“ „Nein. Gibts das wirklich?“ „Nein, heißt offiziell Viscardigasse. Da hinten führt sie rechts, also von hier aus rechts hinter der Feldherrenhalle vorbei. Da links an der Feldherrenhalle war in den Nazijahren eine Tafel angebracht zur Erinnerung an die Gefallenen des Hitler-Putsches von 1923. In dem Jahr bin ich in Sendling geboren. Bei der Tafel standen Tag und Nacht zwei SS-Männer mit Stahlhelm, Kinnriemen runter, und alle, die vorbeigingen, mussten den Arm zum Hitler-Gruß heben. Viele wollten das aber überhaupt nicht. Wenn sie da von der Residenzstraße zum Odeonsplatz gingen, schlüpften sie durch die Viscardigasse und kamen von da drüben, rechts von der Feldherrenhalle, auf den Odeonsplatz, ohne Heil Hitler. Mei, wenn der Hitler da auch gefallen wäre. Hätte mir fünf Jahre Russland erspart. Aber ich lebe und male, was will ich mehr.“ „Ich will jetzt ein Frühstück. Ich danke Ihnen sehr für das, was Sie mir erzählt haben. Aufwiedersehn.“ „Gern geschehn. Pfüat Eahna.“ Im Tambosi auf dem Stadtplan den Authariplatz erkunden. Ach, da unten, gar nicht so weit weg vom Flaucher. Ich habe eine Münchner Vergangenheit. Zwei Tage fehlen an vier Wochen Aufenthalt in München, vier Wochen Langeweile. Nein, gänzlich ungerecht, vor allem gegen Susanne, die wunderbare. Es gibt eine Zukunft mit ihr oder gar keine Zukunft, jedenfalls ohne sie keine Zukunft in München. Die Trauer verknautschte ihm das Gesicht, als er an ein Ende dachte, und er ließ den Kopf hängen. Emotionen, die er von früher kaum an sich kannte. Nein, an ein Ende konnte er gar nicht denken, nur an eine Leere, weil Susanne nicht mehr auf der Welt war, vielleicht, am Ende, irgendwann... Er ging nochmal zu dem Maler: „Entschuldigen Sie –“ „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, ich rede gern beim Malen, das ist, weil ich ein Amateur bin.“ „Was heißt der bayerische Gruß, mit dem Sie mich verabschiedet haben, ich sage das natürlich etwas preußisch: Pfüt Eahna.“ „Pfüat heißt Behüte, Eahna heißt Sie, also Ihnen, Gott muss man sich dazudenken. Ich habe Sie Gottes Schutz anbefohlen. Leute, die 1923 geboren sind, machen sowas manchmal.“ „Es kann sicher nicht schaden.“ „Sicher nicht.“ Ferdinand ging: „Tschüs dann.“ „Tschüs.“ Ferdinand ging also – wohin? Was kannte er denn noch nicht so ein bisschen genauer? Da drüben bei Mercedes mal rein in die – wie heißt sie? – Briennerstraße. Sollte man eigentlich nur langgehen mit goldener Kreditkarte und beachtlich gefülltem Konto. Er schätzte, dass viele Krawatten nicht gekauft wurden, weil sie so schön waren, sondern ausschließlich, weil sie teuer waren. Die Vorstellung heute um 4 Uhr nicht mit Susanne verabredet zu sein, war fast unerträglich. Er landete nach recht langer Tour beim Kanal und ging die Südliche Auffahrtsallee zum Schloss Nymphenburg. Schöne Stadt. Herrlicher Park mit so vielen kleinen Schlösskens und Bänken. Und diese glühenden Herbstfarben – Ferdinand atmete sie ein. Susanne arbeitete konzentriert zu Hause an ihrer Schriftlichen. Manchmal war sie nicht so ganz konzentriert, und das ärgerte sie. Bei aller Liebe zu diesem Ferdinand mit den immer gleichen Schuhen – hatte der überhaupt einen Koffer bei seinen Freunden stehen? – hatte er überhaupt Freunde in München? Bei aller Liebe und ihren Investitionen, bei aller Fragerei: - nicht an ihrer Abschlussarbeit rütteln lassen. Es muss möglich sein, den einen zu lieben und das andere zu tun. Sie war eine Emotionsbestie mit Intellektbreitseiten. Das tat manchmal furchtbar weh, war aber auch segensreich. Wer ist dieser Ferdinand mit dem einen Anzug, der keine Segelschuhe im Gepäck hat? Heute auf der Hochleite ein paar Fragen abfeuern. Nicht der geringste Zweifel, dass er ihr Ferdinand ist und bleibt, was immer er enthüllen mag. Vielleicht kann sie ihm sogar helfen. Daran liegt den Frauen ja fast immer viel. Ferdinand ging dann über die Nördliche Auffahrtsallee – bisschen Abwechslung muss sein, der Hinweg fand ja auf der Südlichen Auffahrtsallee statt – zurück. Einige Male blieb er stehen und drehte sich um. Dieser Blick zu dem Schloss war wunderschön. U-Bahn Linie 1 von Gern in die Innenstadt, Hauptbahnhof umsteigen in die Linie 4, da muss man ziemlich viel treppenrauf und treppenrunter fahren oder laufen, bis Max-Weber-Platz. Ach, das war ja der Platz mit dem Radfahrabenteuer. Heute fuhr er mit der Straßenbahn-Linie 15 Richtung Großhesseloher Brücke. Ihm gegenüber eine Frau, die er zu kennen glaubte. Aber auch ihre Augen suchten in seinen Zügen, bis beide fast zugleich sagten: „Sind Sies oder sind Sies nicht?“ Sie erklärte: „Ich bin die Frau von Professor Kammhuber, und Sie sind der Penner vom Flaucher.“ „Den Sie nicht berauschend fanden.“ „Habe ich das wirklich gesagt?“ „Haben Sie.“ „Jetzt bin ich aber doch ein bisschen berauscht,“ sagte sie, „ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh ich bin, Sie so unverhofft zu treffen. Seit – wann war das? – Ich hatte immer ein so schlechtes Gewissen.“ „Warum denn das?“ „Sie haben die Reinigung meiner Bluse bezahlt und Sie haben – ja, - viel getan, unsere Ehe zu kitten, wenn auch nicht absichtlich. Und wir haben Sie da am Flaucher einfach stehen lassen. Ich möchte Sie wenigstens zum Essen einladen.“ „Das finde ich sehr schön. Darf ich meine Freundin mitbringen?“ „Bringen Sie so viele Freundinnen mit, wie Sie wollen.“ „Ich habe nur eine.“ „Das ist gut, ich muss ja wissen, mit wie viel Gästen ich zu rechnen habe.“ Sie hatte den Taschenkalender aus der Handtasche gezogen: „Wann?“ „Ich – habe viel Zeit und richte mich gerne nach Ihnen.“ Sie überlegte an Hand des Kalenders; „Heute ist Mittwoch. Geht eigentlich erst nächsten Dienstag. Dienstag, 22. Oktober, halb acht. Oder ist Ihnen halb acht zu früh?“ „Nein, wunderbar.“ „Wollen Sie das nicht notieren?“ „Nein, brauche ich nicht. Ich habe nicht so viele Termine.“ „Die Wohnung kennen Sie.“ „Kenne ich genau.“ „Sie wollten mir da mit dem Schirm eins über die Rübe hauen.“ Sie lachten. Am Wettersteinplatz stieg Frau Kammhuber aus. Ferdinand fuhr weiter bis zum Authariplatz. Dort wartete schon Susanne, auf dem Fahrrad hockend. „Hallo, mein Schatz,“ sagte Ferdinand. „Hallo, mein – bist auch mein Schatz.“ Sie führte ihn zur Aretinstraße. „Nimmst du das Fahrrad die ganze Zeit mit?“ wollte Ferdinand wissen. „Nein, das schließe ich hier beim Tengelmann an. Sonst können wir gar nicht eingehenkt gehen.“ „Das meinte ich.“ In der Aretinstraße erklärte sie ihm: „Vor zwölf Jahren feierte Giesing 700-jähriges Geburtstagsfest. Dies Harlaching hier ist die südliche Fortsetzung hinter Giesing. An einem der Jubiläumsplakate klebte ein Zettel, da stand drauf: ‚700 Jahre Giesing, was sind dagegen meine 1 ½ Jahre mit Beate?!‘ Und ich war damals wohl schon auf die Dauer einer Bindung fixiert. Ich dachte: Naja, 700 Jahre werden sie nicht schaffen, - aber vielleicht 70. Ich hab damals ne Menge rumgelesen, hat mich alles interessiert.“ „Vor zwölf Jahren warst du doch noch gar nicht auf der Welt.“ „Mach mich nicht kleiner, als ich bin.“ Ferdinand murmelte: „- halben Kopf größer als ich...“ Susanne erklärte weiter: „Die Straße hier hat ihren Namen von den Bürgern der mittelitalienischen Stadt Arezzo, die hießen Aretiner. Gabs ein Adelsgeschlecht von Aretin, spielte ziemlich eine Rolle in der bayerischen Politik.“ „Wirst du den ganzen Weg so gebildetes Zeug reden?“ „Nein, ich zeige dir auch diesen Garten hier links, im Gegenlicht, mit dem süßen weißen Haus da hinten. Wenn ich hier mal langgehe, bleibe ich immer ein bisschen stehen und kucke durch das Gartentor. Im Juni blühen hier 2000 Möhner.“ „Die du bestimmt alle gezählt hast. Und mit Möhnern meinst du sicher Mohnblüten.“ „Bist ein kluges Köpfchen. Aber Möhner ist schöner. Hier rechts war mal eine Straßenbahnschleife. Die fuhren aber nur am Samstag oder Sonntag, wenn im 60er Stadion Fußball war. Jetzt überlegt man, ob man das Stadion abreißt, weil wir seit 1972 das Olympiastadion haben, und jetzt bauen sie das dritte Stadion wegen der Fußball-WM 2006, einigermaßen umstritten ist der Neubau. Die Straßenbahnschleife ist längst weg. Als sie hier wegen ihr rumbuddelten, fanden sie vier Bajuwarengräber aus dem 8. Jahrhundert.“ „Was kostet Ihre Führung eigentlich, Frau Fremdenführerin?“ „Soll ich aufhören?“ Er opponierte entschieden: „Nein! Ist ja wunderschön! Mach weiter!“ „Links ein Blick auf das Zollhaus. Da zahlte man Maut, also Weggebühren. Jetzt haben sie hier eine Verkehrsberuhigung gebaut. Ist aber gar nicht so lange her, da rollte hier viel Verkehr in die Innenstadt, und nach auswärts, nach Süden. Und ich habe mir immer vorgestellt, was passiert, wenn jeder Autofahrer hier aussteigt und seine Maut bezahlt. Die Autoschlange auf dem ziemlich steilen Harlachinger Berg, das berühmte Anfahren am Berg, das in keiner Fahrschule ausgelassen wird – bisschen Albtraum. Rechts das älteste Gebäude weit und breit: Das Sankt Anna Kirchlein, auch genannt Frauendreißiger, mit innen Rokoko, da kucken wir rein. Hier ein Gedenkstein, der an den Maler Claude Lorrain erinnert, in etwas unkorrektem Deutsch, jedenfalls für unsere Ohren: ‚in dem hier gestandenen Schlösschen‘. Unterschrift Ludwig I., König von Bayern. M-D-C-C-C-L-X-V. Banker kann das übersetzen.“ „1865.“ „Da war er schon gar nicht mehr König. Er hatte abgedankt wegen einer Affaire mit einer Tänzerin.“ „Kann es sein, dass die Lola Montez hieß?“ „Genau so ist es. Komisch, Lorrain hieß eigentlich Gelèe. Lorrain heißt Lothringen, da kam er her. Möchtest du Gelèe heißen?“ „Sehr einfache Antwort: Nein, Ferdinand find ich schöner.“ „Aber ich könnte dich in überströmender Zärtlichkeit Gelèenino nennen oder Gelèemäuschen...“ „Ich freue mich auf eine Zukunft mit deinen überströmenden Zärtlichkeiten ohne Gelèemäuschen.“ „Folgen Sie mir bitte unauffällig in den Kirchgarten, auch ein kleiner Friedhof.“ Sie gehen durch das schöne alte eiserne Tor mit der eigenartigen Klinke. „Und lesen Sie bitte diese Grabschrift,“ fordert Susanne. Ferdinand entziffert: „O Wanderer steh‘ still Kann ich nicht leiden.“ „Wieso?“ „Staub werden wir im Grab. Rund 70 Jahre sind wir kein Staub auf Erden. Möchte wissen, was dein Hintern mit Staub zu tun haben soll. Ich meine, ich kenne ihn ja noch nicht genauer, aber...“ „Komm mit in das Kirchlein.“ Kalter Weihrauchduft lag in der Luft, fürs Auge die fast lückenlose Rokoko-Fülle. „Berliner Kirchen sind einfacher,“ flüsterte Ferdinand. Susanne interpretierte: „Aller Reichtum, alle Verschwendung zur Ehre Gottes und der Heiligen.“ „Wo kommt denn das Wort Rokoko her?“ „Weiß ich nicht. Musst du meinen Vater fragen.“ Ferdinand fand: „Schöner Raum, gut zum Nachdenken.“ „Gehn wir?“ Das andere kleine Gartentor. Zoo-Seelöwen und –Eisbären ohne Eintritt, aber ziemlich weit von oben. „Du wolltest mir ein Liebesnest zeigen?“ „Kleine halbe Stunde nach Süden, nicht mal – zwanzig Minuten. Hier das schönste Haus von München in einmaliger, höchst bevorzugter Lage, am Steilufer zur Isar. Kein anderes Grundstück grenzt so nah ans Steilufer. Ab hier unverbaubarer Spazierweg für Münchens Bürger und Radfahrer, nennt sich Hochleite. Da unten die Isar.“ Dann also die Menterschweige, die sich aus unerfindlichen Gründen nicht Gasthof nennt, sondern Gutshof, aber Ackerland ist weit und breit nicht mehr vorhanden, es gibt auch keine Schweinekoben oder Hühnerställe. Aber einen sehr schönen großen Biergarten und ein sehr hübsches kleines Haus, unten weißer Sockel, oben dunkelbrauner Holzbau, schräger erster Stock, vorne ein Balkönchen, hinten ein Balkönchen. Und Susanne fragte: „Wer, meinst du, hat hier gewohnt?“ „Also, Susanne, die Frage grenzt an Sadismus. Wie soll ich denn das wissen?“ „Du hast sie heute schon mal erwähnt.“ Ferdinand hatte größte Mühe, sich zu erinnern: „Was? Nein, keine Ahnung.“ „Lies die Buchstaben da oben.“ Ferdinand entzifferte: „E.W.“ „Nein, die anderen.“ „L. M.“ „Na? Lol-“ „Lola Montez!“ „Genau! Es geht das Gerücht, dass sie sich hier mit ihrem König Ludwig I. traf. Ich glaube das Gerücht, weil ich es glauben will. Es ist ein zu schönes Liebesnest. Oder?“ „Wunderschön.“ „Hier endet unser Spaziergang von Ludwig zu Ludwig. Er nannte sie Lolla. Ich stelle mir immer vor – dieser Ludwig war schwerhörig von Kindheit an und sprach sehr laut. Da wird auch sie ziemlich laute Liebesworte geflüstert haben – und es war Sommer – und die Fenster standen auf...“ „Stellst du dir vor.“ „Stell ich mir vor...“ |