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29 Wo wohnen seine Freunde? Kleine Nachhole vom Donnerstag: Sie treffen einander um 11 Uhr 27 an der Ampel ihres Herzens. Ferdinand kriegt einen neunfältigen Zifferblatt-Kuss. Er drängt sich zu ihr: „Die Nasszellen warten.“ „Ja, aber es muss ein Anlass her. Ich glaube, ich weiß einen.“ „Wann? Wo? Was? Wie?“ „Verrate ich doch nicht.“ „Grausame.“ „Wenn du Grausame zu mir sagst, das gefällt mir. Nie vergessen, dass wir alle Monster sind und bleiben...“ „Geliebtes Monster!“ weiß er nur zu sagen, „Wie lange habe ich dich zu entbehren?“ „18 Uhr, Veterinärstraße 1.“ „Pünktlich.“ Sie radelt davon mit dem hochaufgereckten winkenden Arm, ohne einen Blick zurück. Mensa. Er sitzt da mit einem Mineralwasser und wartet. Sie betritt die Mensa. Er scharwenzelt gleich zu ihr, stellt sich mit Tablett neben sie: „Mein Platz ist mit einem hupferten Wasser gesichert. Es ist noch Platz neben mir.“ „Wirst du mich auch heute in fünfzig Jahren noch so verwöhnen?“ „Ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass wir am 16. Oktober 2052 noch in der Mensa essen.“ Sie gehen zum Tisch. Susanne erklärt: „Nein, wir haben ein Häuschen im Grünen, du sitzt im kleinen Garten und liest Zeitung, ich komme mit dem Tablett mit dem Mittagessen raus –“ Ferdinand unterbricht: „Gefällt mir nicht. Erstens weiß keiner, ob es solche bürgerlichen Idyllen überhaupt noch geben wird. Vielleicht ist die Stadtverwaltung von München 2052 ein Islamistenhaufen. Und zweitens: Klingt gar nicht nach Verwöhnen. Ich will nie Pascha werden.“ „Wirst du gekocht haben?“ „Vielleicht.“ „Jedenfalls erinnern wir uns, dass wir heute vor fünfzig Jahren in der Mensa gegessen haben.“ „Mönsch, ein halbes Jahrhundert...“ „Ja mei, ja Mönsch...“ Ferdinand muss eine Liebeserklärung loswerden: „Du warnst mich immer vor deinem Besitzergreifen. Ich habe keine Angst vor deinen Gorilla-Armen, überhaupt gar keine Angst. Weißt du, womit du mich fesselst?“ „Nein, weiß ich nicht.“ „Alles, was du gestern zu Liliane und Kim gesagt hast, das zischt mir immer wieder durchs Gehirn, Rosen dabei, auch Dornen. Die Frau will ich lieben, habe ich gedacht, die Frau will ich lieben.“ „Ach, ist das schön,“ freut sie sich, „ich habe nämlich beinah dasselbe gedacht: Wenn du geredet hast, habe ich gedacht: Das ist mein Mann, nicht im standesamtlichen Sinne, einfach so: Das ist mein Mann, mit dem wird’s schön.“ Sie aß und fragte dann überraschend: „Gar keine Angst?“ „Nein. Wovor?“ „Es ist unmöglich, dass es ohne Nöte abgeht, ohne himmelschreiende Nöte...“ „Ich kann nicht in Angst vor himmelschreienden Nöten leben – ich wills auch nicht. Dann müsste ich Franziskaner werden, die leben ohne Frauen.“ „Nein! Entsetzlich! Lass gut sein: ich trage alle Angst alleine. 18 Uhr?“ Ferdinand versicherte: „Pünktlich.“ So viel Nachtrag zum heutigen Donnerstag vor 17 Uhr 30. Nun die dramatischen Ereignisse des Tages nach 17 Uhr 30: Treffen um 18 Uhr an der Tür. Sie bat, er möge ihr Rad schieben und sie nach Hause begleiten. Er wollte dann aber nicht mit raufkommen. „Warum nicht?“ wollte sie wissen. „Ich will mich da nicht zu fest einnisten.“ „Wenn du wüsstest –“ „Was?“ „Wie tief du schon in meinem Herzen eingenistet bist.“ „Ja – hoffentlich kränke ich dich jetzt nicht -, ich möchte nicht jeden Abend bei deinen Eltern am Abendbrottisch sitzen und mitessen.“ „Kann ich sogar verstehen.“ „Bin ich froh, dass du nicht gekränkt bist.“ „Ziemliches Dilemma: Lässt sich aber ausgleichen, wenn du mit mir noch ne halbe Stunde unterm Pagodendach sitzt und ein Wasser süffelst.“ „Sag hupfertes Wasser.“ „- und ein hupfertes Wasser süffelst.“ Er war einverstanden. Sie wiegte den Kopf: „Ich gerate so langsam in dieses bekannte weibliche Gefängnis, wo man nicht mehr eine Sekunde ohne den Anderen sein will.“ „Also – wie weiblich das ist... Geht mir doch fast genau so.“ „Wenn du dir ein Zweithandy kaufen würdest –“ „Da muss ich sehr viele persönliche Daten preisgeben.“ Sie sagte: „Ich verstehe, - nein, ich verstehe nicht. Aber egal...“ Pause am Chinesischen Turm. Weitergang in die Sebaldusstraße. Abschied mit dem Ritual ‚Einen Arm um deine Schulter legen‘, das auch schon anfing, etwas altbacken zu schmecken. Eine Liliane, die trunken zu sein schien, stieß dazu: „Es war wunderbar, es war himmlisch, bloß, weil ihr so schön gequatscht habt. Ich war weg, völlig weg! Das bisschen Schmerz – zum Lachen. Ob ich einen Organismus gehabt habe –“ „Orgasmus heißt das, Schmetterling,“ korrigierte Ferdinand. Liliane feixte. Susanne erläuterte: „Ferdinand, die Liliane nimmt uns doch auf den Arm. Sie weiß genau, wie es heißt. Sie kann ein ziemlich freches kleines Irrlichtlein sein.“ „Ja,“ sagte Liliane, “ob ich so einen gehabt habe, weiß ich nicht.“ Ferdinand wollte gehen: „Liliane, machs gut. Adieu, Susanne. Wann morgen?“ „18 Uhr.“ „Pünktlich.“ Er ging davon. Liliane war denn doch einigermaßen verwundert: “Ihr küsst immer noch nicht?“ „Nein.“ „Wie hältst du das bloß aus?“ Susanne wendete den Anorak auf dunkel: „Ich halte es ja gar nicht mehr aus. Tschüs.“ Liliane freute sich: „Ja, geh ran, feiert auch euer Fest!“ Susanne fuhr nicht dem Jungen nach, sondern nahm einen anderen Weg zur Hochleite. Dort versteckte sie sich in dem asphaltierten Abzweig nach rechts, den sie gestern am Ende ihrer vergeblichen Verfolgung noch erkundet hatte. Dauerte ganz schön lange. Sie zitterte gar, dass Ferdinand heute einen anderen Weg nehmen könnte als gestern. Kann er doch nicht machen! Nein, macht er nicht: Endlich ging er oben auf der Hochleite vorbei. Sie schlich rauf und lugte ihm so lange nach, bis er wieder rechts verschwand. Derselbe Weg, den er gestern auch gegangen war. Sie scheste mit beachtlichem Tempo runter, sehr scharfe Linkskurve, im Biergarten, in dem kein Betrieb mehr war, auf Deckung gehen, den Schatz wiedersehen, hinterherradeln, vorsichtig, ging gut, über die Schönstraße in die Isarauen, über den Flauchersteg – Vorsicht!, nicht zu nahe auffahren! Den ganzen Steg lang keine Bäume und Büsche zum Verstecken. Ging auch gut. Er geht nach rechts zu seinem Gasthaus, hockt sich hin, bis es endlich still wird, dann schiebt er ganz leise zwei Sitzbänke in die kleine Schankbude. ‚Hat er ein Dach überm Kopf,‘ denkt Susanne, auf etwas sonderbare Art zufrieden, nicht ganz ob-dach-los. Er arbeitet umsichtig, vermeidet jeglichen Lärm, scheint sehr gewöhnt an dieses Bettenmachen, er nimmt die Brille ab. Legt sich hin. Susanne fährt lautlos ab, nach Hause, geht ins Bett, stellt den Wecker auf 5 Uhr morgens und schläft bald ein. Ein Wecker, den man auf 5 Uhr gestellt hat, klingelt um 5 Uhr. Mei, ist das früh, ergiebigst unausgeschlafen, draußen dunkel und beachtlich kühl. Lampe am Fahrrad an, rüber zum Flaucher, über den Ring weitaus direkter als in der Nacht. Nacht? Ist doch immer noch dunkle Nacht. Da liegt er. Susanne stellt ihr Fahrrad ab, geht zu ihm, alles lautlos. Sie schließt die Augen, der Kopf fällt ihr vornüber. Der kleine kühle Wind, der durch die Zweige geistert, signalisiert Wende und Schicksal. Sie hebt den Kopf. Ja, ein Habendürfen ist das auch, ja doch, ja! Wie arm und schön er aussieht ohne Brille. Sie sucht eine einigermaßen bequeme Position, lehnt sich an die Theke und versinkt in seinen Anblick. Dauert, bis er aufwacht. Wie lange? Der wunderbaren Susanne ist es vollkommen unmöglich, irgend eine Zeit zu denken. Wie lange? Das weiß ich doch nicht! Sie genießt Ansehen satt. Die Vögel haben an solchem Herbstmorgen nicht mehr viel zu erzählen. Was sollte ihn wecken? Ich gewiss nicht. Wie lange? Er wird wach. Kaum hat er die Augen aufgeschlagen, kniet sie neben ihm, Gesicht so nahe vor Gesicht wie noch nie. „Jetzt?“ flüstert er kaum hörbar. „Jetzt,“ flüstert sie. Er will sich aufrichten, aber ihr Mund gleitet auf seinen und drückt ihn wieder runter. Das Tabu fliegt davon wie ein großer Habicht, lautlos. Er legt seine Arme um ihren Nacken, sie wühlt ihre Unterarme unter seine Schultern, von Kissen keine Spur, eher ziemlich hart. Nein, es kann nicht bleiben bei Lippen auf Lippen. Viel zu groß ist die Sehnsucht, Inneres zu erkunden. Ist das Wort Mundhöhle besser als Nasszelle? Naja, Höhle birgt schon ein feines Geheimnispotenzial. Schleimhäute, die Zunge eine einzige Schleimhaut. Das Härteste beim Weichsten, alle Aufmerksamkeit den Zähnen. Was der Mensch da permanent in seiner Nasszelle hat, ist eine höchst komplexe, vielfältig heilsame Mischung, die man tunlichst nie Spucke nennen sollte, jedenfalls nicht abfällig. Wer vor einem Anderen zum Zeichen tiefster Verachtung ausspuckt, schmeißt ihm höchst Wertvolles vor die Füße. Wenn die zwei Nasszellen aufeinandertreffen und die Zungen Höhlenforschung betreiben. Ganz schwer zu sagen, wer gerade zwei Zungen im Mund hat. Pausen auch, zum Verschnaufen. Aber nicht zu lang. Nicht viel später sitzen sie nebeneinander. Sie legt ihre geschlossenen Beine über seine. Die Hände bleiben auf dem Körper des anderen, streichelnd, ruhend, besitzergreifend. Immer wieder Küsse, schwer zu zählen, schwer zu schildern. Dann erste Worte von Susanne: „Du wohnst bei Freunden?“ „Ja –“ „Zeig deine Finger.“ Er zeigt sie, ungekreuzt. Sie fragt nochmal: „Du wohnst bei Freunden?“ „Ameisen, Amseln, manchmal eine Maus –“ Das macht ihr schon ein bisschen zu schaffen: „Eine Maus als Freundin?“ „Ja. Learning by doing. Eichkätzchen, eine wunderbare gelbe Katze, Krähen – viele viele gute Freunde...“ Eigentlich sagte er nur ‚Freun-‘‚ das ‚de‘ schmatzte sie ihm weg. Mei, dass man so lange küssen kann, ohne außer Atem zu kommen. Naja, ein bisschen japsten sie schon rum... Und wieder. Er mahnte: „Darfst aber nicht völlig aufhören mit Zifferblatt-Küssen.“ „Die bleiben dir erhalten, keine Sorge.“ Und wieder. „Einmalig!“ jubelt sie. „Was?“ „Ist doch alles einmalig! Nie wieder werden wir morgens um 7 am Flaucher so knutschen. Nie wieder treffe ich dich so früh am Morgen am Flaucher. Nie wieder wirst du so schön und arm daliegen.“ Und nochmal. Eine frühe Putzfrau lachte: „Knutscht ihr noch oder schon?“ Susanne informierte: „Wir haben gerade erst angefangen.“ „Wohl keine Zeit in der Nacht gehabt.“ Ferdinand fragte: „Was passiert, wenn ich jetzt zwei Cappuccini bestelle?“ Die Frau erläuterte: „Dann mach ich was, was ich nicht machen darf. Aber ich kenne mich aus. Zwei Cappuccinos, die Herrschaften.“ Sie verschwand im Gasthaus. Susanne stellte fest: „Jetzt weiß ich endlich, wieso du keine Segelschuhe im Gepäck hattest.“ „Auch kein Tennisoutfit und nicht einen einzigen Golfschläger...“ Susanne ist voller Bewunderung: „Respekt, Ferdinand, Respekt. So hast du vier Wochen lang geschlafen?“ „Ja. Nein, ich war zwischendurch auch in einem Zirkus, im Pferdestall. Aber der hat irgendwann die Zelte abgebrochen. Ein Wochende in einer Arztpraxis. Mein Badezimmer hatte ich im Hauptbahnhof.“ „Hast meine ganze Hochachtung: Kein bisschen verkommen, großartig, der Leinenanzug –“ Sie fährt mit den Fingern über die Revers, „nichts knittert so schön wie Leinen.“ „Das ist Kammgarn, etwas strapaziert.“ „Also, wenn das kein Leinen ist, dann brauchst du irgendwann mal was Neues. Ich freue mich darauf, dich anziehen zu dürfen.“ „Ich freu mich auf das Gegenteil.“ Sie überhörte das lächelnd: „Ich kriege einen handfesten Charakter.“ „Keine Spur Zweifel, dass du mich kriegst?“ „Entschuldige mal: nach unseren Knutschereien... Fragst ein bisschen sehr früh solche heiklen Sachen.“ „Ja, entschuldige.“ Aber sie war nicht so schnell beschwichtigt: „Ich mag das nicht. Das ist doch bloß Gequatsche, - ob ich dich kriege. Ich hab dich doch schon, und hab dich noch gar nicht. Und wenn ich dann sterbe, hab ich dich immer noch nicht. Fettdruck: Ich – kriege – einen – hand – festen – also äh: handfesten - Charakter! Punkt! Nein: Ausrufezeichen!“ Er schob sich mit gefahrverheißendem Brummeln nah an sie ran und küsste sie mit einem letzten Ruck, dass sie „Aua!“ schrie. Dann sagte sie: „Jetzt gehen wir erstmal zu uns nach Hause. Unser Frühstück ist vielleicht nicht ganz so üppig wie bei Marion, aber du wirst satt und verdurstest nicht.“ Sie tranken die Cappuccini und gingen dann in die Sebaldusstraße, ziemlich schweigsam auf dem Wege. Die Frage, wo denn Ferdinand nun wohnen sollte, war ja gar nicht leicht zu erörtern. Es sei wiederholt: Schicksalswende. Ferdinand war ein bisschen verlegen. Warum eigentlich? Alleskieker ging hinterher, natürlich nur im Geiste, froh, dass die Freiluftnächte endeten. Der Regen hat den Alleskieker in den vergagenen drei Wochen in mancherlei Nöte gezwungen. Die Mutter freute sich sehr: „Keine falsche Scheu, Ferdinand. Wir haben Susanne erzogen, die Männer zum Frühstück mitzubringen, mit denen sie geschlafen hat. Oh, hätte ich das jetzt nicht sagen sollen?“ Susannne merkte nur an: „War vielleicht ein bisschen früh.“ Und Ferdinand druckste rum: „Wir haben noch – ähm...“ Die Mutter wollte wissen: „Wo sind Sie denn in München zu Hause?“ Susanne antwortete: „Ferdinand war bis jetzt im Flaucher zu Hause, er hat sich zwei Bänke in eine Schankbude geschoben. Er hat auch im Pferdestall eines Zirkus‘ geschlafen und in einer Arztpraxis.“ Ferdinand ergänzte: „Und eine Nacht bei der lieben Frau.“ Das irritierte Susanne denn doch etwas: „Was?“ Ferdinand stellte richtig: „In der lieben Frauenkirche.“ Susanne resümierte: „So, Mama, nun hast du Stoff zum Nachdenken. Und ich liebe ihn, und du auch. Jetzt habe ich erstmal reinen Frühstückstisch gemacht. Oder hätte ich das alles nicht sagen sollen? Ferdinand, ich habe ein Date mit meinem Professor. Ich ginge gerne mit dir in die Mensa, nicht zu früh. Halb zwei, zwei. Wir haben Einiges zu bequatschen.“ Die Bequatschung in der Mensa findet sich in der morgigen Folge 30. |