3    Zwei Schnapsflaschen kreisen

Viel zu früh hatte Ferdinand gestern gegen Abend Mantel und Schirm aus dem Schließfach geholt. Leicht zu verstehen: Denken, denken, denken und laufen, laufen, laufen, genauer: latschen, latschen, latschen – da wird man ja ramdösig. Sehnsucht nach der Parkbank zum Pennen. Also, so wörtlich eingestanden hat er sich das nicht. Aber es war wenigstens ein Übernachtungsplatz, den er kannte. Robinson müsste man sein. Naja, der hatte es doch so viel leichter, weil er es so viel schwerer hatte. Was der alles tun musste. Ich muss ja nicht einmal morgen früh meinen Cappuccino selber brühen. Habe ja meine Café-Schenke, hatte Robinson nicht.

Abends am Bahnhof noch zwei Würstchen gegessen, und ausgerechnet, dass er mit seinem Bargeld noch rund dreihundert Tage lang Würstchen, Cappuccino, Hygiene im Bahnhofskeller bei Mc Clean, Berliner Zeitung und tägliches Schließfach bestreiten könnte. Dreihundert Tage – eine schrecklich abstrakte Zahl, unter der er sich so wenig was vorstellen konnte wie unter dreihundert Millionen Lichtjahren. Bei einer täglichen Mittagsmahlzeit reichte es wohl für zweihundert Tage. Doch auch nicht fassbar. Da wäre dann der nächste Frühling in voller Blüte. 200 Nächte im Freien, Winternächte inklusive?

Auf der großen Leinwand in der Haupthalle des Bahnhofs konnte er das Anzapfen des ersten Bierfasses auf dem Oktoberfest verfolgen. „O’zapft is!“, War wohl der Oberbürgermeister, der das heute mittag rief. Hat ja auch immer Spuren von sadistischer Obszönität, dieses wuchtige Einhämmern des Zapfhahns in das Spundloch. Das konstatierte Ferdinand im zweiten Tiefgeschoss seiner Seele, wo die Lustmölche lauern. Mehrzahl von Molch ist Molche! Weiß ich doch! Mölche ist schöner!

Mit Wintermantel über dem Arm und Schirm machte er sich auf den Weg zu den Isar-Auen und dachte viel darüber nach, ob er heute sein Hemd waschen sollte oder nicht oder was. Ja. Morgen ist Sonntag, da macht sich ein frischgewaschenes Hemd gut. Je näher er dem Wasser kam, desto deutlicher wandelte sich das Ja zu einem Nein. Die Vorstellung, das weiße Kleidungsstück vom Körper zu ziehen und nass zu machen, mit der Kernseife einzuschmieren und auszuspülen, irgendwo zum Trocknen aufzuhängen und im Unterhemd ins Jackett zu schlüpfen und auf die Bank beim Kiosk... Nein.

Immer mal wieder fiel sein Blick runter auf seine Schuhspitzen. Die Schuhe waren prima in Ordnung. Dass es ihm bei so viel Latschen da und dort ein bisschen wehtat, auch ein bisschen Muskelkater – doch wohl kein Wunder. Sollte ich mehr sitzen? Das Sitzen drückt aufs Gemüt. Alles, was Ferdinand tat, musste er tun gegen seinen Berliner Herkunftshintergrund. Wer war ich vorgestern? Wer bin ich heute? Wenn mir jemand vor einer Woche von Einem erzählt hätte, der völlig ziellos durch Münchner Spätseptembertage latscht, der alle Kontakte meiden und Verfolgern ausweichen muss, - ich hätte gesagt: Wie hält der das bloß aus? Heute halte ich das aus. Naja, ist erst der zweite Tag. Oder: ist schon der zweite Tag. Naja, man könnte argumentieren: zwei Tage hat ers schon ausgehalten, jetzt kommt bald die Gewöhnung.

Am Flaucher traf er eine Gruppe von – sagen wir einfach einigermaßen sachlich: Obdachlosen. Verwegene Penner, einige andere noch ganz ansehnlich und ein ziemlich feiner Herr, der die Obdachlosigkeit wohl erst lernte. Ferdinand hatte seinen Mantel angezogen und trat beiläufig näher.

Der gut angezogene Herr hatte seine Brieftasche geöffnet und verteilte Kreditkarten, Visitenkarten, Streifenkarten für die U-Bahn, alte Quittungen, Bons für Essen in irgendeiner Kantine. Ferdinand bekam einen Zettel von einer Reinigung und machte sich Hoffnung, ein gediegenes Kleidungsstück abholen zu können.

Zwei Schnapsflaschen kreisten, Ferdinand wollte nicht. Aber unter diesen Saufbrüdern gabs kein Pardon. Er musste die Flasche an den Hals setzen. Der Betrug ging leicht, er presste die Zunge an die Flaschenöffnung und netzte die Lippen, weiter nichts. Es war ziemlich schlimmer Fusel. Als Betrunkener wäre er leichte Beute für seine Verfolger gewesen. Obwohl: Hier war eigentlich nichts dergleichen zu befürchten. Hier nicht und woanders doch auch nicht. Aber man trinkt nicht, wenn man auf der Flucht ist. Das waren so Gesetze, von denen Ferdinand gar nicht überzeugt war. Sowas erfinden Bankangestellte, keine echten Flüchtlinge.

Der feine Herr war nicht mehr ganz nüchtern, konnte aber noch eine kleine Rede halten: „Mit der Verteilung des Inhalts meiner Brieftasche an euch, liebe Tippelbrüder, beende ich – also: nehme ich mir das Leben.“ Kräftiger Protest aller Umstehenden: „Nein! Bloß nicht! Ich beschütze dich! Jaaa!...“ Der Herr räumte ein: „Keine Sorge! Ich beende nur feierlich mein bisheriges bürgerliches Leben als Universitätsprofessor in – wo, ist egal. Das bald beginnende Semester sieht mich nicht mehr auf dem Katheder, keine Seminare, Übungen, Prüfungen, Veröffentlichungen, keine Lektüre von Fachartikeln und vor allem: keine Diskussionen mehr! Prost!“ Er trank, die anderen machten mit, klopften ihm derb oder weniger derb auf die Schulter. Einer, ein Bär von einem Mann, aber sehr unappetitlich, umarmte ihn so heftig, dass der Professor recht kläglich dreinblickte.

Ferdinand spielte schon mit dem Gedanken, hier zu schlafen, als vom Anzünden eines Feuers die Rede war. Gestern sei die Polizei gekommen und habe das Feuermachen verboten. Na und? Soll sie doch heute wiederkommen. Ferdinand ging wohl etwas abrupt. Der Bär hielt ihn auf: „Hier bleibst du! In dem Mantel schläfst du doch hier wie bei Muttern!“ Muttern, das klang nach Berlin. Und der schrecklich verkommene Hüne packte mit seinen Bärenpranken die Lammfellrevers seines Mantels, zog ihn ganz nah an sich und hauchte dem armen Ferdinand seine Fuselfahne ins Gesicht, direkt in die Nase, und quatschte Zeug, das Ferdinand sehr verängstigte: „Zeig doch auch mal deine Brieftasche! Du gehörst doch auch nicht hierher, willst doch auch dein Leben beenden. Na los!“ Da war kein Entkommen. Müde meuterte Ferdinand: „Du reißt mir ja die Revers vom Mantel!“ Der Bär wurde als Besitzer des besten Feuerzeugs benötigt. Er ließ Ferdinand los, der das Feuermachen benutzte, um sich zu verdrücken, behutsam, aber erfolgreich, - weg, ziemlich weit, Wittelsbacher Brücke und rüber.

Er muss sich ein neues Schlafzimmer suchen: Pünktlich um halb Fünf am Sonntagmorgen weckte ihn der größenwahnsinnige Motorradfahrer wieder aus dem Schlaf.

Susanne war auch schon wach – die in München. Sie grübelte, wozu sie viele Gründe hatte. So eine Prüfungsphase ist einmalig, das wird nie Routine. Sie war in dem Stadium: Das ist unter keinen Umständen zu schaffen!, das glücklicherweise vorübergeht. Dagegen half nur Arbeiten. Schlimmer war die Sache mit dem Kerl, der da neben ihr schlief. Da half Arbeiten gar nichts. Er behauptete Carlos zu heißen, hieß aber ziemlich sicher Karl. Er war von Kopf über die in jeder Beziehung beachtliche Waschbrett-Mitte und so weiter abwärts bis Fuß ein Bild von einem Mann. Aber viel mehr war er nicht. Und das machte Susanne zunehmend zu schaffen. Er blinzelte. „Guten Morgen,“ sagte Susanne. Er erwiderte den Gruß nicht, sondern brummte: „Schöne Bettwäsche hast du.“ „Danke.“ „Wofür?“ „Für das Kompliment.“ Er war ein bisschen erstaunt: „Habe ich dir ein Kompliment gemacht?“ „Ja, dass ich schöne Bettwäsche habe.“ „Haben andere Mädchen auch.“

Womm! Ja nicht liebevoll werden oder gar zärtlich, die Dame auf den ihr gebührenden Platz verweisen: Sie war eine unter anderen. „Nimmst du eigentlich was?“ fragte sie. „Was soll ich nehmen?“ „Naja, dass du dreimal kannst in einer Nacht.“ „Nichts nehme ich. Dich nehme ich.“ Und so gab es eine vierte Nummer innerhalb von acht Nachtstunden. Wunderbar!, ja, aber schon zwei Minuten danach so fade und faulig. Kein Nachstreicheln, ein Gespräch? Wer kommt denn darauf? Das muss ein Ende nehmen, befand Susanne. Ich halte das nicht mehr lange aus.

Vielleicht sich arrangieren mit einem Zweitmann, der mir die Seele küsst? Ziemlich absurde Vorstellung. Soll ich wirklich aufhören, mich zu freuen, verdammt nochmal?! Als sie das Zahnputzzeug herrichtete, schaute sie ohne viel Absichtlichkeit in den Spiegel und – also ‚erschrak’ wäre wohl zu viel gesagt, aber da war ein Zug um den Mund, der sie – ja doch: erschreckte. Man nimmt nicht ungestraft einen Mann nach dem anderen zum Ausprobieren ins Bett.

 

Als Bundeskanzler Schröder sich die Krawatte band, war Ferdinand auf dem Weg in sein Tambosi. Ganz bestimmt ein Nichtwähler, obwohl eine verhältnismäßig hohe Wahlbeteiligung zu erwarten ist. Die Gefühle von so einem Schröder an so einem Schicksalstag. Wie hält der den Stress aus? 17 Kameras bei der Stimmabgabe, jovial bleiben, trotz Kunstlicht. Ein Roman, der auch am Wahlsonntag um 17 Uhr 30 ins Netz gestellt wird, kann noch keine Wahlergebnisse vermelden. Einen Deubel wird Autor Alleskieker tun und irgendwas spekulieren. Ich verrate auch nicht, was ich gewählt habe. Der geneigte Leser wird auf die Radio- und Fernseh-Nachrichten in einer halben Stunde verwiesen. Also auf die Hochrechnungen, nicht auf Hinweise, was ich gewählt habe.

Ferdinand dehnte die Zeit bis zur Tragödie des letzten Cappuccino-Schlucks. Die Welt auch heute geschäftig, gedämpfter als am gestrigen Samstag. Aber da drüben gabs einen Gottesdienst mit Glockengeläut, Theatinerkirche Sankt Kajetan (1675) las Ferdinand in seinem Stadtplänchen, italienischer Barock, Fürstengruft. Er knüpfte sich auf dem Tambosi-Stuhl die Krawatte und ging rüber, er nahm am Hochamt teil. Und es war schön. Einfach so. Obwohl die Stuckfülle ja alles andere als einfach ist. Große Gerüste signalisieren große Renovierung. Das letzte Mal war Ferdinand vor fast zwei Jahren, bei der Beerdigung von Susannes Eltern in einem Kirchenraum in einem Berliner Vorort gewesen. Dort war es sehr protestantisch karg. Er dachte nicht gerne daran und an Alles, was dann passierte.

So ein Wahlsonntag in der Fremde. Ferdinand ging in drei Schulen, in Gegenden, wo er noch nie war, Rotbuchenschule in Harlaching, drückte sich vor den zum Wahllokal hergerichteten Klassenzimmern herum, las viele Anschläge und tat ununterbrochen so, als sei er ein gelassen-geschäftiger Wähler. Die Einsamkeit inmitten der vielen Menschen mit eindeutigem Wahlwunsch schlug ihm aufs Gemüt, nein: weniger die Einsamkeit, mehr die Perspektivlosigkeit. Dauernd malte er sich aus, wie er den Mantel aus dem Schließfach holt, vor den Würstchen oder danach? Erst die Würstchen, nicht die Würstchen im langen Wintermantel essen. Die Obdachlosen wollte er heute meiden. Und die Bank unter dem Kioskdach, auf der er morgens um halb Fünf von dem Motorradfahrer geweckt wird? War ja nicht sicher, dass der Kerl am Montagmorgen wieder da lang raste. Wenn ja, dann ist morgen ganz bestimmt ein neues Schlafzimmer in der großen Stadt zu suchen. Ach, Ferdinand!, diese Wohnungslosigkeit, kein Bett, kein einziges eigenes Möbelchen. Die Betten von Susannes Eltern, ein bisschen durchgelegen, Spuren vergammelt, müssten mal ersetzt werden. Aber: ob wir noch eine gemeinsame Zukunft haben, in der wir neue Betten kaufen, Susanne in Berlin und ich – zur Zeit München?

Morgen ist Montag. Die Woche fängt an. Nichts fängt an. Doch: Es gibt Wahlergebnisse, und ich kann in die Reinigung gehen.