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31 Situationen schaffen, nach denen man Sehnsucht hat Bei einer Tasse Tee hatte Ferdinand gestern nachmittag ein gutes Gespräch mit Susannes Mutter: „Als es bei Susannes Großmutter ans Sterben ging, - also bei meiner Mutter, sagte sie: ‚Ich kann jetzt nicht sterben, ich habe noch Wäsche auf der Leine‘. Und dann hat sie tatsächlich noch die Wäsche abgenommen, und dann ist sie gestorben.“ „Verzeihung, aber - da muss ich lachen oder wenigstens lächeln,“ sagte Ferdinand. „Das müssen Sie,“ sagte die Mutter, „sie hat uns die ganze Trauer ausgeknipst. Das stimmt natürlich so einfach nicht.“ „Eine Frau von solchem Humor oder – also: Tatkraft zu verlieren, war sicher auch schlimm.“ „Sehr schlimm. Aber die Wäsche auf der Leine bleibt am Ende in der Erinnerung übrig. Sie haben noch beide Eltern? Was frage ich? Ich könnte ja Ihre Mutter sein.“ „Beide gesund und munter. Sie verbringen den Winter auf Gran Canaria. Wir haben da ein Haus. Deswegen spreche ich auch ganz gut Spanisch.“ Die Mutter sagte sehr freundlich: „Ferdinand, ich dringe jetzt nicht weiter in Sie. Bei Ihnen stimmt ja wohl einiges nicht so ganz.“ „So kann man das nennen,“ bekannte Ferdinand. Die Mutter sagte: „Da überlasse ich das Feld der Susanne, die wird uns das Notwendige mitteilen.“ Ferdinand fand es sehr schön, dass man das Unstimmige akzeptierte und darüber schweigen konnte. Es klingelte. Die Mutter ging an die Sprechanlage: „Hallo?“ Susannes Stimme krächzte aus der Anlage: „Der Ferdinand soll runterkommen. Der ist doch da?“ „Ja.“ „Soll runterkommen. Ich brauche Hilfe.“ Ferdinand fragte etwas erschrocken zurück: „Ist was passiert?“ Susanne bellte bloß: „Komm runter!“ Ferdinand lief sehr schnell runter. Vor der Haustür eine ziemlich erschöpfte Susanne mit dem Fahrrad. Auf dem Gepäckträger ein riesiger Packen Bücher in einer Tasche, auf dem Rücken den großen Rucksack auch voll mit Büchern, da stakelten die festen Einbände überall hervor. Ferdinand wollte wissen: „Hast du das alles auf einmal rangebaggert?“ Aber sie konnte gar nicht antworten: „Nimm den Rucksack, die Tasche tragen wir zu zweit.“ So gingen sie die Treppe rauf. Ferdinand wollte wissen: „Warum schleppst du denn das alles nach Hause?“ „Deinetwegen. Du erfährst alles, aber nicht auf der Treppe.“ An der Wohnungstür stand die Mutter, auch etwas besorgt: „Was war denn, Susannenkind?“ Susanne erklärte: „Hört beide zu, ihr neugierigen Kleinkinder: Ich will den morgigen Sonntag zu Hause arbeiten. Und da brauche ich die Bücher. Und Ferdinand. Der soll den ganzen Tag in meinem Zimmer sein, wenn ich arbeite. Da arbeite ich besser. Deinetwegen, Ferdinand, die ganze Buchbaggerei.“ Ferdinand trug die Bücher zu Susannes Zimmer: „Und die brauchst du wirklich alle?“ „Nein,“ antwortete sie, „ich habe sicher drei zu viel mitgenommen, aber nichts ist schlimmer, als ein Buch, das nicht da ist. Die meisten hätte ich gar nicht aus dem Institut wegschleppen dürfen, aber am Wochenende kann man sowas mal machen. Darf natürlich nichts mit ihnen passieren. Und morgen Abend müssen sie zurück.“ Sie gingen in Susannes Zimmer. Die Mutter zog sich in die Wohnung zurück: „Ich seh euch zum Essen.“ Susanne packte die Bücher aus und ordnete sie zu Stapeln, für die sie immer neuen Platz suchen musste. „Ich meine,“ sagte Ferdinand, „wir hätten einander noch nicht Guten Abend gesagt.“ Augenblicklich hielt Susanne mit der Arbeit inne und wandte sich Ferdinand zu: „Entschuldige.“ Sie gab ihm einen zärtlichen Zifferblatt-Kuss, genauer: nicht einen, das sind ja immer neun. Sie entschuldigte sich: „Ich habe nicht überlegt, was es bedeutet, mit so einer Last den Rosenheimer Berg raufzuradeln. Ich dachte, ich werd nicht mehr. Fast den ganzen Berg musste ich schieben.“ „Wär vielleicht gut gewesen, Ferdinands Hilfe früher anzufordern.“ „Hinterher-Klugscheißer!“ Sie stapelte weiter Bücher. Ferdinand brauchte einen kleinen Anlauf: „Ich weiß nicht, wann ich es dir sagen soll, aber ich muss es dir sagen.“ „Was?“ „Wenn ich dich frage ‚Ist was passiert?‘, dann antworte bitte nicht bissig: ‚Komm runter!‘ Wenn du sagst: ‚Ich brauche Hilfe!‘, dann kann das viel bedeuten.“ „Hattest du Angst um mich?“ „Ja.“ „Wunderbar.“ Sie umarmte ihn, und es gab einen kleinen Nasszellenaustausch. „Diese Küsse mit den zwei Zungen im Mund,“ fand Ferdinand, „die wollen als Fortsetzung eigentlich immer das, was wir erst aus bestimmtem Anlass tun wollen.“ „Ungeduldig?“ wollte Susanne wissen. „Manchmal - ja...“ „Der Anlass kommt.“ „Ich vertraue auf den Gott der Liebe.“ Ferdinand stutzte: „Bei dir sage ich Sachen, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie sagen kann. Du erweiterst mein Sprachgehirn.“ Die zweite Nacht bürgerlich verlief sehr ereignislos, wobei man ja dieses denn doch etwas sonderbare Geliege mit Brustkorb in Höhe von Wade und Wade in Höhe von Brustkorb nicht unbedingt bürgerlich nennen sollte. Es war eine Manifestation des Vertrauens, eine Übung in gegenseitiger Gegenwart, alle Philosophie des Wartens aufrufend. Als er schon lag, fragte sie: „Willst du sehn, wie ich mein Haar löse?“ Er drehte sich um: „Ja, unbedingt.“ Sie machte eine kleine Performance daraus, nicht zickig-provokativ, sehr sympathisch, löste den Kamm, der es hielt, ein wenig verzögerter als sonst, schüttelte den Kopf, dass die Haarwellen fielen. Sie kommentierte: „Im Werbefernsehen wäre das Haareschütteln natürlich in Zeitlupe.“ „Hat was von einem Wasserfall,“ sagte Ferdinand, „ich krieg ja nochn Gute-Nacht-Kuss, da kitzelt mich das wieder so schön.“ Er bekam den Gute-Nacht-Kuss mit Kitzel-Beilage Sie wachte am Sonntag früher auf als er, flüsterte sehr behutsam: „Ferdinand.“ Er war gerade wach geworden und brummte: „Hm.“ „Das Sonntagsfrühstück ist in unserem Hause ein Ritual, ziemlich üppig, sehr spät. Es gibt am Sonntag kein Mittagessen, um die Damen des Hauses zu entlasten.“ „Kann ich verstehen.“ „Brunch, um es auf gut Deutsch zu sagen. Ich möchte jetzt vorher gern arbeiten und – wenn du noch liegen bleiben willst?“ „Nein, fang du an im Bad, ich komme dann auch, damit du arbeiten kannst.“ „Damit wir arbeiten können.“ „Zu viel der Ehre, Susanne, du arbeitest, ich lese Zeitung.“ Mit den Worten: „Wir arbeiten,“ schlüpfte sie aus dem Bett und ging ins Bad. Eine kleine halbe Stunde später saß Susanne am Schreibtisch und wälzte Wälzer. Für Ferdinand hatten sie einen schönen alten Lehnstuhl aus der Wohnung rübergeschafft. Da saß er und las die Süddeutsche vom Wochenende. Im Anblick der ersten Seite stöhnte er auf. „Was ist?“ fragte sie. Er zeigte ihr das Bild: „So sieht ein Vater aus, dem der Tod seinen Sohn zurückgegeben hat. Das Morden überall auf der Welt... Die Schwelle, die ich nie überschreiten könnte.“ Plötzlich ergänzte er: „Oder vielleicht doch? Leben in Tod verwandeln – so Viele können das... Ich stör dich nicht weiter.“ „Ferdinand?“ fing Susanne nach einer Weile an. Er grunzte: „Hm.“ „Ich kann nicht in Worte fassen, wie glücklich es mich macht, so – hier in diesem Zimmer mit uns beiden, - einfach so...“ Er erwiderte: „Ganz meinerseits – auch Glück...“ Es dauerte nicht lange, da fragte Ferdinand: „Susanne?“ Sie grunzte: „Hm.“ „Ich überlege, ob ich euch nicht was - zahlen muss für Übernachtung und Vollpension.“ Sie konterte scharf: „Willst du mich zur Nutte machen?“ Er verzog schmerzvoll das Gesicht: „Mensch, Susanne – du hast manchmal eine Art –“ „Ja, ich weiß: Ich kann schrecklich sein. Entschuldige. Dein Gedanke mit der Vollpension kam ja aus einer ganz anderen Ecke.“ „Ja. Hatte mit Nutte ganz bestimmt nichts zu tun.“ „Und war eigentlich rührend. Ist vor dir noch keiner drauf gekommen.“ „Ist auch deine eklige Antwort nie fällig geworden.“ „Obwohl sie beinah gestimmt hätte.“ Da erwachte denn doch – naja, nicht eigentlich Eifersucht, eher Neugier: „Nicht wirklich Nutte, oder? Waren es viele?“ Susanne neigte den Kopf hin und her: „Viele – ja, zu viele: nein.“ Sie gab zu bedenken: „Wir denken über dich und deine Zukunft nach. Das hier ist ein Übergang – leider, leider, leider... Zu bezahlen hast du nichts. Wir verrechnen es mit deinen handwerklichen Leistungen. Ruhe! Lass mich arbeiten!“ Recht unerwartet kam etwas später Ferdinands Äußerung: „Ja, ich geh dann eben mal runter.“ Susanne war dementsprechend irritiert: „Was willst du denn da unten eben mal machen? Ohne mich?“ „Mit meinen Eltern telefonieren.“ Wortlos reichte ihm Susanne ihr Telefönchen. Er meinte: „Das geht nach Spanien.“ „Das bist du mir wert!“ „Ich muss mit gekreuzten Fingern telefonieren.“ „Um so wichtiger, dass ich zuhöre.“ Ferdinand wählte und redete dann: „Ja, hallo, Paps! Ich bins, Ferdinand.“ Leise sagte er zu Susanne: „Er holt die Mutter.“ Dann wieder lauter: „Guten Morgen, Mama, wie geht es euch? – Nein, wird langsam kühl in Deutschland.“ Deutlich, damit es Susanne sehen konnte, entkreuzte er die Finger und sagte: „Ich bin bei Susanne, ja. – Gut so weit, keine Probleme. – Naja, strampelt schon manchmal. – Ja, das ist wirklich süß. – Nee, komisch, so ein Bankschalter hat für mich nie was Langweiliges. – Naja, ob ich mich nun gleich freue auf den Montag - aber Arbeit ist mir kein Gräuel. – So ist es. – Ja, ich wünsche eine weitere gute Woche. – Ja, danke, bis zum nächsten Sonntag. Tschüs.“ Ferdinand gab das Telefönchen zurück: „Danke.“ Dauerte gar nicht lange, da sagte Susanne: „Susanne I erwartet ein Kind von dir?“ „Ob das von mir ist oder von Heinz, - das weiß sie selber nicht.“ „Aber die meisten Frauen wissen da was.“ „Weiß nicht, ob sie zu den meisten Frauen gehört. Sie will Heinz heiraten, und das ist gut so, um mit meinem Regierenden Bürgermeister zu sprechen.“ „Schon eine Sache, dass Susanne ein Kind von dir erwartet.“ „Vielleicht.“ „Mein armer Ferdinand.“ „Dein Ferdinand ist der reichste Mann der Welt, kein Öl-Araber kann mir das Wasser reichen. Arbeite!“ „Jajajajaja!“ Susanne stürzte sich über die Bücher. Dann kam die Mutter und lud zum Frühstück. Sie übersah die Situation in Susannes Zimmer und meinte: „Gemütlich habt ihrs hier.“ Liliane und Kim kamen auch, Liliane musste es der Schwester brühwarm erzählen: „Wir hatten eine Organisation.“ Das verstand die Mutter natürlich nicht: „Was soll denn das nun wieder heißen? Habt ihr euch organisiert, damit ihr nicht wieder so wahnsinnig spät zum Frühstück kommt.“ Die vier jungen Leute prusteten los. Die Mutter kuckte einigermaßen erstaunt. Der Vater kam als Letzter zum Frühstück und verkündete fröhlich: „Vernissage gehört zu den Wörtern, die Geschichten erzählen: Vernis ist Firnis auf Französisch. Das Letzte, was der Maler mit seinen neuen Bildern tut, bevor er sie in eine Galerie zum Ausstellen bringt, ist, sie mit Firnis überziehen, damit die Farben gut erhalten bleiben. Vernissage ist also sowas wie Firnissierung. Wenn da mal viele neue Ölbilder hängen, gibt’s ja den schönen Firnis-Duft. Das Wort für ein Konservierungsmittel entwickelt sich zum Wort für die Eröffnung einer Bilderausstellung. Gefällt mir – das Nichtlineare, das Unerwartete...“ Am Nachmittag arbeitete Susanne nochmal drei Stunden. „Hau dich hin,“ schlug sie ihm vor, „wenn du schlafen willst.“ „Nö.“ „Langweilst dich nicht?“ „Mit dir? Was muss passieren, dass ich mich mit dir langweile?“ „Wir werden alt.“ „Übersteigt mein Vorstellungsvermögen. Wir sind jung.“ Susanne erklärte: „Hör zu. Ich brauche für diesen Abschluss meiner Schriftlichen noch ungefähr fünf Tage, eine kleine Woche. Danach mache ich mich gründlich kundig, was wir mit dir anstellen, mein kleiner Verbrecher. Hast du nicht so gerne.“ „Was?“ „Dass ich sowas sage wie: mein kleiner Verbrecher.“ Ferdinand opponierte sanft: „Naja, kennst mich schon ganz gut.“ „Ich wälze wieder Bücher, andere Bücher, und wir machen einen Plan, wie wir dich ohne großen Schaden aus dem Schlamassel ziehen.“ „Und ich höre dich dann wieder ab!“ Sie freute sich: „Au ja! Allerdings –“ Sie hielt inne und schien plötzlich in einiger Not. “Was ist?“ fragte Ferdinand. Susanne erklärte: „Das geht nicht ohne Trennungen ab. Wahrscheinlich musst du nach Berlin. Wohnst du dann bei Susanne I?“ „Nein, die will doch den Heinz heiraten. Ich hab meine eigene kleine Wohnung, war ich allerdings sehr lange nicht mehr.“ „Ich komme mit. Jetzt muss ich arbeiten.“ „Ich werde dich nicht hindern.“ Nach langer Stille sagte Susanne: „Putzt du mir mal die Nase?“ Sie hatte vier Bücher ineinandergeschoben und brauchte beide Arme, um sie zu halten, noch dazu beide Zeigefinger auf wichtigen Stellen. Ferdinand kennt da kein Zögern, holte ein Papiertaschentuch raus und ließ sie schnäuzen, sagte „Noch mal.“ Sie schnäuzte nochmal. Er säuberte das Umfeld und setzte sich wieder zu seiner Zeitung. „Danke,“ sagte sie, „ich freue mich und bin dir dankbar, dass du dich nicht vor meiner Rotze ekelst.“ „Kein Thema,“ sagte er nur. Sie erzählte noch: „Mein Letzter ging auf größte Distanz, als ich mal kotzen musste. War der Anfang vom Ende, ging dann rasend schnell.“ „Ich wünsche uns, dass wir nie ein Ende finden vom Anfang.“ „Kuss im Geiste!“ rief sie. „Nee,“ sagte er, „dazu komm ich rüber.“ Und so geschah es. Kurz nach fünf klappte sie alle Bücher zu: „Ich kann nicht mehr. Wir müssen jetzt alle Bücher in die Uni zurückbringen.“ „Oije,“ sagte Ferdinand, „aber nicht du allein auf dem Fahrrad.“ „Geht ja den Rosenheimer Berg runter, nicht rauf. Das schaff ich schon.“ Aber er opponierte deutlich: „Kommt nicht in Frage. Du nimmst die Tasche auf den Gepäckträger, ich nehme den Rucksack auf den Buckel. Wie komme ich zur Veterinärstraße?“ „Ich muss dir was gestehen:“ sagte Susanne mit Schmunzeln, „ich hatte sehr gehofft, dass du so einen Vorschlag machst.“ Er nickt mit dem Kopf: „Manchmal spuren wir ganz schön zusammen.“ „Manchmal? Immer, immer, immer!“ Sie packten die Bücher ein und gingen los. Auf dem Flur hockte Liliane im Trainigsoutfit. „Schmetterling,“ sagte Susanne verwundert, „was hockst du denn da wie ein Klümpchen Elend. Irgendwas nicht in Ordnung?“ Aber Liliane antwortete: „Alles in Ordnung. Aber es ist so viel! Da habe ich mich mal gerade durchs Tor der Liebe geschlichen – schon muss ich einen Tod tanzen.“ „Freu dich über die Fülle!“ „Mach ich ja. Ist alles gut. Stell dir mal vor: einen Tod tanzen. Wer kann das schon?...“ |