|
32 Amarena-Eisbecher – was ist da langweilig? Durch die Werinherstraße zur U-Bahn Silberhornstraße. „Mensch, wenn du keine Eins kriegst mit den schweren Büchern.“ Susanne wies ihn an: „Hier unten Richtung Hauptbahnhof, in der Mitte einsteigen, bis Sendlingertorplatz, Rolltreppe rauf, oben links Richtung Marienplatz, vorne einsteigen, bis Universität, aussteigen, zu Susanne gehen.“ Sie gab ihm noch eine Streifenkarte. Klappte alles sehr gut. Diesen Mordstrummrucksack von der U-Bahn transportieren lassen – auch von der Rolltreppe. Für mich hat sie all die Bücher nach Hause geschleppt, den Rosenheimer Berg rauf. Und es war ein wunderbarer Sonntag – wäre ohne die Bücher gar nicht so wunderbar geworden. Als ihn die Rolltreppe in das alte Universitätsgebäude entließ, stand sie schon mit dem Rad oben. Sie begrüßten einander mit Küssen und Umarmung, als seien sie drei Wochen getrennt gewesen. Sie brachten die Bücher in die Veterinärstraße 1 und verstauten sie an Susannes Arbeitsplatz. Sie schlug vor: „Jetzt gehn wir noch ein Eis essen, vielleicht das letzte des Jahres.“ Sie gingen die Leopoldstraße rauf Richtung Schwabing. Sie fragte: „Was nimmst denn du für eine Sorte?“ „Amarena.“ „Bist ja doch langweilig.“ „Was hat Amarena mit langweilig zu tun?“ „Weil ich auch Amarena will.“ „Nehme ich Zitrone-Orange. Oder ich kuck mal auf die Karte.“ „Nanaa, Zitrone-Orange ist gut, mischt sich gut im Magen mit Amarena. Wir essen doch beim anderen mit?“ „Was denn sonst?“ „Manchmal bin ich richtig gespannt, wie das bei uns mal zu einem großen Krach kommt.“ „Muss nicht oder?“ „Weiß ich nicht. Muss vielleicht doch... Aber die Vorstellung, dass ich dich bei so einem Krach verliere, ist so entsetzlich – ich kanns dir gar nicht sagen. Furcht-bar!... Ich verwöhne dich mit Liebeserklärungen, die dich am Ende belasten.“ „Nicht die Spur.“ Sie erreichten die Eisdiele. Susanne trat an einen Tisch, ein Mann saß mit dem Rücken zu ihr, neben sich eine Zuckerpuppe in ziemlich ordinärer Aufdonnerung. „Ist hier noch frei?“ wollte Susanne wissen. Der Mann sprang auf: „Susanne!“ „Karl!“ rief sie. Er umarmte sie recht ungeniert, das Küssen klappte aber nicht, weil sie es nicht zuließ. „Bist die Einzige, die mich Karl nennen darf!“ Susanne stellte vor: „Darf ich vorstellen: Das war mein Freund Carlos. Der Drückeberger, als ich kotzen musste, – Ferdinand Brennicke.“ „Warum bistn so förmlich? Setzt euch. Das ist meine Neueste, heißt Flippa. Wie sie wirklich heißt, weiß ich gar nicht.“ Susanne bestellte bei der Bedienung, die an den Tisch getreten war: „Einen Amarenabecher.“ Ferdinand fragte: „Gibts irgendwas mit Zitrone und Orange?“ „Zitrusbecher.“ „Sehr gut, mit Sahne bitte.“ „Ist sowieso dabei.“ Karl war aufgeräumt: „Susanne, wie geht’s deinem Magen?“ Sie war etwas irritiert: „Wieso meinem Magen? Gut.“ „Vor drei Wochen – war übrigens genau vor drei Wochen -, Sonntag abend, haben wir Muscheln gegessen, da gings dir gar nicht gut.“ Vor Susannes innerem Auge rollte der Film mit dem wunderbaren Ferdinand ab: „Das ist doch so lange her.“ Karl war gesprächiger denn je; heute wusste er, dass er eine wie Susanne nie hätte sausen lassen dürfen: „War ne schöne Zeit mit dir.“ Susanne fand das gar nicht und sagte es: „Karl, ich will ehrlich sein –“ Karl grinste: „Warst du immer.“ „Ich hab die Zeit mit dir in keiner guten Erinnerung.“ Das Zuckerpüppchen meldete sich zu Wort: „Ich will gehen.“ „Ja, gleich,“ dämpfte Karl ab. Aber sie insitierte: „Nein jetzt. Die da macht dich mies!“ Karl wurde es peinlich mit diesen beiden Frauen: „Also hör mal, Flippa –“ Sie stand auf: „Ich höre. Wenn du mir was zu sagen hast, steig mir nach.“ Sie stöckelte davon. Karl zahlte bei der Bedienung, die die Becher für Ferdinand und Susanne brachte. Susanne lachte: „Lass sie laufen, Karl. Du findest doch im Handumdrehn zehn andere.“ „So leicht werde ich die nicht los. Tschüs! War schön, dich zu sehn.“ Er stakste seiner Flippa nach. „Passt nicht zu mir,“ sagte Susanne. „Was?“ „Mit dem gegenwärtigen Liebhaber den verflossenen zu treffen.“ „Vor allem, wo du gar keinen gegenwärtigen Liebhaber hast.“ „Das Treffen mit Karl ist jedenfalls kein Anlass, mich mit dir auf was Ernsteres einzulassen.“ „Er sah verdammt gut aus.“ „Genau darauf bin ich ja bar jeder Vernunft reingefallen. Sprechen wir von was anderem. Oder schweigen wir wenigstens.“ Susannes Löffel fand den Weg in seinen Eisbecher: „Hm, gut. Zitrus soll leben.“ Sie langte nochmal zu. Er kreuzte den Löffel in ihr Amarena: „Auch sehr gut, die süße Bitterkeit...“ Susanne sinnierte: „Wie kommen wir nach Hause? Die Vorstellung, dich an der Giselastraße in die Unterwelt abzuliefern und am Giesinger Stachus in Empfang zu nehmen, ist gräuslichst.“ „Willst du mit der Bahn fahren, ich nehme dein Rad.“ „Mindestens so gräuslichst.“ „Ich weiß was Gutes: Alles zu Fuß, Füße in den Pedalen oder auf dem Pflaster. Ich fahre dich auf dem Gepäckträger. Rosenheimer Berg machen wir beide zu Fuß.“ „Klingt kuschelig.“ Ferdinand fuhr sie durch den Englischen Garten. Naja, sie hatte dieselben Probleme des Festhaltens wie Ferdinand neulich. Es ging nicht anders: beide Arme um seine Hüfte, die Hände in seinem Schoß gekreuzt. Das war aber nahe dran. Alle ernsthaften Linksabbiegungen und Kreuzungen wurden zu Fuß erledigt, auch der Rosenheimer Berg. Ferdinand erinnerte: „Und das hier hast du mit den zwei Bücherhaufen allein gemacht?“ „Ja, aber ich hab auch geschoben. Manchmal ging das Vorderrad von dem Gewicht da hinten hoch.“ „Respekt“ zollte Ferdinand. Aber sie machte klar: „Ich hatte ja einen Sehnsuchtspunkt.“ „Kuss,“ forderte Ferdinand. Ausführung. Susanne war sehr heiter: „Ich freu mich so, dass mein Irrsinnsplan mit den Büchern so hingehauen hat. Diese wunderbaren Sonntagsstunden heute mit dir. Und ich bin ordentlich vorangekommen.“ „Wäre mir sehr fatal, wenn deine Arbeit unter mir litte.“ Im Treppenhaus fing er an: „Übermorgen sind wir eingeladen.“ Susanne war denn doch sehr erstaunt: „Was?“ „Ja, zum Abendessen.“ „Bei wem?“ „Überraschung.“ „Hast du doch Freunde in München?“ „Nein, kann man so nicht sagen. Ich habe einer Frau, nein: einem Ehepaar geholfen, die Ehe zu kitten. Das fing im Flaucher an, dann holte ich eine Damenbluse aus der Reinigung und brachte sie ihr. So fand sie ihren verschollenen Mann wieder. Neulich sitzt sie mir in der Straßenbahn gegenüber. Hat sie mich eingeladen. Habe ich gefragt, ob ich meine Freundin mitbringen dürfte. Da hat sie gesagt: Bringen Sie so viele Freundinnen mit, wie Sie wollen.“ „Hast du gesagt: Ich hab bloß eine.“ „Genau so war es. Übermorgen.“ Sie bettelte: „Sag doch mal, bei wem?“ „Für dich ist das doch nur irgendein Name.“ Sie gabs auf: „Also gut, lass ich mich überraschen.“ Die dritte Nacht bürgerlich begann mit dem Haare-Öffnen-Ritual. Und endete etwas anders, als die anderen. Susanne war wieder früher wach und stand behutsam auf. Ferdinand lag wie eine Padde auf dem Bauch, den rechten Arm neben sich mit einer rund geöffneten Hand. ‚Da gehört ein Baseball rein,‘ dachte Susanne, ‚oder eine Pampelmuse.‘ Zwei Etagen tiefer dachte sie: ‚Da gehört meine linke Brust rein.‘ Sie ging ins Bad. Als sie angezogen wiederkam, war Ferdinand wach und saß aufrecht im Bett und meinte: „Ich könnte einen Roman über mich schreiben.“ „Wer käme darin vor?“ wollte Susanne wissen. Und Ferdinand entwickelt: „Die schönste Frau der Welt, bei der liege ich im Bett.“ Und Susanne ergänzt lachend: „Und die Mutter denkt, die pennen miteinander und brauchen deswegen ein gutes Frühstück. Und sie weiß gar nicht, dass wir unsere Weltgeschichte noch gar nicht angefangen haben.“ Ferdinand forderte zwischen Bangen und Unverschämtheit: „Zeig mir doch schon mal deinen Bauchnabel.“ Sie schaute irritiert und trat zwei Schritte zurück. Ferdinand sagte rasch: „Nicht, wenns dir unangenehm ist.“ Sie sagte: „Schau her.“ Sie hob den Pulli, zeigte kurz den Nabel und zog den Pulli schnell wieder runter: „Wird aus gegebenem Anlass zu längerer Besichtigung freigegeben. Ich geh schon mal frühstücken.“ Zehn Minuten später saß auch Ferdinand beim Frühstück. Die Mutter klagte: „Mir ist schon wieder ein Liter Milch sauer geworden. Einen Tag vor dem Verfallsdatum. Ich muss mal zur Kepa gehen und fragen, was da los ist.“ „War sie denn im Eisschrank?“ wollte Ferdinand wissen. „Ja, natürlich.“ „Den kucke ich mir nachher mal an.“ „Der ist in Ordnung, Licht brennt, und er surrt.“ Der Vater schaltete sich ein: „Ich könnte mir vorstellen, dass unser Ferdinand da noch andere Kriterien untersuchen würde.“ In der Tat streckte Ferdinand erstmal nur die Hand in den Eisschrank und sagte: „Der kühlt ja gar nicht.“ „Was!“ sagte die Mutter, „aber er surrt doch.“ „Aber er kühlt nicht, ist eher warm hier drin.“ Dann kam die bange Frage der Mutter: „Können Sie da was machen?“ Ferdinand war sehr skeptisch: „Ich fürchte, dass da der Hausmeister in mir überfordert ist.“ Die Mutter jammerte: „Bin ich froh, dass ich noch nicht zur Kepa gegangen bin. Die hätten mich ja ausgelacht.“ Aber der Vater überlegte: „Vielleicht hätten sie auch die gesamte Karstadt Aktiengesellschaft in Unruhe versetzt. In der Giesinger Filiale wurde sauer gewordene, falsch datierte Milch verkauft, Molkerei-Revolution. Und dann hingehen und sagen: ‚Tut mir leid, lag an meinem Eisschrank.‘ Revolution bricht zusammen wie ein Freiballon nach der Landung.“ Ferdinand wollte wissen: „Haben Sie denn einen Kundendienst?“ „Ja, von der teuren Art, aber billige gibts ja gar nicht mehr. Wo die sich An- und Abreise bezahlen lassen.“ Der Vater meinte: „Früher war saure Milch was Köstliches. Heutzutage schmeckt sie gräuslich. Möchte ich gar nicht drüber nachdenken.“ Susanne meldete sich: „Ich finde eure Eisschrank-Milch-Performance so spannend, aber ich muss leider gehn. Ferdinand, ich bin am frühen Nachmittag wieder zu Hause. Muss ich noch was sagen?“ „Nein. Ich sage dir, dass ich am frühen Nachmittag zu Hause auf dich warte.“ „So liebe ich es. Wenn ich alle meine Bücher noch drüben hätte...“ Zärtliche Verabschiedung. Liliane kam aus ihrem Zimmer, schnappte sich Ferdinands Arm und zog ihn zu sich: „Kim kann heute früh nicht. Hilfst du mir bitte?“ „Was muss ich tun?“ Sie stellte sich auf ihr Stück Parkett: „Ganz einfach: Den rechten Arm anwinkeln und im Kreis um mich rumgehen.“ Ferdinand gehorchte, ging aber viel zu schnell und eierte beim Kreisgehen. „Langsam doch,“ mahnte Liliane, „und den Kreis in gleichmäßigem Abstand zu mir!“ „Ich bin Banker, dass das klar ist. Du machst mich zum Clown.“ Liliane opponierte sehr bezaubernd: „Doch nicht zum Clown. Ich mache dich zum schönsten Mann, den es derzeit in Giesing gibt!“ Kurz darauf sagte sie: „Besser so. Auch ein Banker kann ein Gefühl für eine kleine Tänzerin in Giesing in sich haben...“ Komisch, - das hatte es noch nie gegeben: Professor Kammhuber lud Susanne zu sich nach Hause ein, zum Essen mit seiner Frau. Da käme ein junger Mann, so ein komischer Heiliger mit seiner Freundin, vielleicht ein Fall fürs Kriminologische: „Ich habe ihn gar nicht genau in Erinnerung, aber meine Frau...“ „Wann denn, Herr Professor?“ „Dienstag abend, also morgen, halb acht.“ „Oh, das tut mir ja nun schrecklich Leid. Da bin ich schon wo eingeladen.“ „Naja, macht nichts. War nur so eine Idee unter Kriminalern.“ „Ich wäre gern dabeigewesen.“ |