33    Erwarte nie dich selbst im anderen

Beide lagen gestern abend im Bett, lesend, ihr Haar war offen, Kitzelkuss absolviert. Es gehörte zu Susannes Ambiente, dass da viele gemütliche Lampen und Lämpchen rumgammelten. Ferdinand hatte sich eine so installiert, dass er gutes Leselicht hatte. Er las ‚Es muss im Leben mehr als alles geben’. Sie las ‚Gleißendes Glück’ von A.L. Kennedy. Es gehört sich so bei Liebenden, dass sie zur gleichen Zeit die Bücher ganz vorsichtig senken, um den anderen zu sehen. Und so trafen Augen in Augen. „Deine Augen lächeln,“ sagte Ferdinand, „wenn du das Buch hochhebst, könnte dein Mund das bestätigen.“ Sie hob das Buch, verdeckte die Augen, er sah den Mund und sagte: „Du bist sehr schön.“ „Danke.“ „Wenn ich zu dir sage: Du bist sehr schön, ist das kein Allerwelts-Kompliment, und du musst nicht Danke sagen. Dein Lächeln genügt.“ Sie verdeckte das Gesicht wieder: „Weiterlesen.“ „Ja... Wer ist A.L. auf deinem Buch?“ „Ich weiß nicht, wie sie mit Vornamen heißt.“ „Jedenfalls eine Frau.“ „Ja.“ „Der Titel klingt nach Kitsch.“ „Ist ein Männerhassbuch. Nein, stimmt nicht. Ist ein Liebesbuch mit schrecklichen Stellen über Männer-Monster. Aber die Liebe bleibt am Ende siegreich.“

Nach einer Weile legte sie das Buch zur Seite, behielt es aber in der Hand, Finger zwischen den Seiten: „Du besetzt ganz schön Territorium meiner Person. Wenn mein Professor mich zum Abendessen einlädt, sage ich Nein, weil du mit mir zu irgendeiner Ehe gehen willst, die du gekittet hast. So eine Einladung zum Professor ist sehr wichtig für die Prüfung.“ „Jetzt hast du mich wieder in eine Sackgasse gedrängt. Was soll ich da sagen?“ „Es kommt der Studienabschlussgefährdungsparagraph zur Anwendung.“ Ferdinand wurde grundsätzlich: „Susanne, dass das klar ist: Es ist Liebe im Spiel, ja. Und es ist mehr als Spiel, ja. Und die Liebe möge am Ende siegreich sein, ja. Ansonsten: Ich habe nicht die geringsten Rechte auf dich. Ich bin ein Flüchtling mit sehr fragwürdiger Kriminalität. Und wenn ich wirklich deine Studienabschlussgefährdung bin, - das macht mich – ja: schrecklich traurig. Gibts nur die Alternative, dass ich wieder in den Flaucher ziehe.“ Susanne kniff die Augen zusammen: „Ende Oktober?“ „Ich schmeiß mich in die Isar.“ „Die ist zu flach. Da wär dein Selbstmord in der Sahara entschieden effektiver.“

Er verstummte kurz, dann sagte er: „Ich geh ins Hotel.“ „Überleg dir wahnsinnig genau, was du jetzt redest. Du weißt nicht, von wo du weggehst, wenn du jetzt ins Hotel gehst.“ „Weiß ich sehr genau. Ich weiß, dass andere dich Weib drei Monate besuchen und kommen nicht aus den Socken. Und ich geh hier nur zweimal rein, und liege schon in deinem Bett.“ Susanne bekannte: „Naja, ich hab die Herren nie lange zappeln lassen. Oft wars widerlich, sehr oft.“ Ein Schmerz stand ihr im Gesicht bei geschlossenen Augen. Dann redete sie weiter: „Was ich mit dir mache, ist ganz neu. Ob es deshalb gut ist...“ War ganz schön Kühle in dem Satz, so dass Ferdinand sagte: „Ich fahr nach Berlin.“ „Zu Susanne I, die dein Kind von Heinz erwartet? Ich warne dich: Wer nach Berlin fährt, fährt von mir weg. Geht alles nicht.“ Sie hielt sich das Buch wieder vors Gesicht: „Morgen abend gehen wir zu dem Pärchen, dessen Ehe du gekittet hast.“ „Dass du dir keine falschen Vorstellungen machst: Das Pärchen bewegt sich im Umfeld seiner Silbernen Hochzeit.“ „Ich freu mich drauf.“

Nach einer Weile löschte Susanne ihr Licht und fragte noch: „Hatten wir Streit?“ Ferdinand wiegelte ab: „Einen winzigen. Ganz schnell vergessen.“ Susanne drehte sich in Schlafposition: „Ganz tief verankern. Gute Nacht, Ferdinand, mein Schatz. Man nennt den Liebsten Schatz, weil er ein Reichtum ist.“ „Gute Nacht – mein – Schatz...“ Auch Ferdinand machte das Licht aus. Vor dem Einschlafen dachte er darüber nach, warum Susanne den kleinen Streit ganz tief verankern wollte...?

Am nächsten Morgen lag er wieder als Padde in ihrem Bett, auf dem Bauch, die rechte Hand nach oben geöffnet. Sehr spontan, sehr schnell hob sie ihr Hemd und legte ihre linke Brust in seine Hand, ungemein gut passender Büstenhalter, ungefähr so Cup 75B oder gar C. Eine Sekunde lang, ganz wenig Druck und Gewicht. Gleich wieder aufrecht, horchend, ob er weiterschlief? Ja. Ins Bad. Und dort die Frage: Warum machst du denn das, wenn ers nicht merkt? Nicht mehr zu korrigieren.

Frühestens morgen. Als sie wieder reinkam, schlief er noch. Was ist das eigentlich: Zukunft? Ich kann mir keine Niederlage mehr leisten. Aber aufhören, bevor was anfängt? Ich bin sehr heikel geworden. Zu heikel? Er drehte den Kopf und schlug die Augen auf.

Sie fragte: „Heute schon wieder Bauchnabelbeschau?“ „Was heißt: Schon wieder? Ich habe deinen Bauchnabel 24 Stunden entbehrt.“ Sie gab ihn also preis. Ferdinand grunzte: „Zwei Sekunden länger als gestern.“ Susanne war eher bissig als überzeugt: „Schrittchen für Schrittchen.“ „Scheiß-Tabu,“ entfuhr es ihm. Sie wurde ungehalten: „Willst dus ändern? Willst du mich jetzt hier sofort bespringen? Soll ich mit meinem Arsch vor deiner Nase rumwackeln?“ Ferdinand wandte den Kopf ab: „Manchmal muss ich noch schlucken, wenn du so - wie eine Puffmutter redest.“ Sie ärgerte sich: „Du ekelhafter Moralinprediger! Könntest ja auch mal lachen, wenn mir sowas rausrutscht.“ „Haha,“ machte Ferdinand, „ein Tabu kann auch eine Falle sein.“ Sie spekulierte noch mehr: „Und es kann eine Blase sein, die sich immer mehr mit Gift füllt. Und wir gucken zu und warten, bis sie platzt.“ „Keiner weiß, was drin ist, reine Spekulation, kann auch Nektar und Amadeus sein.“ „Ambrosius – Quatsch: Ambrosia, Speise der Götter.“ „Du mein geliebter Bildungsprotz!“ „Mach dich fertig. Ich will, dass du mir beim Frühstück die Butter reichst.“ Sie räumte ihr Zeug in die Tasche, Ferdinand verschwand ins Bad.

Die Eltern saßen schon beim Frühstück. Die Mutter fragte: „Wie findest du Ferdinand?“ Er gefiel dem Vater: „Ich bin sehr froh, dass wir nicht spießig streng geworden sind und Susanne verboten haben, ihre Liebhaber zum Frühstück anzuschleppen. Vorher wars ja manchmal etwas nervtötend. Wie hieß dieser letzte Graus?“ „Carlos.“ „Und ziemlich sicher hieß er Karl. Bei Ferdinand könnte ich mir Dauer vorstellen. Aber das ist nicht unser Bier. Das muss Susanne entscheiden.“

Susanne kam rein: „Was muss ich entscheiden? Guten Morgen, Elternpaar.“ „Guten Morgen, Tochterkind.“ Der Vater erklärte: „Wir können deinen Ferdinand gut leiden.“ Susanne bekannte: „Ich auch. Ich liebe ihn.“ „Der weitaus Sympathischste, den du je in dein Bett geangelt hast.“ Susanne gestand: „Wir liegen da nicht miteinander, sondern nebeneinander.“ Sie zeigte mit den Fingern: „Kopf da – Kopf da - Beine da – Beine da.“ „Wieso das denn?“ fragte die Mutter. „Und das hältst du aus?“ fragte der Vater. „Man grade so,“ sagte Susanne. „Worauf wartet ihr?“ fragte die Mutter.

Sie merkte Susannen an, dass ihr diese Sätze nicht leichtfielen: „Ich habe ja – das wisst ihr ganz genau – eine ziemliche Männerprobierstube da drüben gehabt. Und jetzt habe ich so Angst, dass das so weitergeht. Das soll nicht so weitergehen. Ferdinand und ich haben ganz schön lange nicht mal richtig geküsst.“ „Aber das tut ihr inzwischen,“ wollte der Vater wisssen. „Ja, wir hatten uns vorgenommen, es erst zu tun, wenn ein Anlass da ist...“ „Und der kam?“ fragte die Mutter. Da war schon Verklärung in Susannes Blick: „Ja, als ich ihn morgens um sechs im Flaucher geweckt habe. Das war so schön, dass ich jetzt noch heulen muss. Nein, gar nicht romantisch, - es war einfach Erlösung von wahnsinnigen Spannungen. Und nun warten wir auf den festlichen Anlass, um die Geschlechtssuppe zu löffeln.“ Die Mutter mahnte heiter an: „Das Wort Hochzeitssuppe hätte es auch getan. Heiratet,“ schlug sie vor. Susanne hatte ihre Not damit: „Da kann ich jetzt nicht Nein sagen, aber –“ „Einen festlicheren Anlass kann es eigentlich nicht geben.“ „Ja, aber - das ist zu früh und zu festlich. Und der ganze Schlamassel mit Ferdinand...“

Aufs Stichwort kam er rein: „Guten Morgen!“ Die Eltern begrüßten ihn. Ferdinand stellte fest: „Susannenvater, Sie sind immer so wunderbar korrekt gekleidet. Diese gelbe Krawatte zum blauen Hemd...“ „Es freut mich, dass es dir auffällt. Je älter ich werde, desto lieber ziehe ich mich schön an. Wie beachtlich das Gerippe auch scheppert, das da drin steckt, - braucht keiner zu wissen.“ „Wort Gerippe habe ich nicht gehört,“ meuterte die Mutter sanft.

Der Vater musste das wohl loswerden: „Ihr Vorgänger – Susanne, darf ich das sagen? – hat uns armen alten Eltern überhaupt nicht gefallen. Und um ihn hat sie so geweint.“ „Das weiß ich,“ sagte Ferdinand, „eines der ersten Bilder, das ich von ihr in der Erinnerung habe: Heulende Susanne an der Ampel Von-der-Tann- Ecke Ludwig-Straße.“ „Und du hast gesungen,“ sagte sie. „Und dir schwamm ein Lächeln über die Tränen...“ sagte Ferdinand. Susanne bat: „Sing nochmal.“ Ferdinand genierte sich: „Also,... Marlene konnte das besser.“ „Bitte sing.“ Die Mutter sprang der Tochter bei: „Bitte singen Sie, Ferdinand.“ Er grummelte voller Liebe über Brötchenkrümel: „Warum denn weinen, wenn man auseinandergeht, wenn an der nächsten Ecke schon ein andrer steht...“ „Und an der Ecke standen Sie,“ freute sich der Vater. „Ja,“ sagte Ferdinand, „war die Ecke vom Ministerium für Landwirtschaft und Forsten.“ „Wenn du mir die Butter geben würdest,“ sagte Susanne lächelnd. Er tat es. „War auch so eine blöde Sache,“ sagte die Mutter, „nein: Carlos war ein Stiesel. Er glubschte die kleine Liliane an, dass ich schon fürchtete, er habe mit ihr geschlafen, und hörte gar nicht, dass Susanne ihn um die Butter bat.“

Sehr unerwartet spontan rief Susanne: „Ach, ich liebe die Welt so sehr!“ „Aber das Böse in dieser Welt, Susanne!“ sagte der Vater. Und sie antwortete nachdenklich: „Wegen dem Bösen brauchts doch so viel Liebe. Ich weiß gar nicht, ob ich sie ohne das Böse so sehr lieben würde...“ Der Vater kommentierte: „Den Satz merke ich mir. Wenn ich ihn zitiere, sage ich aber immer: Copyright Susanne.“ Und sie erwähnte irritiert: „Wenn man keine Prüfungstermine hat, dann fängt man an zu faulenzen...“ „Bravo!“ rief der Vater. Susanne konterte: „Aber es ist zu früh. Ich habe noch wahnsinnig viel zu tun.“ Ferdinand mahnte sehr freundlich: „Susanne, bitte tu! Bei aller aller aller Liebe: Es ist mir eine schreckliche Vorstellung, wenn du meinetwegen ins Schleudern kommst.“ Susanne stand auf: „Ich gehe tun. Wird wunderbar, unter diesem Strahlehimmel ins Institut zu radeln. Heute abend sind wir eingeladen. Ich komme so bald als möglich wieder. Wo ist das eigentlich?“ Ferdinand gab Auskunft: „Irgendwo am Rand von Schwabing-West.“ Der Vater lachte: „Schwabing-West kann nur ein Preuße sagen.“ Ferdinand erklärte: „Steht so auf meinem Stadtplan.“ „Dann ist der aus Preußen.“ „Nein, vom Fremdenverkehrsamt München. Farinellistraße, geht von der Hiltenspergerstraße ab. Wie kommen wir da hin?“ Susanne wusste das: „U-Bahn Hohenzollernplatz.“ „Wollt ihr mit dem Wagen fahren?“ fragte die Mutter. „Nein,“ sagte Susanne, „das Parken wird jeden Tag schwieriger. Und die U-Bahn ist schneller. Tschüs ihr alle!“ Zwecks Kusses ging Ferdinand bis an die Wohnungstür mit. Als die Tür zu war, dachte er: ‚Farinellistraße – Hiltenspergerstraße - U-Bahn Hohenzollernplatz. Sie hat mir die Stadt belebt.‘

Als er wieder reinkam, fragte der Vater: „Bist du empfindlich, wenn wir über die Verflossenen von Susanne sprechen?“ Aber Ferdinand wies das von sich: „Überhaupt nicht. Was zählt, ist doch nur, dass ich jetzt dran bin. Ein wenig aufmerksam sollte ich sein, dass ich nicht eines Tages ins Heer der Susannen-Verflossenen abkommandiert werde.“ „Nimm sie ernst,“ sagte die Mutter, „und halt sie fest, nicht zu fest, lange Leine, aber sicher.“

Susanne saß kaum an ihrem Platz vor dem Fenster, da kam Franziska: „Ich hoffe, du hast keine Probleme.“ Susanne meinte: „Also – jedenfalls keine schlimmen. Aber du siehst ein bisschen problematisch aus.“ Und aus Franziska brach es hervor: „Mein Kerl macht uns das Leben so schwer. Er versteht nicht, was ich sage. Bei den einfachsten Dingen redet er einen solchen Stuss zusammen.“ „Und du?“ wollte Susanne wissen. „Naja, ob ich immer klug schwätze, weiß ich nicht - aber er ist stur und – nein, er begreift mich nicht, das ist es.“ Susanne gab Rat: „Ich weiß nicht genau, ob es bei dir daran liegt, aber – wenn wir versuchen, die Männer zu Weibern zu machen, das geht immer schief. Sie haben einen so völlig anderen Hirnkasten, ganz bestimmt keinen schlechteren. Aber mit dem Schwanz da draußen denken sie völlig anders als wir mit unserer Gebärmutter tief drinnen in der Leibeshöhle. Der kleine Unterschied ist riesig. Vergiss nie: Männer können nicht niederkommen. Aber dieses Anderssein ist auch die ganz große Chance. Erwarte nie dich selbst im anderen, damit gehst du baden - oder in die Hölle.“ „Gehts dir gut mit deinem Ferdinand?“ „Wunderbar!“ „Das hört man aus jedem Wort, das du sprichst. Soll ich lesbisch werden?“ „Du fragst, als ob du nur einen Schalter drehen musst. Nein, lass das. Ist bestimmt nicht so lustig.“ „Ich will die Männer nicht verlieren. Und man merkts so sehr am Blick und an den Mundwinkeln.“