34    Aus zwei Einladungen wird eine

„Wenn ich uns beide da im Spiegelbild in der Scheibe sehe, bin ich gar nicht viel größer als du,“ stellte Susanne fest, als sie gestern abend in der U-Bahn saßen und zum Hohenzollernplatz fuhren. „Ich bin ein Sitzriese,“ sagte Ferdinand. „Stört dich das?“ fragte er noch. Sie missverstand: „Dass du ein Sitzriese bist?“ „Nein! Dass ich ein bisschen kleiner bin als du?“ „Mich nicht.“ „Mich auch nicht. Vielleicht wachse ich ja auch noch.“ Susanne lachte: „Das kriegst du fertig.“ „Meine Seele ist schon gewachsen durch dich. Ich konnte mit Susanne I in Berlin nicht über die Seele sprechen. Die wusste gar nicht, was das ist.“ Susanne fragte: „Weißt du es denn?“ „Nein. Du?“ „Nein.“ „Glaube ich dir nicht,“ zweifelte Ferdinand.

„Naja,“ gab Susanne zu, „so ein bisschen Psychologie, aber das ist es nicht. Warum muss ich mich eigentlich schämen, dass ich Dauer will, ich wills einfach nicht.“ „Was willst du nicht?“ „Mich deshalb schämen.“ Ferdinand empfand etwas Informationsbedarf: „Kann es sein, dass du einen Gedankensprung gemacht hast?“ „Von meiner Großmutter ist der klasse Satz überliefert: ‚Ich bin sehr sprunghaft, und hab auch sonst noch gute Eigenschaften.‘“ Ferdinand wollte wissen: „Ist das die, die nicht sterben konnte, weil sie noch Wäsche auf der Leine hatte?“ „Genau die. Dauer heißt, dass wir heiraten, dass wir Kinder kriegen, noch so ein paar Sachen dazwischen, Pension, Rente, dann werden wir alt...“ „Hör auf,“ lachte Ferdinand, „noch ein Wort, und du machst hier in der U-Bahn unser Testament.“ „Kann man nicht früh genug machen. Irgendwelche Einwände gegen meine Gier nach Dauer?“ „Keine. Punkt.“ Und Kuss. Und Aussteigen am Hohenzollernplatz.

Oben auf dem Platz fragt Susanne: „Und jetzt kennst du dich aus?“ Ferdinand schaut ein bisschen: „Ja, da an der nächsten Ecke ist die Reinigung, - dann ist da die Hiltenspergerstraße, da ist es gleich um die Ecke.“ Als Ferdinand klingelte, las Susanne das Namensschild und fragte ganz entgeistert: „Die heißen Kammhuber?“ „Ja.“ Susanne drehte ab: „Da geh ich nicht mit!“ Ferdinand packe sie am Arm: „Kannst du nicht machen! Ich hab doch schon geklingelt. Was ist denn?“ „Das ist mein Professor, bei dem ich Prüfung mache.“ „Das gibts doch nicht! Aber warum willst du da nicht mitgehen?“ „Hast Recht, wo er mich doch eingeladen hat. Da kommt so ein komischer Heiliger mit seiner Freundin, hat er gesagt, bist du und ich.“

Oben stand schon die Dame des Hauses an der Wohnungstür: „Grüß Gott, lieber Freund. Ich freu mich so. Und das ist Ihre Freundin?“ „Ja,“ sagte Ferdinand, „das ist Susanne, da gibts jetzt gleich ne Stichflamme.“ Die Frau wollte wissen: „Wieso Stichfl-“ „Nein!“ meldete sich laut der reinkommende Professor zu Wort, „das ist doch gar nicht möglich! Ich freu mich, dass eine, die mir einen Korb gab, kommt, ohne woanders einen Korb gegeben haben zu müssen. Es lebe der Zufall, den wir hoch achten wollen! Aber einen Moment muss ich doch sortieren: Sie sind -?“ „Ferdinand Brennicke aus Berlin, -“ „- dem ich den Zettel für die Reinigung gegeben hatte. Sie haben mich in keinem guten Status erlebt. Darf ich nach Ihrem Beruf fragen?“ „Ich bin Penner.“ „Richtig,“ sagte der Professor, „aber wie soll ich das verstehen – von Profession?“ Da musste Susanne eingreifen: „Er war auch mal Penner. Ferdinand ist Banker von Beruf, bisschen klitzekleiner krimineller Hintergrund. Aber ich liebe ihn.“ „Geldwäsche, Erpressung, jaja, der Euro. Und Sie lieben ihn wie so eine Jungfrau im Mittelalter, die dem zum Tode Verurteilten den Kopf aus der Schlinge zieht und ihn von unter dem Galgen weg heiratet.“ Susanne stellte lachend richtig: „Also – von Heiraten war eigentlich noch nicht die Rede, und von Jungfrau...“ Unter Gelächter bat Frau Kammhuber ins Zimmer. „Herr Brennicke, Sie kennen sich ja hier aus,“ sagte der Professor.

Sie aßen, sie tranken, sie redeten viel. So erzählte Ferdinand: „Einer am Schalter, der muss in Gesichtern lesen lernen. Eine junge Dame will abheben. Ich gucke ihr in die Augen, wenn sie unterschrieben hat und weiß immer schon vorher, dass sie keine Deckung auf dem Konto hat. Aber sie probierts. Oder es kommen die in Schwarz, die das Konto des Unfalltoten auflösen wollen, sie legen die Sterbeurkunde vor und den Erbschein, und in den Gesichtern lese ich diese schreckliche Fassungslosigkeit über den Verlust. Aber manchmal, nein: ziemlich oft lese ich da nichts als die Gier aufs Erbe. Am schlimmsten die Köpfe ohne Gesicht.“ Frau Kammhuber wunderte sich: „Köpfe ohne Gesicht?“ „Vermummte, Überfall, Bankraub.“ „Schon mal erlebt?“ wollte der Professor wissen. „Nein,“ sagte Ferdinand, „Gott sei Dank noch nicht. Wir werden ab und zu geschult. Aber ich frage mich immer mal wieder, ob ich da cool bleiben würde.“ Der Professor kommentierte: „Ich wünsche es Ihnen nicht. Aber insgesamt - der Beruf ist doch wohl interessanter, als ich dachte.“

„Ferdinand,“ sagte Susanne, „hat ein paar sehr böse Erfahrungen mit ostasiatischer Mafia gemacht.“ Da schlug der Professor vor: „Soll er bei uns einen Vortrag halten. Ich plane im nächsten Semester ein Seminar über OK.“ Ferdinand opponierte: „Wie soll ich einen Vortrag halten, wenn ich nicht mal weiß, was OK ist.“ „Kürzel für Organisierte Kriminalität. Sie müssten aus der Opfer-Perspektive sprechen.“ Susanne wandte ein: „Ich muss ihn erstmal wieder in die bürgerliche Gesellschaft zurück bugsieren. Haben Sie da Tipps, Herr Professor?“ „Also, so aus dem Stand nicht, ich kenne ja auch die näheren Umstände nicht, aber da gibts natürlich Literatur und Kommentare. Reden wir in den nächsten Tagen mal drüber.“

Frau Kammhuber hob das Glas: „Ich will jetzt auf das ganz spezielle Wohl von Ferdinand trinken. Einmal allerhöchst dankbar vermerken, dass er uns beide aus einer ziemlich bösen Krise erlöst hat –“ Ferdinand wandte ein: „Aber mein Verdienst dabei –“ „Ich weiß – dennoch, trinken wir also auf Ferdinand den Engel. Sodann auf den anderen Engel, der uns beide in die 15 packte, einander gegenüber, so dass ich Gelegenheit fand, ein wenig von unserer Schuld abzutragen. Mögen Sie den Abend in guter Erinnerung behalten. Und erinnern Sie mich beim Weggehen, dass ich Ihnen das Geld für die gereinigte Bluse zurückgebe.“

Frau Kammhuber stand auf und holte vom Schreibtisch zwei Tickets: „Und das möchten wir Ihnen schenken: Zwei Tickets für ‚Munich by night‘. Hatten die Kinder besorgt, die mussten dann aber unerwartet abreisen.“ Susanne schlug vor, dass sie doch selbst... „Nein,“ sagte der Professor, „wir sind unbegabt für Sightseeing.“ Susanne steckte die Tickets in die Tasche: „Sehr herzlichen Dank.“

Auf dem Nachhauseweg fragte Ferdinand: „Hast du auch einen sitzen?“ „Naja, einen sitzen – der Wein war sehr gut. Einen Schwips, ja, einen ziemlich beachtenswerten. Ferdinand,“ mahnte sie an. „Was?“ „Den Schwips machen wir nicht zum Anlass für die Hochzeitssuppe.“ „Du bist widerwärtig moralisch, aber du hast Recht.“ „Hältst du das denn noch aus ohne Geschlecht in Geschlecht?“ Ferdinand bekannte: „Also, manchmal schüttelt es mich schon entsetzlich und dann denke ich nur: Was soll der Quatsch?! Was soll der Quatsch!... Und dann denke ich – nein: das ist nicht denken, das ist so eine Ahnung, dass wir nach was ganz Wertvollem graben, da kann man nicht mit Dynamit ran, und auch nicht so nebenbei – da kann man nur ganz behutsam mit den Fingern graben...“ „Bist ja doch ein Romantiker.“ „Wenn ich das bin, dann gehts nicht ohne Romantik.“ „Stimmt.“

In der U-Bahn holte sie die Tickets aus der Tasche und las: „Montag, 28. Oktober, 19 Uhr 30. Mei, Ferdinand!“ „Was ist?“ „Sechzig Euro eine! Großzügig.“ Sie steckte die Karten wieder ein. Auffällig, dass ein junges Mädchen mit schönen asiatischen Zügen hinter Susanne saß und aufmerksam zugehört hatte? Nein, doch wohl nicht weiter auffällig.

In der Nacht, im Schlaf dreht er sich um und stößt mit seinem Fuß gegen ihren Kopf. Sie wird halb wach, schlingt die Arme um seine Waden und küsst den Knöchel. Er wird halb wach und grummelt: „ – ist denn?“ „Wir küssen Mund auf Mund, da werde ich doch wohl deinen Knöchel küssen dürfen.“ Er sucht nach ihrem Knöchel und streichelt ihn sehr sanft, aber deutlich, regelmäßig. Das lässt dann nach, weil er einschläft. Sie auch. Wer schläft, streichelt nicht.

Am Morgen liegt sie wieder da, die Padde, mein geliebter liebter liebter Ferdinand bäuchlings, da liegt seine geliebte rechte Hand, offen nach oben. Und da drücke ich jetzt meine linke Brust rein. Nein, doch nicht drücken, ganz sanft, so sanft, dass er sich nicht rührt. Aber heute doch schon drei Sekunden, vier, fünf, und dann doch eine Winzigkeit von Nachdruck. Bewegen sich seine Finger, die Hand? Ganz schnell weg. Und sofort die Frage: Warum eigentlich ganz schnell weg? Und ab ins Bad. Und ein Ferdinand, der langsam aufwacht und seine rechte Innenhand betrachtet, - war da was? Und wenn da was war, dann war es das schönste Vorstellbare. Er richtet sich auf, sitzt auf der Bettkante und fährt mit den Fingern der linken Hand über die rechte Innenhand.

Als sie angezogen aus dem Bad kommt, sucht er in ihren Blicken zu lesen, aber sie ist ja auch ein bisschen ein kokettes Aas und lässt sich nicht das Geringste anmerken. War wohl doch nichts, denkt Ferdinand und schaut in seine rechte Hand. „Was kuckst du denn so in den Cup – äääääh, ich meine, deine - deine Hand?“ Das war ja ein ganz blöder Lapsus. Aber er merkt nichts: „Linien lesen.“ Sie darf sich Hoffnung machen, dass ihre Liebkosung wohl doch nicht ganz ins Leere lief. Hoffnung ja, aber auch ein bisschen bange. Gewissheit hätte sie gerne, ist aber heikel. „Ich habe heute eine Riesenliste zum Abhaken. Kannst du mich um 18 Uhr abholen?“ schlug sie vor. Er stand vom Bett auf: „Kommt mir sehr entgegen. Wir gehen in den Englischen Garten und ich sage dir was.“ „Sags jetzt.“ „Habe ich erwartet, dass du so reagierst. Aber das geht nicht. Es ist feierlich und läutet vielleicht den Anlass ein.“ Sie küsste und umarmte ihn: „Wenn Ferdinand feierlich wird. Ich zügele meine Glut bis heute abend.“

Heute brachte er sie nicht nur an die Wohnungstür, sondern runter an die Haustür, trat mit ihr auf die Straße, holte mit ihr das Fahrrad, ging bis an den Bordstein. Sie verstaute ihr Zeug auf dem Gepäckträger. Kuss und Umarmung. Er ging zur Haustür zurück, auf halbem Wege drehte er um. Da stand sie noch. Er drückte einen Kuss in seine rechte Innenhand und schickte ihn ihr, dann setzte er seinen Weg zur Haustür fort. Sie stürzte ihm nach, kräftig packte sie ihn am Kragen und drehte ihn zu sich: „Warum hast du mir eine Kusshand mit deiner rechten Innenpfote geschickt?“ Ferdinand war erschrocken und ein bisschen verärgert, auch sogar in Spuren geniert wegen der Passanten: „Susanne, wenn ich etwas nicht leiden kann, dann ist es deine Überlegenheit, - nein: die ist ja sehr schön, aber die Art, wie du sie manchmal zeigst. Das nervt mich schon sehr. So tragen Katzenmütter ihre Jungen über den Hof. Ich bin nicht dein Junges!“ Sie ließ ihn erschrocken los. Er redete weiter: „Lass das also – auch in Zukunft. Ich habe dir eine Kusshand –“ Aber sie radelte davon gleich auf dem Bürgersteig mit kräftigem Antritt, wie er ihn von der Auch-das-noch-Vernissage kannte.

Er ging rauf, kam in die Wohnung. Da stand die Mutter in der offenen Balkontür: „Ich hab eure kleine Szene da unten gesehen. Mach dir nichts draus. Oder doch: Susanne bezaubert so überzeugend durch ihre Vielfältigkeit – die ist ja auch sehr schön -, aber sie braucht den Kutscher.“ Ferdinand sagte skeptisch. „Also – meine Eignung zum Kutscher...“ „Hast doch den Führerschein, zum Führen von Personenwagen. Vertrau auf die Halbjuristin, die ich bin, und die Halbpsychologin. Mir liegt so sehr Susannes Zukunft am Herzen, vor allem mit den Männern. Sie hat behauptet, sie könne ein Jahr ohne Mann leben. Und genau das stimmt nicht. Es geht ihr sehr gut bei dir.“ Das war denn doch zum Erstaunen für Ferdinand: „Sie merken das?“ Wunderschön dieses warmherzige große Lachen, mit dem die Mutter „Oh, ja...!“ ruft.

Das Telefon klingelte. Susannes Mutter meldete sich: „Fletscher. – Susannenkind? – Steht neben mir.“ Sie gab den Hörer Ferdinand, der sich meldete: „Hier ist der deine – Ferdinand.“ Sie setzte an, den Rosenheimer Berg runterzuradeln: „Hör zu: Es ist alles, alles, alles gut, ich wünsche mir noch 27.371.502 oder vielleicht 503 Kusshände von dir mit der rechten Innenhand, in die ich heute morgen meine linke Brust gelegt habe. Du alter Büstenhalter! Nein, junger, junger, handyloser Büstenhalter! Ciao. Ich freue mich auf 18 Uhr! Ciao! Und was du mir zu sagen hast! Ciao! Vor allem, wenn es den Anlass einläutet. Ciao!“