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35 Du hast schöne Beine Ferdinand war in sehr guter Stimmung, als er – pünktlich – um 18 Uhr die Veterinärstraße 1 erreichte, Krawatte um. Er ging rauf, klopfte. Sie sagte: „Herein!“ Und nach Kuss und Umarmung sagte sie: „Krawatte um? Wird es so feierlich?“ Er zuckte die Achseln: „Vielleicht läutet es den Anlass ein.“ „Ja,“ sagte sie, „dann ist Krawatte richtig. Ich hätt es schöner gefunden, wenn du unten gewartet hättest wie in den aller-allerersten Zeiten.“ Er nahms leicht: „Tut mir Leid. Ich tu gern, was du schön findest. Soll ich wieder runter gehen?“ „Quatsch! Ich brauche noch ein paar Minuten.“ Sie setzte sich an den Computer. Und er meinte: „Na, siehst du, hätte ich da unten ganz schrecklich gewartet.“ Er entdeckte Kreide, da hing ja eine kleine Tafel. Und es kam ihm ein wunderbarer Gedanke. Er klaute ein Stück Kreide, steckte es in die Tasche. Dann gingen sie. Er schob das Rad. „Wir gehen nicht in den Englischen Garten,“ sagte er, „ich finds schöner, wenn ich nicht reden muss, sondern schreiben kann, mitten in der Stadt.“ „Du hast heute deinen mysteriösen Tag oder? Wohin gehen wir?“ „Zum Bayerischen Geheimen Staatsarchiv.“ „Wird ja immer geheimnisvoller. Wo ist denn das, um Himmels Willen?“ „Fährst du jeden Tag dran vorbei, Ludwigstraße 14. Ach, Susanne, was bin ich hier langgelatscht, bevor ich dich kannte, war meine Straße zum Denken, breit genug. Und jetzt – in der Sicherheit unserer Liebe...“ Sie sagte nur: „Warnung!“ „Wovor schon wieder?“ „Sicherheit und Liebe gibts nicht im Paket, deshalb gibt es Angst.“ „Eine Lebensweisheit, die mich verstummen macht. Ob sie ohne Einschränkung gilt, weiß ich nicht.“ „Ab der Goldenen Hochzeit wird die Angst geringer.“ „Ludwigstraße 14,“ las sie. Er forderte: „Lies mal, was da drin steht.“ Sie schauten durch die Glastür, und Susanne las: „Bayerisches Geheimes Staatsarchiv.“ Dann sagte Ferdinand: „Und an diesen Pfeiler schreibe ich jetzt mit in der Ludwig-Maximilian-Universität geklauter Kreide – ich bin eben doch kriminell –“ „Schreibst du was?“ „Musst du lesen.“ „Wo willst du das denn hinschreiben?“ „So hoch wie möglich. Engelsflügel wären gut... Wenn du mich hältst, und ich steige auf diesen Absatz.“ Er schätzte das ab: „Nee, das geht nicht.“ „Steig auf mein Rad.“ „Das ist gut. Aber da musst du mich auch halten. Und das Rad musst du auch halten.“ „Ich wollte, ich wäre diese indische Göttin mit den vielen Armen. Ich tue alles für dich, was ich mit meinen zwei Armen tun kann.“ Es ging erstaunlich gut. Eine Hand hielt das Rad, die andere stützte seinen Hintern. Ein bisschen was von Circus hatte es ja schon. Sie stellte fest: „Du hast schöne Beine.“ „Siehst du doch gar nicht.“ „Doch, die Waden zeichnen sich ab.“ Sie gab ihm einen Kuss durch die Hose auf die Wade. Er holte die Kreide aus der Tasche und schrieb auf die höchste Kassette, die er erreichen konnte: DU Obwohl er rumwackelte, schrieb er nicht hastig sehr schöne Buchstaben. Dann sprang er runter, warf die Kreide in hohem Bogen zum Rinnstein und wischte sich das weiße Zeug aus den Händen. Erwartungsvoll schaute er sie an. Sie war wider alles Erwarten sehr schockiert: „Was steht da?“ Er verstand ihre Abwehr überhaupt nicht: „Du bist du, und das Mir bin ich.“ In ihr wuchs eine Empörung, die er sich zunächst überhaupt nicht erklären konnte: „Ferdinand!, was hast du getan?“ Er wehrte sich mit noch kleiner Aggressivität: „Doch nichts Schlimmes, das ist eine Liebeserklärung.“ „Liebeserklärung?“ schnaufte sie und ging zwei Schritte hinter die Säulen, drehte dann abrupt um: „Das ist eine Todesanzeige!“ Er war fassungslos: „Spinnst du? Susanne, was ist los?“ Ganz nah stellte sie sich vor ihn hin: „Das ist Perfekt...“ Er schloss die Augen: „Jetzt schnappe ich über! Eine perfekte Todesanzeige?...“ Er senkte den Kopf, faltete in großer Not die Hände. Sie musste wieder losstapfen: „Perfekt! Substantiv! Grammatik! Vergangenheit! Ich habe dir die Stadt belebt! Das wars! Aus! Vorbei! Ende! Schluss!“ Wieder nahe bei ihm: „Faschingsprinzessin, Papierschlangen, Glitzerzeug, ich habe dir die Stadt dekoriert!“ Und weg hinter die Säulen. Er konterte: „Aber Leben ist doch nicht Glitzerzeug! Leben steht da, - belebt!“ Zurück zu ihm mit dem präzisen Argument: „Warum steht da nicht: Du belebst mir die Stadt? He? Warum?“ Weil er die Antwort nicht wusste, wurde er pampig: „Da schreibe ich was Schönes, und du willst was anderes. Soll ich es ändern?“ Weg geht sie: „Du kannst den Mord nicht rückgängig machen! Mein Rad kriegst du auch nicht nochmal!“ Zurück kommt sie: „Da oben steht ‚Es war einmal‘, das Nein-Wort, das Todesurteil. Hier unten liegt die Leiche unserer Liebe, sie blutet, das Blut ist noch warm.“ Und wieder rauscht sie ab. Er fleht ihr nach: „Susanne, Kriminologin, bitte, beruhige dich...! Häng nicht unsere Liebe an den Galgen – an den Galgen der Grammatik!“ „Du gehörst aufgehängt! Verbrecher, Verräter, Lügner, du nimmst unserer Liebe das Leben!“ Er war verzweifelt: „Du weißt nicht, was du sagst!... Fang wieder an zu denken!“ Sie war nicht ansprechbar: „Mörder, Liebesmörder! Killer!“ Das hält er nicht mehr aus. Er schreit: „Selber Killer! Selber Mörder! Du bist nicht mehr normal! Du studierst nicht Jura, du studierst Hass und Teufel!“ Sie kontert: „Du redest vollidiotisches Quatschzeug! Jetzt weiß ich erst, dass du wirklich ein Verbrecher bist!“ Er kontert: „Mensch, was bin ich froh, dass ich rechtzeitig merke, wie verrückt du bist! Ich wäre mit dir zur Hölle gefahren!“ Übergangslos schimpft sie weiter und stellt sich wieder vor ihn: „Mein Hintern ist das Einzige, was dich an mir interessiert.“ Er schreit: „Den habe ich noch nicht mal angefasst.“ Weg von ihm und nichtlinear raus mit allem Frust: „Hättst du doch! Hättst du doch!“, verleugnend, wie viel von diesem Frust sie selbst angezettelt hat. Er geht zu ihr, bändigt seine Stimme, will ein Ende, fasst ihren Arm mit festem Griff: „Komm her.“ „Geh weg!“ schreit sie über alle Verhältnismäßigkeit laut und reißt ihren Arm an sich. Sie besteigt das Fahrrad: „Versuche ja nicht, mir noch einmal unter die Augen zu kommen.“ Der berühmte Antritt, zum zweiten Mal heute. „Ich hole noch meinen Mantel bei dir!“ schreit er ihr nach. Sein Kopf sackte nach unten. Nein!, nicht dieses Ende!... Doch, dieses Ende!... Er musste sich an einen Pfeiler lehnen. Die Worte des Schreckens hallten durch seinen Schädel: Mörder, Verräter, Killer... Nun gehöre ich also zu den Susannen-Verflossenen. Am bayerischen Geheimen Staatsarchiv stehts geschrieben. So schnell geht das. Flaucher wird morgens sehr kalt werden... Dass man mit solchen Lasten U-Bahn fahren kann. Der Rucksack mit den Büchern neulich war ein Federgewicht. Dass man mit solchen Lasten in der Sebaldusstraße 6 klingeln und zur Mutter sagen kann: „Ich bins, Ferdinand – Hallo!“ Vor ihrem Zimmer lag sein Mantel, deutlich die Wut zu erkennen, mit der er rausgeschmissen worden war, vielleicht hatte sie auf ihm rumgetrampelt. Er zog ihn an, hörte sie weinen, ein Jammern in hohen Tönen, ohne Atempausen, nervtötend. Mitleid? Nein, nicht herstellbar. Er klopfte dann, ging rein. Sie saß heulend auf der Bettkante: „Ich habe nicht Herein gesagt.“ „Ich hab noch meine Tasche hier.“ Er stopfte sie mit seinem bisschen Wäsche voll, die Nasenspülkanne und sonstiges Zeug, das Buch ES MUSS IM LEBEN MEHR ALS ALLES GEBEN schmiss er auf ihr Bett, dann hängt er sich die Tasche um, legt die Hand – mit einer ersten Verzögerung - auf die Klinke. „Du siehst hässlich aus, wenn du so heulst, - und es hört sich schrecklich an,“ sagt er. Ihre Augen heben sich, suchen sein Gesicht, ausdruckslos, leer, gibts das?: so leere Augen? Langsam fiel seine Hand von der Klinke, auf den Schlüssel, den er dreht: zugeschlossen. Langsam nimmt er die Tasche ab, schmeißt sie hin, zieht den Mantel aus, schmeißt ihn hin, geht zu ihr, steht nahe vor ihr, schon auch schoßaggressiv, kein bisschen Lächeln, knöpft ohne Hast und ohne Zögern den obersten Knopf ihrer Strickjacke auf. Sehr rasch steht sie auf, steht nahe vor ihm. Er weicht keinen Zentimeter zurück, zieht langsam den Kamm aus ihrem Haar, dass es wie ein Wasserfall auf ihre Schulter sinkt. Seine Nase streift die Haare, saugt süchtig den Duft ein. Sie zieht ihm das graue Kammgarnjackett aus, schmeißt es weg. Er zieht die Krawatte vom Hals, etwas brüchig die Stimme: „Die Klamotten ausziehen, in denen wir uns geprügelt haben...“ Sie will bei ihm einen oberen Hemdenknopf öffnen. Die Hände zittern, und es geht nicht so einfach. Da reißt sie die zugeknöpften Hemdenteile auseinander, dass die Knöpfe springen und die Knopflöcher reißen. Dann schiebt sie die Handflächen unter seine Wäsche, auf seine Brust, wo sie erstmal ruhen. „Du auch, bitte,“ flüstert sie. Er schiebt die Hände unter ihre Wäsche und erkundet und stöhnt begierdig. „Einfach das Fleisch,“ sagt sie. „Einfach das Fleisch,“ sagt er. „Fass meinen Hintern an,“ flüstert sie weiter. Er lacht ganz leise: „Vier Halbkugeln in zwei Händen...“ „Mach die indische Göttin.“ „Ich klopfe an.“ „Ich sage Herein.“ Nach solcher Nacht die Augen aufschlagen, nicht geträumt haben, sondern wirklich in Susannens Bett liegen, Kopf an Kopf, Fußknöchel an Fußknöchel. Sich vorsichtig wegdrehen, einmal rum und die sinnliche Schönheit dieses Geschöpfes mit den Augen trinken. Für Ferdinand ein erstes Mal! Steckt Zukunft drin oder? Und er denkt: ‚Ich weide meine Augen,‘ und dann denkt er: ‚Wo kommen mir bloß solche Worte her?...‘ Auch sie wacht auf, lächelt, fährt mit dem Zeigefinger der rechten Hand über seine Lippen und flüstert: „Ganz behutsam.“ „Ja,“ aber er weiß nicht genau, was sie meint: „Womit?“ „Mit dem ersten Wort nach solcher Nacht.“ „Ja...“ „Ja ist ein gutes Wort...“ Dass da jetzt keine Carlos-Potenz wütete. Dass da ganz behutsam der Frühstückshunger ins Magengebiet einzog. Alleskieker, befragt, wie er es denn wagen könne, angesichts der Weltläufte und der Moskauer Theater-Hölle heiter zu sein, antwortet: Ich kann nicht den Humorlosigkeiten der Welt mit Humorlosigkeit begegnen. Ich weiß um die Armseligkeit und Todesgefahr solchen Argumentes. Tief ziehe ich den Hut vor allen, die ihr ganzes Herz in die Nöte der Welt werfen. Ob sie, die Nöte, geringer würden, wenn es mehr Humor gäbe? Fragezeichen. Israelischer Autor Oz sagt, dass ihm noch niemals ein Fanatiker untergekommen sei, der Humor hatte. Und C.F.von Weizsäcker sagte, im hungernden Indien wurde mehr gelacht als im satten Deutschland. Sie angelte nach der SZ-Extra, schlug sie auf. Er hatte mal wieder Schwierigkeiten damit: „Dass du nach so einer Nacht gleich Zeitung lesen kannst. Ihr Frauen seid schon seltsame Wesen.“ „Wo haben wir uns kennen gelernt?“ „Vernissage.“ „Nach so einer Nacht will ich ganz schnell wieder auf eine Vernissage gehen, anknüpfen an eine Zeit, wo nur unsere Augen ineinander verknuddelt waren.“ „Ich bitte um Verzeihung.“ „Musst du nicht! Du denkst anders als ich, wär schrecklich, wenn nicht. Hier, heute 20 Uhr, Eröffnung.“ „Bis dahin verlassen wir dein Bett nicht.“ „Glaubst du nicht wirklich oder?“ „Nein.“ |