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36 Die Dampfbäder der Azteken Gang zur Vernissage war wie ein Gang in die frühe Heimat. Er redete auf dem Weg los: „Als ich gestern den ersten Knopf aufmachte, war kein Mitleid in mir, kein bisschen Mitleid, - aber die Empörung ging auch weg, die Wut, der Zorn, auch auf mich, aber auch auf dich.“ „Und dann?“ „Weg, einfach weg wie die Zugvögel. Nur noch milder Herbst. Ich sag schon wieder Sachen. Naja, so ganz nur milde wars ja dann nicht.“ „Was blieb – beim letzten Knopf?“ „Liebe – weiß kein anderes Wort.“ „Genügt.“ Einmarsch in Schwabing. Und Ferdinand redete immer noch: „Irre, einfach irre, da wollte ich am Geheimen Bayerischen Staatsarchiv den Anlass herbeischreiben. Und da schreibe ich den größten Krach des Jahrhunderts herbei, ein solch böses Donnerwetter. Und das wird dann Anlass!“ „Soll ich denn bei den Bildern meinen Hintern unter einen Halogen-Scheinwerfer stellen?“ „Ach, da bitte ich doch drum, ja.“ Aber es war eine sehr kleine Galerie, die Susanne gar nicht kannte. Eine Papeterie verknüpft mit Bildern. Keine Halogenscheinwerfer, weder für die Bilder noch für Susannes Po. Keine Käsesticks, das wäre ja bei der neuen Magen-Konstellation für Ferdinand leicht zu verkraften gewesen, aber die Pro-secco-Gläser sehr müde eingeschenkt. Und das Schlimmste: Die Bilder waren unansehnlich. Ferdinand wollte wissen, im Flüsterton: „Nun mal so gefragt: Beziehst du diese magere Vernissage auf die Magerkeit unserer Zukunft?“ „Hast du noch alle Tassen im Schrank? Hast du nicht ernsthaft gefragt oder?“ „Nee, als ich die Frage noch nicht ganz raus hatte, war mir schon klar, dass sie sturzblöde ist.“ Sie wollte wissen: „Kannst du eigentlich den DON QUIJOTE auswendig?“ „Hoho,“ machte Ferdinand, „über tausend Seiten. Als du die Frage noch nicht ganz raus hattest –“ „- war mir schon klar, dass sie genauso – wie nennst du das? - sturzblöde ist.“ „Aber einen Satz kann ich vielleicht noch auswendig, so eine Liebeserklärung an seine Dulcinea.“ „Für wen auswendig gelernt?“ „Für dich – vor vielen, vielen Jahren.“ „Endlich am Ziel, - ich höre.“ Er zweifelte: „Ich hoffe, ich brings noch zusammen.“ „Ich höre.“ „’Oh Princesa y señora universal del Toboso! ¿Còmo vuestro magnánimo corazón no se enternece viendo arrodillado ante vuestra sublimada presencia a la coluna y sustento de la andante caballería?’“ „Und was heißt das?“ „’Oh Prinzessin und allumfassende Herrin von Toboso! Wie mag euer großmütiges Herz sich nicht erweichen, wenn ihr seht, wie da vor eurem hocherhabenen Angesicht die Säule und Stütze des fahrenden Rittertums kniet.’ Was man so alles aus uralten Kisten vorkramen kann.“ „Kannst du sowas wie den ‚Don Quijote’ im Original lesen?“ „Naja, lesen – ja, aber nur zum Teil verstehen ohne Wörterbuch.“ Als sie die Papeterie/Galerie verließen, trafen sie Marion mit Eltern. Was denn, Ferdinand?: Nach der ersten Nacht mit Susanne sich so über Marion freuen? Nach freundlicher Begrüßung sagte Susanne: „Wir trauen uns zu sagen: Da drin gibts nicht viel zu sehen. Obwohl: zu Stoibers Kompetenzteam für moderne Kunst gehören wir natürlich nicht.“ „Dann,“ schlug der Vater vor, „lade ich die Companie zum Essen ein. Um die Ecke gibt es einen sehr guten Chinesen. Da war ich neulich erst.“ Er fummelte eine Visitenkarte des Lokals aus seiner Brieftasche, gab sie Marion: „Rufst du bitte mal an, ob sie Platz für fünf Personen haben?“ Marion holte ihr Handy raus, wusste nicht, wohin mit der Visitenkarte. Ferdinand nahm sie ihr ab und hielt sie ihr so hin, dass sie die Telefonnummer lesen konnte. Sie gab dann Bescheid: „Danke, Ferdinand. Ein runder Tisch für fünf Personen ist eben frei geworden.“ „Wunderbar, folgen Sie mir unauffällig. Wir rennen nicht, weil sie den Tisch ja noch abräumen und neu decken müssen.“ So unverhofft im China-Restaurant sitzen, Haifischflossensuppe schlürfen, Ferdinand bestellte mit Susanne zusammen Ente mit scharfer Sauce, große Portion. Und Reis-Schnaps orderte Marions Vater, dem Marion viel Geschmack abgewinnen konnte. Mehr als einmal reichte sie dem Kellner das kleine Gefäß auf der Untertasse zum Nachfüllen. Alle Gerichte dann auf einer runden, drehbaren Scheibe. So konnte man überall rumprobieren. Marion forderte Ferdinand auf: „Nimm von meinem, ist sehr gut, bisschen scharf, aber gut. Warte, ich tu dir was auf.“ Kann es sein, dass Marion meinen Ferdinand am Starnberger See noch gesiezt hatte, fragte sich Susanne. Aber eingedenk ihrer wunderbaren ersten Nacht gab sie läppischer Eifersucht keinen Raum. Marions Vater erzählte, dass er hier mit chinesischen Kunden gegessen habe: „Machten einen sehr seriösen Eindruck, erstklassige Referenzen. Der Boss sprach besser deutsch als meine Sekretärin. Ich trau mich zu sagen: Vorhut der wachsenden chinesischen Großmacht, mit der nicht zu rechnen gefährlich werden könnte. Ich habe ihnen ein kleines Schlösschen bei Penzberg vermittelt. Das war ein Ladenhüter, ich fand keine Interessenten. Sie machen da eine Handelsvertretung auf. Aber wohl auch als Lagerräume. Die Standortfrage ist ja im Zeitalter des Internet gar nicht mehr von so großer Bedeutung.“ Marion war eine Spur gereizt: „Beim Chinesen muss man als Pärchen immer was Verschiedenes bestellen, damit man was anderes probieren kann.“ Susanne hörte da einen Ton, der ihr nicht so recht gefiel: „Muss man das wirklich?“ „Naja, als Single schaffst du immer nur ein Gericht.“ Susanne bot an: „Marion, nimm von unserer Ente mit scharfer Sauce und gib mir ein bisschen was von deinem Scharfen.“ „Ich denke doch auch,“ sagte die Mutter, die zu kleiner Beschwichtigung Anlass sah, „dass Austausch das Wichtigste ist.“ Aber Marion stichelte ein bisschen weiter: „Wenn ich euch so sehe – das junge Glück. Ich häng nur rum mit meinen Lümmeln. Ich kann ja meinem Vater nicht gut vorwerfen, dass er reich ist. Aber die meisten Jungs beißen doch nur deshalb an.“ Ferdinand grinste unterm Essen: „Bei dir anbeißen, - nicht schlecht.“ ‚Nun sagt auch er du,‘ dachte Susanne und fragte: „Was meinst du?“ „Naja,“ sagte Ferdinand reichlich unverfroren: „die Marion ist doch sehr appetitlich.“ Susanne musste denn doch schlucken: „Ich glaub, ich werd nicht mehr!, - so ein Knabenmaul!“ Marion fragte ziemlich frech: „Weitere Geständnisse erwünscht?“ Die Mutter wollte dämpfen: „Vielleicht besser nicht.“ Aber Marion blieb auf der Spur: „Vielleicht besser doch. Ich liebe den Ferdinand. Warum muss ich das für mich behalten?“ Susanne konnte angesichts dieser Direktheit überlegen bleiben: „Naja, Mariönchen, vielleicht ein bisschen neidisch.“ Marion lächelte ein gutes Lächeln: „Susannenschatz, wahnsinnig neidisch. Deine einzige Chance: Ich will nicht im Revier meiner besten Freundin wildern. Aber – das ist eine ziemlich dünne Folie. Garantien für die Zukunft gibts da nicht.“ Die Mutter fragte: „Dein wievielter Schnaps ist das?“ Aber Marion wehrte sich: „Schiebts mal nicht auf meinen Schwips. Ist ne Menge Ernst dabei. Paps, bitte betreibe mein Studium in Paris. Die Jungs in Paris wissen erstmal nichts von meinem Reichtum. Ich bin die Tochter meiner Eltern. Das sind meine Koordinaten. Susanne ist –“ Susanne wurde deutlich: „- die Hälfte eines Liebespaares – so hat Ferdinand das neulich ausgedrückt.“ Marion resignierte: „Ein Romantiker ist er auch noch... Das macht mich verstummen.“ Und der Vater resümierte: „Vielleicht gut für die Harmonie des restlichen Abends.“ Es gab keine weiteren Provokationen, eher glaubwürdige Entspannung. Ja, Marion lud die beiden zu einem Disco-Besuch ein, morgen abend: „Aber nur, wenn ich bezahlen darf. Die haben nämlich ziemlich unverschämte Preise. Aber meist ist es großer Fun. Rosenheimerstraße, ihr wisst schon, zwölf Uhr.“ „Mitternacht?“ fragte Susanne etwas ungläubig. Marion lachte: „Du wirst nicht um 12 Uhr mittags in eine Disco gehen.“ „Ist das nicht ein bisschen spät?“ fragte Ferdinand. „Hoffentlich ist es nicht zu früh,“ meinte Marion. Der Nachhauseweg. Susanne: „Ich habe wohl mit Einigem von dir zu rechnen. Aber du musst auch mit mir Einiges aushalten. Wars denn schön heute Nacht?“ „Un-be-schreib-lich schön...“ bekannte Ferdinand, „für dich nicht? “ „Auch. Aber trotzdem wolltest du zwölf Stunden später Marion anknabbern.“ Da wird er schon ein bisschen verlegen: „Naja...“ „Ich hab nur eine Erklärung.“ „Welche?“ „Ein Männergen: Weibsbilder hamstern, bis sie zu den Ohren rauskommen. Ich kann dir nur eins raten: Sei froh, wenn du mich, nur mich, einigermaßen sicher abknabbern kannst. Dazu brauchst du dein ganzes Leben. Verzeihe mir, wenn aus mir schon wieder Überlegenheit sprechen sollte.“ „Im Grunde liebe ich ja deine Überlegenheit. Ich komme schon nicht zu kurz.“ Sie küsste ihn: „Lang kommst du, sooooo lang...“ So viel zur Einleitung der zweiten Nacht. Susanne stand heute morgen auf: „Ich lass dann schon mal Wasser ein.“ Er kam aus dem Schlaf und reagierte mit Vespätung: „Ja – Was lässt du ein?“ „Ich lasse Wasser in die Wanne. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du keine Lust hast, mit mir zu baden.“ „In einer Wanne?“ „Ja. Zwei Wannen – so viel Komfort hat das Haus Fletscher nicht zu bieten.“ „Ja, lass Wasser ein.“ So war das, so muss das sein: Eine Premiere jagt die andere. „Ich habe keinen Schaum reingemacht,“ sagte Susanne, „weil ich dachte, dass du mich ansehen willst.“ „Stimmt genau.“ „Ich will dich auch ansehen.“ „Ist für mich ein Jungfernbad. Ich hab noch nie mit einem weiblichen Wesen in einer Wanne gelegen.“ „Ist dir aber viel entgangen.“ „Wie machst du das, dass du nicht so weiße Badeanzugmuster auf dem Körper hast?“ „Ich bin eine von den Blonden, die nicht so viel Sonne vertragen. Und ich kenne Buchten, da braucht man gar nichts auf der Haut.“ „Bin ich gleich eifersüchtig auf die Buchten. Ziemlich heiß.“ Susanne erklärte: „Ich mags dampfend. Wir hatten mal ein Seminar über die Azteken, die lebten im heutigen Mexiko. Die hatten einen Reinlichkeitsfimmel, gingen dauernd ins Dampfbad. Sogar vom Ehebruch konnte man sich da reinwaschen. Ansonst war Ehebruch ein Verbrechen, das mit dem Tode bestraft werden konnte.“ „Au weia! Also, da ist mir ein Dampfbad schon lieber.“ „Aber das mit dem Dampfbad nach dem Ehebruch, - das ging bei den Azteken nur einmal im Leben. Also, nicht so Ehebruch – Dampfbad – Ehebruch – Dampfbad und so weiter. Wenn wir mal ein Kind haben, singst du dem dann Wiegenlieder?“ „Nö, kann ich gar nicht.“ „Aber das Kind muss doch wissen, wo es hingehört.“ „Dann singst du eben.“ „Aber du hast doch Marlene gesungen.“ „Aber nur, weil du geweint hast.“ „Und wenn unser Kind weint?“ Ferdinand seufzte auf: „Eine, die Jura studiert, schiebt immer noch ne Frage nach. Ich hätte darauf bestehen sollen, dass du deinen Abschluss in Flemmzimpf machst.“ Susanne lachte und rutschte runter und sprach mit ganz tiefer Stimme und Wasserblubbern: „Und wenn unser Kind weint?“ „Dann werde ich ihm ein Wiegenlied nach dem anderen vorsingen, und es wird nie mehr aufhören zu weinen.“ „Ich hab da aber ganz andere Erfahrungen. Du hast mir mal viele Tränen vom Gesicht – nicht gewischt, sondern gesungen.“ Das machte Ferdinand lächeln: „Schöne Erinnerung. Wenn mir damals einer gesagt hätte, in drei Wochen liegst du mit der in einer Wanne – den hätte ich schallend ausgelacht.“ „Das ist der Unterschied zwischen uns beiden: Ich hätte ihn angelacht. Ich versinke in deine Person. Aber ich möchte gerne ich bleiben.“ „Susanne,“ Ferdinand wurde ernst: „wenn ich jemals versuchen sollte, dich nicht du sein zu lassen, musst du sofort den Alarmknopf drücken. Ich habe da böse Erfahrungen.“ „Wenn ich deine Freundinnen vor Susanne an den Fingern abzählen will, genügt da eine Hand?“ „Ja, genügt, fünf waren es. Die vierte hieß Frieda, die war sieben Jahre älter und hat mich rumkommandiert – es war furchtbar, ich wäre eingegangen wie ein Priemeltopp.“ „Und wie endete das?“ „Ich zog mich immer mehr zurück, bin richtig stumm geworden – eines Tages haute sie ab.“ „Und Susanne I war dann Nummer fünf.“ „Nein, die war sechs.“ Susanne in der Wanne freute sich: „Dann bin ich sieben?“ „Ja.“ Sie jubelte: „Ach, ist das schön, wie mir das gefällt! Ich liebe die Sieben, die ist so sperrig und kraklig und – ich bin eine. Acht kann jeder, Sieben muss man lieben...“ Alleskieker bekennt hier seine große Liebe zu Susanne. Die Frage, ob sie ihn wiederliebe, ist eine metaphysische. |