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37 Hier findest du deinen Mann nicht Da saßen sie in Susannes Zimmer auf dem Bett. Um Mitternacht verabredet sein, wo man doch ziemlich müde ist. Orangensaft trinken zum Munterbleiben. Susanne bat: „Erzähl was von Berliner Discos.“ „Susanne, ich bin dreimal in eine Disco, einmal allein, zweimal mit Susanne I. Ich bin wohl kein Disco-Typ. Und du?“ „Also, mehr als dreimal bestimmt. Kommt immer darauf an, ob da einigermaßen Stimmung ist. Man selber, und die ganze Besatzung, und natürlich der DJ. Wenn der lahmarschig auflegt und man Sehnsucht nach dem Bett kriegt, - das ist schon sehr einschläfernd.“ „Wann können wir denn nun endlich gehn?“ „Willst du dir da ne halbe Stunde die Beine in den Bauch stehn?“ „Der Abend fängt nicht doll an.“ „Hoffentlich hört er doll auf.“ Die Disco hat drei Eingänge. Vor dem für Normalos steht eine lange Menschenschlange, an deren Anfang vorne zahlt man 8 Euro Eintritt. Türsteher ist eine sehr beschönigende Bezeichnung für Teddy, den beachtlichen Hünen, er hat viel Macht, lässt Leute vor, die er kennt oder auch nicht kennt, wenn sie ihm nur gefallen, schickt Frechlinge – oder was er dafür hält – unbarmherzig ans Ende der Schlange zurück. Auch hat er ein wachsames Auge aufs Outfit eines jeden Einlassbegehrenden. Mädchen, deren Busen allzu ungebändigt quillt – dazu nestelt er schon mal an der oberen Mantelöffnung -, schickt er nach Hause. Ferdinand fragte in nicht gerade guter Stimmung: „Sollen wir uns hier schon mal anstellen?“ Auch Susanne war nicht gerade high: „Weiß ich nicht.“ Als sie sicher sein konnte, dass der Türsteher sie hört, sagte sie laut genug: „Bestimmt hat die Marion hier Privilegien.“ Das wirkte prompt auf den Türsteher: „Wenn ihr auf die Marion mit dem Schlüsselanhänger wartet, stellt euch da drüben hin.“ Das taten die Unterprivilegierten. Und sie beobachteten eine ziemlich unangenehme Szene: Fünf wollten rein, der Leithammel im schicken weißen Armani-Anzug, die Mädchen Ok, aber die beiden anderen Herren: unmögliche bunte Schlabberhosen. Teddy, jeden Widerspruch ausschließend: „Ihr drei könnt rein, die beiden anderen nicht.“ Gejaule des Armani-Jünglings: „Mann, ich lass jedes Wochenende meine 500 Euro an eurer Bar!“ Ungerührt kontert Teddy: „Na und?“ Frustriertes Kopfschütteln: „Mann, da will man mal ne Party abziehen und dann sowas!“ Aber Teddy insistiert und zeigt auf die Schlabberei: „Mit den Hosen nicht!“ Solidarität des Leithammels? Nein: „Tut mir Leid, Jungs, wir sehn uns dann am Montag.“ Die Zwei zogen ab in die Dunkelheit. Wo ließen sie ihren Frust? Marion kam erst Zwanzig nach Zwölf: „Entschuldigt tausendmal, aber in München kann man auch um Mitternacht in einen Stau geraten. Da waren nächtliche Straßenbauarbeiten und da bin ich wohl mitten rein. Obwohl ich die Gegend gut kenne... Wo parkt ihr?“ Begrüßung Susannes mit Küsschen-Küsschen, Begrüßung Ferdinands mit Küsschen-Küsschen. Wie bitte? Machen wir keine Staatsaffaire draus: Ganz bisschen verschusselt wegen des Staus, aber doch auch raffiniert absichtlich – zum Anknabbern. Wildern im fremden Revier? Nicht doch gleich so moralisch! Sie gingen durch eine Seitentür rein, im Schlepptau Marions, die mit dem Türsteher sehr vertraut tat, - mit dem Schlüsselanhänger kein Problem. Gibt nur 200 solche Anhänger. Garantieren dem Betreiber immer beachtlichen Umsatz, kriegen nur Promis und andere Reiche. So ein Anhänger soll auf einer Versteigerung mal 3.000 Euro gebracht haben. Drin also. Ja, drin, im archaischen Ort, in der Steinzeit-Höhle. Was ist hier Steinzeit, was ist archaisch? Gestern gabs noch nichts dergleichen, naja, gestern vielleicht, aber vorgestern bestimmt nicht. Höllischer Lärm. Wer sagt denn sowas? Wer hat denn in der Disko Mozartisches Säuseln erwartet? Das sind doch Standpunkt-Fragen. Lichtspiele aus sehr vielen Scheinwerfern, in vielen Farben, schön, wenns nicht so laut wäre. Gibt das eine nicht ohne das andere. Ferdinand, du alter Sauertopf, warum musst du ausgerechnet hier an Susanne I denken. Die geht mit Heinz sicher in eine Disko, wenns ihr Bauch noch erlaubt, und wenn Heinz nicht im Knast sitzt. Da stehen sie am Spielfeldrand. Nicht zu dritt in eine Disko gehn, nie! Da schnappt sich einer die schöne Susanne. Sie tanzt los und will doch eigentlich nicht. Da wenden sich Marion und Ferdinand einander zu und lächeln, und Marion streckt die Hand aus, und sie tanzen los, etwas zurückhaltend zuerst, aber das gibt sich bald. Viele Jungs rufen „Hallo, Marion!“ Sie ruft „Hallo!“ zurück, ohne die Herren eines Namens zu würdigen. „Kennen dich aber viele hier!“ schreit Ferdinand. „Gib mir dein Ohr!“ schreit Marion. Er schiebt sein Ohr an ihren Mund, und sie erklärt ihm: „Hier hüpfen zehn oder zwanzig Kerle rum, die mich alle sofort heiraten würden, bloß weil ich reich bin. Wie so eine Ehe aussähe, brauche ich nicht auszumalen.“ Ferdinand spricht seinerseits in ihr Ohr: „Marion, den richtigen Mann findest du hier nicht.“ „Doch,“ sagt sie in dieser arrogant-direkten Art: „mit dem tanze ich ja gerade.“ Susanne hat das nicht gehört, - in unnachahmlich graziöser Geschicklichkeit hat sie an einer hocherhobenen Hand ihren Tänzer und gleich darauf an der anderen ihren Ferdinand und führt ihren Tänzer der Marion zu und entwischt mit ihrem Ferdinand. Später dann Treff an der Bar. Susanne jappst: „Ich verdurste!“ Marion: „Ihr seid meine Gäste. Ferdinand, was trinken wir?“ „Ein Glas Berlusconi, bitte.“ Marion wendet sich zum Barmann, dreht sich dann aber rasch zurück: „Ferdinand, du Witzbold! Ich hätte doch jetzt glatt Berlusconi bestellt!“ Sie bestellt: „Moët, kleine Flasche, wir sind zu dritt.“ Der Barmann reagiert galant: „Marion, dir verkauf ich auch einen Fingerhut Moët.“ Sie stoßen an, sie trinken. Ferdinand wiegt genüsslich den Kopf: „Ist was sehr Feines. Gehört nicht zu meinen Alltagsgesöffen.“ Marion wiegelt ab: „Beruhige dich, zu meinen auch nicht.“ Wieder fand Susanne einen Mitreisser und landete in einigen Drehungen mit Sektglas auf dem, was man so Tanzfläche nennt. Er war ein guter Tänzer. War Carlos auch. Schön, so mitten im Tanzen an die ersten Sicherheiten mit Ferdinand zu denken. Spuren Unsicherheit bei dem Gedanken, ihn so nah bei Marion zu wissen. Die beiden tanzten ein zweites Mal. An einem Tisch fand Marion Kumpels, denen rief sie zu: „Ich komme gleich mal zu euch.“ Einer schrie zurück: „Wir gehn gleich!“ Ferdinand verabschiedete Marion mit geschmeidiger Geste: „Geh zu denen, die gleich gehen. Ferdinand findet sich alleine zurecht.“ Stimmt nicht so ganz. Im Grunde fühlt er sich sehr unbehaust. Aber das ärgert ihn auch: er ist doch bestimmt kein Spielverderber, vielleicht die norddeutsche Art. Aber es gibt ja auch in Berlin und Hamburg Diskos, sicher sogar am Nordkap. Darunter wird Susanne zu leiden haben im Laufe ihres Lebens. Mensch, schon wieder diese fatale Verlängerung der Zuneigung in ferne und fernste Zukünfte. Was lauert denn heute Abend noch an der nächsten Ecke, wohin schubst dich denn morgen dein Schicksal? Nur das ist sicher, dass nichts sicher ist. Hat Alleskieker bei Montaigne geklaut, der hats bei Plinius dem Älteren (24 – 79 n.Chr.) geklaut. Wie wunderbar sie tanzt, wie wunderbar...! ‚Und seid dankbar‘ hat er Kim und Liliane geraten. War auch so ein Rat, von dem er nicht wusste, woher er kam. Er war so sehr sehr dankbar für das Wunder Susanne. Auch gefährlich, die schmeißt Fahrräder auf Füße, dass es wehtut. Hüte dich jedenfalls, das Wunder in Plastik zu packen, da kanns nicht atmen und nicht duften. Da wird er von einer Susannen-Duftwolke umweht, sie endet ihren Tanz mit einem Wirbel um ihn herum. Sie hakt sich eng kuschelig bei ihm ein, als sei sie nach Hause gekommen: „Einen Schluck Champagner, und dann tanzen wir!“ Sie will ihn zu Marion zerren, aber ein schicker Mann mit Flasche gießt ihr das Glas voll: „Einen Schluck, und dann tanzen wir, schöne Frau!“ „Nein,“ beharrt Susanne, „der nächste Kick gehört Ferdinand.“ Der Mann nimmts leicht und zieht weiter: „Ferdinand, du Glückspilz!“ Ferdinand hat schon nicht immer die richtigen Sätze drauf: „Ich bin ein schlechter Tänzer.“ „Das kannst du Marion erzählen. Außerdem haben wir doch schon eine kleine Runde gedreht.“ Sie drehen noch einige Runden, Ferdinand tanzt auch noch mal mit Marion, dann sagt er: „Entweder raus oder Ohropax.“ „Was ist denn Ohropax?“ will Marion wissen. „Stöpsel im Ohr. Benutzen Großväter als Lärmschutz.“ „Raus,“ sagt Marion, ein wenig unerwartet, „bevor du zum Großvater mutierst.“ Sie lehnen am weißen Mercedes. „Ferdinand,“ fängt Marion an, “du hattest Recht: Da drin finde ich meinen Mann nicht. Aber wo dann?“ Susanne holt Luft: „Mariönchen, lass dir von einer sehr guten Freundin sagen, die am Anfang einer Affäre von einiger Dauer steht: Kuck nicht auf die Ärsche und den Waschbrettbauch, kuck in die Augen. Da flackert die Chemie oder sie flackert nicht. Suche einen Liebäugigen. Hier steht mein liebäugiger Ferdinand.“ Und er folgert: „Jetzt weiß ich, woher ich dauernd meine neuen Wörter habe. Liebäugig – wo gibt’s denn sowas?“ „Hier,“ sagt Susanne und haucht zwei Küsse auf seine Augen. „Marion,“ sagt Ferdinand, „ich sehe dich jetzt durch die Küsse von Susanne hindurch. Und du siehst sehr schön aus. Und ich wünsche dir was von ganzem Herzen. Dabei weiß ich, wie schwach das ist, was ich sage.“ Dafür erntet er einen zarten Kuss von Marion. Am heutigen Morgen sind Ferdinand und Susanne so richtig kräftig heftig schön in der Liebe verschmolzen, da haut die Mutter an die Tür: „Ferdinand, Ferdinand! Die Waschmaschine!, es läuft schon auf die Treppe!“ Nun ja, wie kann man von einer Waschmaschine Rücksicht auf das Liebesleben ihrer Untertanen erwarten? Ferdinand ist schnell auf den Beinen und dürftig angezogen. Ab ins Bad, den Haupthahn zugedreht: „Das, liebe Frau Mama, ist der Haupthahn fürs Wasser. Das sollten Sie sich merken für den Rest Ihres Lebens.“ Die Mutter will aufwischen: „Man kriegt ja am Samstag keine Handwerker!“ Ferdinand mahnt an: „Und gegen diese Wassermassen keinen Lappen, sondern Müllschippen!“ „Was ist denn das?“ Ferdinand sucht in Küche und Flur: „Wo man den Dreck drauffegt.“ Das reicht ihm die Mutter: „Das Kehrblech.“ Und er schaufelt Wasser in die Wanne: „Wenn Sie noch eine haben, noch so ein Kehrblech -“ Das nimmt dann Susanne, und sie schaufeln Wasser in die Wanne. Und die Mutter wischt hinterher. Schließlich setzt sich Ferdinand auf den Wannenrand: „Haben wir uns jetzt ein Frühstück verdient?“ „Noch nicht, Ferdinand: Irgendwas müssen Sie tun, damit wir den Haupthahn wieder aufdrehen können, sonst kann ich keinen Kaffee kochen.“ Ferdinand schließt den Hahn für die Wasserzuleitung zur Waschmaschine und macht den Haupthahn wieder auf: „Dem Kochen eines Kaffees steht nichts mehr im Wege.“ „Ganz großen Dank, Ferdinand!“ sagt die Mutter und haucht ihm einen Kuss auf den Bart. Ferdinand hat Kussempfangswochenende. Er sucht sich Werkzeug und Material zusammen und repariert den Schlauch. Der Vater steckt den Kopf ins Badezimmer: „War was?“ „Nur ne kleine Überschwemmung,“ sagt Ferdinand. „Das wollte ich dir sagen, Ferdinand, da –“ und er zeigt auf den Anschluss, an dem Ferdinand rumschraubt, „- da hats in letzter Zeit immer stärker getropft. Wenn du das mal – aber da bist wohl schon dran. Heute ist Samstag, da kommt die SZ am Wochenende, die liebe ich besonders – weißt du warum? Weil ich da so viele Seiten mit Anzeigen ungelesen wegschmeißen kann. Werden aber zunehmend weniger. Große Krise im Anzeigengeschäft. Unter der Woche muss ich fast immer Seite für Seite lesen. Ich seh dich beim Frühstück.“ Um die gleiche Zeit stehen zwei Frauen in der Kassenschlange bei Karstadt in Giesing, unten bei den Lebensmitteln. Sie kennen einander lose, so von Einkaufen und Nachbarschaft. Sagt die eine: „Ich hab noch gar nicht die Fortsetzung vom Roman gelesen, wissens schon - von dem Ferdinand und der Susanne.“ Da sagt die andere: „Tun Sie das bald lesen, da kommen wir drin vor.“ „Was?“ fragt die eine, und fragt gleich weiter: „Wer wir?“ „Sie und ich. Wir stehen in der Schlange hier beim Karstadt und Sie sagen: Ich hab noch gar nicht die Fortsetzung vom Roman gelesen, wissens schon – von dem Ferdinand und der Susanne.“ „Und was sagen Sie?“ „Ich sage: Tun Sie das bald lesen. Da kommen wir drin vor. Und Sie fragen ganz erstaunt: Was? Wer wir?“ „Und was sagen Sie da?“ „Ich sage: Sie und ich. Wir stehen in der Schlange hier beim Karsta |