38    Liliane, dein Stern geht auf

Die Connaisseurs in den Logen und auf dem Balkon hielten den Atem an, als Liliane gestern abend ihre Standarte unmissverständlich in den Bühnenboden der Staatsoper rammte: Hier wird ein neuer Stern geboren. Es wäre einfach eine unzulässige Untertreibung, sagte man, sie habe die Rolle des erwählten Mädchens in Strawinskys ‚Sacre du printemps’ getanzt, - sie schwebte, flog, sprang in riesige Höhen, hauchte, sie bezauberte und verzauberte, sie drehte, stampfte und dampfte, immer wieder hob sie die Schwerkraft auf und erzählte den Menschen, wozu sie imstande seien, was möglich ist, auch wenn es unmöglich scheint. Sie rief laut im Geiste: Ich tue es, und die Zuschauer antworteten im Geiste: Danke, dass du uns vor Augen hältst, was uns verloren gegangen ist. Und im Hinterkopf diese Not, dass jeder Sprung, jede Drehung, die sie tat, im Bruchteil einer Sekunde Vergangenheit war. Irgendwo lief lautlos eine Videokamera, - diese Singularität konnte sie dennoch nicht einfangen. Bewahrt euer Herz! „Erinnerung“, sagte der Vater immer wieder leise vor sich hin, „Er-innern...“ und klopfte sich mit dem Daumen der flachen rechten Hand immer wieder behutsam an die Brust. Und natürlich heulte er los, als sein Schmetterling am Ende tot zusammenbrach, das Opfer dargebracht war.

Zur gleichen Zeit tanzte Ingrid in der CZARDASFÜRSTIN über die Bühne des Grazer Theaters. Alleskieker verwahrt sich gegen den Vorwurf, zynisch zu sein. Oder doch: Er mag zynisch sein, aber eigentlich doch nur Freude, dass es auch mal gerecht zugeht in der Welt.

Lilianes Erfolg war überwältigend. Immer wieder kam sie vor den Vorhang und bedankte sich mit der ganzen Grazie dieses geradezu kultischen Ballerinen-Knicks‘ für Applaus und Bravo-Rufe. Und wie sie kurz vor dem Verschwinden hinter den Vorhang noch eine Kusshand warf, nicht verhuscht-verwischt, sondern ganz präsent in der Liebeszuwendung, - und nur einmal schickte sie so einen Kuss – a star was born...

Sie hatte darauf bestanden, dass nicht in einem lärmigen, sprachtötenden Lokal gefeiert werde, sondern zu Hause. Das hatte mit Kollegen und Kolleginnen ein paar kleine Kämpfe gegeben, aber Liliane hatte sich durchgesetzt. Nach einem kurzen Pro-secco-Umtrunk fuhr die erweiterte Familie nach Hause. Die Mutter hatte schon vor dem Weggehen die schönsten Weingläser auf den Tisch gestellt und das feinste Porzellan. Ob das alles so wertvoll war – alt war es jedenfalls. Und Alt war jetzt hier zu einem Wert an sich gemacht worden. Acht Kerzen in alten Leuchtern wurden angezündet. Auch das Essen stand auf Abruf, so dass man sich schon bald zur Feier der Sternengeburt setzen konnte.

Der Vater hatte die Gläser gefüllt. Jetzt nahm er das seine in die Hand und stand auf. Er öffnete den Mund zu einer Rede und dann brachen die Tränen wie Sturzbäche wieder aus ihm heraus: „Alles - was ich sagen kann - sind diese – diese Tränen – der Freude - du mein Schmetterling!...“ Er hob sein Glas und wollte sich setzen. Aber Liliane stürzte zu ihm und umarmte ihn so heftig, dass der Wein aufs weiße Tischtuch pladderte – und es war Rotwein! „Vater!,“ rief sie, „ohne dich hätte ich heute nicht tanzen können!“ Sie umarmte herzlich die Mutter: „Mutter, ich danke dir für meine Geburt. Das Tischtuch mache ich sauber - oder nicht.“ Sie umarmte die andrängelnden Susanne und Ferdinand: „Ohne euch säße ich heute als Bettlerin auf der Maximilianstraße.“ Sie küsste Susanne, dann Ferdinand: „Ich hoffe doch, ihr küsst inzwischen.“ Ferdinand lächelte: „Küssen und so weiter, Schmetterling.“ Sie packte Kim und zog ihn auf den Flur: „Lass dir die Tigerpranken ins Fleisch hauen, mein geliebter Javaner!“ Nach kurz-heftigem Knutschen und Knuddeln kamen sie zurück, und Liliane verkündete: „Lasst uns nun ganz ruhig werden und gesittet essen.“

Am nächsten Morgen, als das Bett noch dampfte, lächelte Susanne und sagte: „Dass ihr Männer immer so angeben müsst im Höhenrausch...“ Ferdinand schnappte noch ein bisschen nach Luft und war besorgt: „Bist du nicht?“ „Nein.“ „Das tut mir Leid.“ „Macht nichts.“ „Doch, ich möchte - Frauen mit Orgasmus sind leichter zu handhaben.“ „Klingt überhaupt nicht nach Ferdinand.“ „Stimmt, habe ich mal irgendwo gelesen.“

Susanne wollte noch mehr wissen: „Und was ist mit den Brüsten?“ „Wieso mit den Brüsten?“ „So einen Kerl hatte ich noch nie, der sich so über meinen Busen freut wie du.“ Ferdinand zuckte die Achseln: „Öfter mal was Neues – öfter mal n Neuen...“ Sie empörte sich: „Neien! Sag sowas nicht. Knospen hat schon mal Einer gesagt, aber du hast heute Nacht von Blüten gesprochen.“ Ferdinand suchte nach Gründen: „Bei einem schönen Frauenhintern muss ich immer gleich an Globus denken. Kugel ist etwas – ist eine Idealform.“ „Ist doch nur eine Halbkugel.“ „Zwei.“ „Aber die zwei Halbkugeln machen doch nie eine ganze.“ „In meinen beiden Händen schon...“

Sie erinnert sich versonnen: „Ich bin so glücklich, dass du neulich meinen obersten Knopf aufgemacht hast. Ich war noch gar nicht so weit.“ Das verwundert Ferdinand: „Nein? Ich erinnere mich, dass du sehr schnell aufgestanden bist und mir das Jackett ausgezogen hast.“ Das verwundert wiederum nun Susanne: „Ja?... Naja. Ich erzähl dir was, pass mal auf: Ich mach was mit dir, das macht uns beiden unheimlich Spaß. Aber du wirst davon sehr sehr dick, und zwischendurch wird es dir kotzübel, und in deinem Bauch strampelt was. Und nach neun Monaten bringst du unter großen Schmerzen ein Menschlein zur Welt. Und das Verrückteste: Bevor das alles passiert ist, hast du Ja dazu gesagt. Und in ein oder zwei Jahren sagst du vielleicht nochmal Ja.“ „Du machst aus mir kein Mädchen.“ „Frau.“ „Auch nicht. Das kann nur eine wie du. Das Wunder bleibt bei den Damen. Nicht im geringsten gleichmäßige Verteilung der Aufgaben: du neun Monate, ich null.“ „Ist schon sehr merkwürdig. Und da gibts Leute, die sagen, der Unterschied sei klein. Sowas von riesig, wie der ist!“

Beim späten üppigen Sonntagsfrühstück saßen die drei Paare von gestern wieder beisammen. Die Mutter sagte voller Bewunderung zu Liliane: „Was du da gestern auf der Bühne getan hast, - das hat heute für mich schon etwas sehr Unwirkliches, ja Unglaubwürdiges. Aber das sollte ich vielleicht nicht so ausdrücken, das schmälert deine – Leistung möchte ich auch ungern sagen. Du hast einen Traum auf die Bühne gestellt, einen ganz konkreten, realen, greifbaren – aber eben doch einen Traum – vom Glück. Und das habe ja wohl nicht nur ich gespürt. Und so muss es sein. Mein Schmetterling...“

Der Vater fragte: „Habt ihr denn alle, Schmetterlinge und andere Geschöpfe, eure Chronometer gestellt? Eine Stunde haben wir alle gewonnen. Ich kann die Sommerzeit nicht leiden. Jetzt kann ich wieder bei Dunkelheit durch Giesing gehen – wunderbar, und meinen Earl Grey kaufen im Tegernseer Teeladen, und den köstlichen Gorgonzola in der Giesinger Käsealm. Alles bei dunklem Himmel und viel menschlichem Licht...“

Die Rede kam bald auf die Frage nach Sinn und Unsinn von Menschenopfern. Die, die es getanzt hatte, konnte wenig dazu sagen; für Liliane war es eine künstlerische Herausforderung, eine genaue, wenn auch höchlichst inspirierte Befolgung von choreografischen Anweisungen. „Nicht doch, Schmetterling,“ sagte der Vater, „nie und nimmer treibt mir die Befolgung choreografischer Anweisungen die Tränen derart in die Augen.“

Der Vater wusste, dass das Wort Barbar für die alten Griechen die Redeweise der Fremden aus dem Norden war – Homerische Verse konnten die nicht artikulieren, nur Barbarbarbarbar... Wo man so sprach, da konnten auch Menschen zur Feier des Frühlings geopfert werden. Ferdinand betonte, dass er sich völlig außerstande fühle, nachzuvollziehen, wie ein Mensch es anstellt, das Leben eines anderen Menschen in den Tod zu befördern: „Und sei er auch als Opfer ausersehen. Das ändert doch alle Umstände radikal.“ „Warst du denn nicht beim Bund?“ wollte der Vater wissen. „Doch. Aber ich habe hinterher verweigert.“ „Kann man das denn - hinterher?“ „Ich habs getan.“

„Der Mörder als Rätsel,“ kommentierte Susanne, „ein uraltes Thema, im Zeitalter der Fernsehkrimis freilich sehr antiquiert. Die Autoren heute fragen ja wohl beim Bleistiftspitzen zunächst einmal nur: Wie und wo und wann können wir einen Menschen ermorden, möglichst geheimnisvolle Umstände, das Weitere findet sich. Von deinen Skrupeln, Ferdinand, wissen die nichts. Wie meilenweit sind westliche Fernsehkrimis entfernt von Bali und Moskau und von dem Scharfschützen in Washington.“ Ferdinand fragte: „Meilenweit? Sternenweit, Susanne! Lichtjahre! Wenn Einer um sich ballert – mir noch verständlich, - schwer verständlich, aber... Aber da in Washington, der hat sich doch einen mobilen Schießstand ins Auto gebaut. Darüber musste er doch nachdenken, das musste er doch planen mit Zollstock und Bohrmaschine. Das musste er doch tun, basteln, bauen, ausbauen. In der Nacht schlafen, und am nächsten Tag weiter werkeln. Und weiter: Bei einer Schule so parken, dass er durch ein Loch im Kofferraum die Kinder, die die Schule verließen – oder reingingen, ich weiß es nicht - ins Fadenkreuz bekam und – und jetzt kommt das für mich Rätselhafteste: - mit dem Zeigefinger der rechten Hand abdrücken und einen 13-jährigen Jungen vom Leben in den Tod befördern.“ Ferdinand senkte den Kopf, legte den Ellbogen des rechten Armes in die linke Hand und krümmte den Zeigefinger immer wieder, immer wieder...

Die Mutter hielt das kaum aus und gab zu bedenken: „Bei Strawinsky ist es doch eher ein Selbstmord, wenn auch ein befohlener.“ Und Kim sagte trocken: „So weit weg ist doch Palästina nicht, wo sie geplant werden, und Israel, wo sie passieren...“

Am Nachmittag gingen Susanne und Ferdinand runter zur Auer Dult. „Glaubst du, dass ich einen Strafprozess kriege?“ fragte Ferdinand. „Hat denn dein Professor schon was gesagt?“ Susanne schüttelte den Kopf: „Ich habe ihn gefragt, aber er war noch nicht dazugekommen, genauer nachzuschlagen. Ich gehe in ein paar Tagen dran, wenn meine Schriftliche fertig ist.“

Letzter Tag der Kirchweih-Dult 2002. Sie leisteten sich die schöne Kinderfreude des Kettenkarussels. Hinterher standen sie da und schauten ihren Nachfolgern zu. „Das ist deine Situation, Ferdinand,“ sagte Susanne, „wir sitzen alle im Karussel, aber manche fallen raus. Du zum Beispiel. Im Leben hört das nie auf zu drehen. Wie willst du denn da je wieder reinkommen?“ „Also,“ gab Ferdinand zu bedenken, „ob die, die da rumsausen, frei sind, das ist auch so eine Frage.“ Aber Susanne beharrte: „Ich sehe es im Augenblick so: der da rumsaust, der steht hinterm Bankschalter und hat jeden Tag Feierabend. Und hier draußen sind die, die im Flaucher pennen.“ „Naja,“ mehr fällt ihm dazu nicht ein.

Da fragt Susanne: „Hast du schon mal darüber nachgedacht, was du machen willst, wenn du wieder -, also wenn sich bei dir alles wieder normalisiert hat?“ „Warum soll ich was anderes machen als vorher? Ich bin Banker, das habe ich gelernt. Und ich bin eigentlich gerne Banker, ich kann das ganz gut.“ Susanne stellt die Schicksalsfrage sehr beiläufig: „Willst du in deine Filiale in Berlin zurück?“ „Nein. Ich will dein Haar immer riechen können.“ Sie umarmt ihn leidenschaftlich fest und fordert mit gebrochener Stimme sehr unerwartet: „Ferdinand, rette mich, rette mich, Ferdinand!“ Erstaunt streichelt er ihr den Kopf: „Bist du denn in Gefahr?“ „In der schlimmsten, in die eine Frau geraten kann. Männerausprobieren – es gibt nichts Schlimmeres. Und du findest keinen, nicht einen einzigen Kerl. Wie haben wir uns eigentlich kennengelernt?“ „Hast du das vergessen?“ Ungeduldig fragt Susanne nur: „Wie?“ „Käsehäppchen auf Vernissagen.“ Sie lächelt ihn an: „Du bist auf so leisen Sohlen in mein Leben gekommen. Bitte, bleib drin, bleibe darin, bitte! Ich flehe dich an, auch wenn du denkst, die Zicke geht mir auf die Nerven.“ Er spürt ihre Not, hört nicht auf, ihre Haare zu streicheln: „Du meine etwas größere Kleine.“ Er schaute auf und sah viele Japaner mit sehr vielen Fotoapparaten die Auer Dult erobern.