4    Was man so in der Reinigung kriegt

Ein Mann aus Asien steht am Seiteneingang Bayerstraße, durch den Ferdinand jeden Morgen den Bahnhof betritt. Nein, wohnlich ist dieser Hauptbahnhof wahrhaftig nicht, - wird er nie werden. Der Mann da drüben ist ziemlich sicher schwul, und der da glänzt nach Drogen. Und immer wieder Polizei-Streifen. Und Asiaten, die voneinander zu unterscheiden ja ganz schön schwierig ist. Dieses riesige Untergeschoss, die eklig desinfektorisch stinkende, neonstrahlende Hygiene-Einrichtung Mc Clean. Dennoch: wie gut für Ferdinand, dass es sie gibt.

Mantel im Schließfach verstaut, Schirm mitnehmen, das Wetter in München ist derzeit recht unbeständig, und kalt! Geldgroßverschwendung: richtigen Stadtplan erworben. Merkwürdige Frage der Verkäuferin: „Wie lange bleiben Sie?“ Was geht die das an?: „Wieso?“ „Naja, wenn Sie länger bleiben, sollten Sie den großen nehmen mit den Ausflugszielen.“ „Ich will den großen.“ Erfolgreicher Abschluss des Geschäfts. Wie lange bleibe ich? Mädchen, was hast du mit der Frage aufgerührt! Dabei war es eine sehr vernünftige Frage: Wer nur drei Tage bleibt, braucht nicht den großen Plan mit all dem Schmackes ringsrum. Wie lange bleibe ich? Langsam fraß sich der Gedanke in sein Gehirn: Susanne in Berlin anrufen, nächstes Wochenende. Oder übernächstes. Oder -

Die Zeitungen schreien die Wahlergebnisse in die Welt. Ferdinand Nichtwähler liest achselzuckend die Schlagzeilen: Hauchdünne Mehrheit für Verlierer Schröder, fein absurd.

Beim Verlassen des Bahnhofs – er verließ ihn gerne – durch das Hauptportal auf den Bahnhofsvorplatz steht bei den Taxis wieder der Mann aus Asien. Er reiht sich dann aber in eine Gruppe fotografierender Japaner ein.

Sodann angefüllt mit feiner Geschäftigkeit. Im Tambosi den Stadtplan gewälzt: Die Reinigung ist in der Hohenzollernstraße, kann er zu Fuß machen, so wie er dato als Geher in Form ist. Und er hat es ja seit einigen Tagen überhaupt nicht mehr eilig. Gehen ist ein guter Zeit-Vertreiber. Trotz Geschäftigkeit die Zeit bis zum letzten Schluck Cappuccino gedehnt.

Auf dem Weg zur Reinigung kauft er sich eine lange Unterhose und einen Rollkragenpullover in lila. Er achtet auf preiswerte Ware. Schick ist nicht wichtig, bei der Unterhose sowieso nicht. Plastiktüte. Stadtplan reintun.

In der Reinigung gibt er den Zettel ab und wird von der Frau lange und aufmerksam gemustert. „Was kucken Sie mich denn so an?“ fragt Ferdinand, schon etwas erschrocken, als ob die Frau was mit der Berliner Kriminalpolizei zu tun hätte. „Wie ist es denn so mit der Frau Professor Kammhuber?“ fragt sie. Das ist ja nun eine Frage aus dem afrikanischen Busch. Ferdinand lächelt und zuckt die Achseln. Da fährt sie fort: „Sie sind nicht der Einzige, das sollen Sie wissen. Jede Woche kommt ein anderer junger Mann und holt die Bluse von der Frau Professor. Das ist die große sexuelle Freiheit, hat sie mir mal gesagt. Mit so einem Zettel fesselt sie die Männer, da müssen sie mit der Bluse immer nochmal zurück in die Wohnung. Ich bin ja in Bautzen aufgewachsen, da gings um andere Freiheiten. Aber – nun ja...“ Ferdinand zahlt und kriegt eine weiße Bluse auf Drahtbügel in Cellophan.

Er findet eine Telefonzelle, ohne Telefonbuch. Er sucht unten in der U-Bahn-Station. Da liegt ein Adressbuch, schöne Antiquität aus den Zeiten, als noch nicht alle Bürger ein Telefon hatten. Er sucht nach Professor Kammhuber, findet einen, sucht im Stadtplan: Farinellistraße, laut Stadtplan ganz nah: zweimal um die Ecke, erst rechts, dann links. Farinelli – das klingt nach Clown oder Jongleur. Wie ist denn das nun?: Alle Kontakte weiterhin meiden, bloß nicht auffallen? Nee, das Abenteuer wollen wir mal ausprobieren. Vielleicht wollte der Professor am Flaucher sein bürgerliches Leben aufgeben, weil seine Frau – wie heißt das?: nymphoman war. Stille Straße, schönes Haus, 50er oder 60er Jahre, Kammhuber im zweiten Stock. Er klingelt also. Frauenstimme in der Sprechanlage: „Wer ist da?“ Ferdinand weiß im Augenblick nicht, wie er sich ausdrücken soll: „Ich bin – ich habe hier eine Bluse.“ Da flötet eine Sirenenstimme runter: „Ah ja-aaa, komm rau-auf.“ Der Türöffner schnarrt. Ferdinand geht rauf und wundert sich ein bisschen über die Singsang- Stimme und das Geduztwerden.

Eine nicht mehr ganz junge Frau steht erwartungsvoll in ihrer Wohnungstür, aber auch nicht alt, eigentlich wirkt sie sehr nett: „Ach meine frische Blu-uuuse! Und mein ju-huunger M- äh –“ Ihre Stimme wechselt in gespannte Sachlichkeit: „Moment. Wie kommen Sie zu der Bluse? Kennen wir uns?“ „Nein.“ „Kommen Sie trotzdem rein.“ Die Frau ist sehr irritiert und weiß nicht so recht, wie sie ihre Gesichtszüge ordnen soll, dann platzt sie raus: „Sie haben meinen Mann erschlagen.“ Ferdinand will nach einer Schrecksekunde zur Wohnungstür und weg. Aber die Frau ist schneller, steht vor der Tür und hält ihm die Bluse vor die Nase: „Wie kommen Sie zu der Bluse? Ich hatte den Zettel meinem Mann gegeben. Ausnahmsweise. Sie haben ihm die Brieftasche geraubt. Ich rufe die Polizei!“ „Wenn Sie jetzt die Polizei rufen, haue ich Ihnen mit dem Schirm hier eins über die Rübe, bevor Sie überhaupt den Hörer abgenommen haben!“ Ferdinand schwingt tatsächlich einen Schirm, den er aus dem Holzbottich genommen hat, in den die Kammhubers ihre Schirme stellen. Sie fragt: „Was meinen Sie in diesem Fall mit Rübe?“ „Norddeutsch für Schädel.“

Frau Professor Kammhuber macht die Augen klein und lüstern und hat wieder diese Flötenstimme: „Tun Sie mir auch wa-aas?“ Ferdinand fühlt sich der Sirene ausgeliefert und versucht alles, um uncharmant zu erscheinen: „Ich habe Ihrem Mann nichts getan. Und werde Ihnen auch nichts tun.“ „Wie scha-aade...“

Was er gerne ignorieren will, ist das Lüsterne in den Augen der Frau Professor, die nochmal ansetzt:: „Wir sind allei-eiein.“ Ferdinand bleibt abwehrend: „Ich gehe sofort.“ Die Stimme rutscht wieder in Normallage: „Wo ist mein Mann?“ „Vorgestern Abend verteilte er an der Isar den Inhalt seiner Brieftasche. Ich bekam den Zettel von der Reinigung.“ „Isaraufwärts oder –abwärts?“ „Als Fremder würde ich sagen: Richtung Süden.“ Jetzt sirenisiert sie nochmal: „Sind Sie auch so ein Flau-aucher-Penner, schöner Fremdling?“ Ferdinand wollte nicht hören auf dem Ohr: „Wenn Sie wollen, führe ich Sie heute abend zu Ihrem Mann.“ Jetzt versucht sie, sachlich zu erklären: „Ich hatte immer junge Männer, von denen ich mir meine Blusen aus der Reinigung holen ließ. Ich fürchte, mein Herr Gemahl was not amused. Kaum gebe ich ihm mal den Zettel, gehts durcheinander. Er ist früher schon zweimal zu den Pennern gegangen.“ „Immer aus Kummer über seine Frau?“ „Ja. Und wenn ich ganz nüchtern bin, schäme ich mich auch.“ „Sie sind nicht immer ganz nüchtern?“ „Nein, immer berauscht von der männlichen Jugend, er hat so wunderbare Studenten.“ „Muss ich mich also in Acht nehmen?“ „Nein, Sie sind nicht berauschend.“ „Oh.“ „Wann holen Sie mich ab?“ „Um sechs.“ „Das ist mir zu früh.“ „Um sieben.“ „Gut.“

 

Susanne saß an ihrem Arbeitsplatz und starrte in die Veterinärstraße. Es hatte so schön angefangen mit Carlos, Karl. Gartenfest bei ihrer alten Schulfreundin Marion in Harlaching. Mitsommernachtstraumfestivalfest. Marion erfand immer so etwas backfischige Namen. Es war genau die Mitte des Sommers, 5. August. Lichterketten in den Bäumen, zum Tanzen eigene Band engagiert, Essen und Trinken hervorragend, wie immer bei Marion. Da war er, ein Bild von einem Mann. Sie hat gar nicht mit ihm getanzt, ihn mit den Augen gefressen. Solche Feste sind in München immer ein Risiko wegen des Klimas. Es regnete nicht, aber es wurde empfindlich kalt um 1 Uhr nachts. Susanne fröstelte und setzte sich auf eine Steinmauer. Da kam er vorbei mit einer weiten Jacke um die Schultern. „Darf ich?“ fragte er und setzte sich neben sie. Susanne erinnerte sich mit Genugtuung, dass keine Initiative von ihr ausgegangen war. „Ein bisschen Wärme habe ich übrig für Sie,“ sagte er und nahm sie unter seine Jacke. In manchen Gärten in Harlaching sagt man Sie, auch nachts um 1 Uhr im Sommer.

Das war doch ein schöner Anfang! Bald danach allgemeiner Aufbruch. „Darf ich Sie nach Hause fahren?“ Liebend, liebend gern wäre Susanne darauf eingegangen, aber ein wenig Scheu schien ihr angebracht: „Nein, danke, ich bin mit einer Freundin hier, die hat ein Auto.“ Aber dann doch ihre bange Frage aus lauter Liebe: „Sieht man sich wieder?“ „Von mir aus gerne.“ „Wann? Wo?“ „Ich hab da ein Fitness-Center in der Deisenhofenerstraße.“ „Kenne ich,“ sagte Susanne, „ist bei mir in der Nähe.“ „Na prima,“ fand er, „da kriege ich Prozente, auch für Leute, die ich mitbringe. Mach ich immer mit neuen Freundinnen. Kann ich die Figur abschätzen, bevor was losgeht.“ Das war seine übliche, oft bewährte Anmache-Tour. Mädchen, die da zickig reagierten, waren schon draußen.

Susanne!, da hättest du doch schon Nein sagen müssen, Nein schreien müssen. Das hätte doch nichts mit Zickigkeit zu tun gehabt! Aber keine Alarmglocke, sondern: „Wann?“ „Übermorgen. Kannst du schon um fünf?“ Weil die Anmache geklappt hatte, duzte er sie. Sie antwortete, von Herzen erfreut: „Ja. Ciao.“

Und sie investiert doch tatsächlich 70 Euro in ein Gym-Outfit, shirt und shorts. War sehr schön hochbeinig und sehr enganliegend für den Test des Herrn Carlos, der doch wahrscheinlich Karl hieß. Im Hinterkopf Susannes: Zweifel, Sorgen, auch Scham. Aber sie hielt sich für sehr tapfer, als sie sich so in dem Center präsentierte, mit Erfolg. Welchem Erfolg? Der keineswegs für Gym hergerichtete Carlos betrachtete sie, pfiff leise durch die Zähne und sagte: „Du hast ne dufte Figur, Mädchen! Was willstn hier?“ Susanne war so perplex, dass sie kaum Worte fand: „Aber du wolltest doch – mich – also –“ „Jaja, aber das ist ja nun gelaufen. Kannst dich wieder umziehen. Wir gehen in meine Stamm-Disco. Hast du ein bisschen Geld mit?“ „Ein bisschen, ja.“ „Also.“ Susanne war wieder verblüfft, was sollte das heißen?: Also. Es sollte, müsste heißen: Also Schluss. Aber wieder keine Alarmklingel, oder doch, ja, aber noch viel zu leise!

In die Disco also. Und wundervoll wars, mit diesem schönen Körper zu tanzen, ja, wundervoll. Doch bloß nicht so tun, als sei man da himmelhoch erhaben! Dennoch: Beginn einer Leidenszeit mit einem Mann, der seine Seele irgendwo hinter den Sieben Bergen versteckt hielt, jedenfalls nie bei sich trug. Es war zum Lesbischwerden! Aber das ist ja auch nichts – so im eigenen Saft. Soll ja vererbt werden. Oder wird Homosexualität nur bei Männern vererbt? Sie hatten mal so einen Fall in einem Seminar.

Kollegin Franziska erschreckte sie mit dem Mund nahe an ihrem Ohr: „In die Bücher kucken, nicht auf die Straße.“ Franziska war ein schönes Mädchen, zum Küssen schön. Aber Sex? Nein, bitte trotz allem mit Männern. „Professor Kammhuber soll verschwunden sein,“ sagte Franziska. Susanne war sehr erstaunt: „Was heißt verschwunden?“ „Seine Frau soll eine Vermisstenanzeige aufgegeben haben. Seit drei Tagen.“ „Ein Verbrechen?“ „Keiner weiß was.“ „Du machst doch auch Prüfung bei ihm.“ „Erst im nächsten Semester.“ „Für mich wäre das eine Katastrophe mehr.“ „Hast du so viele Katastrophen?“ „Mir reichts.“ „Arbeit ist die beste Medizin. Tschüß!“ „Tschüß, Franziska.“

 

Für Ferdinand ist ein neues Problem aufgetaucht: Mit diesem Stadtplan in der Hand signalisiert er: Ich bin fremd in dieser Stadt. Die Plastiktüte mit den neuen Textilien hält nicht ewig, kann man auch nicht dauernd durch die Stadt schleppen. Ich brauche eine Tasche. Da kauft er sich also am frühen Morgen einen Stadtplan, etwas später Capuccino, dann lange Unterhose und Pullover, schließlich bezahlt er die Reinigung einer Damenbluse, und jetzt meint er, den Stadtplan verschwinden lassen zu müssen. Der reinste Konsum-Terror. Er kauft eine billige Tasche, für den Stadtplan, zum Umhängen, für die Zukunft. Welche Zukunft?