40    Das war es - zunächst

Gestern abend um 19 Uhr 06 sagte Ferdinand: „Sag mal, wann war eigentlich die Tour?“ „Welche Tour?“ fragte Susanne. „Wir haben doch bei den Kammhubers zwei Tickets geschenkt bekommen.“ „Mei,“ sagt Susanne und fummelt in ihrer Tasche rum, „ich fürchte, das war gestern.“ „Das wär aber schade.“ Sie hat die Tickets gefunden und liest: „Nee, heute, Montag, 28. Oktober.“ „Gibt’s nur zwei Möglichkeiten: Entweder mit einem ungeheuren Satz losspringen oder – wann ist denn das?“ „19 Uhr 30.“ „Also, losspringen oder sausen lassen.“ „Losspringen, Ferdinando, wir können doch nicht 120 Peseten sausen lassen!“ „Waren doch nicht unsere Peseten.“ Susanne fand: „Du bist nicht nett zu meinen Professors.“ „Außerdem schaffen wir das doch gar nicht.“ „Du unterschätzt die Münchner U-Bahn. Ende der Diskussionen. Komm! Und wenn wirs nicht schaffen, gehn wir ein Eis essen.“

Also: die Münchner U-Bahn soll leben, um 19 Uhr 31 waren sie am Hauptbahnhof. Und da stand der Bus noch, schon ziemlich voll, und haufenweise noch Japaner mit Kameras, asiatische Trauben an der vorderen Tür. Da wurden noch Karten gekauft. Aber Susanne hielt ihre Karten hoch und stieg ein, ging an der die Tickets kontrollierenden Stewardess vorbei und suchte weiter hinten einen Platz für sich und Ferdinand. Ferdinand ließ zwei älteren Asia-Ladies den Vortritt. Da packten ihn sehr kräftige Arme von hinten, Jemand stopfte ihm blitzschnell, ehe er überhaupt schreien konnte, einen Chloroformpfropf in den Mund. – oder was das für asiatisches Zeug war. Einer packte ihn am Handgelenk – das war der Griff aus dem Sportcenter in Biesdorf, mit dem er zum Zugucken beim Mord eingeladen wurde, aber er spürte es kaum noch. Kräftige Arme zerrten ihn rückwärts aus dem Bus, griffen seine Beine. Zwei Asiaten fingen im Bus einen sofort heftig eskalierenden Streit an, so dass aller Augen auf sie gerichtet waren, auch die des Fahrers und der Stewardess. Draußen umstellten Asiaten den Vorgang und dichteten ihn ab. Ein Kastenwagen hielt vor dem Bus. In den verfrachtete man Ferdinand, und er sauste ab. Das alles geschah mit einer so lautlosen und wahnsinnig schnellen Präzision, dass außer den Asiaten niemand etwas mitkriegte, und wenn Fetzen des Geschehens anderen zu Bewusstsein gekommen sein mögen – aus den Fetzen ließ sich kein Bild machen.

Susanne war im Bus weit nach hinten gegangen. Wenn sie sich nach Ferdinand umschaute, waren ihr da zwei Asia-Ladies vor der Nase oder die Streitenden. Sie setzte sich auf einen Platz am Gang, die eine Dame wollte auf den Fensterplatz, aber den hielt sie mit Gesten und ein paar Brocken Englisch für Ferdinand frei.

Aber Ferdinand kam nicht. Susanne wurde nervös, schaute immer unruhiger nach vorn. Da war noch ein bisschen Gedrängel im Gang, Leute standen auf, versperrten die Sicht, tauchten Plätze, setzten sich dann wieder. Dann wurde der Diesel angelassen. Da sprang Susanne auf und rief „Ferdinand!“ Sie arbeitete sich unter einigen Mühen zum Fahrer vor. Von Ferdinand keine Spur. Sie schrie: „Ferdinand!“ und guckte in alle Reihen nach hinten. Aber er musste sich doch melden, wenn sie schrie: „Ferdinand!“ Der Fahrer schloss die Tür per Automatic und machte den Winker nach links raus und wollte losfahren. „Halt!“ schrie Susanne, „Ferdinand ist nicht drin!“ Die Stewardess fragte: „Fehlt Jemand?“ „Ja! Mein – äh: Ferdinand! Lassen Sie mich raus.“ „Wir müssen fahren,“ sagte der Fahrer. „Lassen Sie mich raus! Ich fahre nicht alleine mit!“ Der Fahrer betätigte nochmals die Tür. Susanne sprang raus. Sie schaute sich überall um und rief: „Ferdinand!“ Der Bus fuhr ab. Solche Witze zu machen, war eigentlich nicht seine Art.

Ein Mann kann doch nicht mitten in München vom Bahnhofsvorplatz verschwinden. Kann nicht. Aber ist verschwunden. Susanne musste sich tatsächlich die Augen reiben. Was denn? In den Bahnhof gerannt und mit dem nächsten Zug nach Berlin gefahren? Hinterherrennen? Nein! Die Asiaten schossen ihr ins Gehirn, waren unverhältnismäßig viele am Bus herumgestanden. Keiner mehr hier, aber bestimmt nicht alle im Bus. Sie wusste zu wenig von chinesischen Mafiosi. Sollten sie wirklich so – so hervorragend arbeiten? Sie musste sich dagegen wehren, dass ihr nicht die Knie weich wurden. Sie holte ihr Handy aus der Tasche. Aber wen sollte sie anrufen? Zu Hause? Aber selbst wenn er – aus welchen Gründen auch immer – nach Hause zurückgefahren sein sollte, - jetzt wäre er doch noch gar nicht da, dieser handylose Vollidiot, Geldwäscher, Kleinkriminelle! Vollidiot nahm sie sofort zurück.

Die Polizei, Notruf 110, Moment mal! Nein!, nicht Moment mal, sofort, jede Sekunde zählt! Das blanke Entsetzen: Sie kennt nicht einmal Ferdinands Nachnamen, aber ziemlich genau sein lächerliches Vergehen und seine wunderbaren Zärtlichkeiten. Irgendwas von Mitwisserin hat er gefaselt. So ein oberhirnrissiger Quatsch! Als saublöde Folge weiß ich jetzt nicht einmal seinen Namen!

Die Polizei könnte alle Teilnehmer der Busfahrt ‚Munic by night’ einvernehmen. Welch ein Aufwand! Doch wohl nicht zu groß für Ferdinand. Welch wunderbares Erinnerungsereignis für die Ausländer, wenn sie wieder zu Hause sind. Nein! Bloß keinen Presserummel!

Aufnahme einer Vermisstenanzeige. Name? Ferdinand. Und? Nachnamen weiß ich nicht. Wohnhaft? Berlin. Straße, Hausnummer, Postleitzahl? Weiß ich alles nicht. Wo wohnhaft in München? Ja äh – bei mir. Ihr Verhältnis zum angeblich Verschwundenen? Ja äh – Freund, Liebster, Bettgenosse, auch ein bisschen kriminell... Halt! Das geht doch schief! Wenn ich das jetzt einigermaßen ungeschickt anstelle, sitze ich in einer Stunde in Untersuchungshaft: Nichtanzeige einer Straftat von einer, die in Kriminologie promoviert.

Wie Blei fielen ihr die Selbstvorwürfe auf die Seele, dass sie diesen Worst Case einer Entführung durch Asiaten auf die leichte Schulter genommen hatte, dass sie fröhlich mit hocherhobenen Tickets in den Bus stieg, anstatt Ferdinand vorzuschieben und zu beschützen. Ich habe ihn ausgelacht, also nicht direkt ausgelacht, aber doch immer ein bisschen spöttisch auf seine Asiatenphobie reagiert. Und jetzt so eine Antwort in die Fresse kriegen. Berufsuntauglich, Susanne! Moment! Diese asiatische Mafia-Karte ist eine Möglichkeit. Wie könnten andere Möglichkeiten aussehen? Ein Unfall. Ein Unfallopfer verschwindet nicht so lautlos und spurlos. Andere Möglichkeiten? Er ist für immer abgehau-, nicht auszudenken, in des Wortes Bedeutung: nicht auszudenken. Andere Möglichkeiten?

Kammhuber anrufen! Frau sehr nett: Ihr Mann zu einer Tagung nach Berlin abgeflogen. Ach ja, hatte er ja am Nachmittag erzählt. Privatnummer Rechtsanwalt Schöttler. Da meldet sich niemand. Ja, ist ja gut, Schicksal, mach mal so weiter. Irgendeine innere Stimme sagt ihr: Bleib ganz ruhig, tu nichts. Aber wie verlässlich sind innere Stimmen? Und wenn das den sicheren Tod von Ferdinand bedeutet?

Laterales Denken, Seiteneinsteigerdenken. Zu Fuß nach Hause gehen und dabei so abstruses Gewimmel im Gehirn: Ich kann mich mit meinem verschwundenen Ferdinand nicht über das Verschwinden meines Ferdinand beraten. Bei jedem Schritt mit dem linken Bein entsetzliche Angst, die sie fast stürzen lässt. Bei jedem Schritt mit dem rechten Bein völlig unerklärliche Sicherheit, dass Nichtstun Segen bringt. Im Gehen zu Hause anrufen: „Schaut ihr mal bitte nach, ob Ferdinand in meinem Zimmer ist?“ „Ja, warte.“ Wie lange das dauert! So weit weg ist doch mein Zimmer nicht. Naja, Schlüssel suchen, Hin- und Rückweg, aber – „Nicht? Danke. Tschüs.“ Wofür sich denn bedanken? Ach ja, bei der Mutter, die nachgeschaut hat.

Ich möchte mich auflösen, eine von diesen Abendwolken im letzten Dämmerlicht sein. Grenze zum Selbstmord nicht weit? Ja, nicht weit. Nein, ich muss wissen, wo Ferdinand ist, ihn suchen, und wenns ein Jahr dauert. Die Treppen rauf im Altbau Sebaldusstraße 6, - das war das Schlimmste.

Die winzige Hoffnung, er könnte inzwischen doch zu Hause auf sie warten, zerstob in Nichts. Das Gespräch mit den Eltern? Sie waren so rührend bemüht, ihr zu helfen, aber so sternenweit davon entfernt, es tun zu können. Sie kannten ja den lächerlichen Kriminalfall Ferdinand kaum. Und Susanne fühlte sich völlig außerstande, diese Banker-Hotzenplotziade jetzt zu repetieren. Und keine Antwort wissen auf die dauernd wiederholte Frage: „Was willst du denn jetzt machen?“ Der Vater war für die Polizei, wenig später dagegen, die Mutter blieb sehr still, was Susanne gut tat: „Siebzig Küsse haben wir nicht geküsst, mindestens siebzig, vielleicht hundert, ja, eher hundert. Die Zeit schlecht genutzt, als hätten wir genug davon...“ Ein heftiger Heulsturz folgte. Von Schöttler, der ihr die wichtigste Adresse schien, sprach sie noch gar nicht.

„Piep-piep,“ machte das Telefönchen, nicht die Klingel, eine SMS: ‚Mache kein Aufhebens. Ich lebe. Auf Wiedersehen. Ferdinand. Sofort ohne Rest löschen.‘ Susanne heulte laut auf. Welch eine allererste Erleichterung, die sie auch die Eltern lesen ließ. „Damit,“ sagte Susanne, „werde ich ein wenig schlafen können.“ Sie konnte gar nicht anders, als das Telefönchen an ihr Herz drücken: „Gute Nacht.“ „Gute Nacht,“ sagte die Mutter, „mit deinen Eltern und trotz allem.“ „Gute Nacht,“ brummte der Vater.

Susanne lag im Bett und küsste das Handy. Am liebsten hätte sie es verschlungen, sich einverleibt. Aber mit einem Ruck setzte sie sich auf und betätigte die Löschtastaturen.

An einem Morgen nicht lange danach wacht Susanne auf und ist entschlossen, Ferdinand zu suchen und zu finden. Eine auf Anhieb schier unlösbare Aufgabe. Nicht mehr, wie in den vergangenen Nächten in eine solche bodenlose Leere hinein aufwachen, - dass ihr Herz das überhaupt ausgehalten hat. Morgen hat sie einen Termin bei Rechtsanwalt Schöttler. Der war in Urlaub gewesen. Sie hat es gewagt, die Polizei nicht einzuschalten. Heute will sie noch Kraft tanken. Da gibt es nur eine Tankstelle: die Ludwigstraße.

Es regnet. Susanne fährt mit der U-Bahn bis zum Odeonsplatz, geht rauf und spannt den Schirm auf. Die Liebes-Ampel, wo er sie auf dem Fahrrad schachmatt setzte, wo sie ihm die ersten Zifferblatt-Küsse verpasste, der Kandelaber... Und dann, nimm dein Herz fest in deine Hände, Susanne, das Bayerische Geheime Staatsarchiv, wo eine Inschrift steht, die nur dir gilt unter allen Münchnern, unter allen Menschen auf der ganzen Welt: ‚Du hast mir die Stadt belebt.’ Der Anlass zum Schreiben bleibt Liebe.

Ende des ersten Romans. Ein zweiter folgt im Netz, 30 Folgen, beginnend am 20. November 2004. Bis Dann. Bleib mir gewogen, geneigter Leser.