5    Übermorgen ist Donnerstag

Gestern abend also mit Frau Kammhuber zu Herrn Kammhuber gefahren. Sie hatte die gereinigte Bluse an und einen weißen Rock. Die meisten Frauen fahren sehr gut Auto, aber wenn sie mal schlecht fahren, dann fahren sie sehr schlecht, entschieden schlechter, als wenn Männer schlecht fahren. Schlecht. Ich muss nachschlagen, wo denn dieses merkwürdige Wort herstammt. Schlecht - dreimal langsam genüsslich aussprechen, bestimmt ein Zungenbrecher für die meisten Nichtdeutsch-sprachigen. Also, nachgeschlagen: war ursprünglich schlicht, und das war irgendsowas wie krumm, im Gegensatz zu gerade. Ach nee, was lese ich denn da, als ich zu ‚schlecht‘ auch noch ‚böse‘ nachschlage: dass böse vielleicht was mit Busen zu tun hat, war ursprünglich was Aufgeblähtes, dann über prahlerisch zur Bedeutung gering, wertlos. Das Moralische erst viel später. Naja, ziemlich Macho: Busenbösegeringwertigaufgeblähtprahlerisch.

Halten wir uns an Ferdinand. Angstschweiß wäre zu viel gesagt, aber er war schon froh, als Frau Kammhuber schließlich in der Nähe vom Flaucher parkte. Dann gingen sie im vorletzten Licht des Tages durch eine Allee zum Treffpunkt der Penner, sie im hellen Gewand voraus, Ferdinand etwas hinterher. Herr Professor Kammhuber hatte gerade die Pulle an die Kehle gesetzt und brach im Anblick seiner weißen Frau fassungslos ab. Er überließ die Flasche einem Kumpel und ging zu ihr, stammelte immer nur „Grete, Grete, Grete...“ Sie drehte sich um, und in der Drehung bot sie ihm den Arm, und sie gingen im letzten Tageslicht Arm in Arm zum Parkplatz. Die Sonne macht sich ja rar in diesem September in München. Aber dieses Pärchen - Möchte Alleskieker immer Päärchen schreiben, aber Onkel Duden erlaubts nicht -, dieses Pärchen bekam drei oder vier der seltenen Sonnenstrahlen ab, sah schön und anrührend aus, wie sie da heimgingen. Heim, - kein Wort für Ferdinands Gemüte. Von den Weggehenden kein Blick, kein bisschen Zuwendung für Ferdinand, dem für seine wunderbaren Kupplerdienste doch wenigstens zehn Cents gebührt hätten.

Heute Morgen hämmerte es dauernd durch sein Gehirn: Übermorgen ist Donnerstag, übermorgen ist Donnerstag, übermorgen ist Donnerstag, übermorgen – Na und? Na und? Na und? Na – heute ist erstmal Dienstag. Punkt. Das wird hoffentlich keine Psychose. Für den nichtprofessionellen Flüchtling der reine Horror, was sich da gleich in seiner Vorstellung aufbläht: Krank und immer kränker, Zusammenbruch am Flussbett der Isar, mit Blaulicht in die Psychiatrie, Klinik, Reha in einem voralpinen Sanatorium mit Blick auf den Watzmann, Identität längst bekannt, Polizei vernimmt ihn am Krankenbett, er kommt in die Tagesschau, Susanne fliegt aus Berlin ein, großer Prozess in Vorbereitung – gibt gar nicht genug DreiPunkte, die man dahinter setzen kann... ... ...

Die tägliche Lektüre einer Berliner Zeitung bringt nicht die geringsten Informationen über seine Mafia. Seine? Nun ja, sie hielt ihn in München gefangen. Gibt das Wort Verjähren, klingt nach lange, lange, lange. Vermonaten gibts nicht, Verwochen auch nicht, Vertagen. Das gibts, heißt aber was ganz anderes. Wie lang ein Tag ist. Ferdinand war reich an Zeit, diese rätselhafte Sache, von der die meisten Leute sagen, sie hätten keine. Die netteren Leute sagen: sie hätten zu wenig Zeit. Die Klugscheißer sagen: Du nimmst dir keine. Und die Weisen sagen: Alle haben die gleiche Menge Zeit, kommt darauf an, wofür man sie ausgibt und wie. Naja.

Mit sich ins Gericht gehen, Anklagepunkt Susanne. Nein, es ging doch in Sachen Susanne in Berlin gar nicht um Gerichtsprozesse. Er wollte alles gut und richtig machen und wusste doch, dass in der kleinen Hölle mit Susanne nichts gut und richtig zu machen war. All die guten Vorsätze, die so irrwitzig schnell abbröckeln, bis die Seele ganz leer wird. Sein Kind, sein Embryo, die Abwehr gegen dessen Mutter Susanne, das Verbrechen, das doch eigentlich gar keines war, die Flucht. Diese schreckliche Ansammlung von Schlägen, die einem das Schicksal da über die Rübe gezogen hat. Frau Professor Kammhuber wusste gar nicht, dass Rübe im preußischen Norden für Schädel steht.

Susanne I ist Azubi in der Filiale, in der auch Ferdinand arbeitet, ein armes Würstchen, Mobbing-Opfer immer wieder. Eines Tages sterben ihre beiden Eltern bei einem Autounfall. Ist jetzt etwas weniger als zwei Jahre her. Der Filialleiter bittet Ferdinand, im Namen der Bank auf die Beerdigung zu gehen. Eine schreckliche Beerdigung mit ganz wenigen Leuten. Das Wort Anteilnahme stand nicht über dem Himmel dieses Friedhofs. Plötzlich steht Susanne völlig allein auf dem großen Gräberfeld. Da kann Ferdinand nicht Tschüs sagen, er geht mit ihr in die elterliche Wohnung. Da kann er erst recht nicht Tschüs sagen. Er bleibt in der Wohnung, entjungfert sie wohl gar, Ferdinand kennt sich damit nicht so genau aus. Dann wohnen sie ungefähr knapp zwei Jahre zusammen.

Dann: am Abend, bevor er flüchten muss, sagt sie ihm, im Dunkeln, ganz leise, dass sie missbraucht worden sei, von ihrem Onkel, der damals auf der Beerdigung war. Vom 8. bis zum 13. Lebensjahr. Nun versteht Ferdinand sie besser, nun weiß er, warum sie stumpf ist und manchmal ganz dumpf. Ein sehr gewichtiger Grund, bei ihr zu bleiben.

Und dann sagt einer am Telefon „Verpiss dich“, und Ferdinand fährt weg, keine sechs Stunden, nachdem Susanne ihre ganze Not ausgestülpt hat, manchmal so leise, dass er sie kaum verstehen konnte. Wie soll er da unbeschwert an diesem sehr verregneten Dienstag durchs Tal zum Isartor marschieren. Und jetzt kommt das Verrückte: Er hat in diesen ersten Tagen seines nassen Münchner Herbstes immer wieder Stunden großer Unbeschwertheit, die ihn selbst sehr erstaunen und ihm kurz darauf das Gewissen belasten. Er investiert sogar 1,99 Euro ins Unbeschwerte: Eintrittspreis fürs Valentin-Musäum, geöffnet von 11 Uhr 01 bis 17 Uhr 29 und lacht über die Ofenschüssel aus blau-weißem Email, gefüllt mit Wasser, was als Schnee vom letzten Winter deklariert ist. Diese herrliche Schneeplastik ist leider geschmolzen‘, steht da. Da hüpft er von Lachen zu Lachen, und plötzlich bricht er ganz tief ein, ins Eis, im September, bloß, weil er nicht im geringsten eine Antwort weiß auf die Frage: Wo gehöre ich hin? Aber in der Kneipe da oben vergeht das schnell. Die ist herrlich! Da sitzt er länger als zwei Stunden. Und betrachtet die Touristen, alle mit Schirm, die ja genaugenommen eine spezielle Rasse sind, zehn Meter gegen den Wind zu erkennen.

Erst, als er wieder draußen im Regen ist, denkt er wieder ernsthaft an seine Mafia, und fragt noch einmal: Seine? Die Anfänge sind so harmlos und liegen so weit zurück: Ein Chinese um die Vierzig hat da ein laufendes Konto, auf das er von Zeit zu Zeit immer wieder größere DM-Beträge einzahlt, viele Scheine zu 20 Mark und zu 50 Mark. Manchmal zahlt er auch nicht ein, sondern wechselt in größere Scheine. Er zeigt Ferdinand den ostasiatischen Folklore-Schmuck, mit dem er und seine vielen Kumpels das Geld verdienen. Schöner Schmuck, mal hat er was für Susanne gekauft. Als die Umstellung auf Euro näherrückt, werden die Pausen zwischen den Einzahlungen immer kürzer. Aber es sind nie mehr als die zugelassenen 30.000 Mark. Ferdinand überlegt, ob er den Filialleiter informieren soll. Er tut es nicht, weil sich ja bis dato alles im legalen Bereich abspielt, manchmal hart am Rande, im Grenzbereich.

Und immer öfter erzählt der Chinese von seinem asiatischen Sportclub, Ferdinand solle doch mal mitkommen: Ballspiele, Bogenschießen, Kick-Boxing, erstmal alles gratis zur Einführung. Ferdinand geht schließlich mal mit – es war im vergangenen Februar, als die D-Mark noch Zahlungsmittel war -, und die Lage irgendwo in Biesdorf, in einem vergammelten Hinterhof, und die fremde Atmosphäre sind ihm gar nicht geheuer. Der Club selbst ordentlich und sauber. Fast nur Asiaten, ihre völlig unverständliche Sprache. Er schießt zwei Pfeile auf asiatische Scheiben und gammelt etwas rum, will bald wieder gehen. Bei der Verabschiedung gibt ihm sein Bankkunde einen Umschlag mit 300.000 Mark, nein, keine Quittung, Vertrauen gegen Vertrauen, nur die herzliche Bitte: Morgen Euro, in bar, hierher bringen. Und natürlich Provision für Ferdinand, 4%, die kann er gleich einbehalten.

Ferdinand. Und nun? Er hat das Geld genommen, statt es zurückzuweisen. Er hätte zur Polizei gehen und sich der Rache dieser Asiaten aussetzen können. Nein. 300.000 bar, das ist auch für seine Filiale eine verdammt hohe Summe. Ferdinand geht nochmal in die Filiale und – ja: macht sich schuldig im Sinne des Strafgesetzbuches. Auf allem Gedruckten stehen automatisch Datum und Uhrzeit, er verbucht Geld auf den Konten armer Schlucker, auf denen sich selten was bewegt, er sorgt vor, dass er das, was Niemand wissen muss, wieder löschen kann, und mit einigen etwas fragwürdigen Unterschriften und Knopfdrücken hat er den Deal schließlich geschafft. Ein paar Fußangeln stecken da natürlich drin, hoffentlich kucken manche Leute nicht so genau hin. Er hat das Glück, dass die Kollegin an der Kasse in Urlaub gegangen ist und wer anderer an diesem Morgen die Kasse übernimmt. Er wundert sich über seine kriminelle Energie.

Die Schaufenster des großen Pelzhauses am Isartorplatz studiert er genau. Er hatte sich, noch in Berlin, vorgenommen, seiner Susanne einen Pelzmantel zu schenken oder so einen Ledermantel mit dem gewachsenen Innenfutter. An der Kinofülle Maxx mit dem albernen Doppel-x vorbei, sieben Kinos in einem Haus, ‚About a boy‘, den Hugh Grant kann er schon lange gut leiden. Kino sollte schon mal möglich sein. Heute nicht. Am Deutschen Museum, also an der nächsten Kinofülle vorbei, ‚Acht Frauen‘, nein, danke, mir genügt die eine mit den ganzen Problemen. Was mögen diese acht Frauen mit dem Deutschen Museum zu tun haben? Über die Museumsinsel also, die beiden Isararme, der schöne Riesenkristall des Gasteig und immer weiter. So entdeckt er den Ostbahnhof, kleiner als der Hauptbahnhof, aber doch auch komfortabel. Ein wenig intimer, nicht dieser riesige Kellerbereich wie unter dem Hauptbahnhof. Ferdinand empfindet: weniger gefährlich für ihn, was ja wohl bei genauerem Hinsehen ziemlicher Quatsch ist. Sollte er in München wirklich bedrohlich observiert worden sein, wäre er vermutlich gar nicht mehr am Leben. Er ist am Leben, wird also doch wohl nicht beschattet. Und da drüben, da hinten fährt jeden Abend der Autoreisezug nach Berlin. Er überprüft noch die Duschmöglichkeiten im Ostbahnhof: Keine.