|
6 Gestern abend ist es passiert Mir Alleskieker ist ein bisschen feierlich zumute: Es ist der Abend der ersten Begegnung von Ferdinand und Susanne II, vom Stehen an der Ampel abgesehen. Ferdinand ging gestern gegen Abend eine Straße lang, die er noch nicht kannte. Schon von weitem sah er aus einem Laden helles Licht auf das Pflaster fallen. Eine Galerie, Eröffnung einer Ausstellung, viele Leute stehen rum, plaudern und kucken Bilder an, Sektgläser in Händen und Käsehäppchen an Zahnstochern. Stimmengewirr drang durch die offene Tür, Lachen, angenehm. Ferdinand ging rein, bekam sofort ein Glas Sekt angeboten, konnte sich mit Käsehäppchen den etwas leeren Magen füllen und Bilder kucken. Aber die interessierten ihn nicht besonders. Was ihn interessierte, war eine junge Frau, ziemlich groß, blond, schön, in schwarz, was er nur bedingt leiden kann, weil es die Figur, den shape verbirgt. Einmal stand sie so unter einem Halogen-Strahler, dass ihm der schöne Hintern auffiel. Und er dachte: So einen Hintern mit nach Hause nehmen, das wär doch was. Aber die Wirklichkeit holte ihn natürlich sofort ein: Nach Hause? In die Isarauen zu den Schnapsbrüdern! Doch wohl nicht. Obwohl: wenn sie ihn so richtig lieben würde, ginge sie am Ende auch mit ihm ins Flaucher-Bett. Ferdinand Flüchtling, lass dich zur Ordnung rufen! Schon gut, ab in die Herbstnacht. Und dann von draußen doch noch drei bis fünf Blicke auf die schöne Frau. Geneigter Leser weiß natürlich, dass er Susanne ins Auge gefasst hat. Leser soll auch wissen, dass sie ihrerseits ihn ausgespäht hat. Es gammelte da ziemlich viel Schicki-Micki rum, doch auch recht ansehnliche Männer. Nein, dieser junge Mann wars. Ihr erotischer Instinkt war durch Carlos, der doch wohl Karl hieß, und viele andere inzwischen so geschärft, dass sie auf alles flog, was Fürsorge verhieß, Geborgenheit. Ihr erster Blick rutschte nicht auf seine Hüften und die Aspekte ihrer Beweglichkeit, - sie suchte seine Augen, und die weckten Sehnsucht nach Liebe, so richtiger dicker, knuddeliger Liebe. Schon gut, Mädchen, da liegst du bei Ferdinand ja gar nicht so schief. Nicht doch gleich bei ihm liegen. Sie hat sein Weggehen gar nicht bemerkt. Schade. Ein kleiner Tropfen Herzblut ist in Schwingung geraten, flirrt, flattert, beruhigt sich. Ferdinand hat ein neues Schlafzimmer gefunden. Bei einem Gasthaus in Flauchernähe steht da draußen so eine Bude, ein Ausschank für die Biergartenzeit. Da zapfen sie tagsüber Bier vom Fass, im Sommer und im Herbst, solange die Witterung Draußen-Bier zulässt. Nachts schiebt Ferdinand da zwei Holzbänke rein. Das solide Dach über dem Kopf schützt ein bisschen besser gegen die Morgenfeuchtigkeit als das Kioskdächlein, gegen den lausigen Dauerregen sowieso. Schützt nicht vor brummigen Gedanken über die Zukunft: Wenn der Schnee meterhoch liegt, kann er hier nicht mehr schlafen. Von den Spuren seiner Schuhsohlen im Schnee zu schweigen. Und wenn ‚meterhoch‘ eine Übertreibung sein sollte – heute ist der 25. September - lange geht das nicht mehr. Die Meteorologen lassen den Schnee derzeit schon bis 700 Meter runter rieseln. Die Kälte hat ihn aufgeweckt. Und rieseln tut der Schnee gar nicht, der flatscht nassschwer runter und kippt Bäume, die auf Straßen und Schienen fallen. Bei der schönen jungen Frau liegen, mit der er Bilder gekuckt hat. Hat sie ihm diesen Morgenständer angehext? Eins der Sektgläser von gestern abend würde er damit glatt sprengen. Naja, etwas zweifelhafte Vorstellung: Erektion mit Scherben. O Ferdinand, versuche doch, auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben: Susanne in Berlin, allein in der Wohnung, schwanger, bedroht von Polizei und Asiaten, und er in dieser schrecklichen, glücklichen Hilflosigkeit. Wie könnte eine Normalisierung aussehen, irgendein Ende? Die Polizei könnte ihn suchen, weil er Geld gewaschen hat und weil er einen Mord mitangesehen hat, die asiatische Mafia könnte ihn suchen, weil er einen Mord mitangesehen hat, und weil er sie mit den 950.000 Deutsche Mark sitzengelassen hat. Der Reihe nach: Die Euro, 15.338,76 waren es genau, hat er am nächsten Tag in den Sportclub gebracht, seine Provision von 613 Euro hat er behalten, eindeutig: Straftatbestand eines kleinen Fisches. In dem Club gings sehr hektisch zu. Verdammt: nicht einen Hauch dessen, was die Asiaten in ihrer Sprache rasend schnell durcheinander redeten, hat er verstanden. Er war auf seinen Kunden angewiesen, der ihn einiges wissen ließ, aber bestimmt nicht alles. Ferdinand erklärte lachend, er spreche recht gut Spanisch, aber das asiatische Gefiepe sei ihm doch vollkommen fremd. Es hatte den Anschein, als sei sein Kunde ein Anführer. Die Konkurrenz, so erfuhr er, sei groß, zu viele Landsleute, die verdienen wollen. Und die Geschäfte gehen gar nicht gut. Da war noch ein Berliner, der redete ganz offen von Zigaretten-Mafia, Schutzgelderpressung, Drogen und Autoklau in sehr hart konkurrierenden Gruppen. „Ostasiatischer Folklore-Schmuck? Mach dich nicht lächerlich!“ Nun weiß Ferdinand also Bescheid. Er will sich schnellstens verdrücken. Aber sein Bankkunde zwingt ihn mit einem sehr festen Griff am Handgelenk auf einen Stuhl. Im Ring findet ein Kick-Boxen statt. Das muss Ferdinand nun ansehen. Sport soll das sein? Er hat große Zweifel. Die Sprache versteht er nicht, aber die Augensprache der beiden Kämpfer kommt ihm äußerst brutal vor, die Kampfesweise auch, von deren Regeln er keine Ahnung hat. Da! Ein Handkantenschlag seines Kunden auf die Halsschlagader haut den Gegner von den Beinen, von dem nur noch ein sehr klägliches Röcheln zu vernehmen ist, dann ist es totenstill im ganzen Raum. Aber die Blicke jagen hin und her. Ein Mann erklärt den Schläger zum Sieger. Jemand kümmert sich um den Liegenden, fühlt den Puls, legt das Ohr auf seine Brust, macht die Augenprobe mit den Lidern. Tot, kein Zweifel. Dann bricht wieder das Gerede und Geschrei aus. Ferdinand kann entkommen. Er fürchtet, dass seinem Chinesen daran lag, dass er das mitansehen sollte. Und dass es schreckliche Folgen für ihn haben könnte: Geldwäsche, und einen Mord mitangesehen und keinen Ton gesagt. Er geht zu seinem Chef und erzählt ihm Alles, seine eigene Straffälligkeit nicht auslassend. Der Chef hört sich das bewundernswert ruhig an. Dann sagt er: „Wir können auf verschiedene Weise reagieren. Ich sage Ihnen die meiner Meinung nach beste Lösung: Ich weiß von nichts. Alles, was Sie mir erzählt haben, habe ich nicht gehört, kein Buchstabe Schriftliches. Der Bank ist kein finanzieller Schaden entstanden, der Filiale auch nicht. Wir warten ab, sollte sich die Polizei einschalten, haben Sie immer noch Zeit zu reagieren, dann reden wir neu. Nur eins: Sie müssen Alles auf sich nehmen, ich habe nicht den blassesten Schimmer. Ich hoffe, Sie realisieren, wie viel Vertrauen ich da in Sie investiere. Wenn der Tote illegal hier war, kräht kein Hahn nach ihm, den kann man zersägen und verscharren oder im Teltow-Kanal entsorgen. Sollte wirklich wer fragen, dann heißt es: der junge Mann sei nach Hause zurück. Klingt wie Horror, ich weiß, - es ist Horror. Noch was: Das kann sich im Sande verlaufen. Die meisten Schwierigkeiten verlaufen im Sande, auch wenn sie mit Horror garniert sind. Worüber haben wir gesprochen?“ „Über die Bilanz der Filiale im ersten und zweiten Quartal 2002.“ „Wir verstehen uns. Ich wünsche Ihnen alles Gute.“ Und siehe da!: der Filialleiter schien recht zu behalten. Alles blieb ruhig, kein Asiat ließ sich blicken, keine Geldwäschewünsche, keine Erpressungsversuche. Ferdinand wars recht, Tage, Wochen, Monate hinterm Schalter, als wenn nichts gewesen wäre. Ferdinand ist heute aufs Oktoberfest geraten, nein: er ist schon mit einiger Absichtlichkeit hingegangen, dem Sog folgend, den die Massen vom Hauptbahnhof aus wie Herdenvieh zur Wiesn treiben. Ein schönes Fest, weltberühmt, wie Ferdinand weiß, derzeit in ziemlicher Wettermisere. Beim Eingang – gibt ja eigentlich gar keinen Eingang – steht einer mit einer Drehorgel. Wenn ich so eine Drehorgel hätte, denkt Ferdinand, könnte ich mich da einfach hinstellen und drehen und spielen und Münzen sammeln. Naja, irgendeine Lizenz wird man schon brauchen. Vor dem Hofbräuhaus-Zelt kann man Bio-Feinkost kaufen. Wirkt etwas widersprüchlich auf Ferdinand, Bier und Körnerfrühstück. Er geht ins Zelt und landet in einer Kathedrale mit Menschenmassen, großem Leuchter, also Lichterkranz, Musi, der Dirigent hat was von einem Priester. Hier hat das schlechte Wetter keinen Eintritt. Es ist rammelvoll. Und die weltberühmten Kellnerinnen mit den wahnsinnig vielen Maßkrügen in beiden Händen. Eine beobachtet Ferdinand, die ist schon ganz schön alt, hat vier volle Krüge in der einen Hand, die sie mit der anderen Hand abstützt. Ferdinand unterstellt, dass sie jeden Abend zu Hause flucht über die Strapazen, die wehen Füße, sich fragt, ob sie sich das noch antun müsse: Und wäre doch todunglücklich, wenn sie das nicht mehr hätte, auch wenns schon lange keine Gaudi mehr ist. Dauernd spekuliert sie über die herrliche Zeit nach der Wiesn, was sie da alles anstellen wird... Ein feister Bayer im Trachtenkostüm zerrt den verwundert schlendernden Ferdinand auf die Bank neben sich, schiebt ihm eine frische Maß zu und sagt feingesittet: „Wohl bekomms.“ Ferdinand muss trinken. Und es schmeckt sehr gut. Ohrenbetäubend ist der Lärm im Zelt. Was sein Bierspendierer alles zu ihm sagt, versteht er kaum. Aber das stört den gar nicht. „Nordlicht“ sagt er zu ihm. Wie er das nur merkt. Ein ganzer Liter Bier, mein lieber Ferdinand, der will getrunken werden. Und als er schließlich den leeren Maßkrug abstellt, sagt der Feiste gönnerhaft: „Derfst gehn, Bua! Bist a Langweiler.“ Ferdinand ist eher erleichtert als gekränkt. Er bestaunt die Achterbahnen und fragt sich, wie es einem ergeht, der mit einer Maß Bier im Magen diese Loopings fährt. Ziemlich sicher ist das auch eine große Kotz-Wiese. Andrerseits ist es auch ein Fest für die Nase: Viel Bratfett, nicht das schlechteste, wohlig in der Nase, Steckerlfisch, Rostbratwürstl, Düfte von Gebrannten Mandeln, Zuckerwatte, Bonbons und Maroni. Duft von Maroni? Nein: Holzkohlenfeuer. |