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7 Ferdinand hat eine neue Wohnung Beim Zirkus ist er gelandet. Nein, nicht im großen Zirkus Krone, so ein kleiner Wanderzirkus am östlichen Stadtrand. Es war nicht schwer, in die Stallungen zu gelangen, und in einer Nische – dieses Wort, das ich Alleskieker immer Niesche schreiben möchte, aber Onkel Duden erlaubt es nicht – hat er sich zusammengerollt. Es roch nach Pferd, es stank zuweilen nach Pferdepisse, insgesamt eine Nacht mit viel schnaufigem Leben, mit mancherlei Geräuschen, alle von Lebewesen herrührend, nicht von Motorrädern. Und es war angenehm warm, ein Segen bei diesem Wetter. Aber Frühaufsteher musste er bleiben. Keinerlei Schwierigkeiten, sich morgens zu verdrücken. Wiedersehn bis heute abend. Mantel bei diesem Wetter nicht mehr ins Schließfach, der Lammfellkragen ist nicht mehr auffällig. Heute kauft er mal die Süddeutsche Zeitung. Heute mit der dicken Wochenbeilage SZ-EXTRA, die Veranstaltungen von Donnerstag bis Mittwoch nächster Woche. Im Tambosi blätternd staunt er über die Fülle von Angeboten. Gibts nicht in Berlin. Gibts sicher in Berlin. Aber er kümmert sich nicht darum, sondern geht in ein asiatisches Sportcenter in Biesdorf. ‚Kultur und Freizeit in München und im Umland vom 26. September bis 2. Oktober 2002‘. Mensch, in der Stadt lebst du nun. Naja leben, - Schlafen mit den Rössern, Badezimmer im Bahnhof, Wohnzimmer riesig: die ganze Stadt, Frühstückszimmer Tambosi am Hofgarten. Seite 4, prima Kolumne: ‚Neu in Galerien‘. Wo gibts die nächsten Käsehäppchen? Könnte sein, dass auch Susanne zu nämlicher Stunde die SZ-EXTRA sondiert. Vernissagen morgen und übermorgen. Sie würde so wahnsinnig gern Carlos mal mitnehmen. Aber so schnell wie der auf stur schaltet, kann die Kriminologin gar nicht kombinieren. Das geht nun schon fast zwei Monate. Nach der ersten Disco eine zweite, da zahlt er, eine dritte. Dann kommt er zur Sache: „Ich würde dich ja gerne mal zu mir raufnehmen, aber ich hab da zwei Kumpels in der Bude – Wie wohnst du denn?“ „Bei meinen Eltern.“ „Ach du Scheiß!“ „Meine Eltern sind sehr nett.“ „Naja, aber – muss ich denen Händchen geben?“ „Musst du nicht. Aber warum kannst du nicht?“ „Hallo ist alles, was ich rauskriege. Kein bisschen Anstand.“ „Hast mich doch unter deine warme Jacke genommen.“ „Das war doch kein Anstand.“ Susanne ist noch in der mutigen Phase: „Nein, Liebe. Ich habe ein wunderbar isoliertes Zimmer, sturmfrei vom Feinsten.“ Er grinst breit: „Gehn wir zu dir.“ Sein Grinsen sagt: ‚Die habe ich sicher. Das mit der Liebe treibe ich ihr schon aus.‘ Susanne liest nichts dergleichen in dem Grinsen. Sie ist in der dümmsten Phase sehr vieler Frauenlieben: ‚Der Junge wird mein Sohn, den erzieh ich mir.‘ Kleines Abendessen mit den Eltern. Ging sehr gut, keinerlei Misstöne. Susanne hat ein Zimmer ganz separat, ein paar Stufen höher, man muss übers Treppenhaus. Eventuelle Peinlichkeiten des Anfangs ließ er gar nicht aufkommen: „Jetzt bitte keine Vorzicken. Weißt ja, was sich darauf reimt.“ Der wird dein Sohn? Den erziehst du dir? Susanne fands dennoch schön. Alleskieker ist Mann und hat genau da größte Verstehensschwierigkeiten. Kein Zweifel: Alleskieker kann Carlos, der Karl heißt, nicht leiden. Las neulich, dass Frauen in ihrer fruchtbaren Phase vor dem Eisprung auf solche Typen fliegen, danach wackeln sie wieder ganz schnell zu den Verlässlichen. Die Eltern haben nichts dagegen, wenn die Tochter Männer anschleppt und mit ihnen schläft: „Wir sind moderne Eltern.“ Manchmal fragt sich Susanne, ob diese Freiheiten wirklich so dringlich waren. Wahrscheinlich ja. Man muss damit umgehen können. Das ist so ein Satz. Da husten Vernunft und antiautoritäre Erziehung um die Wette. Wie wärs mit anderer Elternliebe? Wahrscheinlich viel schlimmer. Sie hat Astrid Lindgrens DAS ENTSCHWUNDENE LAND gelesen. Da wars viel besser. 1888 haben Astrids Eltern einander kennen gelernt, der Vater 13, die Mutter 9 Jahre alt, 1905, 17 Jahre später haben sie geheiratet. Aber die über hundert Kalender seit damals lassen sich nicht zurückblättern. Die nächsten Wochen gings eigentlich ganz gut. Nein, es ging nur gut, weil Susanne alle Ansprüche zurückschraubte und wartete. Den erzieh ich mir. Von wegen. Alle Versuche der Einflussnahme prallten an ihm ab. Langsam reduzierte sich die Beziehung auf Sex, Sex und nichts sonst. Leben ohne Sex macht Hunger, ohne Liebe Durst. Durst ist schlimmer. Sie freute sich auf die Vernissage morgen abend. Die Hoffnung, Carlos mitnehmen zu können, gab sie jetzt schon auf. Ferdinand lässt die ausgelesene Süddeutsche im Tambosi liegen. SZ-EXTRA steckt er in die Tasche. Und macht sich auf den Weg. Wohin? Er hat Phasen, die fühlen sich an wie Depression, Trübsinn. An seinem Bankschalter war immer was los. Mit einem Mal in der großen Stadt ist nichts mehr los. Latschen, Würstchen kaufen, Cappuccino bestellen, Frau Professor Kammhuber eins über die Rübe ziehen wollen – das sind doch alles nur Splitter und Fetzen im Vergleich zum verlorenen Beruf. Verlorener Beruf?, - das klingt sehr zum Erschrecken. Susanne in Berlin anrufen. Nein, sie weiß ja damit gar nicht umzugehen. Die Polizei in Berlin anrufen und fragen: „Sucht ihr mich?“ Blödsinnige Gedanken des nichtkriminellen Kriminellen. Große nachträgliche Freude, dass er sich am Fluchtmorgen die Taschen mit Geld gefüllt hat. Entdeckung des Englischen Gartens in einer Trockenphase des heutigen Wetters. Ferdinand amüsiert der Gedanke, dass ein Gehilfe Petrus‘ versehentlich statt den Knopf ‚Herbst‘ zu drücken, den Knopf ‚Winter‘ gedrückt hat. Ein sehr hübsches kleines Mädchen mit einem viel zu großen Ball möchte mit ihm spielen. Ferdinand lässt sich einfangen, spielt, Handball, Fußball. Fußball spielt er ganz gut. Die Kleine quiekt vor Vergnügen. Die Mutter gefällt ihm. Derzeit gefallen ihm alle Frauen, nein: nicht alle. Sie fragt: „Sie haben keine Kinder?“ „Nein.“ Fast hätte er hinzugefügt: Noch nicht. Die Mutter lächelt sehr schön und sagt: „Noch nicht.“ „So ist es. Bei dem Wetter im Englischen Garten?“ „Sie doch auch. Meine süße Carmen muss an die Luft, auch bei solchem Wetter.“ Schönes Gespräch oder? Naja, so doll nun auch wieder nicht. „Ich muss leider weiter.“ Die kleine Lüge - aber ja wohl nicht besonders schlimm: Er muss doch gar nicht weiter. Bei der Familie eines Freundes hieß das ‚weiße Lüge‘. Bei den Amerikanern sang Dick Haymes ‚Those little white lies‘. Ich bin werdender Vater, - ich kann mich drehen und wenden, wie ich will. Ich kann die Verantwortung in Berlin nicht in den Englischen Garten in München kippen. Immer öfter taucht jetzt die Überlegung in ihm auf: Zurück nach Berlin, so eine Geldwäsche kann den Kopf nicht kosten. Aber der Handkantenschlag eines Chinesen auf seine Halsschlagader? Manchmal fehlt ihm Berlin, da hat er regelrecht Sehnsucht nach dem Müggelsee. Er war seit vielen Jahren nicht mehr am Müggelsee. Aber jetzt will er hin. Tatsache ist, dass er nicht den geringsten Kontakt mit der Berliner Polizei hatte. Warum nicht hin und alles gestehen, um Schutz gegen die Asiaten bitten? Auf sowas würde es wohl hinauslaufen. Wann? „Verpiss dich schleunigst. Du bist in Lebensgefahr. Hau ab! Sofort!“ Ferdinand hats genau im Ohr und verzieht schmerzlich das Gesicht. Das war haarscharf an einem bösen Unfall vorbei. Er wollte über diese ovale Straße auf die Inneninsel beim benzinumtosten Friedensengel. Da zischt der Verkehr ganz schön rum. Aber deutlich Ampel-Phasen mit den Pausen im Verkehrsquirl. So eine Phase wartet Ferdinand ab und geht rüber, ohne zu kucken, ob da vielleicht noch ein Nachzügler kommt, einer von den sogenannten sportlichen Fahrern, meist in schnittigen Cabriolets, die noch bei Rot rüberwischen. So einer kam und hätte ihn fast auf die Hörner genommen. Ferdinand sprang in die Sicherheit, das Schlimmste war das Geräusch der Bremsen. Aufhören mit Grübeln. Prinzregententheater. Die pompöse Auffahrt. Hier macht der Stoiber gern den Landesvater und verteilt Preise. Das kann er ja nun die nächsten vier Jahre wieder tun. Die Spekulation, dass Schröder/Fischer die Legislaturperiode nicht durchhalten – so sollte man keine Wunden lecken. Muss schon ziemlich schlimm gewesen sein in der Wahlnacht: Erst als Sieger die Jubelarme in die Berliner Luft schmeißen, dann vom Wähler nach München zurückgeprügelt werden. Prinzregent müsste man sein. Was ist das überhaupt? Dem Wort nach einer, der ne Menge zu regieren hat, aber noch nicht König ist. Naja, vielleicht doch nicht so lustig. Ferdinand, nutze die Zeit und bilde dich weiter. Kauf dir ein Buch über Banking Management oder sowas. Lächerlich! Im Pferdestall wird man klug auf andere Weise. Da schlittert man nicht am Leben vorbei. Ich brauche Menschen, ich muss reden, beraten, überzeugen, argumentieren, helfen. Die Welt in der Bank, der Umgang mit den Kunden, war eine gute Welt. Vor sechs Jahren nach dem Abitur stand ein Studium an, Mathematik, Richtung Informatik. Ferdinand fing auch an, aber kein bisschen Spaß wollte sich einstellen. Er wurde ein Opfer der an den meisten Universitäten üblichen Methode: Ein erstes Semester dürfen sie fast alle anfangen, dann schrauben sie die Ansprüche hoch, und viele fallen durchs Sieb, sie können nicht alle durchschleppen, sagen sie. Ferdinand fiel durch. Und die Bank suchte Auszubildende. Der Vater half ein bisschen nach, er kannte irgendeinen Mitentscheider. Ferdinand durchlief eine sehr normale Banklehre, machte Lehrgänge, galt als zuverlässig, schnell und landete in der Filiale, in der er sich sehr wohl fühlte. Er hat sich also mit dieser Geldwäsche einen fürchterlichen Mist eingebrockt. Das wird im Anblick des Theaters nicht besser und nicht im Anblick der schönen Bogenhausener Villen in den herrlichen Parks. Da bist du nicht drin, da gehörst du nicht rein. Manchmal hatte er große Lust, Menschen anzuquatschen, einfach so. Was sagen? Haben Sie eine Ahnung, wer ich bin? Wo ich herkomme? Was ich mache? Ich mache nämlich nichts. Das Geräusch der Bremsen am Friedensengel!... Irgendwie ist er später wieder in den Englischen Garten geraten und an fußballernde Männer, ein Mädchen war dabei. Kleiderhaufen markierten Tore, der Monopteros – nun ja: Schiedsrichter mit der Trillerpfeife war er nicht, aber er thronte da über den Vergnügungen der Arbeitslosen, ein paar Rentner werkelten in der Abwehr. Mauken nannte man das früher in Berlin. Ferdinand stand am nicht markierten Spielfeldrand. „Komm, spiel mit!“ rief das Mädchen. Das fand Ferdinand wunderbar, er hat immer gern Fußball gespielt, und zwar ganz gut. Er zog Mantel und Jacke aus, schmiss sie auf so eine Tormarkierung und rannte los, ballerte rum, schoss Tore, wurde bald zum Helden seiner Mannschaft. „Der schießt zu viel Tore!“ moserte ein etwas Älterer mit Bauch von der gegnerischen Mannschaft. „Zu viel Tore gibts nicht!“ konterte das Mädchen, „waren die acht Tore bei der WM gegen Saudi-Arabien zu viel Tore?“ „Nein, aber...“ „Bringt eure Abwehr auf Trab! Ich leih ihn euch mal aus, dann schießt er für euch ein paar Tore, damit ihr ausgleichen könnt. Wie hoaßtn?“ Ferdinand musste kurz den Dialekt verkraften: „Äh –Ferdinand, wenn du das meinst.“ „Weiter, Ferdl!“ Einigen Schweiß versprüht Ferdinand in der Abendsonne. Morgen früh wieder Hemd waschen, sonst stinke ich im Tambosi. Macht schön müde, dachte er. Aber Susanne in Berlin ist schwanger. Wird nicht besser, wenn ich nicht Fußball spiele. Das Leben kann sehr schön sein. Ich möchte, dass mein Sohn das Leben genießen kann. Ob ich jemals in die Vaterrolle zurückschlüpfen kann? Mensch, gibt so viele Fragen, auf die ich keine Antwort weiß. |