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8 Das Hemd auf dem Rasen trocknen Gemaukt haben sie, bis sie den Ball nicht mehr erkennen konnten. „Wo wohnst du?“ fragte das Mädchen. „Zirkusstraße.“ „Kenn ich nicht.“ „Tschüs dann!“ „Tschüs.“ Er kam halt spät ins Bett im Zirkus, nicht vor 11, ½ 12. Er musste das Ende der Vorstellung abwarten, ehe er sich in seiner Nische im Pferdestall zusammenrollen konnte. Eine Kleiderbürste hat er sich gekauft, eine Nagelschere, zwei Unterhosen, zwei Unterhemden und Söckchen, die er nachtsüber in seiner Tasche hat, tagsüber im Schließfach in der Plastiktüte. Mit der hadert er zuweilen. Naja, mit so einer Tüte spät abends rumlaufen, das stempelt ihn leicht zum Penner. Ferdinand, diese Überempfindlichkeit kannst du dir doch eigentlich gar nicht leisten, bist eben überhaupt nicht ein Penner! Und der geneigte Leser wird vielleicht auch wissen wollen, ob er inzwischen das Hemd gewaschen hat. Ach ja, war ja schon gestern die Rede davon. Unten in seiner Duschkabine im Hauptbahnhof hat ers gewaschen. Heute allerdings, bei dem Wetter? Nee. Rüber in so ein großes Textilgeschäft und ein neues Hemd gekauft, gleich angezogen. Bankerweiß war ja nicht mehr zwingend. Es war rosa und stand ihn sehr gut. Noch eine Plastiktüte mit dem fußballverschwitzten Althemd. Die brachte er noch ins Schließfach. Das kostete nochmal Gebühren, aber das wird ihn nicht ruinieren. Das Wort liebt er nicht; er fragt sich, ob er nicht schon ruiniert ist. Nein, ist er ganz gewiss noch nicht. Das größte Problem beim Hemdwaschen war das Trocknen. Er schlüpfte im Unterhemd ins Jackett und suchte beim ersten Mal auf dem Stadtplan nach dem nächsten Park. Da, Alter Botanischer Garten, klingt schön, gegenüber vom Justizgebäude. Ferdinand ist nicht empfindlich von wegen Justiz, ein anstehender Prozess würde gewiss in Berlin verhandelt werden. Er glättet das Hemd so gut es geht und legt es auf dem Rasen in die Sonne, später auf einen Busch, weil da mehr Luft zum Trocknen rankommt. Dann setzt er sich auf eine Bank, nicht direkt daneben, aber nah genug, um eventuellen Hemdendieben das Handwerk zu legen, - und wartet. Wer hat schon mal an einem Spätseptembertag auf das Trockenwerden seines über einen Busch gebreiteten Hemdes gewartet? Naja. Auch hier die Frage: Was sonst wäre zu tun, was sonst müsste dringend sofort erledigt werden? Wer so nicht denkt, sollte dergleichen Experimente bleiben lassen, und sein Hemd in die Wäscherei geben, kommt schrankfertig zurück. Ferdinand hat keine Scheu, das Hemd im Alten Botanischen Garten anzuziehen. Von wegen schrankfertig, wo ist ein Schrank? In Berlin. Die Münchner Susanne hat eine bezaubernde jüngere Schwester. Sweet sixteen, oder heißt das sweet seventeen? Liliane ist sechzehn Jahre und neun Monate alt, ziemlich spät in die Familie gefallen, aber ein so schönes spätes Licht im Hause. Sie ist Elevin im Ballett der Staatsoper, feines Privileg für feine Leistungen. Susanne möchte sie so gerne beschützen vor ekligen Männern, und sie fragt sich, ob es guter Schutz ist, wenn sie selbst von Zeit zu Zeit mit Kerlen am Frühstückstisch auftaucht, mit denen sie geschlafen hat. Die Eltern haben das wiederum ganz gern, weil sie sich dann ein Bild machen können vom Umgang ihrer Älteren, sie sind ja, wie der geneigte Leser sich vielleicht erinnert, ‚moderne Eltern‘. Das erste Mal mit Carlos am elterlichen Frühstückstisch verlief nicht gerade harmonisch. Er flog nach der ersten Liebesnacht mit Susanne sofort auf Liliane, so dass die Mutter schon fürchtete, er habe mit ihr geschlafen. Vielleicht wars gar nicht so sehr die Tatsache, wie er mit Liliane umging, sondern wie er Susanne gar nicht beachtete. Sie erbat: „Carlos, die Butter, bitte.“ Keine Reaktion. Die Mutter registrierte es genau und wollte ihr die Butter reichen. Susanne hielt sie mit einer Geste davon ab und forderte etwas strenger: „Carlos, bitte die Butter.“ Nun wurde auch Liliane aufmerksam, bloß der Stinkstiebel selber nicht. Den musste Liliane mit beredter Augensprache auf sein Versäumnis hinweisen. Da beeilte er sich zu reagieren. Und wie das so ist bei Jungverliebten: Susanne fands dann wunderbar, dass er ihrer Bitte doch noch entsprach. Sie schmierte nun etwas zu reichlich Butter auf die zweite Semmelhälfte. Nein nein, der Zug für Verstimmungen steht nach erster Liebesnacht noch nicht zur Abfahrt bereit. Als Susanne und Carlos gegangen waren, und Liliane sich fertig machte, fragte der Vater: „Wars denn nun richtig, dass wir immer liberal waren und alles Männervolk akzeptiert haben, was Susanne uns zum Frühstück auftischte?“ Die Mutter hatte auch Zweifel: „Also – was da heute meinen Frühstückstisch verunzierte – liberal ist doch manchmal sehr anstrengend.“ „Wollen wirs ändern?“ fragte der Vater. Die Mutter gab zu bedenken: „Susanne ist 23 und kann ganz schön sperrig sein.“ „Sie kann in ihrem Zimmer machen, was sie will. Könnten wir aber in bezug auf unsere Frühstücksgäste nicht etwas wählerischer sein?“ Die Mutter blieb skeptisch: „Wäre schön, aber wie wir das bei ihr durchsetzen wollen, weiß ich nicht.“ Wann immer sich eine Beziehung anbahnt zwischen zwei Menschen, entsteht eine Brücke vom Ufer des Einen zum fremden, ja schreckstarrenden Ufer des Anderen. Das Alter der Brücke reicht von zwei Sekunden – das wäre ein Blicketausch in der U-Bahn – bis 50, 60, 70 Jahre – also manchmal bis weit über die Goldene Hochzeit hinaus. Hängt alles ab von der Tragfähigkeit der Brückenkonstruktion und den Belastungen, welche die Liebenden draufballern. Was hält die Bindung aus? Wann bricht sie? Darüber dachte Susanne nach, als sie mit Carlos auf einer Parkbank sitzt und mit dem übergeschlagenen Bein wippt. Da sagt er: „Was wippst du denn jetzt noch dauernd mit dem Bein? Jetzt hast du doch mich.“ Erklärung der Welt aus dem Unterleib. Ist das ein Partner? Nein. Eines Abends – das ist nun etwas mehr als eine Woche her - kommt Ferdinand nach Hause, also in Susannes elterliche Wohnung in Berlin. Er hatte etwas länger arbeiten müssen, Susanne saß schon daheim und erzählte, ihr Cousin Heinz sei dagewesen, Sohn des Onkels, der auf der Beerdigung war. Er wollte, dass sie ihm 950.000 DM umtausche in Euro. Ferdinand, der sich doch in einiger Sicherheit gewiegt hatte, ist horrorisiert. Jetzt holt ihn diese böse Vergangenheit doch ein. 950.000 ist fast eine Million längst ungültig gewordener D-Mark. Es ist Mitte September! Was hat denn Susanne gesagt? „Ich habe nur gesagt: ‚Das kann ich nicht‘, er hat aber dauernd weiter geredet, da habe ich nichts mehr gesagt.“ „Das war schon mal gut. Wo kommt das Geld her?“ „Hat er nicht gesagt.“ „Susanne, mach ihm bloß keine Hoffnung, wenn er nochmal kommt.“ „Morgen kommt er wieder mit seinem Freund, der hat das Geld. Wäre gut, sagt er, wenn ich dann schon die Euro hätte.“ „Was ist dein Cousin für einer, dass er sowas glaubt?“ „Ich kann ihn gut leiden.“ Da ist sie wieder, diese Susanne, die dem armen Ferdinand manchmal ein so großes Rätsel ist: Ein Cousin verlangt Unmögliches von ihr, und wenn er nicht ganz doof ist, weiß er das auch. Er bedrängt sie hart, und sie sagt, sie könne ihn gut leiden. Ferdinand folgert zu schnell: „Das bringt uns in Teufels Küche! Wir sind morgen abend einfach nicht zu Hause.“ „Das hilft doch nichts, die finden uns. Überleg dir die Antworten. Ich bin müde.“ Ferdinand hat eine schreckliche Nacht. Dauernd denkt er nur an Abhauen, weg, Flucht. Aber er geht am Morgen zur Arbeit und erledigt seinen Dienst. Wäre das der Augenblick, nochmal mit dem Chef zu sprechen? Soll er für heute abend gleich die Polizei alarmieren? Aber er fühlt sich gelähmt und tut nichts. Als es dann klingelt, ist er etwas gefasster: es gibt nichts zu verhandeln, nur abzulenken und schließlich abzulehnen. Cousin Heinz entpuppt sich als der Berliner, der damals beim Kick-Boxing auch in dem Sportcenter war, und dessen Freund ist niemand anderer als sein chinesischer Bankkunde – der Mörder, der ihn den Mord hat mitansehen lassen, damit er erpressbar ist. Er hat eine weiche alte Ledertasche bei sich, die mit zwei Lederriemen gesichert ist. Alle drei sind zunächst sehr verblüfft von diesem unerwarteten Wiedersehen. Der Chinese macht nach kurzer Sprachlosigkeit auf sehr erfreut: Er beteuert dem Cousin, wie froh er ist, dass Ferdinand das nun in die Hand nehme, den kenne er als sehr guten Banker, der schaffe das. Ferdinand macht unmissverständlich klar, dass dieser Deal weit über seine Möglichkeiten geht, sie sollten mit dem Vorstand der Bundesbank oder der Landesbank reden. Der Asiat fühlt sich verarscht, das sieht Ferdinand an seinen Augen, er bleibt aber geflissentlich: Schließlich sei er ein alter treuer Kunde, sie waren zusammen im Sportcenter, Ferdinand sei doch Zeuge gewesen des tragischen Sportunfalls. „Wie tragisch der war, will ich gar nicht wissen,“ sagt Ferdinand. Da hakt der Kerl gleich ein: „Nicht tragisch? Was anderes? Und mein Banker ist nicht zur Polizei gegangen? Hat sich strafbar gemacht? Und ich weiß das ganz genau. Und die 300.000 Mark im April, hä?“ Ferdinand ist jetzt ehrlich empört: „Aber ich wollte euch doch helfen! Und ich habe euch geholfen! Da könnt ihr doch jetzt nicht –“ „Was können wir nicht? Wir haben sehr ehrenwerte Leute, die dich morgen oder heute Nacht noch bei der Polizei verpfeifen.“ „Hört zu, dass das klar ist: Mich bei der Polizei verpfeifen, hilft euch kein bisschen weiter. Ich bin nicht nur eine Nummer zu klein für diesen Millionen-Deal, sondern zehn Nummern!“ „Sprich mit dem Chef.“ „Der ist in Urlaub.“ „Sprich mit der Vertretung.“ „Kenne ich nicht, habe ich zweimal Guten Morgen gesagt.“ Jetzt lässt der Chinese alle Tarnung fallen und sagt eiskalt: „Du weißt, wie ich zuschlagen kann.“ Ferdinand ist selber verblüfft, wie cool er reagieren kann: Er stößt mit dem Fuß gegen die Tasche und sagt: „Mein Tod macht aus Altpapier keine Euro.“ „Aber als Toter schweigst du wie ein Grab.“ „Was stellt ihr euch eigentlich vor? Ich gehe zum Chef und sage: Hallo Boss, kann ich mal eben eine Million Emmchen umtauschen in blitzblanke Euro? Oder was?“ Der asiatische Mann stellt die Tasche auf den Tisch: „Hier ist das Geld. Streng deinen Grips an. Wir hören von dir.“ Ferdinand hält ihm die Tasche hin: „Nimm das mit! Ihr hört nichts von mir!“ Aber der Chinese windet sich weg und verlässt die Wohnung. Ferdinand macht das Fenster auf – die Wohnung liegt Hochparterre – und wirft die Tasche raus: „Fang auf!“ Und er korrigiert sich, um Zeit zu gewinnen: „Ich versuche alles, euch noch einmal zu helfen.“ Und er schließt das Fenster wieder. „Steh ich nun mit einem Bein im Grab oder schon mit beiden?“ Die rätselhafte Susanne, die die ganze Zeit still gesessen hat, tut einen schrecklichen Seufzer und schmeißt sich ihrem Cousin in die Arme, der sie – so scheint es Ferdinand – sehr erfreut auffängt. Aber Ferdinand kann jetzt nicht darüber spekulieren. Er sagt nur: „Abtauchen, verschwinden, weg, raus!...“ Da stürzt sich Susanne in seine Arme und fleht: „Nein!, geh nicht weg. Jetzt nicht! Unser Baby!...“ Dann sagt der Cousin Heinz: „Ja – ich geh dann mal.“ Susanne wendet den Kopf: „Tschüs, Heinz.“ Und der hat doch die Frechheit zu sagen: „Einen Cousin kann man ruhig zum Abschied nochmal umarmen.“ Das tut Susanne. Ferdinand bleibt verwundert. Es ist der Abend, an dem sie ihm alles erzählt von den Vergewaltigungen durch Heinz‘ Vater. Am nächsten Morgen der anonyme Anrufer: „Verpiss dich schleunigst!...“ War das Heinz? Wollte er Susanne für sich haben? Auch so was dachte er im Zug nach München. |