9    Carlos heißt Karl - eindeutig

Von den Sensationen der heutigen Bundesligaspiele einmal abgesehen, war ja gestern, am Freitag abend eine Vernissage fällig mit zwei Besuchern, die...

Er stellt sofort fest, dass sie da ist. Sie stellt sofort fest, dass er reinkommt. Pro secco, Brezeln, schönes gedämpftes Licht, Halogen auf die Bilder und einige Skulpturen, vielleicht auch nochmal auf Susannes Hintern, den Skulptur zu nennen, nicht ganz abwegig sein mag. Wieder viel Schicki-Micki-Publikum. Ferdinand hat seine Krawatte umgebunden. Es hat Magie, es ist Zauberei, dass er den Kopf nicht wenden kann von dem Mädchen, das er vor einigen Tagen schon mal auf so einer Vernissage gesehen hat. Und sie schielt doch auch nach ihm oder? Aber er vermeidet unverstellten Blickkontakt. Er zwingt sich zu einigen aufmerksamen Blicken auf die Kunstwerke. Zwei Bilder gefallen ihm sehr gut, er weiß nur überhaupt nicht, warum. Als Bankangestellter könnte er sich da mal kundig machen und einiges Interesse aufbringen. In seiner Filiale, so es denn noch seine Filiale ist, hängen fast immer Bilder irgendwelcher lokaler Künstler.

Er hockt auf einer Sofalehne und tut sehr interessiert. Nein, das ist nicht fair: Er ist sehr interessiert. Aber mindestens so interessiert am Gespräch zweier junger Damen, die auf dem Sofa sitzen: „Kommst du denn morgen auch?“ „Wohin?“ „Zur Galerie Wanner.“ „Au ja, da gibts meistens gute Käsehäppchen mit Weintrauben auf jedem Stick.“ Sie lachen etwas albern. „Im Ernst,“ sagt die eine, „der Dings, der Maler fängt ganz langsam an, sich einen Namen zu machen. Mein Onkel hat da ein bisschen Ahnung.“ „Müsste man jetzt kaufen.“ „Also, so weit geht meine Begeisterung nicht – und mein Geldbeutel schon gar nicht.“

Dringend merken, Ferdinand: Galerie Wanner, Adresse wird er in der SZ-Extra finden, morgen abend. Wenn die zwei Schnackelsülzen da sein werden, besteht doch Hoffnung, dass auch sie da sein wird. Wer? Na die, die er morgen dann zum dritten Mal sehen würde. Um sie nicht zu schamlos anzustarren, fand er Umwege über Spiegelungen. Zuerst in den Scheiben vor den Bildern, aber das erforderte viel Geschick und dauerndes Neupositionieren. Dann stellte er sich vor eine große Schaufensterscheibe, tat so, als meditiere er oder betrachte die stille, ziemlich dunkle Straße, und hatte guten Spiegelblick über die Bilder-Gesellschaft hinter sich. Nicht wenig später tauchte sie hinter ihm auf und betrachtete ihn, seinen Rücken und Hinterkopf. Dass er sie deutlich im Spiegelbild hatte, schien sie nicht zu merken. Hätte sie als angehende Kriminologin aber merken müssen. Moment: Susanne war hier nicht Kriminologin, sondern Verliebte. Wars schon so weit? Ja, war so weit, wenn auch frühestes Frühstadium. Was mag sie an seiner Hinteransicht so gefesselt haben? Er machte eine kleine Drehung, da wutschte sie augenblicklich weg.

Da, stellte Ferdinand kurz danach fest, lag sie in den Armen eines – nein: einer Freundin. Susanne hatte Marion getroffen. Die war gerade erst von einem langen Segeltörn mit den Eltern zurückgekommen, Mittelmeer. Die Eltern waren auch da und begrüßten Susanne herzlich. Der Vater wollte hier vielleicht ein Bild kaufen. Leute aus Harlaching machen sowas zuweilen. Marion fand: „Ganz schön kalt finden wir es hier. Jetzt könnte man kein solch Sommerfest mehr machen. Ich hoffe, du hast gute Erinnerungen?“ „Ich hab da einen schrecklichen Kerl kennengelernt.“ „Das tut mir leid.“ „Kannst du nichts dafür.“ „Doch. Als Gastgeberin sollte ich da schon... Mareike hatte den angeschleppt. Zwei Tage später hat er sie wie Rotz behandelt.“ „Genau das ist mein Carlos.“ „Karl heißt er. Wieso dein Carlos?“ „Dauert nicht mehr lange. Reden wir von was anderem.“ Marion grinste listig: „Oder von wem anderen?“ „Bis jetzt nur Augenspiele. Semmelkopf mit Nickelbrille.“ „Das glaubst du doch selber nicht, dass die schöne Susanne einem Semmelkopf Augen macht.“ „Nein, das habe ich nur gesagt, damit du ihn mir nicht wegschnappst.“ „Habe ich nie getan!" „Stimmt. Er ist nämlich hier.“ „O, zeig ihn mir, sofort!“

Aber Ferdinand war gegangen, fast fluchtartig. Sein Schatz, seine Perle mit drei anderen Leuten, lachend, plaudernd, trinkend, Käse mampfend – das hielt er nicht aus. Er wurde richtig sentimental. Er überlegte, ob er es nicht schaffen könnte, sich in irgend eines der Autos zu zwängen, die die Bahn in der Nacht vom Ostbahnhof nach Berlin-Wannsee karren würde. Er könnte doch auch durch Berlin latschen statt durch dieses München. Natürlich Quatsch. Und dann die abendlichen Häuser. Keine Ahnung hatte er, wo er sich befand, welche stadtplanmäßigen Beziehungen diese Gegend zum Hauptbahnhof hatte. Aber überall wohnten Menschen hinter erleuchteten Fenstern, - nacktes Glas, so dass man Möbel erkennen konnte, dünne oder dicke Vorhänge. Das warme gelbe Licht machte ihm mehr zu schaffen als die blauen Wiederspiegelungen des Fernsehens. Leute, die redeten, Karten spielten oder Mensch ärgere dich nicht, zu Abend aßen, in profundem Hass stritten, Münchner, Bayern, Türken. Nur einer war ausgeschlossen: Ferdinand. Ziemlich alberner Seufz. Unbeantwortbar die Frage, was sich hinter den dunklen Fenstern abspielt: Liebe, Mord oder gar nichts.

Und irgendwo in so einem Zimmer Die mit dem schönen Hintern. Vielleicht hinten raus zum Hof, dass ich nicht einmal ihr Licht sehe. Quatsch, die ist doch noch gar nicht zu Hause.

Ein Gyros sollte es sein am Bahnhof, bevor er sich in seinen Zirkus trollte. Er schlief, wie immer, gut.

Heute Morgen im Tambosi noch vor der Zeitungslektüre genaues Studium des Stadtplans und Vergewisserungen in der SZ-EXTRA: Wo war denn diese Galerie Wanner, wo es heute abend Weintrauben gab auf jedem Käsestick? Und ein schönes Mädchen gabs da auch. Sie war einen halben Kopf größer als er. Das irritierte ihn überhaupt nicht, es gab so wenig Aussichten, dass sich da irgend etwas anfing. Und es gab natürlich Zweifel, ob sie heute abend schon wieder auf eine Vernissage gehen würde. Und sehr viel Hoffnungen ins Leere hinein gab es natürlich auch.

Die Bedienerin, die ihm den Capuccino bringt, sagt: „Heute vor einer Woche haben Sie hier zum ersten Mal gesessen.“ „Dass Sie sich das gemerkt haben. Zur Feier des Tages esse ich heute ein schönes frisches Hörnchen dazu.“ „Mit Nuss oder Schokolade?“ „Nuss, bitte.“ Plötzlich fiel ihm ein, dass dieses Erkanntwerden durch die Bedienerin gar nicht in sein Fluchtkonzept passte. Naja, Fluchtkonzept, hatte er wirklich eins? Die Äugeleien gestern abend in der Galerie waren auch Kontrastprogramm zum nüchternen Getriebenen. Der war er eben nicht. Zu wenig Schuldgefühle und schon gar kein Kriminalitätsbewusstsein.

In der Zeitung mokieren sie sich über das Dreigespann Gysi, Möllemann, Däubler-Gmelin. Politisch sind die ja nun wahrhaftig kein Dreigespann, aber irgend einen Antiwahlkampfbazillus müssen sie alle geschluckt haben. Drei Tage vor der Wahl die unselige Antisemitismus-Schublade nochmal aufmachen, und die eigene Partei um viele Stimmen bringen, am Ende gar beizutragen, dass der arme Stoiber am Kanzleramt vorbeischrammen muss, - und dann noch drei Tage nach der Wahl die Schublade reumütig zuknallen. Und der Gysi, so unschuldig-schuldig wie fast alle anderen, schmeißt seinen ungeliebten Krempel hin und jagt die eigene Partei vielleicht gar in die (verdiente?) Auslöschung. Und dann noch die Tübinger Lady mit dem hellen Verstand – findet so dümmliche und wirklich unzutreffende Ähnlichkeiten zwischen Bush und Hitler. Nee, Leute, vielleicht ganz gut, dass die nichts mehr mit dem Regieren zu tun haben...!

Jetzt red i! Konnte Ferdinand ahnen, dass seine schöne Dame jeden Morgen am Tambosi vorbeiradelte, allerdings knappe zwei Stunden vor Ferdinands Cappuccino, auf dem Weg von der Wohnung in Giesing in die Veterinärstraße und in die Pressungen der vor ihr sich auftürmenden Examina? Sie liebte diese Fahrt durch die frühmorgendliche Maximilianstraße. Die teuersten Schnurzpfeifereien der Welt kosteten so früh am Tage gar nichts, weil alle Läden zu waren. So hangelt sich der Mensch von Illusion zu Illusion, etwas genauer: von Lüge zu Lüge. Morgen abend Muschelessen mit Carlos. Lüge. Marion hatte ihr gestern bestätigt, dass er Karl hieß. Wozu solche blöden Präliminarien wie Muschelessen, da es doch bekanntlich immer nur auf Sex hinauslief. Sie wusste gar nicht, ob er Muscheln gern aß. Lügen über Lügen. Aber, lieber Gott, bitte lass es keine Lüge sein, dass wir uns morgen trennen.

Naja, schon komisch, dass diese Jurastudentin und dieser Kriminelle, der Ferdinand ja nicht war, so umeinanderrumradelten. Allerdings: die zeitliche Versetzung machte eine Begegnung ja doch eher unwahrscheinlich. Kommt hinzu, dass Susanne fest entschlossen war, nach dem Ende mit Karl ein Jahr keine Liebe reinzulassen, keinen Sex. Das ist nicht nur Lüge, sondern einfach hirnrissiger Quatsch! Mit solchen Bauklötzern spielt man in den fahlen Außenbezirken der Seele weit jenseits jeglicher Innen-Realität, wo die Liebe jederzeit abrufbar überm kleinen Feuer köchelt...

Ferdinand hatte sein ‚Aha‘-Erlebnis: Er fand die Galerie Wanner. Da wurde noch mächtiglich gearbeitet. Ferdinand konnte sich kaum vorstellen, dass die in den paar Stunden bis zur Eröffnung fertig sein würden. Ein hübsches Mädchen machte eifrig, als müssten sie gleich zum Verzehr angeboten werden, Käsesticks und – tatsächlich – auf jeden Stick eine Weintraube. Ferdinand schnalzte schon mal mit der Zunge. Und latschte weiter.

Und kam nach einer Weile in eine Gegend, wo ihm mehr und mehr Menschen begegneten. Sie strömten zu einem Ziel wie zum Oktoberfest. Aber das war doch ganz woanders, soviel Stadtplan hatte er nun schon im Kopf. Er drehte um und lief im Strom mit und sah nach einer Biegung das Ziel: die berühmte Konstruktion des Zeltdachs über dem Olympia-Stadion. Bundesliga, nicht lange vor dem Anpfiff.