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1 Der Anlass zum Schreiben ist Liebe, nach wie vor. Aber was ist Liebe? Und was fragt sie? Sie stellte Susanne auf eine harte, sehr lang dauernde Probe, und die ist keineswegs zu Ende. Susanne blätterte heute am Morgen im Kalender. Heute ist Tag 388 seit der Entführung Ferdinands. Ja, vom 28.10.2002 datiert Susanne ihr zerstörtes Leben, ihren Sarg, ihren Tod. Zu dick aufgetragen: Sie hatte immer wieder Hoffnungen, sie konnte noch lachen und fröhlich sein, die zwei Achten im Entführungstag 388 gefielen ihr, soll bloß nie 888 werden... Wie habe ich diese lange Zeit bloß ausgehalten bis heute? Und warum ist so gar kein Ende abzusehen? Eine Welle der Ungeduld überfiel sie. Das geschah von Zeit zu Zeit, wenn ihr mal wieder die Unermesslichkeit ihres Verlustes ganz klar geworden war, und die Aussichtslosigkeit ihrer Suche. Es gab kein untrügliches Zeichen, dass Ferdinand lebt, es gab kein untrügliches Zeichen, dass er tot ist. Es gab tief innen eine Kuckucksuhr, die krächzte gelegentlich: „Ferdinand lebt!“ Darüber vermochte Susanne mit Niemandem zu sprechen, höchstens andeutungsweise mit den Eltern. „Mein Gefühl sagt mir...“ – so konnte doch eine Kriminologin nicht argumentieren. Die Kuckucksuhr füllte, wenn sie denn mal Laut gab, den ganzen Brustkorb aus. Sie spendete eine ungemein beruhigende, satte, dicke, unerklärliche Wärme. Außer dem gekrächzten „Ferdinand lebt!“ hatte sie nichts anzubieten, natürlich nicht: eine Kuckucksuhr piepst, sie ist keine Kriminalbeamtin. Aber Zweifel standen auch auf dem Programm, Zweifel, als sei das Krächzen nichts als Wunschtraum, Fehlhoffnung, Anker auf dem Grund des Wassers ohne Tau nach oben. Und mit den Zweifeln verblasste diese skurrile Kuckucksuhr wieder für einige Zeit, die Wärme verflog. „Schiefe Witwe,“ maulte Susanne dann wohl, „nichts Halbes, nichts Ganzes.“ 388 Tage ausgefüllt mit Wachen und Schlafen, mit den Alltäglichkeiten von Nahrungsaufnahme und Verdauung, Jura-Studium, Zähneputzen und Duschen. Die Nasenspülkanne wurde täglich benutzt, sie war ja ein Erbe von Ferdinand. Nein!, Erbe setzt Tod voraus! „Ich habe mir die Kanne von meinem Liebsten nur ausgeborgt.“ Der Kreislauf kreiste mit einiger Regelmäßigkeit, noch unempfindlicher wechselte der Stoff, als sei nichts Schreckliches geschehen. Fast ein Jahr ausgefüllt mit viel Fahndung nach diesem wunderbaren Jungen, Umtriebigkeit, Spuren verfolgen und viele zerplatzte Hoffnungen. Im Grunde steht sie dauernd am Anfang. Und im Grunde weiß sie gar nichts, und je älter das Jahr wird, und das Jahrhundert und das Jahrtausend, desto breiteren Raum nimmt der Dunkelhimmel am Horizont ihrer Seele ein. Sehr zögerlich fragt sie sich zuweilen, ob sie möglicherweise schon ganz am Ende stehe? Reisen hat es gegeben, nach Berlin mit der Erkundung von Biesdorf, Kennenlernen von Heinz und Susanne I, mit Marion nach Beijing und Tianjin und dem Hafen von Tangku; die China-Reise völlig unzureichend vorbereitet, schrecklich endend und furchtbar deprimierend. Und nie hat sie das Studieren ganz aufgegeben, eine ordentliche Portion Verstand funktionierte noch sehr gut. Ferdinand indes - Alleskieker kiekt nach Kuba – schlief. In Giesing war es schon neun Uhr morgens, in Havanna erst drei Uhr nachts. Schlaf – das ist ja eine sehr geheimnisvolle Sache. Normalerweise wird nicht sehr viel darüber nachgedacht: Die Nacht kommt, man schläft. In Extremsituationen schläft man auch, wunderbarerweise, als Bergsteiger auf langen Hochgebirgstouren im Biwak, am Ende einer Party auf irgendeinem fremden Teppich männlicher Kopf in weiblichem Schoß, man schlief damals in Luftschutzkellern, als Soldat an der Front, als Flüchtling am Straßenrand, Frau schläft, nachdem sie ein Kind zur Welt gebracht hat, die Hinterbliebenen schlafen, nachdem einer starb im engsten Familienbezirk, Verbrecher schläft nach dem Verbrechen, Mörder nach dem Mord. Leute, die schlecht schlafen können, wissen nicht mehr über den Schlaf als Leute, die wie die Ratzen poofen. Gibt ja richtiggehend Schlafforscher. Gähn... Schlafentzug gehört zum Instrumentarium der Folterer in aller Welt. Ferdinand schlief gut und tief in einem verhältnismäßig großen Raum fast ohne Möbel, abgeschlossen, nicht viel anders, als vor einem Jahr in Bayern, mit vergitterten Fenstern, die auf einen Patio hinausgingen. Da stand auch einer Wache, nicht mit Gewehr, aber dass er eine Pistole in der Tasche hatte, stand für Ferdinand zweifelsfrei fest. Die ganze Situation schien ihm seit einigen Tagen reichlich brenzlig. Näheres wusste er nicht, wie seit Monaten: Heftiger Informationenmangel, vom Chinesen wurde er absichtlich kurz gehalten. Er hat Susanne einen Brief geschrieben, das ist ein halbes Jahr her, er hat sie dringend gebeten, nicht zu antworten. Mehr Ungewissheit kann man sich eigentlich selber nicht einbrocken. Alleskieker – der sich immer mit dieser kursiven Schrift zu Wort meldet – ist privilegiert: Er kennt die Aufenthaltsorte von Ferdinand und der von ihm getrennten Susanne. Ferdinand darf annehmen, dass Susanne weiter in München-Giesing wohnt. Susanne weiß nichts, ahnt nur gelegentlich mit Kuckucksuhrhilfe, dass er lebt. Sieben Stunden auf dem Zifferblatt vorwärts von Havanna nach Giesing zurück (Vorwärts und Zurück, gleichzeitig, so was machen Sonnenstand und Uhrzeit mit uns auf diesem Globus): Susannes Vater geht runter zum Briefkasten, die Post müsste da sein. Er macht das gerne, hat immer das Gefühl, jegliche Beweglichkeit tut seinem Alter wohl. Die Post ist da, und da ist merkwürdigerweise ein Brief aus Kuba: Poststempel ‚Havanna 11. noviembre 2003‘, für Tochter Susanne, kein Absender auszumachen. Er ahnt, was der Brief für Susanne bedeuten könnte, zeigt ihn aber erst seiner Frau, die die Sensation gierig aufnimmt. Sie liest die Anschrift, und auf der Rückseite in einer deutlich anderen Handschrift ‚Eres una afortunada!‘: „Eine kubanische Kommilitonin,“ sagt die Mutter. „Ja,“ bestätigt der Vater, obwohl ihm eine kubanische Kommilitonin doch recht zweifelhaft schien, „ich habe aber eine ganz andere irre Hoffnung im Hinterkopf.“ „Ich auch,“ sagt die Mutter, „aber wieso Kuba? Bring ihn Susanne, schnell!“ Der Vater geht ins Treppenhaus und rüber zum separaten Zimmer der Tochter, er klopft: „Susanne, Post für dich. Ich schieb ihn dir unter der Tür durch.“ Das tut er, dann geht er schnell in die Wohnung zurück, wo die Frau ihn erwartet: „Na?“ „Ich hab den Brief unter der Tür durchgeschoben. Wir müssen sie allein lassen und warten.“ Susanne gerät in eine Raserei. Zunächst nur Neugierde: Wer schreibt mir aus Havanna? Kein Absender. Handschrift unbekannt. In der allerletzten Windung des Gehirns die Feststellung: Ich kenne ja Ferdinands Handschrift gar nicht. Auf der Rückseite eine andere Handschrift: ‚Eres una afortunada!‘ Das Briefpapier drin fühlt sich merkwürdig sperrig an. Den Umschlag aufreißen, und einen Brief von Ferdinand in Händen halten: ‚Dein Dich liebender und vor Sehnsucht sich verzehrender Ferdinand-Liebster.‘ Geschrieben auf grauem Packpapier. Susanne muss dreimal durch ihr Zimmer hin- und herlaufen, es ist mehr ein Rasen. Der Atem stockt, sie muss schlucken. Sie liest das Datum auf dem Packpapier: ’30. März 2003.‘ Der Brief ist mehr als ein halbes Jahr alt. Die Sehnsucht wird meinen Ferdinand doch nicht inzwischen ernsthaft verzehrt haben?! Der Poststempel gut lesbar: ‚Havanna, 11.noviembre 2003.‘ Auf der Rückseite des Umschlags, gut lesbar: ‚Eres una afortunada!‘ Warum schreibt er mir Spanisch? Der Satz ist gar nicht von ihm, andere Handschrift. Was heißt das? Fortuna drin - hat was mit Glück zu tun. Nein, Leute, da kann man sich nur kopfüber ins ungemachte Bett stürzen. Und lesen. Nochmal aufspringen und zu den Eltern hasten: „Mama, Paps, Brief von Ferdinand! Bis gleich!“ Und wieder zurück, ins Bett. Und lesen: ‚Meine herzallerliebste, gar nicht zu sagen, wie sehnsüchtig vermisste Susanne! Ich lebe und bin gesund! Viel Besseres gibt es über mich nicht zu sagen. Ich erspare Dir Einzelheiten. Nein! Werde nicht trübsinnig! Ich lebe, mal besser, mal schlechter. Opfer eines sehr merkwürdigen Verbrechens, das ich selbst kaum durchschaue. Allerdringendste Bitte: Keinerlei Aufhebens, keine Polizei, keinen Rechtsanwalt, keine Diplomaten!, wenn Dir an unserer Zukunft gelegen ist. Wie kann ich daran zweifeln!? Dass Dir an künftigen Gemeinsamkeiten gelegen ist. Bleibe ruhig, bitte, bitte, bitte! Ich weiß, was ich Dir da abverlange! Deine Unruhe war mein schönstes Butterbrot! Es gibt Zusagen, dass ich wieder in die Freiheit gerate. Bitte, unternimm nichts. Und versuche nicht, mir irgendwie zu schreiben. Es könnte mich in größte Nöte und Gefahren stürzen! Auch mein Brief ist ein Wagnis. Geduld auf die Stirnen geschrieben, auf Deine unbeschreiblich schöne, auf meine – naja. Ich lebe am 30. März 2003. Ich bürste dir im Geiste die Mundwinkel hoch! Küsse den Flaucher von mir! Und sei Du umarmt und geküsst und was weiß ich noch alles – nein: weiß ich ja ganz genau! Dein Dich liebender und vor Sehnsucht sich verzehrender Ferdinand-Liebster.‘ Es dauerte keine zehn Minuten, da konnte Susanne den Brief auswendig. Sie rannte zu den Eltern, den Brief an den Busen gepresst und ihn fehlerfrei zitierend. Die Mutter fragte reichlich verwundert: „Du liest ja gar nicht.“ Und Susanne belehrte sie etwas hochnäsig abfällig: „Den kann ich doch schon lange auswendig.“ Sie drehte und wendete Brief und Umschlag nach allen Seiten und sprudelte in riesiger Freude raus: „Das hat er geschrieben, er, Ferdinand... An dieser Briefmarke hat seine Zunge geleckt, nur dadurch klebt sie. Und hier, den Falz, da ist auch seine Spucke dran... Oooooohhh!...“ „Und nun?“ fragte der Vater schließlich. „Und nun,“ sprudelte Susanne, „nichts, nichts - nichts übereilen. Den Flaucher küssen und einen Flug nach Kuba buchen, langsam alles. Ich muss mit Jochen sprechen. Der wandert aber im Moment durch Südtirol, kommt in zehn Tagen wieder. Und die Klausur in einer Woche will ich auch nicht sausenlassen.“ „Brav, trau ich mich mal zu sagen,“ meinte der Vater. „Das Wort könntest du dir schon sparen, Paps. Elternleute!, nach 388 Tagen ist etwas Ungeheuerliches, Wunderbares passiert. Ein Lebenszeichen von diesem Lümmel. Und damit es auch noch ordentlich wehtut, ist der Brief mehr als ein halbes Jahr alt. Was ist mit den Zusagen, dass er wieder in Freiheit komme? Und was heißt dieser Zusatz auf der Rückseite vom Umschlag?“ Die Mutter gab ihre Erklärung zu diesem Satz: „Hat ein Mädchen geschrieben.“ „Was?“ sagte Susanne sehr erstaunt. Die Mutter schaute sie verwundert an: „Ist dir nie der Gedanke gekommen, dass Ferdinand an andere Damen geraten könnte.“ „Ehrlich gesagt: nein.“ Der Vater fragte: „Bist du so naiv oder spielst du das nur?“ „Ich bins wohl,“ sagte Susanne etwas kleinlaut. Die Mutter erläuterte: „Sie hat Ferdinand verführt und bescheinigt dir, dass du eine Glückliche bist.“ „Pfuf,“ machte Susanne sehr verunsichert. „Oder,“ fuhr die Mutter fort, „sie hat es versucht, und er ist dir treu geblieben, und da findet sie, dass du eine Glückliche bist.“ „Das ist die Lösung!“ freute sich Susanne. „Die du dir wünschst,“ ergänzte die Mutter, „ob sie es ist, bleibt offen.“ „Ich muss nach Kuba!" sagte Susanne fest entschlossen. „Aber nicht wegen des Mädchens!“ „Nein, wegen Ferdinand! Ich muss ihn aus den Klauen dieser Schlange befreien.“ „Susanne, du spinnst!“ sagte der Vater, „Eifersucht ist ein gänzlich unproduktiver Ratgeber. Außerdem haben Schlangen keine Klauen.“ „Ich brauche ihn an meiner Brust!“ Mit einem Ruck fiel sie auf die Knie und stammelte über verquer gefalteten Fingern: „Dass er lebt...!“ Und schluchzte, dass Gott erbarm‘. Geneigter Leser, es gibt viel zu erzählen. Sehr viel aus dem vergangenen Jahr. Fachwort: Rückblenden. Lass dich deshalb nicht verwirren, geneigter Leser. Alleskieker wird sich bemühen, die zeitlichen Zusammenhänge stets deutlich zu markieren. Gestern war übrigens der etwa altertümlich anmutende Buß- und Bettag (nein, kein Betttag). Nix für uns heutzutage? So ein kleines Gedenken an Menschen, denen man Kummer und Schmerz zugefügt hat – war doch nicht so schlecht... |